27.11.2006

Morgenröte der Vernunft

Die Griechen bauten Erdhütten am Asowschen Meer, erfanden in der Türkei die Geometrie und in Italien den Nachttopf. Archäologen legen neue Erkenntnisse über das kulturelle Stammvolk Europas vor. Nicht in Athen, sondern fernab in den Kolonien vollzog sich die Geburt des Abendlandes.
Mit metallischem Geratter dringt der Bohrkopf ins feuchte Erdreich ein. Die Helfer, die den schwe- ren Bohrhammer halten, tragen Ohrenschützer. Im Hintergrund steht die Säule eines Apollon-Heiligtums. Das Gelände ist sumpfig, voller Pfützen. Kleine Frösche
hüpfen umher. So also sieht heute die "Wiege der Wissenschaft" aus?
Unter der Leitung des Bochumer Professors Volkmar von Graeve findet in der griechischen Kolonie Milet, südlich von Izmir in der Türkei, derzeit eine spannende Erkundung statt. Archäologen sind dabei, die 2600 Jahre alten "archaischen" Schichten der Siedlung freizulegen - sie stammen aus jener Phase, als dort eine ganze "Galerie von Heroen der denkenden Vernunft" (Hegel) lebte.
Die Geometrie, die Erdkunde und die Philosophie wurden in Milet erfunden; seine Handwerker bauten die besten Betten der Zeit. Leukipp, der Schöpfer der Atomlehre, lebte dort ebenso wie Hippodamos, Urvater der Stadtplanung, und Thales, der
Astronom und Mathematiker, der den Wettkampf der sieben weisesten Männer Griechenlands gewann.
Wie diese Stadt der Genies aussah, wusste bislang niemand. Milet, ein Atlantis des Geistes, ist unter meterdicken Schwemmsanden versunken.
Nun ist eine fast 60-köpfige Forschergruppe vor Ort und durchdringt die Erdschichten mit Magnetwellen. Ein Stadtplan wurde erstellt: Demnach hatte die alte Kulturmetropole etwa 60 000 Einwohner und besaß vier Häfen. Heute sind sie verlandet (siehe Karte Seite 199).
Besonders imposant: Vom Zentrum aus führte eine heilige Straße 15 Kilometer weit nach Westen. Dort, auf einem gewaltigen Felssporn, stand der noch gewaltigere Orakel-Tempel der Stadt, 118 Meter lang. Es ist das größte Bauwerk, das die Hellenen je errichteten.
Graeve, 64, arbeitet derzeit auf einer mit Kameldorn bewachsenen Bergkuppe, wo sich einst die Halle der Liebesgöttin Aphrodite erhob. Der Chef zieht genüsslich an der Pfeife. "Im letzten Jahr kamen hier Penisse aus Bronze zutage sowie Scherben, bemalt mit akrobatischen Sexualakten", erzählt er.
Die Tiefbohrungen unten im Tal führt der Berliner Alexander Herda durch. Er fahndet nach dem Grab des Thales. Antike Quellen berichten, dass sich der weise Mann an einem "schlechten und verachteten Platz" beerdigen ließ. Herda glaubt, dass es sich dabei um den Sumpf neben dem Löwenhafen handelt.
Bislang jedoch hat er die Gruft des ältesten Mathematikers Europas nicht aufgespürt.
Das passt ins Bild. Nicht nur Thales ist verschwunden, das gesamte frühe Griechentum mutet fern und rätselhaft an. Es waren die Hellenen, die im 7. und 6. vorchristlichen Jahrhundert die Grundlagen für die abendländische Zivilisation legten und eine ungeheure Blüte durchlebten. Aber wieso kam der Triumph so jäh?
Als die Ägypter noch Mumien verpackten, trieben die Griechen bereits Profisport. Die Wissenschaft, das Drama, der Trübsinn und auch der vor Gericht verhandelte Nachbarschaftsstreit gehören zu ihren Erfindungen. Hellas ersann die Demokratie - und den Ekel vor ihr.
Schon um 500 v. Chr. empfahl der Philosoph Heraklit den Bewohnern seiner Heimatstadt, sich wegen politischer Stümperei "samt und sonders aufhängen zu lassen".
Ein geistiges Feuer loderte damals, alle Zeichen standen auf Umbruch. Um 600 v. Chr. stiegen Milets Naturforscher die Berge empor und untersuchten fossile Abdrücke von Meerestieren. Andere bauten Sonnenuhren, Sextanten und Hebekräne. Die Dichterin Sappho beschrieb als erste die lesbische Liebe.
Am Ende der rasanten Entwicklung hatte der Mensch die enge Lehmform kultisch-religiösen
Daseins aufgesprengt. Der kollektiven Buckelei des Morgenlandes war ein neuer Menschentyp entgegengestellt: stolz, neugierig, gescheit. Man sagte jetzt "ich", fasst die Gräzistin Marion Giebel den Trend zusammen.
Bis heute hat die griechische "Arbeit am Mythos" Europa geprägt. Schüler gehen ins Gymnasium, Politiker (von "polis": Stadt) kümmern sich um die öffentlichen Belange. König Ödipus wurde zum Vorbild des modernen Großstadtneurotikers. Andere eifern lieber Zeus nach, dem lustvollen Fremdgänger vom Olymp.
Nur, warum waren ausgerechnet die Griechen so erfolgreich? Erhoben sich nicht gleich nebenan furchterregende Weltreiche, strotzend von Gold, mit gewaltigen Armeen und gepflastert mit gigantischen Bauten wie dem Turm zu Babel oder der sechs Millionen Tonnen schweren Cheopspyramide?
