27.11.2006

GEHEIMDIENSTE„Flügel des Todes“

Der Mord an einem Ex-Geheimdienstler in London belastet die russisch-britischen Beziehungen. Griff Moskau wieder zu alten KGB-Methoden?
Seit es den Eisernen Vorhang nicht mehr gibt, hat sich die Arbeit von Spionen stark geändert. Die professionelle Neugier gilt nicht mehr so sehr atomaren Geheimnissen, sondern der Terrorbekämpfung und der Wahnwelt islamistischer Zellen.
Der Giftanschlag auf Alexander Litwinenko, einen früheren Oberst im russischen Geheimdienst FSB, erscheint insofern wie ein Rückfall in die Zeit des Kalten Kriegs und erinnert an die filmreife Ermordung des bulgarischen Dissidenten Georgij Markow, der 1978, ebenfalls in London, durch ein Geschoss aus einem Regenschirm zu Tode kam.
Litwinenko, 43, ein smarter Mann mit Mittelscheitel, war vor sechs Jahren nach Großbritannien geflüchtet, hatte die britische Staatsbürgerschaft erhalten und seither seinen ehemaligen Arbeitgeber samt dessen Ex-Chef Wladimir Putin mit spektakulären, meist unüberprüfbaren Behauptungen attackiert. Bei vielen Kollegen galt Litwinenko als Prahlhans.
Der zweite Tschetschenien-Krieg? Eine Putin-Verschwörung. Der habe in Moskau Wohnblocks in die Luft sprengen lassen und die Schuld tschetschenischen Rebellen in die Schuhe geschoben. Die Anschläge vom 11. September 2001? Auch dahinter steckte natürlich der FSB, der böse Nachfolger des erzbösen KGB.
Am 1. November traf der nimmermüde Enthüller einen italienischen Kontaktmann in einem Sushi-Restaurant am Piccadilly Circus. Mario Scaramella aß nichts, trank nur Wasser und übergab Litwinenko Papiere mit den Namen mutmaßlicher Verdächtiger im Mordfall Anna Politkowskaja. Die Journalistin war Anfang Oktober im Hausflur ihrer Moskauer Wohnung erschossen worden.
Scaramella, ein Professor aus Neapel, Spionageexperte und Regierungsberater in Sachen KGB-Umtriebe im Italien des Kalten Kriegs, versicherte Litwinenko, man stünde gemeinsam auf einer Todesliste des organisierten Verbrechens - und präsentierte sogar eine Kopie. Litwinenko nahm Sushi vom Büfett und bestellte eine Suppe.
Später traf er sich mit zwei anderen Russen in einem Luxushotel zum Tee, darunter Andrej Lugowoi, ein KGB-Kumpel aus Moskauer Tagen. Teilgenommen habe auch, so Litwinenko, "ein großer, schweigsamer Mann mit scharfen Gesichtszügen". Außer seinem Vornamen habe der nichts über sich verraten. Lugowoi identifizierte ihn inzwischen als Dmitrij Kowron, einen Geschäftsmann aus Russland.
Tags darauf verspürte Litwinenko Anzeichen einer Grippe. Die Symptome verschlimmerten sich derart, dass er zwei Wochen später auf die Intensivstation des Krankenhauses von Barnet kam und dann in die Londoner Universitätsklinik.
Die Ärzte stellten eine Vergiftung fest, konnten aber den Patienten nicht retten. Alexander Litwinenko starb am vergangenen Donnerstag an Organversagen. Erst bei der Obduktion fand sich im Urin des Leichnams radioaktives Polonium-210 in "hoher Konzentration".
Dreimal tagte daraufhin das "Cobra Team", Britanniens wichtigster Krisenstab. "Das können keine Amateure gewesen sein", erkannte Andrea Sella, ein Chemieprofessor am Londoner University College. Scotland Yard, das nun wegen "unbekannter Todesursache" ermittelt, prüfte als Erstes, ob alle bekannten drei Dutzend russischen Spione noch vor Ort sind oder ob möglicherweise einer das Land bereits verlassen hat.
Der Kreml wies jeglichen Mordverdacht als "puren Unfug" zurück - wegen
solch eines schrägen Vogels würde man wohl kaum die guten Beziehungen zu London gefährden. Doch Litwinenko galt unter seinesgleichen als "Verräter". Und denen werde "nicht verziehen", bekannte ein FSB-Offizier vor dem Anschlag auf einer Geheimdienst-nahen Webseite.
In der FSB-Zentrale Lubjanka war Litwinenko ab 1994 für organisiertes Verbrechen zuständig sowie für den Schutz des damals im Kreml wohlgelittenen Magnaten Boris Beresowski. Später wechselte er in die Dienste des Finanzmoguls. Den FSB beschuldigte er auf einer spektakulären Pressekonferenz in Moskau im November 1998, die Behörde habe ihn beauftragt, Beresowski zu töten. Das vermeintliche Komplott ließ sich allerdings nicht beweisen, ein Gericht stellte die Ermittlungen ein.
Putin, damals FSB-Chef, dürfte die Attacke weder vergessen noch verziehen haben. Umso mehr, als Litwinenko in London eng mit Beresowski, inzwischen ein Erzfeind des Präsidenten, und dem früheren tschetschenischen Kämpfer und Kulturminister Ahmed Sakajew zusammenarbeitete. Der Kreml betrachtet den jetzigen "Außenminister" einer von keinem Staat anerkannten tschetschenischen "Exilregierung" als "Terroristen". Vergebens forderte er von den Briten dessen Auslieferung.
In der Propagandaschlacht um den Todesfall setzen die Moskowiter wie ihre Gegner auf die bewährte Waffe der Verschwörungstheorie. Womöglich, orakelte das Kreml-nahe Boulevardblatt "Komsomolskaja prawda", habe der verschlagene Beresowski seinen Mitstreiter Litwinenko "als Bauern beim Schachspiel geopfert", um "die Beziehungen Russlands mit dem Westen zu vergiften".
Postum meldete sich der Verstorbene am Freitag selbst zu Wort. Sein Freund Alexander Goldfarb übergab der Presse einen Brief, den Litwinenko zwei Tage vor seinem Tod diktiert hatte.
"Während ich hier liege", so Litwinenko, "höre ich in aller Deutlichkeit die Flügel des Todes. Sie werden es vielleicht schaffen, einen Mann zum Schweigen zu bringen. Aber der Protest aus aller Welt, Herr Putin, wird für den Rest des Lebens in Ihren Ohren nachhallen."
THOMAS HÜETLIN, UWE KLUßMANN
* Am 20. November in der Londoner Universitätsklinik.
Von Thomas Hüetlin und Uwe Klußmann

DER SPIEGEL 48/2006
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