20.11.2006

TERRORISMUSAls Spion bei al-Qaida

Omar Nasiri infiltrierte das islamistische Terrornetz für die Geheimdienste. In Afghanistan lernte er Bin Ladens Führungsspitze kennen, heute lebt er versteckt in Deutschland.
Natürlich weiß er, wie sie über Typen wie ihn reden. Er kennt die abfälligen Blicke und die ausweichenden Versprechen der Verfassungsschützer, er kennt auch jenes Bonmot, das in der Welt der Geheimen über alle Grenzen hinweg gilt: Nachrichtendienste lieben den Verrat, aber nicht den Verräter.
Sie haben Omar Nasiri nie geliebt, aber sie haben ihn respektiert, weil er für die Geheimdienste jahrelang eine der besten Quellen bei al-Qaida war.
Nasiri, sitzt auf der Terrasse des Kempinski-Hotels in Frankfurt am Main, der Oberkörper muskulös und kraftvoll, die samtbraunen Augen unruhig und wachsam. Seine Finger pulen in einem Berg von Shrimps, er spült das Essen mit einem Schluck Bier herunter, er fühlt sich sichtbar wohl. Er war in Afghanistan, er hat engste Vertraute Osama Bin Ladens getroffen, er hat in Höhlen genächtigt, Sprengstoff gemischt. Jetzt will er das Leben in Deutschland genießen.
Omar Nasiri war seit 1994 einer der ersten V-Leute bei den Gotteskriegern, "intelligent und flexibel", wie die britischen Geheimen von MI5 schwärmten, aber auch "unbeherrscht, eigensinnig und mit Hang zur Inszenierung", wie die deutschen Verfassungsschützer festhielten, die ihn bis zum Frühjahr 2000 führten. "Ich lasse mir von niemandem vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe", sagt er bei einem weiteren Schluck Bier. "Ich bin kein Blindenhund, ich bin ein freier Hund."
Diese Woche nun erscheint Nasiris Geschichte als Buch, dessen Kern von den Geheimdiensten bestätigt wird, wenn auch nicht jedes Detail nachprüfbar ist*. Es ist eine Geschichte, die viel erzählt über die frühen Jahre des Terrornetzes, das sich in Europa fast unbemerkt einnistete wie ein Parasit in sein Wirtstier. Zugleich verrät Nasiri aber auch viel über das Verhältnis von V-Leuten und Geheimdiensten, die vor lauter Misstrauen und Ränkespielen fast die Gefahr übersehen, als Mitte der neunziger Jahre in Belgien, Frankreich, England und Deutschland die erste Generation der europäischen Qaida heranwächst.
Nasiri, ein Exil-Marokkaner, der in Wahrheit anders heißt und heute versteckt in Deutschland lebt, ist 26, als sein älterer Bruder Hakim ihm Allah nahebringen will, mit einer Inbrunst, die Omar anfangs suspekt erscheint. Die Eltern pendeln zwischen Belgien und Tanger, Marokko; Nasiri ist kein richtiger Marokkaner mehr und noch kein richtiger Belgier, er wird es nie werden. Der Bruder hat den Islam als sein Zuhause entdeckt, Nasiri aber handelt lieber mit Haschisch.
Bald wird das Haus der Mutter in einem Außenbezirk von Brüssel zu einem Treffpunkt von Exil-Algeriern. Hakim hat sie mitgebracht, sie tragen lange Bärte und Dschalabija, knöchellange Gewänder,
tagsüber verschicken sie "al-Ansar", die
Untergrundzeitschrift der Exil-Algerier. Zwei Jahre später, 1995, werden sie in die Bombenanschläge in der Pariser Metro verwickelt sein, die den algerischen Bürgerkrieg nach Europa tragen und erstmals die Existenz islamistischer Terrorstrukturen in Europa erkennen lassen.
Die Waffe der Gruppe ist anfangs das Wort, aber bald folgt die Propaganda der Tat. Die Exil-Algerier unterstützen den Untergrundkampf der fundamentalistischen GIA in der Heimat, sie suchen Munition für die Mudschahidin, und Nasiri, der mit Menschen spielen kann wie ein Jongleur mit Bällen, tut einen belgischen Waffenhändler auf, der Patronen für die AK-47 liefert, Kaliber 7,62 Millimeter.
Fortan betet Nasiri mit den Brüdern, aber er betet auch, dass alles gutgehen möge. Er ist allerdings, so erzählt er es heute, von der Mission nicht so durchdrungen wie sein älterer Bruder. Als sich im Haus der Mutter die Waffen häufen, Kalaschnikows und Uzis, Sprengstoff und Scharfschützengewehre, wird Nasiri zum Verräter. Er will die Mutter schützen und den jüngeren Bruder Nabil, er hat Zweifel an dem, was Hakim und die anderen Dschihad und die Pflicht eines jeden Muslim nennen.