Dagegen wirkte das Können der Zeus-Söhne anfangs fast mickrig. Kaum eine Million Menschen zählte das Volk, das verstreut auf karstigem Festland und rund 200 Ägäis-Inseln lebte.
Doch es gab einen wesentlichen Unterschied: Im Orient wogte überall der süße Duft der Religion - Opium fürs Volk, in ekstatischen Kulten ausgelebt, das den Menschen inneren Halt gab und zu einer großen Gemeinschaft verschweißte. Über hundert Götzen beteten die Assyrer an. Ägypten galt in der Antike als "frömmstes" aller Länder.
Ganz anders bei den Griechen. Sie strebten nicht nach Glauben, sondern nach Wissen. "Wenn die Pferde Götter hätten, sähen sie wie Pferde aus", lästerte bereits um 520 v. Chr. der Denker Xenophanes, genannt der "Sturmvogel der griechischen Aufklärung".
Damit war der Zweifel und der Skeptizismus in der Welt. Der Himmel bekam Risse.
Im Morgenland blieb alles beim Alten. Buddha, Jesus, Mohammed - sie alle kommen aus dem Osten. Auch der heute fast vergessene Mithraskult, der im 3. Jahrhundert n. Chr. in Rom fast Staatsreligion geworden wäre, hatte im Orient seine Wurzeln.
Die Griechen dagegen schoben die Nebelwolken des Sakralen weg. Sie hakten nach, hinterfragten, staunten über alles - und wagten sich so immer weiter hinaus aufs Meer der Erkenntnis. Dass der Westen heute Raketen bauen und Schwarze Löcher ergründen kann - die ersten Vorarbeiten dafür lieferte Thales.
Bereits damals, vor über 2500 Jahren, begannen Ost und West auseinanderzudriften.
Heute ist aus dem Spalt ein Abgrund geworden. Westlicher Wissensdurst contra östliche Glaubenskraft - diese Front ist immer noch aktuell.
Aber auch in Bezug auf Lust und Erotik wurden die Kontinente unterschiedlich geprägt. Den Ägyptern und Juden war alle Nacktheit seit je ein Gräuel. So blieb es bis heute. Keusch verbannt die islamische Welt alles Sexuelle aus dem öffentlichen Leben.
Die Griechen hingegen waren geradezu verliebt in die menschliche Gestalt. Ihre Maler verzierten Vasen mit pornografischen Szenen. Bildhauer schlugen immer perfekter und anatomisch genauer Muskeln, Brüste oder Penisse in Stein.
Diese Bejahung des Geschlechtstriebs war nach Ansicht vieler Experten die eigentliche Triebfeder des Triumphs des Griechentums. Das Land stieg zur Topkultur auf, weil es die Sexualität produktiv für sein Handeln nutzte. Gier und individuelles Streben nach Glück wurden zugelassen.
Der große Durchbruch erfolgte etwa um 750 v. Chr. Das Volk stieß zu neuen Ufern vor. Die Zeit der "großen Kolonisation" begann. Während die Bauern des Orients friedvoll an Euphrat und Nil saßen, trieb es die Griechen aufs Meer hinaus, um ferne Länder zu erobern.
Angeführt von Kaufleuten und wagemutigen Aristokraten, stachen in immer schnellerer Folge pechverschmierte Schiffe in See. Die Griechen gründeten Suchumi in Georgien und Byzanz am Bosporus, Split an der Adria oder Nizza an der Côte d'Azur.
Wo der moderne Mittelmeer-Tourist sich heute auch sonnt, überall empfängt ihn eine Kulisse aus dorischen und ionischen Säulentempeln. Der Fotograf Hakan Öge hat vor kurzem die glanzvollen Hinterlassenschaften von Hellas an der türkischen Küste (dem alten Ionien) überflogen. Mit dem Gleitschirm, einen Propeller am Rucksack, schwebte er über eine Welt aus Amphitheatern, gepflasterten Prachtstraßen und dem Weltkulturerbe Ephesos.
Keine Frage, die Kinder des Olymp waren Siegertypen. Nur wieso? Die Altvordern erklärten deren Tatkraft mit rassischen Gründen; sie verwiesen auf die indogermanische Abstammung. Andere sahen das Erfolgsrezept in ihrer sittlichen Festigkeit und Tugend. Stichwort: "Edle Einfalt, stille Größe".
Und stets blickten die Forscher nach Athen, um das Geheimnis zu lösen. Am Fuß der Akropolis, das schien ausgemacht, war der Motor des Fortschritts angesprungen (siehe Seite 198).
Richtig ist, dass dort 507 v. Chr. entscheidende Weichen Richtung Demokratie gestellt wurden.
Die Stadt hatte in der klassischen Epoche die besten Bildhauer, Architekten und die deftigsten Theatermacher. Der Komödienautor Aristophanes ließ seine Schauspieler sogar auf die Bühne kacken.
Vieles von den Leistungen Athens, so stellt sich nun heraus, hat seine Wurzeln allerdings andernorts. Die Stadt erntete Früchte, die andere säten - und zwar fernab in den Kolonien.
Das Aufblühen des Geistes, das der Philosoph Bertrand Russell zu den "wunderbarsten Ereignissen in der Geschichte" zählte, vollzog sich an den Randzonen, gleichsam jwd:
* Diogenes in der Tonne, Verfechter der Bedürfnislosigkeit, stammte aus Sinope am Schwarzen Meer;
* Pythagoras (a2 + b2 = c2) lehrte im italischen Kroton;
* Der Lyriker Anakreon war Mitgründer einer Kolonie in Thrakien;
* Aischylos (der den zweiten Schauspieler einführte und damit die Tragödie
schuf) schrieb für einen Geldgeber aus Sizilien.
