04.12.2006

Todesurteil aus Moskau

Der Polonium-Anschlag auf den Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko ist der vorläufige Höhepunkt einer Mordserie, deren Auftraggeber vor allem Furcht verbreiten. Die Bluttaten tragen dazu bei, das Klima in Putins straff gelenktem Staat weiter zu vereisen.
Vier lange Tage hat Andrej Nekrassow am Bett des sterbenden Putin-Gegners Alexander Litwinenko verbracht, er hat den Verfall seines Freundes Sascha miterlebt und die massive Medienpräsenz im Hospital des University College ertragen. Nun, am Donnerstag voriger Woche, hetzte er durch das stets überfüllte Terminal 1 des Flughafens Heathrow.
Draußen standen die zwei Boeings der British Airways vom Typ 767, welche die Londoner Polizei aus dem Verkehr gezogen hatte - weil in ihnen Spuren jenes radioaktiven Metalls Polonium 210 nachgewiesen werden konnten, das Litwinenko umgebracht hatte. Mit Hilfe einer Hotline versuchte die Airline, Kontakt zu mehr als 30 000 Passagieren in ganz Europa aufzunehmen, die seit dem 25. Oktober in diesen Maschinen gesessen und möglicherweise Strahlen abbekommen hatten.
Doch während sich die Angst vor der unheimlichen Gefahr weit über London hinaus ausbreitete, fürchtete sich Filmregisseur Nekrassow - auf dem Weg zu einem Termin in Mailand - überhaupt nicht. Der Gedanke, dass er an Litwinenkos Sterbebett selbst verstrahlt worden sein könnte, schien ihm in Anbetracht der dramatischen Ereignisse lächerlich. Man hatte auch ihm eine Untersuchung angeboten, er hatte sie ausgeschlagen. Nekrassow hat sich nach dem Tschernobyl-GAU in der Ukraine aufgehalten, da habe er "natürlich einiges abbekommen". Er sagt: "Was von Alexander hätte kommen können, ist doch minimal."
Litwinenko hatte er bei den Dreharbeiten für seinen Dokumentarfilm "Disbelief" im Jahr 2002 kennengelernt. Die beiden redeten ganze Nächte hindurch, freundeten sich an. Gemeinsam auch hatten sie in der Westminster Abbey eine Gedenkfeier für die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja besucht. Nach dem Ende des Gottesdienstes hatte Litwinenko beim Hinausgehen gesagt: "Es ist ganz eindeutig: Sie arbeiten eine Liste ab. Der Staat hat sich zu einem Serienkiller entwickelt."
Im Gegensatz zu seinem toten Freund, der bis zum letzten Atemzug den russischen Präsidenten direkt beschuldigt hatte, den Auftrag für den Mord erteilt zu haben, glaubt Nekrassow nicht, dass Wladimir Putin die Vergiftung persönlich angeordnet hat. Putin sei vielmehr unfähig, bestimmte Elemente unter seinen Verbündeten zu kontrollieren, sagt Nekrassow. "Leute, die sich in ihren Datschas und Saunas hinsetzen und die sich damit brüsten, jederzeit jeden, der ihnen missfällt, egal wo auf der Welt, zu finden und zu zerstören."
Also nicht nur Litwinenko? Auch die Politkowskaja? Und womöglich den Journalisten Jan Trawinski, der 2004 im sibirischen Irkutsk erschossen worden war? Den ehemaligen tschetschenischen Sicherheitschef Mowladi Baissarow, den die Kugeln am 18. November in Moskau während seiner Verhaftung auf offener Straße erreichten, genau wie den Vizechef der russischen Zentralbank, Andrej Koslow, der am 13. September zwei Killern zum Opfer fiel? Sind all diese Morde auch in einer Sauna abgesprochen worden?
Ist es wirklich so, dass politischer Mord im Kreml-Reich wieder zu einem Instrument der Auseinandersetzung geworden ist? Ein Rückfall in Zeiten, in die eigentlich niemand mehr zurückfallen wollte? Müssen sich Dissidenten im Staat des Wladimir Putin wieder fürchten, wie sie sich in der Sowjetunion des Leonid Breschnew fürchten mussten?
Es gibt eine ganze Reihe gruseliger Anschläge, deren Urheber niemals enttarnt, gleichwohl in Russland vermutet wurden. Der prowestliche ukrainische Präsidentschaftskandidat Wiktor Juschtschenko hat 2004 nur knapp ein Giftattentat überlebt, nachdem er seinen prorussischen Rivalen Wiktor Janukowitsch herausgefordert hatte. Im Juli 2003 starb der Journalist und Menschenrechtler Jurij Schtschekotschichin an etwas, das als "allergische Reaktion" ausgewiesen wurde. Auch das aus Moskau gelenkte Giftanschläge?
Humbug seien derlei Verdächtigungen, wehrt sich Putin. Auf dem EU-Gipfel vorvergangene Woche im finnischen Helsinki wies er darauf hin, dass auch andere Länder ihre ungeklärten Todesfälle hätten. Aber warum hat er dann nicht einen Untersuchungsausschuss zum Tod der Politkowskaja eingerichtet? Warum lässt er es zu, dass nicht nur in seinem Land, sondern in der ganzen Welt die Verschwörungstheorien wuchern?
Seit 2000 sind mindestens 13 russische Journalisten unter merkwürdigen Umständen ums Leben gekommen. Ist das nicht Aufklärungsbedarf genug?
Die Affäre um Alexander Litwinenko, die in der vorigen Woche wie eine kuriose Reminiszenz an die Ära des Kalten Krieges
aussah, ist zu einer hochbrisanten politischen Angelegenheit geworden. Sie wirft ein düsteres Licht auf den undurchsichtigen und brutalen Machtapparat des postsowjetischen Russland.
"Dies ist eine sehr, sehr ernste Sache", sagte Premierminister Tony Blair bei einer Zwischenlandung auf dem Weg zum Nato-Gipfel in Riga. Er wolle nicht zulassen, dass die Nachforschungen von irgendwelchen diplomatischen oder politischen Zwängen behindert würden.
