13.11.2006

LITERATUR„Giftige Blume des Bösen“

Mit den fiktiven Memoiren eines SS-Offiziers schlägt Jonathan Littell ganz Frankreich in Bann. Der monumentale Roman könnte weltweit ein problematischer Bestseller werden.
Wie tritt man in die Welt der Barbarei ein? Vielleicht so? Der junge Jurastudent Max Aue, Jahrgang 1913, Sohn eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter aus dem Elsass, spaziert an einem Frühlingsabend 1937 durch den Berliner Tiergarten hinter dem Neuen See, auf der Suche nach einem Strichjungen. Die Erfüllung solcher Wünsche war damals noch möglich, und wie: "Ich hakte seine Hose auf, grub mein Gesicht in seinen sauren Geruch aus Schweiß, Männerhaut, Urin und Kölnisch Wasser, ich rieb mein Gesicht gegen seine Haut, sein Geschlecht, dort, wo die Haare dichter werden, ich leckte es, nahm es in meinen Mund, und dann, als ich es nicht mehr aushielt, stieß ich ihn gegen einen Baum, drehte mich um, ohne ihn loszulassen, und drückte ihn in mich hinein."
Auf diese Weise beginnt eine fiktive SS-Karriere - und ein monumentaler Roman, der seit Wochen als Meisterwerk ausgeschrien wird**. Drei aufmerksame Schutzpolizisten beobachten den erregten, an den Beinen zitternden Aue nach dem Akt und nehmen ihn mit aufs Revier. Um der Strafverfolgung nach Paragraf 175 zu entkommen, meldet sich der junge Mann, der schon Mitglied der NSDAP ist, auf der Stelle zum schwarzen Totenkopforden der SS: "Und so kam es, dass ich mich entschloss, den Arsch noch voll Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten."
Die Saga des Grauens mit Blut, Dreck und allen vorstellbaren Exkrementen nimmt ihren Lauf, gut 900 Seiten lang. Nach dem Romanpreis der Académie française hat dieses Buch nun auch noch den Prix Goncourt bekommen, die begehrteste literarische Auszeichnung in Frankreich. Das Land, das seit vielen Jahren nur noch mittelmäßige Bücher hervorbringt, hat nach Michel Houellebecq einen neuen internationalen Star- und Skandalautor. Und der ist, was das Ereignis noch sensationeller macht, eine Leihgabe: Jonathan Littell, 39, in Frankreich aufgewachsener Amerikaner, perfekt Französisch sprechend, Sohn des für seine Spionagethriller bekannten Journalisten Robert Littell ("Die kalte Legende").
Mehrmals hat sich Jonathan Littell um die französische Staatsbürgerschaft beworben, denn in den USA, dem kriegerischen Land des George W. Bush, möchte er in keinem Fall leben. Er scheiterte an bürokratischen Hürden; die dürften jetzt, nach dem frischen Ruhm, schnell überwunden werden.
Weit über 200 000 Exemplare hat der renommierte französische Verlag Gallimard in gut zwei Monaten von "Les Bienveillantes" ("Die Wohlwollenden") verkauft; bis zum Jahresende könnten es leicht doppelt so viele werden. Die Rechte gingen in fast alle europäischen Länder, aber auch nach Israel und in die USA. In Deutschland griff der Berlin Verlag für mehr als 400 000 Euro zu, ohne ein Gutachten eingeholt zu haben. HarperCollins in Amerika soll eine Million Dollar gezahlt haben. Französische Verlagsexperten haben ausgerechnet, dass Littell bisher mit diesem unerwarteten Roman 1,75 Millionen Euro verdient hat und Gallimard noch mal eine Million dazu.
Die Faszination des Bösen - was sonst könnte diesen phänomenalen Erfolg erklären? Der Verlag, der mit einer Auflage von 12 000 Stück bei einem Autorenvorschuss von 30 000 Euro gestartet war, hatte Schwierigkeiten mit dem Nachdrucken und dem Beschaffen von Papier; er griff auf Reserven zurück, die eigentlich für "Harry Potter" vorgesehen waren. Der scheue Littell, der ungern Interviews gibt und Fernsehauftritte konsequent verweigert, ist schlagartig zur Entdeckung des Jahres aufgestiegen. Bei der Verkündung des Goncourt-Preises am Montag vergangener Woche ließ er sich entschuldigen; er blieb lieber in Barcelona, wo er mit seiner belgischen Frau, die für "Ärzte ohne Grenzen" arbeitet, und zwei Kindern derzeit lebt.