Auch technisch marschierten die Pflanzstädte vorneweg. Sie verbesserten den Anker, den Blasebalg und die Drehbank.
Seltsame Geschichten kursieren über diese frühen Denker. Pythagoras (570 bis 500 v. Chr.) besaß angeblich eine Hüftprothese aus Gold. Aischylos soll von einer Schildkröte erschlagen worden sein, die ein Adler auf seine Glatze plumpsen ließ.
Doch an den Anekdoten ist nicht viel dran. Von den Schriften der frühen Geistespioniere sind kaum mehr als Fetzen erhalten. Und auch über die Kolonien geben die antiken Quellen nur unvollständige Nachricht.
So blieb es bislang eine "merkwürdige Tatsache" (der Altphilologe Ernst Heitsch), dass sich die Geburt des Abendlandes ausgerechnet fernab des griechischen Mutterlandes vollzog.
Doch nun rücken die Forscher dieser Tatsache zu Leibe. Sie arbeiten in Marseille, graben in Bulgarien und der Ukraine und schweben in der Türkei mit Luftschiffen umher.
Eines der schönsten Projekte führt Dieter Mertens, 65, vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) an. Er gräbt in Selinunt auf Sizilien. Wenn der Professor vom Schlafzimmer seines Grabungshauses die Stiege zum Dach erklimmt, erblickt er ein anmutiges Trümmerfeld. Es liegt auf einem hohen Felsen direkt am Mittelmeer. Darüber strahlt meist ein kobaltblauer Himmel.
"Das Gebiet gehörte einer Mafia-Familie", schreit Mertens in den warmen Zephyr, den Wind, der von Afrika heranweht. Verwitterte Säulentrommeln säumen die Wege. Goethe war mit der Kutsche vor Ort.
Auch Mertens erzählt wieder die typische Gewinnerstory: 651 v. Chr. waren bärtige Griechen mit Brustpanzern und Ledersandalen in der Bucht gelandet. Sie luden Pflüge und Vieh aus, rodeten Bäume. Benannt wurde die Siedlung nach dem wilden Sellerie, der einst an den Hängen wuchs.
Keine 200 Jahre später war Selinunt zu einem der prächtigsten Gemeinwesen der Antike aufgeblüht. Damen in langen Faltengewändern, den Chitons, rieben sich die Brüste nach der Mode mit punischem Parfum ein. Es gab Wirtshäuser mit goldenen Speisebetten ("Klinen"). Der Zeus-Tempel im Westen war 113 Meter lang - größer als der Parthenon von Athen. Heute ist er ein Trümmerberg.
Weiter westlich, entlang der Küste, sah es nicht weniger prächtig aus. Die griechischen Eroberer Siziliens setzten enorme wirtschaftliche und natürliche Ressourcen ein, um großartige Symbole ihrer Macht zu errichten.
Wo einst Wildnis war, entstand Kultur.
Die feinen Bürger von Sybaris (in Unteritalien) nutzen als Erste Nachttöpfe. Sie tafelten sechsgängige Menüs, trugen Roben, gefärbt mit Purpur, und banden ihr Haar mit goldenen Schleifen. Fisch-Mayonnaise und Fruchtsirup stopften sich die Reichen in den Magen, umgeben von Zwergen, die mit ihren maltesischen Schoßhunden Gassi gingen.
Verblüfft ist Mertens von der Exaktheit der alten Stadtplaner. "Die Straßen von Selinunt hatten genormte Breiten von 9, 6,5 und 3,5 Metern", erzählt er. Jeder Hausblock maß genau 100 Fuß in der Länge. Die Bordsteige waren im rechten Winkel verlegt. In einem Tempel kamen Reste einer Wendeltreppe zutage - der ältesten der Welt.
Angesichts der vielen Spuren lässt sich die Kulturexplosion der Griechen endlich plausibel deuten. Es waren offenbar drei Punkte, die den Menschen im 7. vorchristlichen Jahrhundert aus dem Dämmerschlaf des Mythos rissen:
* In den Kolonien drängten sich die Wagemutigen, die neue Wege zu gehen bereit waren. Die Sitten dort waren lockerer, das Priestertum schwach - ein guter Nährboden für Experimente.
* Um 630 v. Chr. führte Milet das Münzwesen ein. Das heizte bald den gesamten Wirtschaftsraum an.
* In der Ferne traten die Hellenen mit fremden Völkern in Verbindung. Eigene Grundwerte wurden so relativiert und neue Denkhorizonte geöffnet.
Vor allem der Zusammenprall mit dem Orient wirkte wie eine Erweckung. Die Griechen lernten die Sternenkunde aus Babylon kennen und die Schriften des Religionsstifters Zarathustra.
Pythagoras, der später in Italien einen Geheimorden gründete, war ein Anhänger der Seelenwanderung. Er lebte streng vegetarisch, weil er Angst hatte, Menschen zu verspeisen, die etwa als Schwein oder Ziege wiedergeboren worden waren. Neuen Erkenntnissen zufolge geriet die Lehre übers Schwarzmeergebiet nach Westen.
Überhaupt tun sich gerade in Russland neue Fährten auf. Von den Sowjets abgeschirmt, war dieser Bereich für Westforscher schwer erreichbar, er lag wissenschaftlich im Dunkel.
Einzig die Argonauten-Sage bot einige Anhaltspunkte. Das Epos erzählt, wie der Held Iason mit seinem Schiff Argo ins Land Kolchis (gemeint ist Westgeorgien) reist und dort das Goldene Vlies stiehlt. Die Erzählung enthält eine Erinnerung an den frühen Metallhandel.