Sein Minister für Nordirland, Peter Hain, scheute sich nicht, konkreter zu werden. "Das Versprechen, das Präsident Putin mit seinem Amtsantritt Russland gab, ist verdunkelt worden durch Dinge, die seither geschahen, samt einigen extrem düsteren Morden."
Merkwürdig desinteressiert wirkt der Kreml-Chef, fast abgehoben von der Wirklichkeit, so als nehme er den internationalen Aufschrei und die persönlichen Beschuldigungen gar nicht zur Kenntnis - oder jedenfalls nicht ganz ernst. Nichts lässt erkennen, dass da ein um den Ruf seines Landes besorgter Politiker handelt, geschweige denn ein mitfühlender Mensch: Wladimir Putin gibt, Zoll für Zoll, Pokerface für Pokerface, den abgrundtief kühlen Ex-KGB-Oberst.
Zum Mord an der Journalistin Politkowskaja fiel ihm nur ein, sie sei doch "eine unbedeutende Größe gewesen". Zum Fall Litwinenko ließ er einen Sprecher des russischen Auslandsgeheimdienstes sagen, der Mann sei "nicht die Art von Person, derentwegen man die bilateralen Beziehungen (zu Großbritannien -Red.) gefährden würde".
Von Journalisten am Rande des EU-Russland-Gipfels zu einer persönlichen Reaktion gedrängt, nannte Putin den Tod zwar eine "Tragödie" und drückte in dürren Worten sein Beileid an die Familie aus, aber im selben Atemzug bezweifelte er die Authentizität des Litwinenko-Briefs vom Totenbett und warnte die britischen Behörden, die Untersuchungen zu einem "politischen Skandal hochzustilisieren".
Anstatt selbst die Initiative zu ergreifen und - spätestens jetzt, nach dem spektakulären Mordfall Nummer fünf innerhalb der letzten zwei Monate - eine hochkarätige russische Untersuchungskommission zur Aufklärung der skandalösen und brisanten Vorgänge einzusetzen, begnügte sich der Kreml-Chef mit dem lauwarmen Versprechen, die "britische Polizei nach Möglichkeit zu unterstützen".
Partner Putin, Verbündeter Russland - verzahnt durch Verträge mit dem Westen, Europas wichtigster Energielieferant mit einer wachsenden Wirtschaft, ein Staat, in den Grundzügen mit unseren westlichen Vorstellungen von einer freien und offenen Gesellschaft vereinbar: Heute stellt sich die Frage, ob das nichts als eine Illusion war, und zwar nicht nur für diejenigen, die Gerhard Schröders Bestätigung vom "lupenreinen Demokraten Putin" immer schon für blauäugig hielten.
Russland ist nicht nur eine Energie-Supermacht, zweitgrößter Erdölproduzent und das Land mit den mit Abstand größten Erdgasreserven, sondern inzwischen auch wieder ein politisches Schwergewicht. Wenn überhaupt eine Macht Irans Aufstieg zur Atommacht verhindern, Syrien zur Ver-
nunft bringen und den Nahen Osten mit in friedliche Gewässer überführen kann, dann Russland; ohne Moskaus Mithilfe ist auch eine Eindämmung des hochgefährlichen und waffenstarrenden nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il undenkbar.
Das schwächelnde Amerika braucht Russland jetzt mehr, als es je wollte.
"Was immer bei den Untersuchungen in Sachen Litwinenko und Politkowskaja herauskommt, diese Mordfälle haben Russlands schon heute frostige Zivilgesellschaft weiter in Richtung Eiszeit gestürzt und Erinnerungen wiederbelebt, welche die meisten Russen gern vergessen würden", schreibt das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time".
Erinnerungen an die Zeit, als es den Gulag gab und Angst das Leben prägte. Erinnerungen an jene Sowjettage, in denen die Menschen sich nur in der absoluten Privatheit ihrer Küchen und nur im Kreise der wirklich Vertrauten zu protestieren getrauten - mal abgesehen von einer Handvoll Helden wie Andrej Sacharow oder Natan Schtscharanski, die ihr Leben oder zumindest ihre körperliche Freiheit für den Widerspruch gegen den Staat riskierten.
Wer heute Moskau besucht, sieht eine strahlende Weltstadt, die sich von Paris, London oder New York nur noch durch eines zu unterscheiden scheint: die höheren Hotel- und Restaurantpreise. Alle Weltkonzerne haben hier ihre Dependancen, Gucci, Hermès und Dior verkaufen bei der "Millionärsmesse" besser als in jeder anderen Stadt der Erde. Protziger Reichtum ist ebenso zu sehen wie das Aufkommen einer neuen Mittelschicht, die sich zumindest in der Hauptstadt schon etwas leisten kann und sich dem westlichen Lebensstil von McDonald's bis Microsoft verschrieben hat.
Es gibt keine Pressezensur sowjetischen Typs mehr, der russische Konsument kann sich unbegrenzt durch Fernsehkanäle zappen, CNN, BBC und Deutsche Welle empfangen. 15 Jahre nachdem die Sowjetunion sich aus der Weltgeschichte verabschiedet hat - bezeichnenderweise nicht mit einem Big Bang, sondern eher mit dem kläglichen Seufzer eines (Un-)Wesens, das sich überlebt hat -, ist Russland transformiert. Das Land ist unendlich viel reicher geworden, zahlt seine Schulden vorzeitig zurück und häuft dank seiner Erdöl- und Erdgas-Bonanza gewaltige Devisenreserven an (derzeit wohl schon über 272 Milliarden Dollar); es ist unzweifelhaft erheblich weltoffener als die Ex-Sowjetunion.
Und doch kriecht jetzt die Furcht zurück. Die Furcht vor einer schleichenden "Entdemokratisierung" Russlands, vor einem je nach Lesart zunehmend zum Autoritären neigenden oder von seiner Umgebung in diese Rolle gezwungenen Präsidenten.