"Die Wohlwollenden" sind die griechischen Erinnyen, jene Rachegöttinnen, die
in einem Euphemismus als Eumeniden, eben Wohlgesinnte, bezeichnet wurden, um ihren Zorn zu beschwichtigen. Sie haben sich auf Aues Spur geheftet und lassen nicht mehr von ihm ab. Doch viel können sie ihm nicht anhaben (außer dass er kotzt, scheißt oder an Verstopfung leidet); denn der von Littell als Ich-Erzähler erfundene SS-Obersturmbannführer Max Aue konnte in den letzten Kriegstagen mit falschen Papieren aus dem zerstörten Berlin entkommen und in Frankreich untertauchen, wo er sich unerkannt und unbehelligt als Fabrikant für Spitzen eine neue bürgerliche und überaus langweilige Existenz aufgebaut hat. In seinen alten Tagen überkommt ihn das Bedürfnis, seine Erinnerungen aufzuschreiben, völlig gleichmütig und reuelos, in derselben kalten Präzision, mit der er seinerzeit seine Berichte für den Sicherheitsdienst der SS verfasste.
Henker schweigen meist, es ist schwierig, sie zum Sprechen zu bringen: Darauf beruht Littells Grundidee. Er hat sich vorgenommen, den Schrecken der Nazi-Zeit, die Vernichtung der Juden, aus der Perspektive des Täters zu erzählen; die Opfer bleiben bei ihm eine graue, undifferenzierte und fast immer gesichtslose Masse. Und darin besteht auch die größte Provokation des Buchs: sich in den Kopf des Mörders zu versetzen, der berichtet, was er getan und gesehen hat, ohne auch nur je daran zu denken, sich zu rechtfertigen und sich zu entschuldigen.
Heute, wo die letzten Zeugen aussterben, könnte der Roman die Geschichtsschreibung als Erinnerung an den Holocaust ablösen. Aber die literarische Vergangenheitsbewältigung gerinnt Littell bei allem Bemühen doch immer wieder zur Historie, hundertfach belegt und dokumentiert. Aus dem Gedächtnis des SS-Manns Aue sprudeln wie in einem gewaltigen Strom alle Fakten, die sich sein Schöpfer Littell jahrelang in Hunderten
Büchern angelesen hat - über das Reichssicherheitshauptamt, über die Einsatzgruppen im Osten, über den Betrieb der Konzentrationslager, über die Obsessionen des Reichsführers Heinrich Himmler, zu dessen persönlichem Stab Aue ab 1943 gehört. Nur die psychologische Umwandlung des gebildeten und belesenen, promovierten Akademikers Aue in einen kaltblütigen Massenmörder fehlt - und damit hat auch der Roman im Grunde sein Thema verpasst.
An die 90 Prozent der Figuren in diesem Buch sind reale historische Personen: Prominente Nazis wie Himmler, Albert Speer, Adolf Eichmann, Gestapo-Müller oder Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß; aber auch dem unbedarften Leser Unbekannte, etwa der SS-Richter Konrad Morgen, der die Korruption in den KZ untersucht, oder der Standartenführer Paul Blobel, Chef des Sonderkommandos IVa in der Ukraine.
Aue wird Zeuge eines Nervenzusammenbruchs dieses ständig alkoholisierten Blobel; der überforderte SS-Standartenführer fuchtelt mit seiner Dienstwaffe herum, bedroht mehrere Wehrmachtsoffiziere und schreit nach einem Pflug: "Unterpflügen! Man muss die Juden unterpflügen!" Gut ausgedacht? Keineswegs, in Wirklichkeit hat Littell die Szene aus einem Bericht des SS-Obersturmführers August Häfner vom Sonderkommando IVa akribisch übernommen. Veröffentlicht ist dessen Aussage in dem Band "'Schöne Zeiten' - Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer", der 1988 im S. Fischer Verlag
erschien; das Buch gehört offensichtlich zu Littells nicht genannten Quellen.
Und so geht es immerzu weiter, Hunderte Seiten lang. Kurz nach Beginn des Russland-Feldzugs wohnt Aue in Schitomir der Hinrichtung zweier bolschewistischer Juden bei, Wolf Kieper und Mosche Kogan, die angeblich für den Tod von 1350 Volksdeutschen und Ukrainern verantwortlich waren. Auch dieser Fall ist real, durch Fotos und Dokumente belegt. Der Heeresrichter Artur Neumann, selbst ein Augenzeuge, gab nach dem Krieg zu Protokoll, wie Kieper gehenkt wurde: "Jedenfalls fuhr dann der Lkw an und weg, und der Mann hing in der Schlinge. Infolge seiner Todeszuckungen rutschte die Hose auf die Füße."
Auch diese Beobachtungen übernimmt Littell-Aue, penibel und detailgenau. Doch dann fügt er etwas Eigenes hinzu, etwas, das nirgendwo so überliefert ist: "Unter seinem Hemd war er nackt, ich sah mit Entsetzen sein geschwollenes Glied, er ejakulierte noch."
