04.12.2006

STRAFJUSTIZ„So könnte es gewesen sein“

Hat die Zeugin gelogen? Der Kieler Psychologe Günter Köhnken hat in einem Missbrauchsprozess das Landgericht Erfurt vor einem Fehlurteil bewahrt. Von Gisela Friedrichsen
Hineinschauen kann man in keinen Menschen. Ob er die Wahrheit sagt oder frech lügt? Oder vielleicht an eine Wahrheit glaubt, die gleichwohl nicht stimmt? Nicht immer lässt sich von der Nasenspitze ablesen, was im Kopf vorgeht.
Wenn vor Gericht Aussage gegen Aussage steht und keine weiteren Beweismittel eine Version stützen können, bedienen sich Richter bisweilen psychologischer Gutachter, die dann überprüfen sollen, auf welche Quelle oder Motivation die Aussage zurückzuführen sein könnte - sollte es sich denn um eine Falschbeschuldigung ohne Erlebnisgrundlage handeln. Vom Sachverstand dieser Psychologen und der Frage, ob sie diagnostisch fehlerfrei nach dem neuesten Stand ihrer Wissenschaft arbeiten und die richtigen Untersuchungsmethoden anwenden, hängt also viel ab.
Ein Zeuge kann absichtlich etwas erfunden haben, um einen anderen zu belasten oder um sich selbst aus einer unangenehmen Situation zu befreien. Er mag sich von einer falschen Angabe irgendeinen Vorteil versprechen. Das behauptete Ereignis kann stattgefunden haben, aber vielleicht mit jemand anderem. Oder eine Aussage ist das Ergebnis fremd- oder autosuggestiver Prozesse. Richterliche Lebens- und Berufserfahrung reichen zur Beurteilung nicht immer aus, vor allem wenn es sich um Angaben eines Kindes oder eines psychisch auffälligen Zeugen handelt.
Wie war es wirklich? Diese Frage stellt sich besonders drängend, wenn ein bis dahin unbescholtener Mann plötzlich in den Verdacht eines möglicherweise Jahre zurückliegenden angeblichen sexuellen Kindesmissbrauchs gerät, den er bestreitet. Falls dieser Vorwurf nicht gerade im Zusammenhang eines erbitterten Scheidungskampfes vorgebracht wird, eine bewusste oder unbewusste Motivation für eine Falschaussage also nicht auf der Hand liegt, fragen Richter üblicherweise: Warum sollte der Zeuge nicht die Wahrheit sagen? Was hat er von einer Phantasiegeschichte? Wer zieht denn ohne Not vor Gericht? Da wird schon etwas gewesen sein.
Der Angeklagte hat dann kaum eine Chance. Um ein solches Strafverfahren einigermaßen unbeschadet zu überstehen, reicht es nicht, dass der Angeklagte mit viel Glück einen erstklassigen Anwalt findet (und sich leisten kann!). Es muss auch ein Sachverständiger gefunden werden, der es nicht dabei bewenden lässt, mechanisch nur die Mindeststandards herunterzubeten, deren Beachtung der Bundesgerichtshof seit 1999 von den forensischen Psychologen bei der Analyse von Aussagen fordert. Vor allem aber muss der Angeklagte das Glück haben, an Richter zu geraten, die, wenn die Wahrheit im Dunkeln bleiben sollte, die Regeln des Strafprozesses ehern befolgen.
Seit Mai hatte sich vor dem Landgericht Erfurt ein 41 Jahre alter Diplomingenieur wegen des Vorwurfs zu verantworten, die heute 22 Jahre alte Nichte seiner Ex-Freundin Anfang der neunziger Jahre sexuell missbraucht zu haben. Er wurde verteidigt von dem Düsseldorfer Rechtsanwalt Rüdiger Deckers. Die Belastungszeugin und ihre Angaben begutachteten zunächst der Psychiater und Traumatologe Hinderk Emrich (Hannover), dann der Psychologe Günter Köhnken (Kiel). Danach sprach die 3. Große Strafkammer mit dem Vorsitzenden Holger Pröbstel den Mann frei. Er hatte Glück gehabt, Riesenglück. Denn erst sah es gar nicht gut aus für ihn.
Das angebliche Opfer aus einem kleinen Ort bei Dresden wuchs in problematischen Verhältnissen auf. Die Eltern ließen sich früh scheiden, der nächste Mann der Mutter bereits machte sich an die Fünfjährige heran. Von da an lebte sie in zwei Welten: hier Kind, dort heimlich Frau.
Die Mutter verliebte sich später in eine Frau. Der Stiefvater tröstete sich weiter mit der Tochter. Bemerkte die Mutter, die selbst von ihrem Vater missbraucht worden war (Pröbstel: "Abgründe tun sich hier auf!") und daher besonders aufmerksam hätte sein müssen, nicht die Not des Kindes? Mit 15 floh die Tochter zu ihrem leiblichen Vater und dessen Lebensgefährtin in die Nähe von Hannover.