Wie unter Nikolai II. gehe die Politik wieder "vom Hofe aus", sagt Dmitrij Trenin vom Moskauer Carnegie-Zentrum. "Der Präsident als moderner Zar ist die einzig funktionierende Institution." Das Verfassungsgericht hat das vor wenigen Monaten mit einer Orwellschen Begründung offiziell bestätigt: Da Russlands Staatschef der "unmittelbare Vertreter des gesamten Volkes" sei, das Volk aber "die einzige Quelle der Macht", stünden Putin alle gewünschten Vollmachten zu. Selbst wenn sie nicht in der Verfassung aufgeführt seien.
Die politischen Institutionen des Landes sind verschlankt: Auf der obersten Führungsebene stammen inzwischen etwa 60 Prozent aus Militär und Geheimdienst; die Gouverneure mussten ihre Mandate im Föderationsrat niederlegen - das Oberhaus wurde praktisch entmachtet. Und mit einem selbstentworfenen Parteiengesetz schickte der Kreml die meisten in die Bedeutungslosigkeit. Seine Haustruppe Einiges Russland besitzt in der Duma die Zweidrittelmehrheit und passt die Parlamentsspielregeln rücksichtslos ihren Bedürfnissen an.
In diesem Jahr sollen noch zwei restriktive und höchst kontroverse Gesetzesvorhaben durchgepaukt werden. Nachdem die vom Ausland unterstützten Nichtregierungsorganisationen, die den schleichenden Übergang Russlands zur Autokratie kritisieren, schon an die Kette gelegt wurden, soll es nun auch die inländischen NGOs mit einer strikten Registrierung (und damit Überwachung) treffen. Ein zweites dubioses Vorhaben soll die "Kontrolle des politischen Extremismus" herbeiführen - was das ist, bestimmt im Zweifel der Kreml.
Die vergangenen Monate gehörten für Aktivisten und Kreml-Kritiker zu den düstersten seit Beginn der Ära Putin, auch jenseits der Gewaltverbrechen. Es war,
als würde der Kreml in Vorahnung von Schlimmerem zunehmend nervös.
So ließen die Behörden beispielsweise den Menschenrechtler Lew Ponomarjow verhaften und für drei Tage ins Gefängnis stecken. Sein Verbrechen: Er hatte eine Demonstration für die Opfer der Tragödie von Beslan organisiert, wo Terroristen über 1000 Menschen als Geiseln nahmen und Putins Spezialtruppen bei der "Befreiung" ein Blutbad anrichteten.
Über Behördenwillkür klagte auch Lidija Jussupowa, die mit ihrer Gruppe Übergriffe russischer Soldaten gegen die Zivilbevölkerung in Tschetschenien dokumentiert. Und besonders unter "Beobachtung" durften sich Journalisten fühlen, die immer wieder über Schikanen klagten: Vorladungen zum Staatsanwalt, Repressalien, anonyme Drohungen. Gleichzeitig verstärkte der Kreml seinen Zugriff auf die freie Presse.
Russlands Fernsehvolk darf sich zwar unbegrenzt durch Gewalt-, Sex- und Seifen-Serien zappen, die TV-Informationsprogramme aber kontrolliert weitgehend der Kreml. 90 Prozent der Nachrichten in den landesweit zu empfangenden Sendern, so die Journalistengewerkschaft, seien allein der Staatsmacht gewidmet - und Putin selbst.
Um die geschriebene Presse hatte sich der Staat bisher weniger gekümmert. In den vergangenen Monaten aber ließ der Kreml über den von ihm kontrollierten Gasprom-Konzern und dessen Medien-Holding auch die einflussreiche "Iswestija" kaufen; die Übernahme der auflagenstärksten Tageszeitung "Komsomolskaja prawda" ist schon beschlossene Sache und steht zum Jahresbeginn 2007 an.
Dramatisch verstärkt wird die Angst vor einem neuen, undurchsichtigen und undemokratischen Russland durch die unheimliche Mordserie, die das Big Business ebenso wie die Medien und die Systemkritiker getroffen hat. "Es mag keine Engpässe bei Lebensmitteln geben, keine langen Schlangen mehr an jeder Ecke wie früher - aber Russland ist noch immer ein Ort, wo Menschenrechte und Freiheit ein knappes Gut sind", sagt Ljudmila Alexejewa, so etwas wie die Alterspräsidentin unter den Regimekritikern. Sie hat schon 1977 in der Moskauer Helsinki-Gruppe mitgearbeitet, die damals wesentlich zur Aufweichung der Sowjetunion und zum Sturz der KP-Mächtigen beitrug.
"Wer die Politik unserer Regierung angreift, sieht sich zunehmend im Fadenkreuz, genau wie diejenigen, die Menschenrechtsverletzungen anprangern. Sind wir in Russland - oder vorwärts auf dem Weg in die Vergangenheit: Back in the U.S.S.R.?"
Litwinenko, der in London vergiftet wurde, war zweifellos einer der härteren, möglicherweise auch einer der überdrehtesten Kritiker.
Wer war dieser Ex-Spion? Ein überaus kontaktfreudiger Mann, der nur seine Phantasien auslebte und vielen Kollegen deswegen als Aufschneider und Prahlhans (Spitzname "Skwosnjak", Durchzug) galt? Oder einer, der früh mit den Schattenseiten sowjetischer Machtpolitik vertraut und dadurch zum Kämpfer für die Wahrheit wurde?
Litwinenko hatte die meiste Zeit seines Arbeitslebens in der Armee und im Geheimdienst verbracht. Als 18-Jähriger war er zu den sowjetischen Streitkräften einberufen worden, acht Jahre später, 1988, diente er schon dem KGB: in der Abteilung für Spionageabwehr. Beim Nachfolger FSB war er in Abteilung 7 eingesetzt, zuständig für den Kampf gegen das organisierte Verbrechen.
Dass ihn der FSB 1998 verstieß, hatte mit seiner ersten öffentlichen Anklage gegen den Kreml zu tun: Er sei beauftragt worden, so Litwinenko auf einer spektakulären Pressekonferenz, den Oligarchen Boris Beresowski zu ermorden. Nach Verhaftung und späterer Freilassung flüchtete er ins Londoner Exil.