Die deutschen Forscher wollen es nun genauer wissen. Mit der Russischen Akademie der Wissenschaften, aber auch mit anderen Instituten wurden Kooperationsabkommen abgeschlossen:
* Der Rostocker Archäologe Konrad Zimmermann gräbt in Istros an der Donau-Mündung, gegründet um 650 v. Chr.
* Ortwin Dally vom DAI ist am Don tätig, in Taganrog, dem nordöstlichs-ten Stützpunkt der Griechen. Die
Leute dort lebten in Erdhütten.
* Sein Kollege Udo Schlotzhauer arbeitet nahe der Krim in einer noch unbekannten Siedlung, womöglich einem Umschlagplatz für Sklaven.
Klar ist mittlerweile, dass die Kolonisten über Bug und Dnjepr bis tief ins Steppenland der Ukraine vordrangen. Ihre Keramikscherben finden sich noch im Umfeld von Kiew.
Anhand all der Details lässt sich endlich jener maritime Sturmlauf nachzeichnen, der bereits im 11. vorchristlichen Jahrhundert mit einer Art Völkerwanderung begann. Der Stamm der Ionier drängte damals in großen Familienverbänden aufs türkische Festland hinüber. Ihr Hauptort: Milet.
Die eigentliche Auswandererwelle setzte dann 750 v. Chr. ein. Schwarzgelockte Abenteurer mit nackter Brust und kurzen scharfen Schwertern hielten im Taktschlag ihrer langen Ruderblätter Kurs auf die dünnbesiedelte Küste Süditaliens.
Die Invasoren legten den Grundstein von Neapel. Bei der Gründung von Tarent richteten sie unter den Ureinwohnern ein Blutbad an. 734 v. Chr. ging das erste Boot in Sizilien vor Anker. Naxos wurde gegründet, Syrakus, Gela und Catania.
Kaum mehr als 200 Personen saßen in den ankommenden Booten, angeführt vom Oikisten, der zugleich oberster Priester war. Umgehend errichteten die Seefahrer am Strand einen Altar für ihren Schutzgott. Es war jene in wunderschönen Skulpturen verewigte Gestalt, in deren Namen auch die USA die Mondlandemissionen durchführten: Apollon, der Gott des Lichtes und der Künste.
Sodann gingen die Landvermesser ans Werk. Über Hügel und Unebenheiten hinweg steckten sie mit Strick und Winkelmessern die Parzellen ab. Jeder Beteiligte erhielt einen Acker im Hinterland. In der Stadt wurde ihm ein Baugrundstück zugewiesen. Die Häuser der archaischen Zeit, anfangs sehr bescheiden, bestanden aus Holz und Lehmwänden.
Nun fehlten nur noch die Frauen. Auf den einlaufenden Trieren saßen nämlich ausschließlich Männer. Also ging die Bande bei der ansässigen Bevölkerung auf Mädchenraub. "Sie erschlugen die Eltern und nahmen deren Töchter zum Weibe", heißt es dazu drastisch bei Herodot.
Weiter nach Westen wagten sich die Invasoren vorerst nicht. Dort hatten die Phönizier das Sagen. Dieses Volk, das dem Gott Baal Menschenopfer darbrachte, war auf See enorm tüchtig. 814 v. Chr. hatte es Karthago gegründet und kontrollierte von dort auch den Westteil des Mittelmeers. Seine Schiffe waren schnell und gefährlich bewaffnet.
Die wogenschneidenden Phönizier verfolgten allerdings eine andere Strategie. Sie bildeten nur Handelsstützpunkte. Die Griechen dagegen zielten darauf ab, gänzlich autarke Gemeinwesen zu schaffen. Dabei traten sie als "Polis" auf - als Verbindung von Handwerkern, Händlern und Bauern, die sich in Städten zusammenschlossen. Dieser Teamgeist, so Mertens, "verlieh der Bewegung die Schubkraft".
Hinzu kam ihre wohl wirksamste Waffe: die Vernunft, der gleißende "Logos", den die Hellenen in Gestalt des Jünglings Apollon verehrten. Sie fühlten sich als Helden der Aufklärung, die Ordnung ins rückständige Sozialwesen des Auslands bringen wollten.
Ihr größtes Kapital war, wie es die britische Archäologie ausdrückt, der "invisible export".
Schon die Irrfahrt des Odysseus, die Homer um 710 v. Chr. (animiert durch die Auswandererwelle) niederschrieb, zeugt von diesem Selbstverständnis. Listig kämpft der Held an der Grenze zum Chaos, ihn bedrohen ungeschlachte Triebnaturen. Die "Lotusesser" locken ihn mit einer vernunftraubenden Droge. Der Kyklop ist ein "grausames" Scheusal, "durch keine Gesetze gebändigt", das er umgehend blendet.
Odysseus ist der Mann des Fortschritts, schlau und wendig und - wo nötig - gerissen bis zur Heimtücke.
Wie dieser kaltblütige Mann aus dem Epos gingen nun auch die Siedler in Unteritalien
vor. In Lokroi (Kalabrien) schworen sie den Eingeborenen, "friedlich zu sein, solange sie denselben Boden beträten", wie es in alten Quellen heißt. Allerdings hatten sie sich vor dem Eid fremde Erde in die Schuhe gestreut. Später schlugen sie ihre Vertragspartner tot.
Wo die Apollon-Jünger auch auftraten, ersetzten sie Magie durch Technik, Humbug durch Wissen. Ihr Ziel: Landgewinn.
