13.11.2006

FOTOGRAFIE

Der Playboy aus der Steppe

Von Philippi, Anne

Kein Künstler hat Wildnis und Zivilisation in seinem Werk so vereint wie der US-Fotograf Peter Beard. Ein Buch zeigt nun seine Collagen von wilden Tieren und bildschönen Menschen.

Der erste Eindruck von Peter Beard: Er ist nicht da, sein Apartment in Manhattan ist leer. Das heißt, leer ist es nicht - es fliegen ungefähr eintausend Blätter mit Zeichnungen und Kritzeleien von wilden Tieren herum. Auf dem Boden das gleiche Bild: Tonnen von Fotos, darauf Löwen, Elefanten, tote wie lebendige, und weltberühmte Models. Veruschka von Lehndorff beugt sich im Schlangen-Catsuit über ein gefesseltes Nashorn, die heutige Bowie-Ehefrau Iman, damals noch im Teenageralter von Beard in Kenia entdeckt, blickt klug in die Kamera, und Beard selbst ist tagebuchschreibend im offenen Maul eines toten Krokodils zu sehen.

Seit über 50 Jahren fotografiert Peter Beard wilde Tiere. Und schöne Frauen. Oder beides zusammen. Aus dieser Kombination könnte leicht Erotik-Kitsch entstehen. Doch das ist hier nicht der Fall. Nicht bei einem Mann, der sich schon in seinen Zwanzigern von der westlichen Welt verabschiedete, um sich in Afrika umzusehen - und von dort dennoch nichts anderes auf seinen Fotos mitbrachte als Gleichnisse für die kaputte zivilisierte Welt.

Der Kölner Taschen Verlag hat Beard jetzt ein so teures wie exklusives 616 Seiten starkes Buch gewidmet*. Zusätzlich erscheint eine Sammlerausgabe in einer auf 250 Exemplare limitierten, von Beard signierten Auflage. Beide Ausgaben zeigen Beards Gesamtwerk.

Da ist das Ehepaar Mick und Bianca Jagger beim Wasserskifahren, streitend oder kichernd, man weiß es nicht. Da ist Andy Warhol, vor Beards Kamera besonders schüchtern, da sind Truman Capote, Catherine Deneuve sowie Beards ehemalige Geliebte, die Jackie-Onassis-Schwester Lee Radziwill. Dazwischen immer wieder Aus-

risse und Collagen aus Beards Tagebüchern, seine sogenannten Journals, Bilder von Models und Massais, bearbeitet mit Blutspritzern oder Farbklecksen. Es sind diese Collagen, die für eine ganze Generation von Künstlern prägend waren und die Beards zwei Leben zu einem Bild werden lassen. Wo aber ist der Mann?

Trotz eines fest ausgemachten Termins ist Beard in seinem afrikanischen Palast mitten in Manhattan nicht aufgetaucht. "Sorry", sagt seine Haushälterin. "Er sagt, Sie sollen in sein Atelier nach Chelsea kommen." Beard arbeite noch an dem Buch für Taschen, das könne dauern.

Eine halbe Stunde später in seinem Atelier ist Beard ebenso wenig anzutreffen. "Er ist mittagessen", nuschelt ein Assistent mit Ziegenbart und Baseballkappe. "Wie immer um sechs Uhr abends. Sie sollen ins Luncheonette kommen." Beard scheint nicht einfach zu sein, eine Diva gar?

Dieser Eindruck zerstreut sich im Luncheonette. Beard tafelt ungezwungen mit seiner Entourage. Er springt auf, entschuldigt sich für die Schnitzeljagd durch den Feierabendverkehr. Sein rechtes Auge zwinkert: "Aha! Besuch aus Berlin? Steht die Paris Bar noch?" Er bestellt zwei neue Gin Tonic. Sofort ist alles vergessen.

Der Mann ist jetzt Ende sechzig. Er hat riesige Falten, seine Füße in groben Sandalen sehen aus wie zerklüftete Felsen, zerstört von langen Märschen durch Afrika,

und seine Hüfte, sagt er, sei auch nicht mehr die beste. Seit vor zehn Jahren eine Elefantenkuh, "eine sehr wütende Matriarchin", ihn fast umgelegt hat, kann er schlecht laufen.