2002 erschien sein Buch "Der FSB sprengt Russland in die Luft", ein Polit-Thriller,
der Putins Geheimdienst die Schuld an den Sprengstoffanschlägen von 1999 auf Wohnhäuser in Moskau und anderen Städten zuschob - bei deren Einsturz fanden 246 Menschen den Tod, etwa 2000 wurden verletzt.
In ähnlicher Weise attackierte er fortan immer wieder seinen früheren Arbeitgeber. Die Thesen klangen abenteuerlich: Mindestens zwei der Tschetschenen, die 2002 das Moskauer Musical-Theater "Nord-Ost" stürmten, hätten für den FSB gearbeitet, ließ Litwinenko gegenüber dem australischen Fernsehsender SBS verlauten. Der FSB, so eine These, die er der polnischen Zeitung "Rzeczpospolita" anvertraute, habe 1998 al-Qaida-Führer Aiman al-Sawahiri in der tschetschenischen Nachbarrepublik Dagestan trainiert. Schließlich teilte er im April dieses Jahres mit, Romano Prodi, der italienische Premier, habe beim Anschlag auf Papst Johannes Paul II. 1981 assistiert.
"Seine Verschwörungstheorien waren alles", was er nach seiner Flucht aus Moskau noch gehabt hatte, sagt der Politologe James Heartfield, der den Ex-Spion im Mai dieses Jahres mehrere Stunden lang interviewte.
Doch diesmal scheint der Kritiker noch in seinem Tod zur Aufklärung beizutragen. In London sind die strahlenden Spuren zu besichtigen, die das Opfer und seine vermutlichen Mörder hinterlassen haben. Sie ermöglichen es den Ermittlern von Scotland Yard, ihre Schritte nachzuvollziehen.
Die Unbekümmertheit, mit der die Täter das strahlende Gift behandelten, hat ein Mitglied des Krisenmanagement-Teams der Regierung zu der abschätzigen Bemerkung veranlasst, man habe es weniger mit coolen Killern à la James Bond zu tun, sondern mit eher stümperhaften Mördern. Derzeit geht Scotland Yard davon aus, dass eine Gruppe von etwa fünf Verdächtigen - ehemalige und aktive FSB-Agenten - am 25. Oktober mit British-Airways-Flug Nummer 873 aus Moskau kam.
Mit einer Strategie der kleinen Schritte rekonstruierten die Beamten erst einmal den verhängnisvollen letzten Stadtgang, den Litwinenko am 1. November in Mayfair, einem der teuersten Viertel Londons, zurücklegte. Er besuchte die Sushi-Bar "Itsu" am Piccadilly Circus, schräg gegenüber dem Ritz, das noble Millennium-Hotel am Grosvenor Square, das Hauptbüro des russischen Milliardärs Boris Beresowski in der Down Street, eines jener typischen britischen Ziegel-Stadthäuser in der Nähe des Green Park, welches sich nur durch die neuen dunkel getönten Scheiben von der Beschaulichkeit der Nachbarbauten unterscheidet, und schließlich eine Sicherheitsfirma namens Erinys in der Grosvenor Street. An all diesen Orten wurden Spuren des radioaktiven Giftstoffes gefunden, der zum Tod des Spions führte.
Litwinenko hatte den Scotland-Yard-Ermittlern die Stationen seines Stadtgangs mitgeteilt und Leute genannt, die er getroffen hatte. Das liest sich wie eine Besetzungsliste zu einem billigen Agententhriller. Da ist einmal ein Italiener namens Mario Scaramella, der Litwinenko beim Lunch im Sushi-Lokal "Itsu" ein vierseitiges Dokument übergeben haben will. Es soll Hinweise auf die Mörder der Journalistin Politkowskaja enthalten haben. Außerdem sei darunter die Todesliste einer obskuren Organisation angeblicher FSB-Offiziere und KGB-Veteranen. Auf dieser Liste sollen die Namen Scaramella und Litwinenko gestanden haben.
Noch auf dem Totenbett hatte Litwinenko die Vermutung geäußert, dass Scaramella ihm womöglich das tödliche Gift verabreicht haben könnte. Aber nachdem sich der Italiener vorige Woche Scotland Yard stellte, scheint zumindest dieser Verdacht ausgeräumt. "Mario ist sauber", triumphierte dessen Anwalt nach den Verhören.
Wesentlich zwiespältiger fällt das Bild vom anderen Meeting an jenem verhängnisvollen 1. November aus.
In der Pine-Bar des Millennium-Hotels traf Litwinenko die Russen Andrej Lugowoi, Wjatscheslaw Sokolenko und Dimitrij Kowtun; letzterer war aus Hamburg eingeflogen. Lugowoi, ein ehemaliger Kollege Litwinenkos aus Agententagen, hat inzwischen über die Zusammenkunft berichtet.
Litwinenko sei auf sie zugekommen, weil er ihre Dienste nach Großbritannien habe vermitteln wollen. Der eigentliche Grund für den Flug nach London sei der Besuch des Champions-League-Spiels ZSKA Moskau gegen den FC Arsenal gewesen. Dorthin sei er zusammen mit seinen Begleitern, seiner Frau und seinen drei Kindern nach dem Abschied von Litwinenko aufgebrochen.
Ein netter Ausflug also mit Vertrauten aus der alten Firma und nicht mehr?
Merkwürdig ist vor allem, dass Spuren von Polonium in einem der Hotelzimmer und auf dessen Lichtschalter gefunden wurden. Die Verseuchung sei so stark, sagte ein Scotland-Yard-Ermittler dem "Daily Telegraph", dass das Gift da gewesen sein muss und nicht nur der Vergiftete. Derart sorglos seien die Besucher damit umgegangen, dass es ihnen offenbar einmal auf den Hotelteppich gefallen sei.
Die dritte interessante Fundstelle ist das Büro des russischen Oligarchen Boris Beresowski. Der Milliardär, sonst mit Endloskampagnen gegen seinen Erzfeind Putin in der Öffentlichkeit allgegenwärtig, zog sich nach dem Auftauchen der Giftspuren in sein Büro zurück. "Ich will nicht sprechen", keuchte er ins Mobiltelefon und ließ ein Statement verbreiten, in dem er der "britischen Polizei sein volles Vertrauen" ausdrückte.