Ein wichtiges Hilfsmittel dabei war die Schrift. Um 800 v. Chr. hatten die Griechen das phönizische Alphabet übernommen und so umgebaut, dass es auch Vokale abbildete. Nun konnten sie - genauer als alle anderen - Urkunden verfassen, eine Verwaltung aufbauen und die komplexe Siedlungsbewegung organisieren.
Beispiel Hausbau: Der Alte Orient lebte in Agglomerationen, seine Städte bestanden aus krumm ineinandergeschobenen Hütten.
Anders die Griechen. In Smyrna (dem heutigen Izmir) bauten sie um 700 v. Chr. das erste Wohnviertel im Schachbrettmuster. Priene besaß später ein Meer identischer Häuser. Der Archäologe Wolfgang Korn spricht von einer "Trabantenstadt", errichtet von der "griechischen Kolonialbau GmbH".
Auch technisch marschierten die Randzonen vorneweg. Resultat: Die Geldbeutel
dort waren praller gefüllt, die Oliven größer, die Dirnen üppiger.
Das lockte. Vorbei an den sumpfigen Küsten Rumäniens und den Ufern der Ukraine wagten sich die Schiffe. Andere fuhren mit geblähten Rahsegeln bis nach Mallorca.
Angetrieben wurde die Expansion offenbar durch Probleme im Mutterland. Nach Einführung des Geldes wurden im überhitzten Wirtschaftskreislauf die Münzen knapp. Das trieb die Zinsen hoch. Die Schicht der Tagelöhner nahm ebenso zu wie die Clique adliger Großgrundbesitzer, die die Münzereien und Erzbergwerke betrieben.
Vor allem aber war in der karstigen Heimat das Ackerland knapp. Das Erbrecht sah vor, die Scholle unter den Söhnen aufzuteilen; die Folge war eine gefährliche Parzellierung. Bereits um 700 v. Chr. empfahl der Dichter Hesiod seinen Landsleuten, lieber nur einen einzigen Sohn zu zeugen.
In der Praxis taugte der Rat nichts, zumal die Gesellschaft viel dafür tat, den Kindersegen zu fördern und die Eheleute bis ins hohe Alter sexuell aktiv zu halten.
Zwar heiratete der Durchschnittsgrieche erst mit 30 Jahren. Doch seine Braut war höchstens 18. Vor der Ehelichung opferte sie ihr Spielzeug den Göttern. Brautführer geleiteten die Rotverschleierte ins Haus des Gatten. Dort warteten die Schwiegereltern und reichten ihr eine Quitte oder einen Apfel - Symbole der Wollust.
Zumindest in Sparta gestaltete sich die Hochzeitsnacht dann ausgesprochen unromantisch. Das Paar durfte sich nur eilig im Dunklen vereinen, dann musste der Mann das Schlafzimmer wieder verlassen. Keine Zeit zum Kuscheln. Diesen Brauch hielten viele Eheleute bei. Sinn der Übung: Die Lust sollte nicht zu schnell abflauen, kein Überdruss entstehen. Ob es nun daran lag oder nicht: Die Geburtenrate im antiken Griechenland war enorm hoch.
Angesichts des Bevölkerungsdrucks blieb vielen jungen Männern nur der Weg in die Fremde. Nicht selten stellte die Polis Ackergeräte, Saatgut und Lebensmittel und gab eine Rückkehrgarantie, falls das Unternehmen fehlschlagen sollte. Vor der Abreise fuhr der Oikist häufig nach Delphi und befragte das Orakel.
Politische Freiheit konnten die Auswanderer in den frisch errichteten Neustädten nicht erhoffen. Auch dort gab der Adel den Ton an. Erst im 6. Jahrhundert v. Chr. ergriffen immer häufiger Tyrannen die Staatsmacht. Zuweilen waren es weise Männer, die ihre Arbeit in den Dienst der verarmten Bauern stellten.
In klassischer Zeit setzte sich dann auf breiterer Front die Demokratie durch. Eine "Sklavenhaltergesellschaft" (Friedrich Engels) blieb Hellas gleichwohl. Selinunt zum Beispiel hatte 65 000 Einwohner, davon 23 000 Vollbürger. Nur wer Land besaß, durfte sich im Demos zur Wahl stellen. Zugewanderten ("Metöken") blieb der Weg zu öffentlichen Ämtern versperrt, Frauen, Kindern und Unfreien sowieso.
Immerhin verstanden es die Griechen, die Staatsgewalt in viele Hände zu legen und so den morgenländischen Despotismus zu stoppen. Im Orient gehörten Grund und Boden dem Tempel oder dem König, alles war überreguliert. Ägyptens Pharao kontrollierte den Handel ähnlich scharf wie die ehemaligen Planwirtschaftler der Sowjetunion.
Die Griechen hassten solche Fesseln. Wo es möglich war, stärkten sie die Privatinitiative und förderten den Wettbewerb. Steuern waren fast unbekannt. So entwickelte sich ein "hochgemuter Unternehmergeist" (Mertens).
Eine riesige Handelsunion entstand - vergleichbar dem britischen Commonwealth. Zinn aus Usbekistan und Wein
aus Frankreich schoben die Kaufleute über die Wellen. Die Bürger von Kyrene in Nordafrika verdienten ihr Geld mit dem Heilgewächs "Silphion". Welche Pflanze gemeint ist, ließ sich bislang nicht entschlüsseln.
Um 600 v. Chr. gelang auch der Sprung nach Ägypten. Der Pharao erlaubte, im Nildelta den Handelsposten Naukratis einzurichten. Erstmals sahen die Kaufleute aus dem Norden die Pracht steinerner Tempel, Pyramiden und Obelisken. Das stachelte ihren Ehrgeiz an.
