20.11.2006

Angriff auf drei Grundpfeiler

Von Großbongardt, Annette

Ali Bardakoglu, 54, höchster muslimischer Würdenträger der Türkei, zum Papst-Besuch und zum Echo auf die Regensburger Rede

SPIEGEL: Nach 27 Jahren kommt wieder ein Papst in die muslimische Türkei. Was bedeutet dieser Besuch für Ihr Land?

Bardakoglu: Wenn ein religiöses Oberhaupt andere Länder besucht, zeigt es, dass es bereit ist zum Dialog; das ist wichtig. Wenn wir die Probleme der Welt in den Griff bekommen wollen, müssen wir miteinander sprechen. Unsere Probleme kommen nicht aus den Religionen selbst. Die Oberhäupter können helfen, dass Menschen in verschiedenen Kulturkreisen Verständnis füreinander entwickeln.

SPIEGEL: Der Papst kommt auch zu Ihnen. Sie haben seine Regensburger Rede stark kritisiert.

Bardakoglu: Die Rede des Papstes war keine Kritik, sondern wandte sich verurteilend gegen grundlegend Heiliges des Islam. In diesem Sinne war sie fehlerhaft. Sie hätte so nicht sein sollen, wie der Papst ja später eingesehen hat.

SPIEGEL: Warum reagiert die islamische Welt so heftig auf Kritik?

Bardakoglu: Wir sind stets offen für Kritik. Wir kritisieren uns, wenn es notwendig ist, auch selbst. Islam und Rationalität gehen durchaus zusammen. Wir sind bereit zu einer intellektuellen Diskussion über das Verhältnis von Glauben und Vernunft, von Religion und Gewalt. Da hätten wir auch einiges zu sagen an die Adresse der Christen.

SPIEGEL: Was war falsch an der Rede?

Bardakoglu: Es war ein stark von Vorurteilen behafteter Angriff auf die drei Grundpfeiler des Islam: den Glauben, den Koran und den Propheten Mohammed - ohne Bezug auf ein konkretes Ereignis aus der Geschichte des Islam. Wer den Koran und den Propheten als Ursache der Probleme darstellt, hat den Islam nicht verstanden.

SPIEGEL: Sie sprachen vom "Hass im Herzen" des Papstes, warfen ihm vor, sein Denken ähnle den Kreuzfahrern.

Bardakoglu: Wer sagt, die Quelle der Gewalt sei der Prophet und die Fehlentwicklungen hätten ihre Ursache im Koran, äußert keine Kritik, sondern verurteilt und beleidigt den Islam. Und der Fehler wird dadurch nicht kleiner, dass man nur ein Zitat wiedergibt.

SPIEGEL: Weshalb versteht der Westen Ihrer Meinung nach die Reaktionen in der islamischen Welt nicht?

Bardakoglu: Das Verhältnis der Menschen zu Gott, zur Bibel, zu Jesus ist im Westen nicht so stark wie im Islam. Deshalb werden auch ganz andere Reaktionen ausgelöst. Der Westen macht den Fehler, die Beziehungen seiner Gläubigen zu heiligen Institutionen als Maßstab zu nehmen und mit dem Islam zu vergleichen.

SPIEGEL: Was würde den Dialog erleichtern?

Bardakoglu: Gegenseitiger Respekt. Wir haben ein Prinzip im Islam, uns nicht beleidigend gegenüber einer anderen Religion oder einem Religionsoberhaupt zu äußern. Wir gehen auch dagegen vor, wenn Jesus beleidigt wird, den wir als wichtigen Propheten sehen.

SPIEGEL: Aber es gibt, auch in der Türkei, Angriffe auf Christen und das Christentum in der muslimischen Welt.

Bardakoglu: Menschen, die wenig Wissen haben, mitunter auch wenig Selbstvertrauen, führen keine theologische Diskussion, sondern wählen den einfachen Weg und greifen eine andere Religion an. Das ist gefährlich, und das verurteilen wir. Wir rufen stets dazu auf, gemäßigt zu reagieren und keinesfalls gewalttätig. Aber übertriebene Reaktionen von einigen werden auch missbraucht von denen, die eine Islam-Phobie schüren wollen.

SPIEGEL: Wollen Sie die Regensburger Rede noch einmal ansprechen?

Bardakoglu: Ich möchte nach vorne schauen. Wenn der Papst nicht selbst darauf zu sprechen kommt, werde ich nicht darauf eingehen.

INTERVIEW: ANNETTE GROßBONGARDT


DER SPIEGEL 47/2006
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