An einem Morgen fährt er zum französischen Konsulat in Brüssel. "Ich möchte jemanden sprechen, der für die Sicherheit Frankreichs zuständig ist", bittet er am Empfang. Es ist Anfang 1994, der Beginn einer sechsjährigen Agentenkarriere.
Die Dienste spüren zu jener Zeit, dass die Dinge in Bewegung geraten, sie registrieren, dass sich abgeschottete Zellen unter Immigranten in Europa bilden. Aber sie betrachten es - lange vor dem 11. September 2001 - als ein kriminalistisches Problem, nicht als ein gesellschaftliches. Sie sind wie Meteorologen, die zwar voraussagen können, dass es am nächsten
Tag regnen wird, die aber nicht verstehen, dass ein Klimawechsel heraufzieht.
Nasiri verrät seine Freunde von der GIA, er verrät aber auch die Dienste, indem er ihnen nicht alles anvertraut, sondern die Informationen selektiv verkauft. Auf diese Weise will er unabhängig bleiben, er fühlt sich stark und schwach zugleich, weil er allein ist, während die anderen ihre Organisationen haben. Die einen den Geheimdienst, die anderen die GIA, die an der nächsten Stufe der Eskalation arbeitet, als sie Nasiri bittet, ein Auto nach Marokko zu überführen.
Es ist ein altersschwacher grüner Audi, vollgepackt mit Teppichen, Elektrogeräten und Sprengstoff. Nasiri soll ihn Ende 1994 nach Tanger fahren, eine rollende Autobombe, die unter den Augen der Behörden Europa durchquert. Von Spanien setzt Nasiri nach Afrika über. Vor der Schiffsrampe versagt der Motor, aber drei Wachtmeister sind so freundlich, den Wagen auf die Fähre zu schieben.
Wochen darauf explodiert in der Innenstadt von Algier eine Autobombe, 42 Menschen sterben. Vielleicht ist es Nasiris Bombe, er wird es nie erfahren, aber der Gedanke, sagt er, quäle ihn bis heute.
Als die belgische Polizei zusammen mit dem französischen Geheimdienst 1995 die europäischen GIA-Strukturen hochgehen lässt und dabei auch seine Brüder verhaftet, fliegt Nasiri nach Istanbul. Er will nach Afghanistan, ins Land des heiligen Krieges, wo Alkohol und Tabak tahout sind, des Teufels. Am Abend vor dem Abflug betrinkt er sich und raucht eine letzte Zigarette. Über Peschawar schlägt er sich zum Khyber-Pass durch.
Afghanistan ist 1995 ein Refugium für Mudschahidin, Bin Laden hat mehrere Ausbildungslager finanziert, und die Taliban sind eine junge Bewegung, die an die Macht drängt. Vor einer Moschee trifft er den Libyer Ibn al-Scheich al-Libi, einen hochrangigen Qaida-Funktionär, der eines der Lager leitet. Sieben Araber befragen Nasiri nach seinem Eintreffen. Es ist wie ein Verhör, bevor man ihn aufnimmt. Die Brüder taufen ihn "Abu Imam".
Nasiri lernt in den Ausbildungscamps von Khalden und Derunta das Schießen mit Makarow, Walther PPK und russischen Panzerabwehrraketen, den Umgang mit den Sprengstoffen Semtex, TNT und C3. Er braucht weniger als 60 Sekunden, um eine Kalaschnikow mit verbundenen Augen auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen. Abends gibt es Bohneneintopf und Koransuren. Die Gruppe
trainiert für den Kampf in Tschetschenien, dabei sind auch sieben Tschetschenen. Als ein Sprengsatz vorzeitig explodiert, sind es nur noch fünf.
Mehrere zehntausend junge Muslime haben die Lager nach Schätzungen der Geheimdienste durchlaufen, ein paar tausend auch eine intensive Zusatzausbildung wie Nasiri. Der deutsche Verfassungsschutz, das britische MI5 und die französische DGSE beobachten zu jener Zeit, dass in Paris, London oder Hamburg junge Muslime wie von Geisterhand verschwinden, um ein paar Monate später wieder aufzutauchen, offenbar zurück aus Afghanistan. Aber die Geheimdienste haben noch nicht das Prinzip verstanden und welche Gefahr Rückkehrer wie Nasiri darstellen, die in Europa Untergrundgruppen aufbauen sollen.
Nach dem knappen Jahr am Hindukusch berichtet Nasiri den Behörden alles, aber die politische Großwetterlage ist nicht reif für ein hartes Vorgehen gegen Prediger wie Abu Qutada, den sogenannten Emir von London, der im Gemeindezentrum Four Feathers junge Muslime rekrutiert. Nasiri arbeitet jetzt auch für die Briten, er gilt in "Londonistan", wie die englische Hauptstadt aufgrund der vielen Islamisten genannt wird, als Afghanistan-Veteran mit Autorität.
