27.11.2006

GEWERKSCHAFTEN

Stille Rebellion

Von Tietz, Janko

In Bayern widersetzt sich ein Betriebsrat erstmals der IG Metall und kehrt allein zur 40-Stunden-Woche zurück. Die Gewerkschaft muss zusehen, wie Mitglieder ihr Schicksal selbst bestimmen.

Auf den ersten Blick wirkt Elfershausen wie pure Idylle. Die Straße dorthin ist so schmal, dass nicht mal mehr Platz für Fahrbahnmarkierungen ist. Eine uralte Steinbrücke führt über den Bach, der den Ort umplätschert. Die Landgasthöfe heißen "Zum grünen Baum" oder "Zum Stern". Und selbst der einzige Industriebetrieb des unterfränkischen Dorfs strahlt biedere Ordnung aus.

Vor dem Werktor stehen akkurat bepflanzte Blumenkübel. Der Pförtner dreht die Absperrschranke noch persönlich hoch. Und das Schwarze Brett des Betriebsrats gibt außer dem Speiseplan der Kantine ("Jägertopf", "Schnitzel mit Pommes") nur noch wichtige Gesundheitsratschläge für die Mitarbeiter bekannt: "Tipps zum Eincremen: Salbe gut auf Händen und Arm verreiben".

Die fürsorgliche Firma ist das alte FAG Kugelfischer-Werk. Es gehört seit 2001 zur weltweit agierenden Schaeffler Gruppe und ist trotz aller Beschaulichkeit gerade dabei, eine der zentralen Errungenschaften der mächtigen IG Metall aus den Angeln zu heben: Die Mitarbeiter haben im Alleingang die 35-Stunden-Woche gekippt. So etwas gab es in Deutschland noch nie.

Im August unterbreitete der Elfershausener Betriebsrat der Geschäftsführung den Vorschlag, dass die Mitarbeiter freiwillig bis zu 40 Stunden pro Woche arbeiten. Für die zusätzliche Arbeitszeit wollen sie keinen Lohn verlangen. Im Gegenzug soll Schaeffler garantieren, alle Jobs bis mindestens 2012 zu erhalten - und frisches Geld in das Werk zu investieren. Ende Oktober unterzeichneten Betriebsrat und Geschäftsführung das Abkommen.

Vergleichbare Regelungen gibt es bundesweit zwar hundertfach. Zahlreiche Unternehmen schlossen individuelle betriebliche Bündnisse und wichen darin von der 35-Stunden-Woche ab. Doch immer gehen die Projekte dabei bislang auf Initiativen der Unternehmensleitung zurück. Immer sind die Regelungen befristet. Und immer werden sie von der IG Metall geduldet. Meist dreht es sich ohnehin um Unternehmen in akuter Schieflage.

Der FAG-Fall ist einmalig in der deutschen Tariflandschaft. Dort geht die Vereinbarung allein auf die Initiative der Belegschaft zurück, die damit offen die Konfrontation mit ihrer Gewerkschaft sucht. 98 Prozent der 230 Mitarbeiter votierten für die längere Arbeitszeit. "Wir wollen nicht warten, bis wir vor der Schließung stehen", sagt die Betriebsratsvorsitzende Bettina Heurung.

Erstmals widersetzt sich in Deutschland nun ein Betriebsrat dem gültigen Tarifvertrag und damit der eigenen Gewerkschaft. Und erstmals wird in einem tarifgebundenen Unternehmen, dessen Beschäftigte immerhin zu 80 Prozent gewerkschaftlich organisiert sind, ohne Zustimmung der Funktionärsebene einfach so eine neue Arbeitszeitregelung vereinbart.

"Uns blieb nichts anderes übrig", sagt Heurung. "Die IG Metall hat uns im Stich gelassen. Deshalb mussten wir unsere Arbeitsplätze selbst absichern." Dabei geht es nicht mehr nur um Jobs, sondern auch um Macht, Politik und Prinzipienreiterei.

In der Belegschaft grassierte zunächst ganz schlicht die Angst, dass Ende 2008 die Lichter im Elfershausener Werk ausgehen könnten. Bis dahin gilt ein Vertrag zur Standortsicherung.

Doch in jenem Vertrag sind weder Personalzahlen noch ein Produktionsvolumen festgeschrieben, so der Betriebsrat. Theoretisch hätte Schaeffler das Werk mit einem Pförtner und dem Betriebsrat betreiben können, um es später ganz dichtzumachen. "Wir haben selbst gesehen, dass unser Standort wirtschaftlicher werden muss", sagt Edgar Rügemer, der seit 32 Jahren bei FAG beschäftigt ist.

Schaeffler hatte in das kleine Werk, das vor allem Kugellager produziert, immer weniger investiert, die Produktion von Muttern und Hülsen bereits eingestellt und stattdessen in China zugekauft. Allein dadurch gingen 20 Prozent des Produktionsvolumens verloren. Die Elfershausener konnten zusehen, wie die Globalisierung heranwehte.

Schon frühzeitig wandte sich Betriebsrätin Heurung deshalb an die IG-Metall-Verwaltungsstelle Schweinfurt, um gemeinsam mit ihr nach Lösungen zur Beschäftigungssicherung über 2008 hinaus zu suchen, ohne die IG Metall zu düpieren. Ihr schwebte vor, das "Pforzheimer Abkommen" anzuwenden, nach dem in Kooperation mit der Gewerkschaft vom Tarifvertrag abgewichen werden kann, um ein Unternehmen wettbewerbsfähig zu halten. Doch sie kassierte eine Abfuhr. Eine

Einladung, die Vereinbarung zu diskutieren, schlug die IG Metall aus.