Also betrieben sie Industriespionage und ahmten die Bautechniken der Ägypter nach. Bald waren ihre Flaschenzüge besser, die Polierwerkzeuge schärfer, die Architektur war eleganter. In Selinunt liegt ein über 70 Tonnen schwerer Giebel im Schutt. Es ist ein Wunder, wie es gelang, solche schwebenden Lasten millimetergenau auf 20 Meter hohen Tempeln einzupassen.
Das Multikulti und die vielen Auslandskontakte erschütterten aber auch die eigenen Sitten und Denkgewohnheiten. Wer um 600 v. Chr. in Milet lebte, kannte die Beschneidungsriten der Ägypter ebenso wie den Brauch der Phönizier, erstgeborene Babys ins Feuer zu werfen. Es war diese frühe Globalisierung, die nun die Basis für einen geistigen Höhenflug abgab.
In Kleinasien, wo die Kolonien direkt an die östlichen Hochkulturen, die Reiche der Meder, Lyder und Perser angrenzten, krachte es zuerst. Ein geistiges Wetterleuchten begann.
Von Thales wird erzählt, dass er als Kaufmann Ägypten besuchte und sich dort mit Grundfragen der Geometrie vertraut machte. Bald danach reiste er an den Hof des Lyderkönigs nach Sardes, nur zwei Tagesreisen von Milet entfernt. Dort weihte man ihn in die Sternenkunde ein. Bald baute er selbst Schattenmesser, Sonnenuhren und vermaß den Lauf des Mondes.
585 v. Chr. dann sein Meisterstück: Thales sagte eine Sonnenfinsternis voraus. In zahllosen Geschichtswerken und Schulbüchern wird die Tat verherrlicht. Erst die moderne Forschung konnte zeigen: Der Mann stützte sich auch auf Tafeln babylonischer Priester, die seit 721 v. Chr. partielle und totale Eklipsen festgehalten hatten.
Doch der schlaue Grieche, den Statuen mit Ponyfrisur und tiefen Stirnfalten zeigen, ahmte nicht einfach nur nach. Er trieb die Gedanken weiter, verwandelte sie sich an. Er blickte wie durch eine Röntgenbrille auf die Welt. Sein Kernsatz, der ihn berühmt machte, lautet: Alle Dinge sind aus Wasser entstanden.
Das war zwar falsch, gleichwohl ungemein bedeutsam. Thales hatte die Natur rational auf einen einzigen Grundstoff zurückgeführt und so zugleich die Philosophie und die Chemie erfunden. Die mythischen Welterklärungsversuche, mit ihren phantastischen Befruchtungsgeschichten und "Am Anfang war das Chaos"-Ideen, hatten ausgedient.
Nun trat der Logos an, die Morgenröte des Frontallappens begann. Der Philosoph Anaximander (610 bis 546 v. Chr.) führte bereits ein abstraktes Grundprinzip als Urstoff ein: das Grenzenlose.
Sein Kollege Anaximenes (585 bis 526 v. Chr.), ebenfalls ein Milesier, studierte den Regenbogen. Er hielt die ganze Wirklichkeit für nichts anderes als verdichtete oder verdünnte Luft.
Weltferne Grübler nach Art neuzeitlicher Philosophieprofessoren waren die frühen Brüter aus Ionien indes nicht. Lärm und Marktgeschrei umgab sie. "Fast jedes Haus in Milet betrieb ein Gewerbe", wundert sich der Forscher Graeve. "Schmiede, Knochenschnitzer, Töpfer lebten dicht bei dicht." Ein "kleiner Industriestaat" sei so entstanden.
Am meisten rumorte es am Hafen, Milet diente als Drehscheibe der Ostkolonisation. Etwa 80 Tochterstädte wurden von hier aus entlang der Schwarzmeerküste gegründet. Frachter lagen an den Kais, daneben erhoben sich Speicher und Verladerampen. Dort lagen die Auswandererschiffe, die bis nach Georgien und zur Wolga fuhren. Als die ersten Siedler abreisten, war Athen noch ein Nest.
Pollenanalysen beweisen, dass die Stadt für ihre See-Unternehmen schwerste Umweltsünden beging. Die Eichenwälder der Region fielen dem Bau von Schiffen zum Opfer.
Man kann nur ahnen, wie quirlig es einst an den hölzernen Anlegern der Stadt zuging. Fischhändler priesen Aale und Muscheln
an, Bankiers sorgten sich um Kredit und Zins, Sklaven beluden die Schiffe mit kostbaren Gefäßen und gefärbten Stoffballen. Andere Boote nahmen mit Auswanderern Kurs auf die windumtosten Dardanellen.
In diesem Tumult standen mittendrin die Bahnbrecher der Vernunft. Thales arbeitete als Ingenieur und vermietete gegen hohe Profite Ölmühlen. Anaximander führte eine Expedition an zur Kolonie Apollonia am Schwarzen Meer.
Nicht reiner Erkenntnisdurst trieb diese Männer an, sondern handfeste praktische Probleme. Thales widmete sich der Astronomie, um hernach die Seefahrer zu lehren, nach dem Sternbild des Kleinen Bären zu navigieren. Sein Kongruenzsatz über Dreiecke lässt sich nutzen, um den Abstand von Schiffen auf hoher See zu bestimmen. Die erste Weltkarte des Hekataios, des Vaters der Geografie, sollte schlicht helfen, die Fernreisen der milesischen Händler sicherer zu machen.