Zwar sagt sein PR-Berater, Lord Bell, ein Mann der früher für Margaret Thatcher arbeitete, Beresowski sei es über Jahre gewohnt, dass man ihm nach dem Leben trachte und würde sich "trotzig und mutig" dem Schicksal stellen. Aber Leute aus seiner näheren Umgebung wissen anderes zu berichten. "Beresowski hat Angst, er könnte der Nächste sein", berichtete einer, und der Filmregisseur Nekrassow fügt hinzu: "Das Attentat hat gezeigt, dass normale Sicherheitssysteme keinen Schutz bieten angesichts dieses teuflischen Fortschritts."
Wie viel vom radioaktiven Gift tatsächlich Litwinenko verabreicht wurde, war in der Nacht zum vorigen Samstag noch ungeklärt. Fest steht aber: Ihn zu vergiften dürfte verhältnismäßig leicht gewesen sein.
Mit einem Tropfen Flüssigkeit hätte der Mörder sein Gift jedem Essen oder Getränk beimischen können. Auch für den vermutlich auf das Erkennen von Giften geschulten Gaumen des Ex-KGB-Agenten Litwinenko wäre es nicht zu schmecken gewesen.
Einmal ins Blut und damit in den ganzen Körper gelangt, entwickeln die sogenannten Alpha-Strahlen des Poloniums ihre zerstörerische Kraft vor allem an solchen Geweben, deren Zellen sich häufig teilen, etwa dem Darm, den Haaren und vor allem dem Knochenmark, wo ständig Blut- und Immunzellen nachproduziert werden müssen.
So litt Litwinenko denn auch an den typischen Symptomen der Strahlenkrankheit: Übelkeit, Durchfall, Haarausfall; schließlich brach auch sein Immunsystem zusammen. Einem ersten Schwächeanfall folgt dabei eine Phase scheinbarer Stabilität, während der jedoch ein Großteil seiner strahlenempfindlichen Zellen bereits tot oder dem Tode geweiht sind. "Walking ghosts" nennt man Strahlenopfer während dieser Zeit deshalb auch.
Am 17. November wird er dann wegen des Zusammenbruchs seines Immunsystems ins University College Hospital verlegt, wo er am 23. November stirbt. Erst wenige Stunden zuvor hatten die Ärzte, die zunächst eine Thallium-Vergiftung vermutet hatten, in seinem Urin größere Mengen an radioaktivem Polonium 210 festgestellt.
Der Tod Litwinenkos weckt Erinnerungen an eine ganze Reihe von Giftanschlägen, die allesamt mit dem russischen Geheimdienst in Verbindung gebracht werden. Die weltweit dramatischste Giftattacke gegen einen amtierenden Politiker geschah vor zwei Jahren in der früheren Sowjetrepublik Ukraine, als Wiktor Juschtschenko für das Präsidentenamt kandidierte und mit westlicher Unterstützung ankündigte, er werde das Land unabhängiger von Moskau machen.
Putin unterstützte damals ganz offen seinen Konkurrenten und jetzigen Premierminister Wiktor Janukowitsch.
Ausgerechnet nach einem Abendessen mit zwei führenden Vertretern des aus dem ukrainischen KGB hervorgegangenen Sicherheitsdienstes SBU Anfang September 2004 erkrankte Jutschtschenko schwer. Wie eine Untersuchung in der Wiener Klinik Rudolfinerhaus zeigte, war er mit Dioxin vergiftet worden. Das Gesicht des attraktiven Fünfzigjährigen wird seither durch Geschwüre entstellt.
Zahlreiche Mitarbeiter des SBU pflegen enge Kontakte zu den Kameraden in Moskau. Der naheliegende Verdacht, russische Geheimdienste hätten die Hand bei der Vergiftung im Spiel gehabt, ließ sich nicht beweisen - doch ein Motiv hatten sie allemal. Bei Russlands Versuch, wieder als Weltmacht zu reüssieren, spielt das Bemühen, die Ukraine politisch, wirtschaftlich und militärisch an sich zu binden, eine zentrale Rolle.
Ebenfalls vor zwei Jahren erwischte es den ehemaligen Putin-Leibwächter Roman Zepow, der in Petersburg als Chef einer Sicherheitsfirma arbeitete. Anfang der neunziger Jahre war Zepow, Absolvent einer militärischen Schule des Innenministeriums, für den Schutz des damaligen St. Petersburger Vizebürgermeisters Putin zuständig gewesen. Der lud ihn später, im Mai 2000, sogar zu seiner Amtseinführung als Präsident in den Kreml ein. Da hatte Zepow schon seine Sicherheitsfirma gegründet.
Zepow, der sich schon mal mit Blaulicht durch St. Petersburg fahren ließ, glaubte, gut gegen Anschläge geschützt zu sein. Kurz vor seinem Tod brüstete er sich in einem Interview: "Weder bei meinen Klienten noch bei meinen Mitarbeitern gibt es auch nur einen Toten oder Verletzten."
Doch seine Mörder scheuten offenkundig keinen Aufwand. Nach seinem Tod wurden in seinem Körper erhebliche Dosen an Radioaktivität festgestellt. Womöglich,
so behandelnde Ärzte, handelte es sich bei dem Gift um ein Medikament gegen Leukämie.
Auch Politiker in den russischen Regionen werden Opfer tödlicher Anschläge. Dmitrij Fotjanow, 31, galt als Jungstar der Kreml-nahen Partei Einiges Russland im fernöstlichen Primorski krai bei Wladiwostok. Der erfolgreiche Unternehmer hatte beste Chancen, als Bürgermeister der Stadt Dalnegorsk gewählt zu werden.
Doch auf dem Höhepunkt des Wahlkampfs Mitte Oktober wurde er von Schüssen aus einer Maschinenpistole niedergestreckt - ein "politischer Mord", wie Staatsduma-Präside Boris Gryslow die Tat kommentierte.