Immer wieder wird Beards Anziehungskraft gerühmt. Sie speist sich wohl aus seiner Furchtlosigkeit und den hellgrünen, blitzenden Augen, die bohrend werden, wenn Beard in Interviews wie ein Verschwörungstheoretiker über den Zerfall der Welt doziert.

Es kracht laut, als er die Languste auf seinem Teller entzweit. Dann hält er seine Gabel hin. "Hier, probieren Sie gefälligst!" Genauso unvermittelt sagt er dann: "Zu meiner Zeit hatte Kenia 7 Millionen Einwohner, heute sind es über 34 Millionen! Wir sind wie die Elefanten. Sie sterben wegen Platzmangel und Stress am Herzinfarkt. Wie wir."

Beard führte immer ein Doppelleben. Leben eins fand im tiefsten Afrika statt. Leben zwei auf den Tanzflächen, den Bars und Betten des Sozial-Dschungels, des New Yorker Jetset. Zwischen diesen Welten raste er hin und her, liebte und heiratete Models wie Cheryl Tiegs, die amerikanische Heidi Klum der Siebziger. Und vergrub sich wieder monatlang ohne eine Menschenseele in unbekannten Steppen.

Aus dieser Mischung entstand der spezielle Beard-Blick, ein Blick, der dem Widerspruch, dem Chaos und dem Zufall verpflichtet sei: "Der Zufall ist der größte Künstler", sinnierte Honoré de Balzac, und Beard hat diesen Satz sehr weit vorn in das gerade entstehende Buch für den Taschen Verlag schreiben lassen. Direkt daneben ist ein Porträt, auf dem Beard lacht - und sehr gut dabei aussieht.

Beards Aussehen war legendär - der blonde, gut gebaute Sohn aus reicher Familie erinnerte die Damen der New Yorker Gesellschaft an eine römische Bronzestatue mit Denkvermögen. Und der Autor Bob Colacello, Mitglied der Warhol-Clique, beschrieb Beard einst als "Tarzan mit Gehirn". Selbst für Mick Jagger galt der Fotograf als harte Konkurrenz. Während Jagger die Aura eines beleidigten Schuljungen nie ganz ablegen konnte, glich Beard einem Großwildjäger aus einer Hemingway-Erzählung.

Andy Warhol soll sich bewusst von Beard ferngehalten haben, aus Angst, er könnte "Tarzan Peter" zu attraktiv finden. Erst als Beard für Warhols Zeitschrift "Interview" zwei Models in echtem Schweineblut - anstelle des gebräuchlichen künstlichen Theaterbluts - fotografieren wollte, beschloss Warhol, ihn für einen Verrückten zu halten.

Beard schlägt einen letzten Ortswechsel vor - auf das Dach seines Ateliers. "Wegen der Luft", sagt er, "und des Blicks auf Chelsea." Doch New York ist diesig an diesem frühen Abend. In seiner zerschlissenen Safarihose setzt Beard sich auf ein Brett und zieht ein Blatt Papier aus seiner Hosentasche. Darauf sind die Fragen, die ihm vorab geschickt werden mussten. Sein Gesicht verspannt sich, als er die Frage zur Familie liest. 1938 wird er in New York in eine der mächtigsten Familien geboren. Sein Urgroßvater gründete die "Great Northern Railway", sein Großvater erfand den Smoking, den amerikanischen "Tuxedo".

"Wow!", sagt Beard trocken. "Welche Leistung. Mein Großvater erfand ein Dinnerjackett für seinen Club Tuxedo Park und nannte es Tuxedo. Es war am Revers gelb und grün. Ekelhaft!" Aus Beard spricht, seinem Alter von 68 Jahren zum Trotz, immer noch die Wut der Pubertät.

Kurz nach seinem Studium der Kunstgeschichte in Yale, bei dem er erkannte, "dass man sich die eigene Kunst erarbeiten muss und sie nicht lernen kann", beginnt

er als Modefotograf für "Vogue" zu arbeiten. Auch bei diesem Kapitel will er sich bitte nicht aufhalten. "Auf Ihrem schönen Zettel steht die Frage, ob das eine aufregende Zeit war. Meine Antwort lautet: Es ging so. Die Frauen waren schön, doch die Modewelt selbst war mir zu affektiert."

