20.11.2006

INTERNETRebellen im Netz

Die riesige Zahl kritischer Online-Tagebücher macht autoritären Staaten wie China, Iran oder Ägypten schwer zu schaffen. Denn solche „Blogs“, die sich im Sekundentakt vermehren, stellen Öffentlichkeit über totgeschwiegene Ereignisse her.
Es ist weit nach Mitternacht, als Abd al-Karim Nabil Suleiman, 22, ungebetenen Besuch bekommt. Seine Wohnungstür kracht fast aus den Angeln, ein Greiftrupp der ägyptischen Sicherheitspolizei stürmt die Räume und nimmt den Schlaftrunkenen vom Fleck weg fest.
Dabei ist Suleiman weder Schwerverbrecher noch Terrorist. Er hat sogar an Kairos berühmter Azhar-Universität studiert, an der weltgrößten Koranschule. Im Internet allerdings fährt er regelmäßig unter dem Namen Kareem Amer schwere Geschütze auf, dort führt er ein Tagebuch ("Blog") und das große Wort gegen Politiker und Imame. Suleiman ist ein Blogger, ein politischer zumal, und das kann nicht nur in Ägypten böse enden.
Seit mehr als einem Jahr hat er Stress mit den Behörden, nachdem er sich auf seiner Web-Seite unbotmäßig über religiöse Ausschreitungen in seiner Heimatstadt Alexandria geäußert hatte. Im März flog er wegen angeblich antiislamischer Äußerungen von der Universität; seit dem 6. November sitzt er jetzt in Haft. Er könnte für Jahre hinter Gittern bleiben, denn die Liste der Vorwürfe gegen ihn ist ebenso lang wie schwerwiegend: Er habe Präsident Husni Mubarak verleumdet, er habe Propaganda gegen den Islam sowie umstürzlerische Hetze gegen die Regierung betrieben, er gefährde die nationale Sicherheit und beschädige das Ansehen Ägyptens. Ein glatter Fall von Staatsverrat im Internet.
Seine Blogger-Freunde starteten bereits eine Solidaritätsaktion. Im Videoportal YouTube kann man einen Kurzfilm über ihn anklicken und unter www.freekareem.org eine Petition signieren.
Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf eine neue Form des Widerstands: auf die stetig wachsende Online-Kritik an scheinbar übermächtigen Regimen und moralischen Instanzen, auf dieses seltsame Crescendo aus dem Internet, das einem sich rasant verstärkenden Grundrauschen gleicht, vielstimmig und deshalb dissonant, aber da, wo sich die Interessen bündeln, auch kraftvoll und einflussreich.
Im Prinzip seien Blogs (auch Weblogs genannt) bloß "relativ häufige und chronologisch angeordnete Veröffentlichungen
persönlicher Gedanken, die mit Links zu anderen Websites angereichert sind", sagt der niederländische Internet-Theoretiker Geert Lovink. In manchen Gegenden der Welt aber entfalten sie ganz andere, emanzipatorische Eigenschaften. Sie transportieren Tabuwissen und verbotene Ansichten in die Täler der Ahnungslosen, sie verbinden und ermutigen Einzelkämpfer, sie sind das Medium der Rebellion.
Deshalb sind Blogger in vielen Staaten mittlerweile so gefürchtet - und gefährdet.
Blogs zählen eigentlich zu den "vagen Medien". Sie tauchten erstmals Mitte der neunziger Jahre auf und vermehrten sich exponentiell. Derzeit wird jede Sekunde ein neues Internet-Tagebuch eröffnet, und ihre Zahl verdoppelt sich im Fünfmonatstakt. 41 Prozent erscheinen auf Japanisch, 28 Prozent auf Englisch und 14 Prozent auf Chinesisch. Der deutsche Beitrag zur facettenreichen, formal zügellosen "Blogosphäre" liegt bei einem mageren Prozent; selbstironisch spricht die hiesige Szene von "Kleinbloggersdorf".
Vor allem in China, in der arabischen Welt, in Südostasien und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion greifen Blogs die offizielle Deutungshoheit an. Jede Nachricht, jede Reportage oder Fernsehsendung kann auf ihrem Prüfstand landen - und dort wird sie nicht nur von Spinnern oder Rechthabern bewertet, sondern auch von sachkundigen Menschen, die ihre Kompetenz auf diesem Wege bündeln.
