11.12.2006

INVESTORENPanzerknacker aus Hamburg

Euro Disney geht es derart schlecht, dass es nur noch als Spielball höchst dubioser Finanzjongleure taugt. Nun wird wegen Kursmanipulation ermittelt.
Eine Zugstunde von Paris entfernt ist schon seit Mitte November jeden Tag Bescherung. Im Vergnügungspark Euro Disney spult der falsche Weihnachtsmann "mit echten Rentieren" regelmäßig seine Parade ab, verspricht die Werbeabteilung. Das Dornröschenschloss verwandle sich dabei "in einen glitzernden Eispalast". Vier Tage im parkeigenen Santa-Fe-Hotel gibt's schon zum Spartarif von 187 Euro.
Aktionäre der Schweizer Center-Tainment AG können sich selbst dieses Schnäppchen womöglich nicht mehr leisten. Seit ihr Management vor elf Tagen auf einer bizarren Pressekonferenz in Paris die "feindliche Übernahme" von Euro Disney angekündigt hatte, rutschte der Kurs von Center-Tainment an der Frankfurter Börse von 20 Euro auf 18 Cent ab. Ein Minus von 99 Prozent.
Eine schöne Bescherung, aber kein Wunder: Im kleinen Vier-Sterne-Hotel Littré hatten fünf deutsche Herren vorher der staunenden Weltpresse in höchst holprigem Englisch erklärt, dass Center-Tainment eine Übernahmeofferte für Disneys marode Europafiliale abgeben werde. Die seit Jahren gebeutelten Euro-Disney-Aktionäre sollten für 200 Aktien ein Center-Tainment-Papier erhalten, erklärte der Hamburger Verwaltungsratspräsident Ulf Werner.
Doch schnell wurde klar, wie amateurhaft die größenwahnsinnigen Panzerknacker ihren Einbruch in die Kunstwelt von Dagobert Duck & Co. offenkundig geplant hatten: Die an der Pariser Börse notierten Euro-Disney-Papiere verfügen über keinerlei Stimmrecht. Selbst ein Paket von über 50 Prozent hätte nicht automatisch ausgereicht, um den US-Mutterkonzern Disney rauszuschmeißen. Zu clever ist das Firmenkonstrukt der Amerikaner gebaut.
"Center-Tainment räumt ohne Wenn und Aber ein, dass die Konferenz im Ergebnis unglücklich verlaufen ist", hieß es vergangene Woche in einer Mitteilung der Firma. Seither herrscht Funkstille. Zumindest bei den Drahtziehern der Aktion.
Inzwischen ermittelt aber nicht nur die französische Börsenaufsicht. Auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) nimmt die dubiosen Angreifer ins Visier. "Wir schauen uns den Fall an", bestätigt eine Sprecherin der Behörde. "Es läuft eine Voruntersuchung wegen des Verdachts auf Kursmanipulation."
Es ist der Tiefpunkt eines ohnehin bereits 14 Jahre währenden Trauerspiels rund um den Pariser Vergnügungspark: Die traditionell antiamerikanisch eingestellten Franzosen befürchteten von Anfang an eine kulturelle Invasion und straften den Park mit Nichtbeachtung. Der Schuldenberg wuchs. Erst nach einer Umfinanzierung im Jahr 1994 und massiven Werbekampagnen kam das Geschäft vorübergehend in Schwung. Doch schon nach der Jahrtausendwende zeigten sich im Fundament der Traumfabrik wieder große Risse. Plötzlich musste gar der Schuldendienst eingestellt werden.
Heute gilt die Frage der Milliardenkredite zwar als geregelt, aber das tägliche Geschäft steckt nach wie vor in tiefroten Zahlen. Mit beinahe 90 Millionen Euro Minus sorgte der Park auch im abgelaufenen Geschäftsjahr für lange Gesichter bei den Anteilseignern. Der Aktienpreis dümpelt jetzt bei sieben Cent.
Doch gerade solche Börsen-Zombies ziehen immer wieder Zocker an, die mit bisweilen abenteuerlichen Geschichten versuchen, die Kurse zu manipulieren. So widmeten sich windige Finanzjongleure schon öfter der Nazi-Vergangenheit der IG Farben. Zuletzt sollte die Schweizer Großbank UBS vor drei Jahren mit einer Klage in den USA zur Herausgabe von Kriegsbeute gezwungen werden. Der Kurs des wiederbelebten IG-Farben-Papiers machte kurzzeitig Riesensprünge.
In der Disney-Posse dürften die Experten der BaFin schnell auf Parallelen stoßen. Nicht nur der sprunghafte Kursverlauf der Center-Tainment-Aktie von rund einem auf über 30 Euro und wieder zurück erinnert an die IG-Farben-Rallye, sondern auch ein Teil des Personals. Wieder führen Spuren zu dem wegen unrichtiger Buchführung verurteilten Hamburger Vermögensverwalter Rüdiger Beuttenmüller.
Dessen Makro Capital GmbH "besitzt einige Aktien der Center-Tainment", bestätigt Beuttenmüller, der bei der verrückten Presseshow in Paris anwesend war - angeblich als Berater von Center-Tainment-Mann Werner. Die Euro-Disney-Idee sei erst entstanden, nachdem der Kurs der Center-Tainment "wie von Geisterhand" nach oben getrieben worden sei. Doch nach dem Kurseinbruch sei der Aktientausch "und damit das Projekt Euro Disney nicht mehr durchführbar", sagt Beuttenmüller.
Ursprünglich sollte er über die Center-Tainment Kapital für ein Bremerhavener Freizeitparkprojekt namens Krawallino besorgen. Doch bald gab es nur noch Krawall mit den Erfindern. Die Geschäfte wurden Anfang Oktober abgewickelt. Geschäftsführer Werner und seine zwielichtige Entourage hatten plötzlich eine Börsenfirma ohne Geschäft und Inhalt. Sie machten trotzdem weiter - mit Euro Disney.
Im Gegensatz zu Beuttenmüller verspricht Werner weiterhin die große Bescherung und erzählt unbeirrt sein Weihnachtsmärchen: "Wir machen jetzt eine Analyse der Geschichte. Der tolle Plan ist nicht vom Tisch." BEAT BALZLI
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 50/2006
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