Drei Jahre zuvor, im Juli 2003, starb der Bürgerrechtler und Enthüllungsjournalist Jurij Schtschekotschichin einen qualvollen Tod. Seine Haut begann sich vom Fleisch zu lösen, Lunge und Hirn schwollen an. Wie Anna Politkowskaja hatte auch er für die Moskauer Zeitung "Nowaja gaseta" gearbeitet, wie für Politkowskaja waren Tschetschenien und Korruption seine großen Themen.
Schtschekotschichin gehörte dem russischen Parlament an und war Mitglied des Anti-Korruptions-Ausschusses. Als er starb, plante er eine Enthüllung über Möbelschmuggel, Waffenhandel und Geldwäsche. In den Skandal sollen zwei Stellvertreter des damaligen Generalstaatsanwalts Wladimir Ustinow sowie Mitarbeiter des Innenministeriums, des Inlandsgeheimdienstes FSB und der Zollbehörden verwickelt gewesen sein.
Gemeinsam mit anderen Abgeordneten wollte Schtschekotschichin einen Appell an Putin vorbereiten, die Sache zu untersuchen. Nach einem Treffen mit FBI-Vertretern in Moskau im Juni plante er zudem, die Spur der Geldwäscher bis nach Amerika zu verfolgen. Dazu kam er nicht mehr.
Anfang Juli und völlig unerwartet starb der Parlamentarier an einem Allergieschock. Die offizielle Diagnose lautet: Lyelle-Syndrom.
Die "Nowaja gaseta" hat eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten festgehalten: Einige der Ärzte wurden jäh versetzt, eine dritte Blutprobe, die letzte vor seinem Tod, sei im Innenministerium verloren gegangen. Freunde und Verwandte glauben fest, dass Schtschekotschichin umgebracht wurde.
Ihre Antwort darauf, warum der Fall nie aufgeklärt wurde, ist eindeutig: weil die Spuren zu weit nach oben führen.
Ex-Staatsanwalt Ustinow ist heute Justizminister und mit dem stellvertretenden Kreml-Stabschef und Putin-Vertrauten Igor Setschin, dem Fürsten der Finsternis im Kreml, auch verwandtschaftlich eng verbunden. Im November 2003 heiratete Ustinows Sohn Dmitrij Setschins Tochter Inga.
Eine regelrechte Hinrichtung war schließlich die Ermordung Anna Politkowskajas, der 48-jährigen Moskauer Journalistin. Die Botschaft des Killers: Schaut her, so beseitigen wir eine lästige Kritikerin.
Die Frau war völlig wehrlos, als sie am Sonnabend, dem 7. Oktober, fünf nach vier Uhr nachmittags, vom Einkauf im Ramstore-Laden am Moskauer Frunse-Ufer kam - in den fünf Tüten die Wochenendbesorgungen: Lebensmittel, Gemüse, ein paar Dinge für Küche und Bad.
Politkowskaja parkte ihren silbernen Lada auf dem Hof, betrat den Aufgang ihres Wohnhauses und ging zum Lift. Als sich die Tür zum Aufzug öffnete, feuerte der Mörder aus nächster Nähe drei Schüsse ab: Zwei Kugeln trafen die Journalistin dicht neben dem Herz, die dritte zerfetzte ihre Schulter.
Der Killer beließ es nicht dabei. Er feuerte noch ein viertes Mal und gab den sogenannten Kontrollschuss ab - der traf die schon tote Frau mitten in den Kopf.
Über die Aufklärungsquote von Auftragsmorden veröffentlicht das Innenministerium keine Statistik. Leonid Kondratjuk aus ebendiesem Haus aber plauderte aus, dass in Russland jedes Jahr zwischen 500 und 800 Auftragsmorde verübt werden. Die Dunkelziffer könne nach seinen Worten sogar um das Zwei- bis Dreifache höher liegen.
Zwar sind unter Putin zahllose Geheimdienstler in Schlüsselpositionen des Innenministeriums und der Polizei gekommen, die Sicherheitslage hat sich aber nicht verbessert. Von Januar bis Oktober 2006 blieben in Russland insgesamt 3655 Morde und Mordversuche unaufgeklärt. Russlands Wirtschaft wächst um stolze 7 Prozent, die Zahl der Verbrechen steigt um 13 Prozent.
Allein in den vergangenen Wochen wurde ein halbes Dutzend Banker ermordet. Vor 14 Tagen trafen den 33-jährigen Mitbegründer der Spezsetstroibank, Konstantin Mescherjakow, vor seinem Haus in Moskau tödliche Kugeln in Rücken, Hals und Kopf. Russische Staatsanwälte analysierten, wie oft in solchen Fällen, messerscharf, der Tod des Opfers stehe "in Verbindung mit seiner beruflichen Tätigkeit".
Das prominenteste Opfer, Andrej Koslow, 41, kam mit seinem Leibwächter nach einem Fußballspiel gerade aus der Sauna des Vereinsgebäudes Spartak am Olenij Wal in Moskau. Der Zentralbankvize hatte den gepanzerten Dienstwagen noch nicht erreicht, da krachten zwei Schüsse, Koslow und sein Bodyguard starben.
Der überzeugte Liberale Koslow, 1995 mit 30 zum Vize der Zentralbank gewählt,
wollte im russischen Bankenwesen internationale Standards durchsetzen. Er brachte ein Gesetz über die Versicherung von Spareinlagen auf den Weg. Viele Banken gleichen immer noch Ganovenkassen oder Geldwaschanlagen der Organisierten Kriminalität.
Denen hatte Koslow, der die Bankenaufsicht leitete, den Kampf angesagt. Innerhalb von drei Jahren entzog er 260 Banken die Lizenz und vermehrte so zügig die Zahl seiner Feinde.
Der Mord an Koslow war, so Ermittler, außerordentlich professionell organisiert. Die Täter und ihre Auftraggeber kannten den Terminplan des Spitzenbeamten genau. Koslow, so der Verdacht des kritischen Moskauer Wirtschaftsmagazins "Expert", könnte nicht nur mit gewöhnlichen Banditen, sondern auch mit korrupten Führungsleuten in den Sicherheitsdiensten in Konflikt gekommen sein.