Viele Blogger sehen das Internet deshalb als erste wahrhaft demokratische Plattform, die jedem Individuum weit mehr Einfluss ermöglicht als ein simples Kreuz auf einem Wahlzettel. Denn jeder Gedanke, und sei er noch so blässlich, vor allem aber jeder kritische Impuls kann sich ohne Aufwand und Kosten vervielfältigen und Anhänger finden, wo immer ein Computer steht.
Blitzschnell können Blogger reagieren, wie vor vier Wochen in Kairo, als es am Ende des Fastenmonats Ramadan zu Jagdszenen kam. Hunderte Männer liefen durch das Zentrum und bedrängten Frauen - egal ob jung oder alt, verschleiert oder unverschleiert, allein oder in Begleitung. Die Opfer wurden begrabscht, manchen riss der geile Mob sogar die Kleider vom Leib.
Die Polizei sah tatenlos zu, die Blogger hingegen machten Fotos und stellten sie sofort ins Netz, während die Zeitungen erst fünf Tage später auf den Skandal eingingen und einige staatliche Blätter überhaupt nicht. Bis heute streitet das Innenministerium die Exzesse ab und nennt die Blogger Lügner. Das Oberste Verwaltungsgericht in Kairo gibt der Regierung Rückhalt, indem es neuerdings gestattet, Websites zu zensieren.
Dabei sind in Ägypten bisher nur etwa 3000 Online-Oppositionelle im Zaum zu halten - eine geringfügige Zahl, verglichen mit den rund 70 000 Blogs, die in Iran allein in der Landessprache Farsi erscheinen und ein ungleich größeres Umsturzpotential bergen.
Auch die jungen persischen Weblog-Intellektuellen ziehen gegen das Demokratieverständnis und den strikten Moralkodex ihrer Staatsführung zu Felde. "Wir sind der Iran", behauptet programmatisch die bei einer Teheraner NGO tätige ehemalige Dozentin und Regimegegnerin Nasrin Ala-
vi. Ihr gleichnamiges Buch, auf Deutsch bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, zitiert ausgiebig den vielstimmigen Protest.
Als eine "kranke Gesellschaft, in der man leichter Drogen kaufen kann als Kaugummi", beschimpft "atash3" sein nach Atomwaffen strebendes Heimatland. "Woher stammt bitte unsere heutige chauvinistische Kultur?", fragt "borderline". "Der Islam ist mit der Demokratie vereinbar - und unterliegt all ihren Verpflichtungen", äußert "ksajadi".
So etwas hören autoritäre Regierungen ungern. Besonders dann, wenn das Surfen und Chatten schon den Charakter einer neuen Kulturrevolution angenommen hat, wie es in China der Fall ist mit seinen rund 111 Millionen regelmäßigen Internet-Usern und geschätzten 4 Millionen Bloggern. Denn mögen die auch, wie überall sonst auf der Welt, meist von Eitelkeit oder harmlosem Mitteilungsdrang getrieben sein, so testet doch eine unerschrockene Minderheit mit steter Beharrlichkeit die Grenzen der Toleranz aus.
Der "Verlorene Spatz" beispielsweise ist nackt, bedeckt allein mit einer Illustrierten:
Derart freizügig präsentiert sich die 31jährige Liu Mangyan aus der chinesischen Millionenstadt Wuhan unter Pseudonym im Internet. In ihrem Tagebuch geht es hauptsächlich um Sex, was im prüden China ganz besonders prickelt. Ausgiebig erörtert sie die Frage, welche Frauen attraktiv sind: nur die mit Kurven oder auch die Klugen? An anderen Tagen sinniert sie über Quickies oder Selbstbefriedigung: "Das einzige Irdische, was ich besitze, sind meine beiden Vibratoren."
Auf einer anderen Web-Seite mit dem irreführenden Titel "Massage-Creme" bekommen müde staatliche Fernsehmoderatoren ihr Fett weg. "Warum gibt es keine gute Unterhaltung?", fragt der Autor "Trage drei Uhren". Sein Pseudonym persifliert die Parteidoktrin "Dreifache Repräsentation".
Der Berufsblogger Li Jian, der vor einem Lenovo-Desktop in seiner Wohnung in der nordöstlichen Hafenstadt Dalian hockt, nennt das Internet "das größte Geschenk für uns, denn in einer Zivilgesellschaft sollten Individuen nicht Untertanen, sondern Bürger sein".