Dort kamen die nächsten Schwierigkeiten: das andere Schulsystem, in dem sie abstürzte, die fremde Stiefmutter, Drogen, Alkohol, Schuleschwänzen, Selbstverletzungen, wahllose Intimkontakte, häufige Krankheiten. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Kinderpflegerin - doch mit Kindern zu arbeiten, unmöglich. Sie sah in jedem Kind ihre eigene Geschichte.
Zur Zeit des Missbrauchs durch den Stiefvater soll es auch zu den Übergriffen durch den Angeklagten gekommen sein. Wann war das erste Mal? Sie weiß es nicht. Auch ein Arbeitskollege des Stiefvaters habe sie angefasst. Wann? Womöglich gab es noch einen weiteren Mann. Wo? Wie?
Vor Gericht fällt ein Name. Die Richter forschen nach, laden den Mann als Zeugen.
"Ich hab nichts gemacht mit ihr", beteuert er. Die junge Frau, flüsternd: "Doch! Ich war zehn oder elf. Es ging alles von mir aus. Es war im Kinderzimmer. Meine Schwester und ich saßen auf dem Bett. Die Schlafanzughose hatte ein Loch. Ich hab ihn gedrängt, dass er mich da anfasst. Hab seine Hand genommen und unter der Decke dahin geführt. Aber er wollte nicht." Sie weint. Sie habe das nie erzählt, weil sie doch selbst schuld gewesen sei.
Pröbstel: "Das ist keine Frage von Schuld! Ein Kind hat nie Schuld bei solchen Sachen! Es ist immer der Erwachsene, Schluss, aus. Ich habe Respekt, dass Sie hier sitzen und aussagen. Aber Sie wissen, dass es drauf ankommt, wer alles an Ihnen dran war. Denn wir haben eine Fürsorgepflicht gegenüber dem Angeklagten."
Der Zeuge wird noch einmal geholt. Er erinnert sich an eine Situation im Urlaub, die vielleicht missverständlich war. Daran wiederum erinnert sich die junge Frau nicht. "Wenn man sich mit Erinnerungen beschäftigt, denkt man manchmal, es sei was passiert, ohne dass es wirklich passiert ist", hilft ihr der Vorsitzende.
In einem Bootshaus sei es gewesen mit dem Angeklagten. Jemand habe geklopft, die Tür aufgemacht und alles gesehen, sagt sie. Sie weiß den Namen des Betreffenden. Doch der hat keineswegs etwas gesehen.
Die Aussage der jungen Frau ist auf Vorschlag des Nebenklageanwalts zunächst von dem Traumatologen Emrich auf ihre Glaubhaftigkeit hin begutachtet worden; allerdings verzichtete der Psychiater auf eine Sachexploration, weil die Zeugin die Fassung zu verlieren drohte. Gleichwohl bewertete er das Aussagematerial und erklärte es für glaubhaft.
Pröbstel: "Wir hatten den Eindruck, dass die Zeugin kein fertiges Konzept hatte. Sie hat den Angeklagten nicht übermäßig belastet. Ihre Schilderungen waren zwar blass, aber doch auch emotional. Erinnerungslücken gab sie freimütig zu. Sie drängte sich nicht in den Vordergrund. Natürlich ist sie heute sexuell erfahren, und dumm ist sie auch nicht. Klar, sie hätte etwas konstruieren können. Doch warum? Wir haben kein Motiv dafür gefunden. Man kann uns vorwerfen, nicht genug nachgefragt zu haben. Aber es war ein relativ schlüssiges Bild."
Die Verteidigung holte eine methodenkritische Stellungnahme zu Emrich von Professor Luise Greuel (Bremen) ein. Frau Greuel gehört wie Köhnken zu den namhaften Rechtspsychologen in Deutschland. Sie brachte die entscheidende Alternativhypothese,
an die bis dahin nicht gedacht worden war, ins Spiel: Pseudoerinnerungen. Ein Sachexplorationsgespräch hielt sie für unabdingbar zur Beantwortung der Frage, ob die Aussage erlebnisfundiert ist.
Daraufhin beauftragte die Kammer von sich aus - wie schwer tun sich Gerichte sonst mit einem solchen Schritt, wenn sie ihn überhaupt tun! - Professor Köhnken mit einer neuerlichen Exploration der Zeugin und einer Begutachtung ihrer Aussage. Pröbstel kennt Köhnken von zahlreichen Fortbildungsveranstaltungen der Richterakademie. Er schätzt ihn hoch. Denn Köhnken, stets freundlich, uneitel und unaufgeregt, ist nicht nur ein international anerkannter Forscher, sondern auch ein außergewöhnlicher Hochschullehrer. Ihm hört man zu, ihn versteht man, selbst wenn er über hochkomplizierte Vorgänge in der Psyche spricht.