Ist das der literarische Mehrwert? Oder pornografischer Voyeurismus? Selbst hierbei greift Littell auf alte Phantasmen zurück, wonach die Gehenkten in der Agonie noch einmal ihren Samen verstreuen; so gedüngt, sollten auf der Hinrichtungsstätte Alraunen sprießen, mit ihren an eine menschliche Form erinnernden Wurzeln im Volksmund auch "Galgenmännchen" genannt.
Kein Zweifel, Littell weiß unglaublich viel, aber er will auch alles, was er weiß, in diesen über ein Kilogramm schweren Roman stopfen. Sein Held ist auf allen Schauplätzen präsent, in der Ukraine und im Kaukasus, in Stalingrad, in Auschwitz und Krakau, in Berlin und im besetzten Paris. Er kennt alle Welt im Nazi-Reich und ist mit kollaborationistischen Schriftstellern in Frankreich wie Robert Brasillach und Lucien Rebatet bestens befreundet.
Gerade das mache aus diesem Max Aue eine totale Kunstfigur, eine völlig ungeschichtliche Gestalt, so der deutsche Historiker Peter Schöttler. Aue ist, wie Littell, in der französischen Geisteswelt zu Hause, weniger in der deutschen. Er liest Stendhal und Flaubert, sogar den in den vierziger Jahren noch kaum bekannten Maurice Blanchot; alles nicht gerade typisch für einen SS-Offizier.
Dafür hat er Probleme mit den deutschen Begriffen, von denen es im Roman wimmelt, wohl um ihn für Franzosen authentisch zu machen. So wird aus dem Kommissbrot der Wehrmacht ein "Kommissarbrod", aus der Leibstandarte Adolf Hitler die "Liebstandarte".
Der Name des Protagonisten erinnert an Max Aub, einen spanischschreibenden Schriftsteller, der wie Max Aue einen deutschen Vater und eine französische Mutter hatte. Vielleicht steckt aber auch ein Hinweis auf Max Schulz darin, den fiktiven SS-Mann und Massenmörder, über den Edgar Hilsenrath seine grandiose Groteske "Der Nazi & der Friseur" schrieb - Max Schulz schlüpfte in die Rolle eines seiner Opfer und wurde in Israel ein angesehener Bürger.
Während einer Abendgesellschaft der Familie Eichmann lässt Littell seinen Max mit dem Organisator der Judendeportationen über Kants kategorischen Imperativ und dessen Vereinbarkeit mit der nationalsozialistischen Ideologie diskutieren. Eine spannende Idee, ein Glanzstück, könnte man meinen. Nur hält er sich auch hier wieder an die Realität, diesmal entliehen aus Hannah Arendts Bericht über "Eichmann in Jerusalem". Zu jedermanns Überraschung konnte nämlich Eichmann im Prozess eine ziemlich genaue Definition des kategorischen Imperativs vortragen. Und schon Hans Frank, Generalgouverneur in Polen, der ebenfalls im Roman vorkommt, hatte eine Nazi-konforme Neuformulierung gegeben: "Handle so, dass der Führer, wenn er von deinem Handeln Kenntnis hätte, dieses Handeln billigen würde."
Einen Plagiarius kann man Littell deswegen gewiss nicht nennen. Die gewählte Form des "Doku-Romans" erlaubt alles, äußerste Präzision und wildeste Abschweifungen ohne Nennung von Quellen und bibliografische Hinweise. Nur: In seinen historisch exakten Teilen scheint das Buch überflüssig, weil es nichts Neues enthält; da greift man besser gleich zu Raul Hilberg oder Saul Friedländer. Und in seinem hinzugedichteten Teil klingt es völlig unplausibel, ein Vexierspiel mit literarischen Zitaten, Andeutungen und Anspielungen.
Max Aue ist homosexuell, hatte ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Zwillingsschwester Una, zeugte mit ihr offenbar selbst Zwillingskinder und erschlägt im Wahn seine gehasste Mutter mitsamt Stiefvater. Ein bisschen viel, selbst auf 900 Seiten. Am Ende, in den zerbombten Trümmern der Reichskanzlei, ein letztes Mal angetreten zum Ordensempfang, kneift Aue dem Führer in die Nase - so ähnlich wie Hitler in Wirklichkeit einem Hitlerjungen die Wange getätschelt hatte.
Eine "giftige Blume des Bösen" hat Claude Lanzmann, der Verfilmer der Schoah, Littells Buch genannt. Und er hat prophezeit, dass es mehr Käufer als Leser finden werde. Mal sehen, ob das deutsche Publikum, das sich mit der Vergangenheit unvergleichlich viel besser auseinandergesetzt hat als das französische, aus den "Wohlwollenden" ebenfalls einen Bestseller machen wird. ROMAIN LEICK
* Bei der Auszeichnung von Hitlerjungen mit dem Eisernen Kreuz, 1945 in Berlin.
** Jonathan Littell: "Les Bienveillantes". Gallimard, Paris; 912 Seiten; 25 Euro.
* 1941 in der Ukraine.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 46/2006
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