Li, 43, kämpft ständig mit der Staatssicherheit. Er lebt von Ersparnissen und von Spenden, seine Frau arbeitet in einem Supermarkt. Seit zwei Jahren fordert der Regimegegner die Kommunistische Partei mit (in den USA produzierten) Seiten heraus, die unter dem Motto "Schützt die Rechte der Bürger" stehen. Er berichtete beispielsweise über eine Kundgebung, bei der die Polizei voriges Jahr in Dongzhou in die Menge schoss, und stellte Fotos der Ortschaft ins Netz: "Ich bin selbst hingefahren, um mich zu informieren."
Warum wird seine Seite nicht komplett blockiert wie etwa die der BBC? "Es gibt Leute in der Führung, die sich über die wirkliche Lage im Land informieren wollen", vermutet Li. Andererseits weiß er natürlich, "dass die Polizei jederzeit an der Tür klopfen kann. Aber ich habe keine Angst, ich kenne das Risiko".
Unablässig rastern rund 30 000 staatliche Schnüffler subversive Inhalte aus Chinas Web. Auch scheinbar harmlose Stichwörter wie "Umweltprozess" oder "Söhne von hohen Funktionären" wecken ihren Argwohn.
Chen Hua, Chef der Internet Propaganda Managementabteilung, belehrt die Webmaster des Landes wöchentlich über unerwünschte Themen. Blogs müssen "dem Volke dienen" und dem Sozialismus, sie dürfen keine missliebigen "Berichte und Kommentare über Politik, Wirtschaft, Militär, Außenpolitik und andere soziale Angelegenheiten" verbreiten. Trotzdem finden fixe Blogger immer wieder Wege, um über Umweltskandale, Bürgerproteste und Polizeieinsätze zu berichten.
Ausländische Firmen kooperieren hingegen mit Peking, um Ärger zu vermeiden. Yahoo verpetzte mindestens zwei Kunden, darunter den Journalisten Shi Tao, der einen geheimen Ukas veröffentlicht hatte, wie die Medien mit dem 15. Jahrestag des Tiananmen-Massakers umgehen sollten. Shi wurde daraufhin wegen Verrats von Staatsgeheimnissen zu zehn Jahren Haft verurteilt.
Mittlerweile erwägt Peking, jeden Bürger zu verpflichten, sich mit seinem richtigen Namen registrieren zu lassen. Das dürfte selbst im straff gelenkten China nur sehr schwer funktionieren, international wäre es der völlig aussichtslose Versuch, einen unbändigen Geist zurück in die Flasche zu zwingen.
Im benachbarten Russland haben derzeit zwar nur rund fünf Prozent der Bürger einen Netzzugang, und nicht einmal ein Prozent besucht regelmäßig Blogs, vorwiegend Surfer unter 35 Jahren in der Provinz, wo die Medien vom Gouverneur oder von dubiosen Geschäftsleuten gelenkt werden. Dennoch werden ihre Foren observiert, denn sie haben erkennbar Zulauf - als Alternative zum öden Staatsfernsehen mit seiner Mischung aus Hofnachrichten und trivialer Unterhaltung, die selbst Verteidigungsminister Sergej Iwanow "debilisierend" nennt.
Mit Inbrunst räsonieren Russen im Internet über die nationale Identität. Der Russe, bloggt ein "Nokiaman", habe eine "fünfmal größere Seele als der Amerikaner". Aber es klingen auch schärfere
Töne an: Illegale Einwanderer berichten über "Bullen-Willkür" und prangern Moskauer Polizisten mit Namen, Dienstort und -grad an, etwa wenn sie bei Passkontrollen Schmiergeld verlangen. Die "Bullen" bloggen zurück: Das Tagebuch eines Polizisten aus der Metro ("Geschichten aus dem Untergrund") avancierte sogar zu einer der beliebtesten Online-Seifenopern.
Der junge Polizist Sergej T. schilderte darin seinen täglichen Ärger mit trunkenen Fahrgästen, Hysterikern, hilflosen Migrantinnen, störrischen Hunden und Halbstarken. Inzwischen hat er den Blog beendet und seinen eigentlichen Auftrag bekannt: "Vielleicht haben einige ihre Meinung über die Polizei geändert. Dann war das alles nicht vergebens."
Eine Unterscheidung zwischen Bloggern und Bluffern, zwischen politischen Aktivisten und Provokateuren, fällt schwer, vor allem in den Polizeistaaten Zentralasiens.