Zuweilen lagen die Pioniere der Wissenschaft zwar ziemlich daneben. Ihre Annahme, dass der Mensch vom Hai abstamme, ist ebenso falsch wie die These, die Erde sehe aus wie ein Pfannkuchen. Entscheidend aber waren nicht die Antworten, sondern die kühnen Fragen, die sie stellten.
Parallel zum geistigen Blickfeld, das sich damals rasant erweiterte, hob ein Sturm der Gefühle an. Die ganze Klaviatur sexuellen Empfindens, von der Liebe bis zur Sehnsucht, bis dahin in steife religiöse Formeln gebunden, trat nun hell und frei in der Lyrik in Erscheinung.
"Herz, mein Herz, von ausweglosen Kümmernissen wirr und wüst", sang der Urvater der Lyrik, Archilochos (geboren um 680 v. Chr.), als ihm der Beinahe-Schwiegervater die zugesprochene Tochter doch nicht überließ.
Er konnte allerdings auch pöbeln und sich "an den Schmähungen seiner Feinde mästen", wie es in alten Texten heißt. Der Historiker Robert Payne nannte ihn den "ersten Dichter des Hasses".
Vor lauter Leid vergnügte sich der Ur-Barde, der als Söldner gegen bulgarische Stämme kämpfte, mit Huren. Doch hielt er ihren Preis für zu hoch und ihre Beine für zu fett.
Ein Hauch von Vagantentum und Boheme machte sich schon damals in den Kolonien breit. Die Dichterin Sappho, die ihre Heimat Lesbos verließ und lange auf Sizilien lebte, war eine Unerlöste, den Frauen leidenschaftlich zugetan. Als 50-Jährige stürzte sie sich von einem Felsen. Ihr Bruder verdiente derweil durch Weinhandel mit Ägypten großes Geld - und brachte es später mit einer Edeldirne durch.
Pralle Lebensläufe und fast modern anmutende Individuen treten uns da plötzlich entgegen - allen voran Heraklit (540 bis 480 v. Chr.), der in Ephesus lebte und gegen die alten Sitten Sturm lief. Den gefeierten Dichter und Adelsliebling Homer konnte er nicht leiden. Er riet, ihn "aus den Listen zu streichen und auspeitschen zu lassen".
Rund 130 Fragmente hat der knorrige Philosoph hinterlassen. Das Altertum nannte ihn nicht umsonst den "Dunklen". Heraklit dachte bereits dialektisch, er erklärte die Welt als eine Abfolge von Gegensätzen. "Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen", nervte der Grübler seine Zeitgenossen.
"Hochmütig und herablassend" sei Heraklit gewesen, heißt es in antiken Schriften. Am Ende saß der Sohn aus gutem Hause verwahrlost in den Bergen, angeblich aß er Gras und Kräuter wie ein Tier und legte sich in einen Kuhstall. Anzeichen von Schwermut?
Tatsache ist: Angestachelt vom Leitmotto "Erkenne dich selbst", stieg die geistige Elite Griechenlands in immer tiefere Abgründe der Seele hinab, um das Höllenkönigreich Ich auszuleuchten. Dabei vereinzelte sie sich und begann, an der Welt zu leiden. Aber sie lernte auch, ihren Schmerz in wunderbare Worte zu fassen:
Schütte kühlenden Wein
Über das Herz!
Siehe der Hundsstern steigt!
Dieser Sommer ist schwer.
Glutüberhaucht
Dürstet die ganze Welt
Und die Baumgrille singt
Süß aus dem Laub.
So klampfte der Sänger Alkäus mit fast modernem Zungenschlag auf der Leier. War er nüchtern, beobachtete er gern badende Frauen.
Ähnlich alkoholfreudig gab sich Anakreon aus Teos (Türkei), den es im Alter
ärgerte, dass ihn die jungen Mädchen wegen seines grauen Haars verschmähten. Um sich zu trösten, griff auch er zum "Saft der Reben".
Hier das geschundene Ich - dort eine immer schärfer werdende Gedankenwelt: Zenon von Elea (Unteritalien) trieb es am weitesten. Er erzählt die berühmte Geschichte vom Läufer, der die Schildkröte nicht einholen kann, weil er immer erst den Punkt erreichen muss, von dem das Kriechtier vorher aufgebrochen ist.
Der Denker beschrieb damit in seinem Paradoxon das Rätsel der Bewegung im Raum. Gelöst wurde das Problem erst 2000 Jahre später von Isaac Newton mit seiner Infinitesimalrechnung.
Was für ein genialer Taumel! Die Griechen, keine Frage, befanden sich damals in einer Art kulturschaffender Raserei.
Zusätzliche Verwirbelung entstand, weil Ionien die volle Ladung an religiös-ekstatischen Ideen abkriegte, die aus dem Osten herandrängten.
Es war Friedrich Nietzsche, der die Welt der Hellenen von zwei gegensätz- lichen Kräften zerrissen sah. Hier das "Dionysische", das ichsprengende und blinde Triebgelüst des Menschen. Dort das "Apollinische": die beruhigte Welt des Geistes, der Kunst und des schönen Scheins.
Mit seinen Überlegungen aus der berühmten Schrift "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" traf Nietzsche offenbar ins Schwarze. Ein ums andere Mal zeigt die neue Forschung, wie die Griechen die aus dem Orient heranschwappenden kultischen Rasereien zähmten und glätteten.
Beispiel: Das Morgenland kannte einen Himmelsgott, der seinen eigenen Vater mit den Zähnen entmannt und dessen Glied in einem kannibalischen Akt herunterschlingt.