Anfang der sechziger Jahre begann Beard die reine Modefotografie zu langweilen. Ein paarmal hatte er Afrika in den fünfziger Jahren bereist, doch nach einem Treffen mit "Jenseits von Afrika"-Autorin Tania Blixen - im jetzt erscheinenden Buch beeindruckend porträtiert - war sein altes Leben in den USA nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Es war, als sei er in eine andere Welt gefallen, aus der er nicht mehr herauskonnte; als könne er die Welt, aus der er kam, nicht mehr sehen, ohne zugleich ihren Verfall vor Augen zu haben.

Beard muss in diesem Moment die Sehnsucht nach Eindeutigkeit verloren haben.

Oder er erkannte, dass sie gar nicht existierte. Beard sagt: "Ich war damals - als Außenstehender - von der Situation des Kontinents völlig überwältigt. Ich erkannte, dass der Blick der westlichen Welt niemals der einzige sein kann."

Er hat seine Betrachter also erziehen wollen?

"Nein. Ich habe meine Bücher später nie als Botschaft verstanden, denn ich hatte sehr früh die Hoffnung verloren, dass Hilfe von außen etwas bewirkt. Wie soll man schon Park-Avenue-Bewohner mit Pudeln und Pekinesen mit Themen wie Überbevölkerung erreichen? Das Thema ist nicht sexy, und Sie können dazu keine Charity-Party veranstalten."

Die wenigsten haben damals auf Anhieb verstanden, dass Beards Thema weder tote Tiere noch lebende Beauties waren - sondern das Nicht-miteinander-sprechen-Können der Kontinente, der Kulturen.

"Die Situation in Afrika ist hoffnungslos!" Beard wird laut. Er spricht das Wort hoffnungslos wie ein Schauspieler im Burgtheater, so heftig, so endgültig, als könne es sein Loftdach verlassen und halb New York es hören. "Wir haben Afrika dazu gebracht, zu werden wie wir. Wir haben ihnen unsere Worte beigebracht und unsere Art, die Dinge zu sehen. Das können Sie nicht wieder rückgängig machen. Und das ist Afrikas Tod."

Beard kommt zuerst Mitte der fünfziger Jahre nach Nairobi, als dort alles noch ein "loser Zusammenschluss von Hütten und Holzverhauen" war. Doch er bleibt, baut neben Tania Blixen seine sehr einfache "Hog Ranch" und heuert im Tsavo National Park als Elefantenzähler an.

Die Kamera ist immer dabei. Er dokumentiert den Tod von 35 000 Elefanten, deren Lebensraum durch die Modernisierung Afrikas immer mehr in Gefahr gerät. Sein Fotobuch "The End of the Game" von 1965 zeigt sehr früh den Kampf zwischen Natur und Zivilisation.

Seine Fotos von toten Elefanten und deren Skeletten sind gleichermaßen ästhetisch wie beängstigend. "The End of the Game", seine Modestrecken mit Models und wilden Tieren begeistern die westliche Welt. Und verstören sie.

Es beginnt leicht zu regnen, und Beard steht auf. Er will sich jetzt verabschieden. Er muss heute noch sein halbes Leben auf Fotos durchsehen. Er reicht die Handfläche mit der rissigen Haut zum Aufbruch, und für einen Moment weiß man nicht mehr so genau, wen man da überhaupt getroffen hat: einen Ex-Playboy, der Kunst macht? Einen Gottlosen, einen Menschenfeind gar, durch Malariamedikamente und Sonne leicht verwirrt?

Nach 50 Jahren in Afrika ist es ja durchaus möglich, die Dinge anders zu betrachten. Es ist, als würde man einer alten, sehr schönen Welt zum Abschied die Hand schütteln. ANNE PHILIPPI

* Peter Beard: Art Edition No. 251-2500, Sumo Format. Taschen Verlag, Köln. Limitierte Auflage. 616 Seiten; 2000 Euro.* Mit Model Kasia Wolejnio und Schauspielerin Jaimyse Haft in Los Angeles.

DER SPIEGEL 46/2006
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