Von Kronsbein, Joachim
Dies ist die Geschichte von einem, der lange warten kann. Die Geschichte eines Mannes, der alles gibt, um eines zu bekommen: Anerkennung.
Es ist die klassische Geschichte eines Künstlers. Jonas Burgert malt Bilder, schöne, verstörende Bilder, die Geschichten erzählen. Es sind geronnene Momentaufnahmen, die ein mysteriöses Vorher zu haben scheinen und ein Danach, das reine Spekulation ist und für lange Zeit die Phantasie des Betrachters beschäftigt. Rätselbilder. Sie handeln von Menschen, die sich suchen, die sich verloren haben, von Menschen in Ausnahmesituationen. Es sind Gleichnis- und Seelenbilder.
Traurige Figuren in priesterlichen Gewändern stehen vor einer gelben Wand, eine hält einen blasslilafarbenen Kranz in den Händen und schaut den Betrachter verloren an. Hinter ihnen hockt ein Mann auf einer Treppenstufe, die überlangen Arme baumeln vor ihm ins Leere. Der Mann sieht aus wie Jonas Burgert. Auf dem Bild hat er kurzes Haar. Der schwarzgekleidete Mann im Atelier hat lockiges, längeres Haar.
Solche Parabelbilder sind Burgerts Markenzeichen. Sie heißen "Fluchtversuch", "Beuter" oder "Bewaffnet", lösen Beklemmung aus und verströmen dennoch Kraft.
Kunst ist ein begehrtes Gut. Eine Ware. Und von einer bestimmten Einkommensklasse an ist sie ein gesellschaftliches Muss. Der Berliner Jonas Burgert war lange arm. Er gehörte zum Künstler-Prekariat an der Schönhauser Allee und lebt dort immer noch in einer Garage.
Nun ist er 37 Jahre alt und aufgestiegen in ein beunruhigendes Zwischenreich. Er ist ein Geheimtipp, ein Name, den kennen muss, wer mitreden will. Burgert ist im Kunstbetrieb das, was an der Börse "emerging market" heißt, eine Investition mit Potential.
Jahrelang hat er sich bei jeder Farbtube, die er kaufte, überlegen müssen, ob er sie sich leisten kann. Jahrelang hat er zwei, drei Tage in der Woche gejobbt, nur um malen zu können. Seine Jobs mussten so anspruchlos wie möglich sein. Bloß keine Gedankenkraft auf sie verschwenden. Die Kunst ist sein Lebenszweck. Aber sie ist auch "gnadenlos", sagt Burgert. "Sie belohnt keinen Idealismus." Dem Bild "ist Idealismus scheißegal".
Jetzt ist Jonas Burgert auf dem Weg zum Star. Es vibriert um ihm. Gerade hatte er seine erste Einzelausstellung, in der Hamburger Produzentengalerie. Zehn Bilder waren zu sehen, alle sind verkauft. Rund 30 000 Euro kosten die Großformate, 6000 Euro die kleinen, sie sind so groß wie eine Zeitungsseite.
Burgert hat nun einen Tisch in seinem Atelier, auf dem die ausgedrückten Farben in dicken Lagen saftig glänzen. Die bunten Schichten sind so hoch wie das Branchenbuch von Berlin. Der Überfluss von Farbe ist sein Luxus.
Jetzt sind schon die großen Sammler hinter Burgert her. Charles Saatchi, einer der Leithammel der Herde, hat Burgert gekauft, Harald Falckenberg und Thomas Olbricht sind ihm in Deutschland gefolgt. Museen greifen zu. Im März stellt Burgert in Tokio aus. Burgert ist auf dem Sprung in die erste Reihe.
Wie fühlt sich das an?
Von seinen ersten Einkünften hat sich Burgert ein neues Atelier in Berlin-Weißensee zugelegt. Es ist groß, hoch, kalt und hat kein Tageslicht. Das alte war klein und kalt und kostete 80 Euro im Monat. Für das neue hat sich der Maler einen eisernen Ölofen gegönnt. Jetzt kann er auch im Winter malen. Trotzdem ist es fußkalt. Als Nächstes hat er sich einen Steuerberater angeschafft.
Bei der Kunst, sagt Burgert, "gibt es keine Wahl". Das sei "kein Beruf, den man sich aussucht". Dann bricht er ab und gibt zu, dass er eigentlich noch sagen wollte, dass man als ernsthafter Künstler von der Kunst ergriffen werde. Das ist ihm aber zu kitschig und abgegriffen, obwohl er den Satz für wahr hält.
Burgert redet gern über Kunst, über seine Kunst. Er war sich fast immer sicher, das Richtige zu malen und zu wollen. Erst malte er gegenständlich, dann abstrakt und jetzt wieder gegenständlich. Aber: "Kunst, die keinen Erfolg hat, wird nicht wahrgenommen."
Seine großen Bilder sind so eindringlich und sperrig, dass sie nicht über ein Sofa passen. Auch über kein Designersofa. Vielleicht in einem Loft. Burgert malt für Sammler und Museen. Bilder sind wie erwachsene Kinder für ihn. "Wenn sie fertig sind, können sie auch aus dem Haus." Dann ist er mit ihnen fertig.
Burgert malt schon seit Wochen an einem riesigen Gemälde. Es zeigt eine große meditative Männerfigur in der Mitte, in sich gekehrt, ganz bei sich und friedlich. Um sie herum passieren schreckliche Dinge. Ein schlaffer Harlekin wird in einem Tragetuch von einer Mauer heruntergelassen. Er könnte tot sein. Andere Figuren liegen verknäuelt auf dem Boden. Chaos, Unruhe, Gefahr.
Eine Parabel für Burgerts neues Leben. In ein paar Monaten will er mit dem Bild fertig sein. Dann kann es weg. Früher, als er arm war, hat er beim Malen nicht an seine prekäre Situation gedacht. Die blieb draußen. Jetzt hofft er, dass er den Erfolg ebenso vergessen kann - wenigstens beim Malen. JOACHIM KRONSBEIN
DER SPIEGEL 49/2006
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