In Usbekistan etwa bloggen deshalb nur noch ausländische Mitarbeiter von Firmen und Hilfsorganisationen ohne Angst vor Konsequenzen. Sie blieben selbst im Mai 2005 unbehelligt, als sie über ein Massaker staatlicher Sicherheitskräfte in Andischan berichteten, bei dem etwa 700 Menschen ums Leben kamen. Einheimische hingegen müssen mit Repression und Gefängnis rechnen.
Noch schlimmer ist es im benachbarten Wüstenstaat Turkmenistan, wo Diktator Saparmurad Nijasow jede oppositionelle Regung gleich mit Terror beantwortet. Nur die im Lande verbliebenen Russen trauen sich, im Internet den "einzigen und unwiederholbaren" Staatschef zu verspotten, der den Führerkult um seine Person mit einem gewaltigen goldenen Hauptstadtdenkmal auf die Spitze trieb. In ihren Blogs aus Aschgabad scheint der Wille zur Rebellion auf und zugleich, ganz allgemein, das Potential des neuen Mediums. Die Website www.guestbook.ru verkündet: "Aus einem Funken kann eine Flamme entstehen."
Und dann vielleicht ein Flächenbrand - weshalb, trotz aller Risiken und Nebenwirkungen, die Zahl der engagierten Blogger unaufhaltsam wächst. Die Anmeldung eines Tagebuchs dauert kaum fünf Minuten. Beim Google-Dienst blogger.com ist das gratis, bei Lycos reicht sogar ein Klick, und ein Formular installiert sich automatisch. So vergrößert sich das Kraftfeld der Blogosphäre täglich, zum Leidwesen all jener, die Meinungsfreiheit staatsgefährdend finden.
Vietnams Behörden beispielsweise haben mit dem Problem zu kämpfen, dass bereits jeder sechste der 84 Millionen Vietnamesen online geht, 2 Millionen haben mittlerweile einen Festnetzanschluss zu Hause oder im Büro. Zwar läuft alle Kommunikation über einen Regierungsrechner in Hanoi, aber viele Redakteure, die noch in der staatlichen Propagandamaschine ihr Geld verdienen, veröffentlichen längst im Internet, was sie anderswo nicht dürfen.
Der Staat, halb ohnmächtig, versucht, mit altbewährtem Druck Herr der Lage zu bleiben: Eine Delegation von Bloggern, die an der Konferenz "Meinungsfreiheit im asiatischen Cyberspace" in Manila teilnehmen wollte, wurde festgenommen. Die Ärztin Chi Dang, die nebenbei eine Interessenvertretung von Internet-Journalisten und Bloggern leitet, durfte nur ausreisen, nachdem sie versprochen hatte, der Geheimpolizei ausführlich Bericht zu erstatten.
Burmas Junta verlangt rigoros, dass sich jeder Besitzer eines Computers beim Ministerium für Post und Kommunikation registrieren lässt. Andernfalls drohen bis zu 15 Jahre Gefängnis. Eine Internet-Monatspauschale beträgt knapp 40 Dollar, das ist fast ein Durchschnittslohn. Die Anschlussgebühr von 1300 Dollar ist für Privatpersonen praktisch unerschwinglich. Vor allem Journalisten bilden deshalb die Blogger-Szene und operieren meist vom ruhigeren Thailand aus, wo allerdings mit ihresgleichen gleichfalls rüde umgesprungen wird.
Der einheimische Journalist Amnat Jongyotying bloggte immer wieder von Mauscheleien zwischen Politikern und Drogenbaronen. Daraufhin streckten ihn Unbekannte mit vier Kugeln nieder. Amnat überlebte, verlässt aber sein Büro in Chiang Mai jetzt nur noch mit schusssicherer Weste.
Auf seinem Schreibtisch liegt eine Pistole vom Kaliber .38. Denn der Tod, sagt Amnat nachdenklich, "bleibt immer noch die ultimative Form der Zensur".
AMIRA EL AHL, RÜDIGER FALKSOHN,
UWE KLUSSMANN, JÜRGEN KREMB, ANDREAS LORENZ
* Vor der Räumung des Tiananmen-Platzes anlässlich einer Parteikonferenz am 3. März 2005.
Von Ahl, Amira El, Falksohn, Rüdiger, Klussmann, Uwe, Kremb, Jürgen, Lorenz, Andreas

DER SPIEGEL 47/2006
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