Als Köhnken die Akten bekam, ging es ihm zunächst wie der Kammer. Auch er neigte der Auffassung zu, die Zeugin habe die Übergriffe tatsächlich erlebt. "Was sich später als Problem herausstellte und was ich in dem Ausmaß noch nie so erlebt habe - daran habe ich zunächst gar nicht gedacht", sagte er im Gerichtssaal. "Sie erzählte und erzählte, doch erst auf Nachfrage merkte ich, dass das jeweils nur Rückschlüsse und Schlussfolgerungen waren."
Sie sagte dann zum Beispiel: "Wie es genau dazu gekommen ist, weiß ich nicht, es war wohl so ähnlich wie im Schlafzimmer. Ich denke mal, wir haben irgendwelche Übungen gemacht. Wie es weiterging? Schwierig zu sagen. Ob es so abgelaufen ist, wie ich es im Kopf habe? Es war mir immer klar, was passieren würde. Ich denke, ich habe wohl so rumgespielt. Eigentlich habe ich gar keine Erinnerung. So könnte es aber gewesen sein."
Als die ersten Andeutungen über Missbrauch durch den Angeklagten entstanden, nach dem Wegzug von zu Hause in den Westen zum Vater, befand sich die damals halbwüchsige Zeugin in einer schweren psychischen Krise. Sie habe wissen wollen, sagte sie schon zu Professor Emrich, was die Ursache ihrer Probleme sei. Sie verknüpfte Gefühle und Erinnerungsinseln und ergänzte sie mit Bildern.
Köhnken: "Die Aussage über den Angeklagten entstand über lange Zeit. Erst hatte sie unangenehme emotionale Affekte. Sie bemühte sich um eine Erklärung, überlegte, und dann setzt die Entwicklung der Aussage ein. Durch vielfach wiederholte Imagination kann es in psychischen Ausnahmesituationen zu autosuggestiven Prozessen und damit zu Aussagen kommen, die wie erlebnisbegründet klingen." Mit Lügen hat das nichts zu tun. Doch die Hypothese, die Beschuldigungen könnten auch eine durch Autosuggestion entstandene unabsichtliche Falschaussage sein, ist dann nicht mehr zurückzuweisen.
Die Strafsache, um die es in Erfurt ging, litt bis zum Schluss an einem Geburtsfehler: Die junge Frau war von den Ermittlungsbeamten nie ordnungsgemäß zur Sache vernommen worden. Als sie mit einem vorgefertigten Schreiben bei der Polizei erschien, das sie auf Anraten ihrer damaligen Anwältin verfasst hatte, nahm man dies zur Akte, stellte einige wenige Fragen und verzichtete auf eine Vernehmung. So blieb es bis zum Prozess. Und dann stehen die Richter da und sollen sich ein Bild machen.
Unlängst begann Köhnken einen Vortrag zum Thema "Fehlerquellen in Glaubwürdigkeitsgutachten" mit dem großen Wort: "Auch Sachverständige können irren". Wohl wahr. Wie viel Unsinn bekommt man vor Gericht gerade bei Glaubhaftigkeitsgutachten zu hören: Da wird etwa ein Proband einer "Erlebnisgedächtnisprüfung" unterzogen, er soll ein zurückliegendes Ereignis schildern. Tut er das ausführlich und detailreich, erkennt mancher Psychologe darin eine gute Erinnerung an Erlebtes. Ob das aber stimmt, was der Proband erzählt, wird nicht überprüft. Möglicherweise ist er nur eloquent.
Oder die "Phantasieprobe", bei der der Proband sich auf der Stelle eine Geschichte ausdenken soll. Ist sie wenig originell, ja dürftig, wird gefolgert, der Zeuge sei gar nicht in der Lage, sich etwa ein Missbrauchsszenario auszudenken, seine Angaben seien also glaubhaft. Dabei ist die Aussage vor Gericht kein spontaner Einfall, sondern ein meist über längere Zeit erarbeitetes Produkt.
Oder: Der Proband bekommt eine kurze Geschichte zu hören. Später muss er 28 Fragen dazu beantworten. Liegt er 14-mal richtig, gilt dies als durchschnittliches Ergebnis. "Das ist Quatsch, Scharlatanerie", sagt Köhnken. Welche Fragen wurden denn richtig beantwortet? Nicht alle haben diagnostisch die gleiche Bedeutung.
Der Erfurter Vorsitzende verabschiedete sich von Köhnken mit Handschlag: "Sie haben uns vor einem Fehlurteil bewahrt, danke." Ob der Angeklagte einst Grenzen überschritten und sich strafbar gemacht hat, steht dahin. Wenn es nicht reicht für eine Verurteilung, dann reicht es eben nicht. Das ist Rechtsstaat.
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 49/2006
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