Hesiod übernahm die Geschichte zwar in seiner "Theogonie" - aber er entschärfte sie. Bei ihm schneidet Kronos dem eigenen Erzeuger Uranos "mit einer ungeheuren Sichel, groß und scharfzahnig" die Scham ab. Das mit dem Penisessen ließ er weg.
Anderes Beispiel: Bei den aktuellen Grabungen in Milet kamen mehrere kleine Figurinen mit Vagina und nackten Brüsten zutage. Es sind Darstellungen der Aphrodite.
"Erst später, auf dem Olymp, läuterte sich diese Göttin zum anmutigen, kichernden Mädchen", erklärt Graeve. In Ionien sei sie noch "im Rohzustand" zu besichtigen - als Abbild der mesopotamischen Fruchtbarkeitsgöttin Ischtar. In deren Dienst standen sogar Dirnen, die leidende und vereinsamte Männer im Heiligtum durch Liebkosungen zu heilen versuchten.
Das ging den Griechen wiederum viel zu weit. Sie lehnten die Tempelprostitution ab und tobten sich lieber in privater Runde aus. Gern luden reiche Gastgeber Freunde zum Tête-à-tête mit Kurtisanen. Alles war bei diesen Orgien erlaubt, auch der Phallus aus Leder ("olisbos") kam häufig zum Einsatz. Aber gleichsam nur hinter zugezogenen Gardinen.
Das eben war das Rezept der Hellenen: Sie stutzten die dämonische Macht der Götter und führten das Leben ins Bürgerlich-Private über.
Im Prinzip machten sie es wie Odysseus, der sich an den Mast fesseln lässt, um dem lockenden Gesang der Sirenen zu lauschen. So erfährt er tiefste Lust, verfällt ihr aber nicht. Das Ich bleibt stark, der Kurs rational.
Diese Methode machte das Wirken dieses Volkes so unwiderstehlich; in ihr begründet sich sein Aufstieg. Während der Orient auf der Stelle trat, entwickelten sich die Griechen zur geistigen Supermacht.
Syrakus war im 5. Jahrhundert v. Chr. mit rund einer Million Einwohnern die größte und schönste Stadt des klassischen Altertums. "Leben auf Sizilisch" , schrieb Platon, bedeute, ein "seliges Leben zu führen, voll von gedeckten Tischen und Festmählern".
Alle Rekordbauten des griechischen Altertums stehen fernab des Mutterlandes. Geblieben sind davon nur Trümmer - und im Fall von Milet nicht einmal das.
Der Grund: 494 v. Chr. eroberten die Perser die Stadt und schleiften sie brutal. Es war der letzte große Sieg des Orients über Europa für lange Zeit.
"Die Soldaten rissen die Häuser ein und zerhackten die Tempel mit Eisenpickeln", erklärt der Forscher Graeve, "wäre das nicht passiert, würde heute kein Mensch über Athen sprechen."
So aber kam es anders. Milet erholte sich von dem Schlag nie mehr. Die Eule der Minerva flog hinüber nach Piräus.
Nun taucht die alte Boomtown - verschlammt und zerschmettert - wieder auf. Ein Prozent des Stadtgebiets ist bislang freigelegt. 56 Betten stehen für die Wissenschaftler bereit. Geophysiker aus Kiel sind vor Ort und Keramikexperten aus Petersburg.
Vom Apollon-Tempel klingt das Stampfen des Tiefbohrers herüber. Nachts nerven die Mücken und die harten Betten im Camp.
Die Stimmung ist gleichwohl bestens. Jeder Spatenstich wirft mehr Licht auf jenen Ort, wo sich die Geburt des bürgerlichen Individuums und der Urknall der Wissenschaft vollzog. Und vielleicht finden die Forscher sogar das Grab jenes Mannes, mit dem alles begann:
Thales von Milet. MATTHIAS SCHULZ

Thales von Milet entwickelte ab etwa 600 v. Chr. die Grundlagen der Geometrie. Er beschäftigte sich mit Magnetismus und sagte die Sonnenfinsternis vom Mai 585 v. Chr. (wohl nur aufs Jahr genau) voraus - ein Meilenstein der Astronomie und ein erster Schritt zur rationalen Erkundung des Himmels.

Demokrit
Der Philosoph aus der Kolonie Abdera in Thrakien, geboren 460 v. Chr., erklärte die Materie aus kleinsten unteilbaren Atomen. Wesentliche Grundzüge seiner Lehre wurden von den Naturforschern der Neuzeit übernommen. Sie führte am Ende zum Atommodell von Nils Bohr, zur Kernspaltung und zum Bau von Atombomben.

Sappho
stürzte sich wegen einer unglücklichen Liebe von einem Felsen. Die berühmteste Lyrikerin der Antike besang in ihren erotischen Gedichten auch das Gefühlsleben junger Mädchen. Ihre Heimatinsel Lesbos wurde zum Symbol gleichgeschlechtlicher Liebe.

Aischylos gilt als Schöpfer des Dramas, weil er etwa um 480 v. Chr. den zweiten Schauspieler auf der Theaterbühne einführte. Der Dichter, Soldat im Perserkrieg, schrieb etwa 90 Tragödien - 7 sind erhalten - und einige Satyrspiele. Viele seiner Werke verfasste er für den Tyrannen von Syrakus. Er starb auf Sizilien.

Anaximander war als Astronom und Philosoph in Milet tätig. Er baute Sonnenuhren und entwickelte Instrumente zur Landvermessung. Antiken Zeugnissen zufolge "skizzierte er als Erster eine Karte der Erde und des Meeres". Diese Weltkarte entstand um 550 v. Chr. - die Geburtsstunde der Geografie.
* Von Raffael, 1510/11.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 48/2006
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