In England trifft er junge Algerier, die in den Kampf ziehen wollen, und er trifft Abu Hamsa, den Vorbeter mit einer Prothese am rechten Arm, der aussieht wie ein arabischer Pirat, angeblich hat ihm eine Ladung Sprengstoff die Hand zerfetzt. Nasiri überweist Geld nach Pakistan und überbringt konspirative Nachrichten. Als ihm drei junge Muslime den Weg verstellen und ihn mitnehmen wollen, wittert Nasiri Verrat. Er glaubt, dass er enttarnt ist, es ist Zeit, London zu verlassen und nach Deutschland zu gehen.
Der Algerier, der am 22. Dezember 1998 bei der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Eisenhüttenstadt vorspricht, wird schon erwartet. Die DGSE hat ihn beim Bundesamt für Verfassungsschutz angekündigt. Die Franzosen haben die Deutschen gebeten, sich um Nasiri zu kümmern. Der Beamte, der nach Eisenhüttenstadt angereist ist, ist ein erfahrener V-Mann-Führer, zuständig für Quellen aus Algerien. Der deutsche Inlandsdienst wird zum dritten staatlichen Arbeitgeber für Nasiri, die Verfassungsschüt-
zer führen ihn unter dem Decknamen "Finow".
Die deutsche Zeit wird, verglichen mit den wilden Jahren zuvor, allerdings eher ein Epilog. Die Verfassungsschützer wollen ihm keine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zubilligen, solange er nicht seinen Wert unter Beweis gestellt hat; am 25. Januar 1999 lehnt das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge seinen Antrag auf Asyl ab. Jetzt ist er ganz von den Geheimen abhängig.
Die schicken ihn nach Frankfurt am Main zu einem kargen Hochhaus, 9. Etage, er soll das Deutschland-Büro der Taliban, das es damals noch halboffiziell gibt, auskundschaften. Es ist eine Probe. Nasiri kommt zurück, er präsentiert einige Details, aber die Geheimen sind nicht überzeugt. Nasiri könne offenbar "kaum lesen und schreiben", vermerken die Beamten, er habe augenscheinlich die falsche Adresse angesteuert.
Erfolgreicher verläuft die Überwachung einer Moschee in Oberhausen, jede Woche fährt Nasiri zu den Freitagsgebeten, fast ein Jahr lang. Die Geheimen schicken ihn auch in ein Gebetshaus nach Frankfurt, aber zwischen Agent und Agentenführer entsteht kein Vertrauen.
Die Beamten beklagen sich, weil Nasiri bei den Treffen in teuren Lokalen verköstigt werden will. Er ärgert sich, weil ihm die Verfassungsschützer nur 300 Mark monatlich zugestehen und ihm die Papiere für die Heirat mit einer Marokkanerin verweigern. Dass er die Nachrichtendienstler auffordert, Strafzettel wegen Fahrens ohne Führerschein zu begleichen, verbessert das Verhältnis nicht gerade. Im Februar 2000 bittet er um eine Auflösung der "nachrichtendienstlichen Verbindung", wie es im Jargon der Geheimen heißt.
Nasiri ist es nicht gewohnt, sein Geld mit normaler Arbeit zu verdienen, er kann kaum Deutsch, er hat keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Im Januar 2001 ruft er in Köln an und will den Verfassungsschutzpräsidenten sprechen. Die Geheimen seien für seine "finanzielle Notlage" verantwortlich und müssten ihm mehr Geld zahlen. Auch beim Kanzleramt beschwert er sich, er habe, behauptet er, "Hunderte von Verhaftungen ermöglicht". Kühl antworten die Verfassungsschützer, weil er die angeblichen Ruhmestaten nicht in ihrem Auftrag begangen habe, bedauere man, ihm "nicht helfen zu können".
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 bietet Nasiri nach eigenem Bekunden noch einmal seine Dienste an, offenbar ohne Resonanz. Er will trotzdem in Deutschland bleiben, er hat geheiratet und einen deutschen Pass beantragt. Er hat viel für die Sicherheitsbehörden getan, aber er sagt auch Sätze, die viel aussagen darüber, wo er sich wirklich zu Hause fühlt. "Ich bin der Ansicht, dass die Amerikaner und all die anderen aus unserem Land verschwinden und ihm fernbleiben sollten. Ich glaube, sie sollten sich nicht weiter in die Politik muslimischer Staaten einmischen", schreibt er in seinem Buch. "Sie sollten uns in Ruhe lassen, und wenn sie das nicht tun, sollten sie getötet werden, denn so verfährt man mit Invasionsarmeen und Besatzern."
Nach langem Zögern haben ihm die deutschen Behörden vor ein paar Wochen einen Pass ausgestellt. HOLGER STARK
* Omar Nasiri: "Mein Leben bei al-Qaida". Deutsche Verlags-Anstalt, München; 495 Seiten; 19,90 Euro.
* Am 29. August 2003 in London.
Von Holger Stark

DER SPIEGEL 47/2006
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