Der erste Bevollmächtigte der IG Metall in Schweinfurt heißt Klaus Ernst und ist nicht irgendein Funktionär, sondern Vorsitzender des Links-Bündnisses WASG sowie Bundestagsabgeordneter der Partei. Er beharrte auf seinen Grundsätzen und schürte den Klassenkampf. Von "Erpressungsszenarien" war die Rede, von "Selbstaufgabe" und "Abschied von der Solidarität", alte Rhetorik inklusive.

Die Eigentümerin des Familienunternehmens, Maria-Elisabeth Schaeffler, hätte ein Vermögen von knapp sieben Milliarden Euro und sei damit auf Platz neun der reichsten Deutschen zu finden. Zudem mache das Unternehmen eine geschätzte Umsatzrendite von zwölf Prozent.

"Frau Schaeffler führt den Laden doch wie eine mittelalterliche Burg", spottet Ernst. "Bei einem Konzern, der so boomt, mache ich keine Ausnahmen", wettert der Funktionär. Außerdem gebe es gegenwärtig ohnehin keinen Handlungsbedarf. "Der jetzt gültige Beschäftigungssicherungsvertrag verlängert sich doch automatisch, falls der Arbeitgeber nicht kündigt", so Ernst. "Und dafür liegen von der Schaeffler KG zurzeit keinerlei Anzeichen oder Signale vor." Dass Schaeffler inzwischen etliche Komponenten in China zukauft und Abteilungen vor der Verlagerung stehen, will Ernst offenbar nicht zur Kenntnis nehmen. "Gegen solche unternehmerischen Entscheidungen sind wir doch machtlos", sagt die Betriebsrätin Heurung. "Was nützt uns da die Prinzipientreue eines Herrn Ernst?"

Aufgrund der Initiative der Elfershausener spart Schaeffler künftig rund 15 Prozent der Personalkosten. "Damit ist das Werk wieder rentabel", sagt Klaus Widmaier, Deutschland-Personalchef des Unternehmens. Ein Produkt, das in einem weiteren Schaeffler-Werk mittelfristig für die Verlagerung ins Ausland vorgesehen war, wird künftig "zu wettbewerbsfähigen Kosten" in Elfershausen hergestellt. "Gemeinsam mit der Belegschaft und uns als Unternehmen ist es damit gelungen, Arbeitsplätze in Deutschland zu halten", so Widmaier.

Für die IG Metall ist der Elfershausener Fall ein Novum - und ungeheuerliche Provokation zugleich. Sie befürchtet nun, dass die stille Rebellion bundesweit für Furore sorgt und zur Nachahmung einlädt. Auf einer Betriebsversammlung schimpfte IG-Metaller Ernst: "Die Belegschaft muss auch mit aufrechtem Gang verlieren können." Also lieber gar keine Jobs mehr als welche mit schlechteren Konditionen?

Die Belegschaft "will nicht verlieren, auch nicht aufrecht". Um einen Verstoß gegen das Betriebsverfassungsgesetz zu vermeiden, wird das FAG-Werk nun eigens in eine neue rechtliche Einheit überführt, die dann nicht mehr tarifgebunden sein wird.

Für Gewerkschafter Ernst ist dieser Schritt eine ideologische Steilvorlage. Den Elfershausener Mitarbeitern wirft er vor, die Solidarität zwischen den Betriebsräten aller Schaeffler-Werke zu zerstören. Der Druck auf andere Standort würde steigen. Auch dort würden die Arbeitgeber ähnliche Forderungen erheben - mit der Konsequenz, dass der erzielte Kostenvorteil schnell wieder dahin wäre. "Bei gleichbleibendem Produktionsvolumen führen verlängerte Arbeitszeiten dazu, dass weniger Beschäftigte gebraucht werden und der Abbau von Arbeitsplätzen in großer Zahl bei Schaeffler die Konsequenz wäre", so Ernsts Rechnung.

Die Mitarbeiter hätten ihre Situation "nicht sicherer, sondern unsicherer" gemacht. Er argumentiert, dass nun sämtliche Ansprüche aus dem Tarifvertrag hinfällig würden. Der IG-Metall-Bezirksleiter Werner Neugebauer wähnt die Beschäftigten in Elfershausen bereits "vogelfrei". Ohne Gewerkschaft könnten die sich doch gar nicht wehren. "Jetzt bleibt nur der gebückte Gang", so Neugebauer.

Doch der Vertrag zwischen Schaeffler und Betriebsrat legt unmissverständlich fest, dass - mit Ausnahme der Arbeitszeit - sämtliche Regelungen des Flächentarifvertrags übernommen und fortgeführt werden. Zudem gibt es eine Ausstiegsklausel, nach der man sofort zur alten Ordnung zurückkehren kann, sobald eine der beiden Seiten eine Bedingung nicht erfüllt.

Ernst ficht das nicht an. Der Top-Gewerkschafter erwägt gar, gegen den Elfershausener Betriebsrat zu klagen. Der eingeschlagene Weg sei "nicht akzeptabel".

Viele Mitarbeiter des Elfershausener FAG-Werks haben die starre Haltung ihrer Gewerkschaft satt und kündigten an, "dem Laden" den Rücken zu kehren. Für einen solchen Schritt hätte jedoch selbst Betriebsrätin Heurung kein Verständnis. "Man muss ja nicht gleich die ganze Organisation schwächen, nur weil einem die Politik vor Ort nicht passt." JANKO TIETZ


DER SPIEGEL 48/2006
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