"Kryschowatj", ein Dach bilden, einen bezahlten Schutz durch Ganoven, nennt man in Russland die in vielen Dienst-stellen verbreitete Praxis, sein Gehalt schwarz aufzubessern. Womöglich hatte Koslow mit dem Lizenzentzug für eine Bank gedroht, die korrupte Sicherheitsbeamte in ihren Lohnlisten führte, vermutet "Expert".
Täter und erst recht Auftraggeber bleiben meist unentdeckt. Korruption der Rechtsschutzorgane, miserable Bezahlung ihrer Mitarbeiter und schlechte technische Ausstattung erschweren die Arbeit der Ermittler. Viele qualifizierte Offiziere der Polizei und des Geheimdienstes sind seit 1991 ins weit besser zahlende private Sicherheitsgewerbe abgewandert. Von diesem Aderlass haben sich Russlands Fahnder nicht erholt.
Vizepremier und Verteidigungsminister Sergej Iwanow verwies in einem Gespräch mit dem SPIEGEL zwar darauf, dass "einige Auftragsmorde, wie beispielsweise der an der Politikerin Galina Starowoitowa aufgeklärt wurden". Auch die Mörder von Koslow seien gefunden, allerdings noch nicht die Hintermänner. "Leider ist es aber oft so, dass die Täter ihr schmutziges Geld von Mittelsmännern bekommen und die wirklichen Auftraggeber nicht kennen", räumte der Spitzenpolitiker ein.
Und selten lässt sich der Verdacht ausräumen, dass die professionellen Morde vor allem das Werk derer sind, die professionell zu töten gelernt haben, das Erbe des Komitees für Staatssicherheit (KGB).
1991, als die Sowjetunion unterging, standen 2,9 Millionen Menschen im Sold des Ungeheuers KGB, ein Prozent der Bevölkerung. Aus der Lubjanka wurden Tausende Agenten im Ausland und Hunderttausende Zuträger daheim kommandiert, Spezialregimenter mit Panzern, Schiffen und Flugzeugen erhielten ihre Order von dort, der KGB-eigene Fußballclub Dynamo dominierte jahrelang die Sowjetliga - ein Staat im Staate.
Besonders der Parteichef Jurij Andropow hatte sich um "Schwert und Schild der Partei" verdient gemacht. Von 1967 an hatte er - ohne Blutvergießen - besonders wirkungsvoll Dissidenten unterdrückt und die Sowjetbevölkerung bespitzeln lassen. Andropow war auch der bis dahin erste Geheimdienstchef, der es bis in den Kreml schaffte, wenn auch nur kurz. Er starb nach kaum zwei Jahren im Amt. Ihm folgte ein Jahr später sein Schützling Michail Gorbatschow.
Gorbatschow hütete sich, seine Perestroika gegen die Männer in der Lubjanka durchzuboxen. Im Gegenteil, er spannte viele von ihnen für seinen neuen Kurs ein. Keineswegs nämlich waren die "Kagebetschiks" allesamt dem alten Regime treu ergeben. Keine Institution im Sowjetreich wusste so genau über den maroden Zustand von Staat, Wirtschaft und Volksstimmung Bescheid wie der Geheimdienst.
"Der Schwerpunkt der Machtoligarchie begann in Richtung KGB zu wandern", registrierte damals die "Moskowskije nowosti" besorgt. Tausende Agenten ließen sich in die Sowjets wählen oder stiegen bei der Wirtschaft mit ein. KGB-Leute übernahmen die Kontrolle über Banken und Firmen.
Nur nach dem Putschversuch von 1991 litt der Dienst kurzfristig unter einem Formtief. Boris Jelzin, der neue starke Mann Russlands, zerlegte den KGB und baute Personal ab.
Viele Geheimdienstler sahen sich nach neuen Betätigungsfeldern um: 1997 kam eine Analyse des Bundesnachrichtendienstes zu dem Schluss, die russischen Nachrichtendienste seien mit der Organisierten Kriminalität eine "symbiotische Beziehung zum gegenseitigen Nutzen" eingegangen. Agenten sickerten in die Russen-Mafia ein, ehemalige KGB-Kämpfer verdingten sich als Killer im In- und Ausland.
Viele aber traten auch in die Dienste der Oligarchen, die wie Boris Beresowski in den wilden neunziger Jahren milliardenschwere Vermögen angehäuft hatten. Einer von ihnen war Litwinenko. Der Militärgeheimdienstler Wladislaw Surkow verdingte sich beim Jukos-Chef Michail Chodorkowski und arbeitet heute in Putins Präsidialamt.
Während sich am vergangenen Freitag in London gleich drei Pathologen über die Leiche von Litwinenko neigten, die Polizei fieberhaft danach forschte, welche Orte in der Stadt womöglich noch kontaminiert sind, ließ sich in Moskau nicht länger verleugnen, dass der Fall des verblichenen Ex-Spions die politische Atmosphäre vergiftet hatte wie schon lange nicht mehr.
Aber stimmt es wirklich, dass Alexander Litwinenko noch auf dem Totenbett Putin selbst für seinen Tod verantwortlich gemacht hat? Doch nicht nur Putins Anhänger, auch die Gegner des jetzigen Kreml-Chefs sind sich weitgehend einig darin, dass nicht der Präsident hinter den jüngsten Anschlägen steckt.
"Die Morde begeistern unsere Faschisten, schaden Russland auf der ganzen Welt und spalten das Land", meint der Schriftsteller
Wiktor Jerofejew, der eher ein Kreml-Kritiker ist. Putin, so erklärt Jerofejew, nützten die Verbrechen nicht, doch der Präsident sei "nicht allein an der Macht". Einflussreiche Leute wollten Russland "von Europa trennen". Doch näher benennen mag er diese Kräfte nicht.
Deutlicher wurde in der vergangenen Woche ein Mann, der die Intrigenspiele der Mächtigen in Moskau kennt - und sie beherrscht wie kein Zweiter: Anatolij Tschubais. Der heutige Chef des mächtigen Stromkonzerns Jes AG war unter Boris Jelzin Leiter der Kreml-Administration. Er ist ein Polit-Künstler der besonderen Art: Seit 15 Jahren hält er sich im Auf und Ab der russischen Politik, vor anderthalb Jahren überlebte er gar einen Minenanschlag - als mutmaßlicher Täter steht in Moskau derzeit Wladimir Kwatschkow, 58, vor Gericht, ein ehemaliger Spezialagent und Oberst des Militärgeheimdienstes.
Tschubais diente Anfang der neunziger Jahre als Privatisierungsminister in der Regierung des Ministerpräsidenten Jegor Gaidar. Der lag in der vergangenen Woche ebenfalls in einem Krankenhaus, nachdem auch er zusammengebrochen war - bei einem Besuch in Dublin. Nach einer Tasse Tee und einem Schälchen Obstsalat hatte der Politiker eine halbe Stunde lang Blut gespuckt und zeitweilig das Bewusstsein verloren.
Die erschreckende Parallele zum Fall Litwinenko: Weder irische noch russische Ärzte konnten bis zum Wochenende die Ursache feststellen.
Vor laufenden Kameras verkündete Tschubais, Gaidars Unwohlsein könne "kaum durch natürliche Ursachen hervorgerufen" worden sein. Nur durch ein "Wunder" habe sich nicht die "tödliche Konstruktion Politkowskaja-Litwinenko-Gaidar" vollendet - ein Werk, das "Anhänger eines verfassungswidrigen und gewaltsamen Machtwechsels in Russland" in Szene setzen wollten.
Hinter den Andeutungen von Tschubais wie auch Jerofejew steckt eine These, die unter ausländischen Politologen ebenfalls seit längerem lebhaft erörtert wird: dass Putin nicht jener Allmächtige im Moskauer Kreml sei, als den ihn der Westen gern wahrnimmt. Dass der Einfluss anderer Machtgruppen größer als angenommen sei. Dass sich vor der kommenden Duma-Wahl (2007) und dem Rennen um die Präsidentschaft (2008) Leute mit Geheimdiensthintergrund Sorgen machten um ihre Einflusssphären, dass sie der auf Anbindung an den Westen zielende Kurs Putins störe - und sie deswegen bemüht seien, das internationale Image des Präsidenten zu zerstören.
Tschubais hatte bei seinem Fernsehauftritt vorige Woche möglicherweise bewusst das Adjektiv "silowoi" gebraucht, eine von der Wortwahl her für russische Ohren deutliche Anspielung auf russische Geheimdienste.
"Silowiki", Machtmenschen, werden die Männer rund um Putin genannt. Als deren heimlicher Anführer gilt der öffentlichkeitsscheue Igor Setschin, Vizechef der Präsidentenverwaltung. Putin und er kennen sich seit mehr als 15 Jahren. Setschin arbeitete als Putins Bürochef, während der noch Vizebürgermeister von St. Petersburg war. Später wurde er Putins Kanzleichef, als der Kamerad in Moskau zum Ministerpräsidenten aufstieg.
Beide verbindet ihre Geheimdienstvergangenheit. Putin arbeitete als KGB-Oberst in Dresden, Setschin war zu sowjetischen Zeiten als Dolmetscher im Bürgerkrieg von Mosambik im Einsatz. Setschin versteht sich darauf, vom Gegner düstere Feindbilder zu malen, um dann selbst hart zuzuschlagen.
Im Juni 2003 ließ er den Politologen Stanislaw Belkowski ein Dossier an die Öffentlichkeit lancieren, das vor einer Machtübernahme der Oligarchen warnte. Als Kopf der Verschwörung machte er Michail Chodorkowski, den Chef des Ölmultis Jukos, aus. Wenige Monate später wurde der Unternehmer verhaftet, sein Konzern zerschlagen.
Das Kernstück von Jukos, das Großunternehmen Juganskneftegas in Westsibirien, ging bei einer trickreichen Auktion an den Staatskonzern Rosneft. Aufsichtsratschef: Setschin. Seither sucht der Kreml-Stratege nach Wegen, Macht und zusammengerafftes Vermögen auch über das Ende der verfassungsmäßigen Amtszeit Putins im März 2008 hinaus zu sichern.
Vertraute von Setschin versichern, den studierten Romanisten treibe vor allem die Sorge, dass es nach dem Ende der Amtszeit Putins in Moskau drunter und drüber gehen könnte wie einst im untergehenden Rom. Die beiden von Putin ins Rennen um die Gunst des Volkes geschickten möglichen Nachfolgekandidaten fürs Präsidentenamt - Vizepremier Dmitrij Medwedew und Verteidigungsminister Sergej Iwanow - soll Setschin nicht für geeignet ansehen, Russland künftig zusammenhalten zu können.
Aber vielleicht ist alles auch viel einfacher. Der Chef des einflussreichen Radiosenders Echo Moskwy sieht in seinem Land inzwischen schlicht "Todesschwadronen wie in Lateinamerika" am Werk, "die aus ehemaligen Geheimdienstlern, Tschetschenien- und Afghanistan-Kämpfern bestehen könnten". Er ist ein Mann, der eigentlich nicht zur Panikmache neigt und über einen guten Draht zum Kreml verfügt.
Will man ihm glauben, dann wäre Russland auf dem Weg zu einer Bananenrepublik - etwa so wie El Salvador in den siebziger Jahren.
Demnach würde Putin überhaupt nicht mehr kontrollieren, was in seinem Land vor sich geht.
ERICH FOLLATH, VERONIKA HACKENBROCH,
HANS HOYNG, THOMAS HÜETLIN, UWE KLUßMANN, CHRISTIAN NEEF, JAN PUHL, MATTHIAS SCHEPP
* Mit einem Bild der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja.
Von Erich Follath, Veronika Hackenbroch, Hans Hoyng, Thomas Hüetlin, Uwe Klußmann, Christian Neef, Jan Puhl und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 49/2006
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