18.12.2006

VERBRECHENDer dritte Mann

Ein Passfoto in einer Hamburger Behörde entpuppt sich als eines der zentralen Indizien im Polonium-Krimi: Kam der Stoff, der einen Kreml-Gegner tötete, über die Hansestadt nach London?
Ein Behördengang weckt bei einem russischen Staatsbürger meistens Erinnerungen an lange Wartezeiten. Umso erstaunter war Dmitrij Kowtun, 41, als er am Montag, dem 30. Oktober, im Altonaer Rathaus, einem klassizistischen Bau mit Blick über die Elbe, nur wenige Minuten brauchte, um eine Niederlassungserlaubnis zu beantragen. Er unterschrieb ein Formular, und das war es.
Auf dem amtlichen Formular hinterließ Kowtun aber nicht nur seine Unterschrift, sondern auch wie vorgeschrieben ein Passfoto - und das ist, wie Fahnder jetzt festgestellt haben, durch das tödliche Strahlengift Polonium 210 radioaktiv belastet.
Für britische Ermittler kommt dem strahlenden Foto aus Altona jetzt eine Schlüsselrolle in den Ermittlungen um den mysteriösen Tod des ehemaligen KGB-Agenten Alexander Litwinenko zu: Sie glauben, dass der Kreml-Kritiker erst am 1. November in der Bar des Londoner Millennium Hotels mit Polonium vergiftet wurde. Und weil Kowtuns Antrag samt Foto amtlich datiert ist, wissen sie nun, dass der Russe aus Hamburg schon zwei Tage vorher Strahlung hinterließ.
Am 1. November flog Kowtun dann von Hamburg nach London, um sich dort mit Litwinenko und einem zweiten Ex-KGB-Mitarbeiter namens Andrej Lugowoi im Millennium Hotel zu treffen. Hat Kowtun also das Gift nach London gebracht, und ist er somit keineswegs das Opfer, als das er sich selbst darstellt? Auf jeden Fall ermitteln Hamburger Staatsanwälte nun gegen ihn als Verdächtigen, wegen unerlaubten Umgangs mit radioaktiven Stoffen.
Auf die Hamburger Spur hatte die Fahnder ein Bericht des SPIEGEL gebracht, der in seiner Ausgabe 49 berichtete, Kowtun sei via Hamburg nach London geflogen. So stießen die Beamten auf das Haus Erzbergerstraße 4 im Hamburger Stadtteil Ottensen - in dem Kowtun gemeldet ist.
Als Experten des Bundesamts für Strahlenschutz dort am vorvergangenen Freitag Radioaktivität feststellten, wurde es hektisch in der Innenbehörde. Die Polizei alarmierte das Bundeskriminalamt und bildete die Sonderkommission "Dritter Mann". Sie rekonstruierte den Weg Kowtuns - und fand eine strahlende Spur quer durch die Stadt und darüber hinaus.
Kowtun kennt sich an der Elbe bestens aus. 1992 beantragte der ehemalige Offizier der Sowjetarmee in Hamburg Asyl. Ende 1994 lernte er dort die ebenfalls russischstämmige Marina kennen, 1996 heirateten sie. Doch Kowtun ist nicht der Mann fürs traute Heim. Wenn er Geld hat, gibt er es mit beiden Händen aus - die Ehe hielt nicht lange. Marina lebt nun mit einem neuen Mann und den beiden gemeinsamen Kindern in der Erzbergerstraße 4.
Bis heute verbindet Kowtun aber eine enge Freundschaft mit seiner Ex-Frau und deren Familie, der das Haus gehört. Als Kowtun am Sonnabend, dem 28. Oktober, mit einer Tupolew der russischen Fluglinie Aeroflot aus Moskau nach Hamburg kam, holte Ex-Frau Marina ihn denn auch mit ihrem BMW Kombi am Flughafen ab.
In der Erzbergerstraße redeten und tranken sie bis in den Abend. Marina und ihr Lebensgefährte boten Kowtun dann das Sofa an für die Nacht - in der Wohnung und im BMW fanden sich Strahlenspuren. Doch sind sie im Gegensatz zu dem Foto nicht datierbar, könnten also auch von anderen Besuchen stammen.
Am Sonntag, dem 29. Oktober, rief Kowtun seine ehemalige
Schwiegermutter an. Eleonora W. ist eine angesehene Psychiaterin. "Dmitrij hat sich jedes Mal bei mir gemeldet, wenn er in Hamburg war", sagt sie. "Sonst wäre ich auch böse gewesen." Sie lebt auf einem aufwendig restaurierten ehemaligen Bauernhof in Haselau, etwa 30 Kilometer westlich von Hamburg. In ihrem Chrysler 300C holte sie ihn ab. "Wir haben den ganzen Abend in der Küche gesessen, geredet und getrunken", sagt W.
Am nächsten Morgen nahm die Psychiaterin ihren Ex-Schwiegersohn mit nach Hamburg. In ihrem Wagen und ihrem Haus finden sich nun ebenfalls Strahlenspuren - auch die aber nicht datierbar.
Kowtun sei erleichtert gewesen, dass es so schnell gegangen sei auf dem Amt, sagt Eleonora W. Er habe Marina angerufen. Deren Lebensgefährte habe mit seiner Kreditkarte einen Flug mit Germanwings nach London für den 1. November gebucht. Noch am selben Tag traf Kowtun in der Pine-Bar des Londoner Millennium Hotels Litwinenko und Lugowoi. Laut Lugowoi ging es bei dem Treffen um eine Zusammenarbeit seiner Moskauer Sicherheitsfirma mit den britischen Security-Unternehmen Erinys und Risc Management. Im Millennium Hotel, bei der Sicherheitsfirma Erinys - überall fanden sich später radioaktive Strahlen. Nur in dem Bus nicht, mit dem Litwinenko zum Treffen ins Hotel gefahren war. Deshalb glauben die Fahnder, dass er erst dort vergiftet wurde.
Für die Hamburger Polizei ist Kowtun ein mutmaßlicher Nuklearschmuggler. "Wir können aufgrund der Spurenlage nicht ausschließen, dass er Polonium 210 bei sich hatte", sagt Thomas Menzel, Leiter der Soko "Dritter Mann".
Dagegen hält Kowtun, er habe schon lange vorher, am 16. Oktober, die Londoner Sicherheitsfirma Erinys besucht, in der ebenfalls radioaktive Strahlen entdeckt wurden, die aber, anders als das Hamburger Foto, nicht datierbar sind. Kowtuns Hamburger Anwalt Stefan Knief sagt, sein Mandant sei vermutlich schon verstrahlt von London nach Moskau und von dort über Hamburg wieder nach London geflogen. Keinesfalls aber habe er wissentlich Polonium transportiert.
Die These von der frühen Vergiftung ist für Kowtun der letzte Notanker. Lässt sie sich nicht erhärten, könnten Indizien sich zu einer Anklageschrift verdichten.
Nur mit was für einem Verbrechen sie es zu tun haben, wissen die Fahnder noch nicht: Sollte der abtrünnige Agent Litwinenko liquidiert werden? War sein Tod Folge eines Unfalls beim illegalen Verkauf des Stoffs - oder das Werk dunkler Kräfte, die Russlands Präsident Wladimir Putin diskreditieren wollen? UWE KLUSSMANN, ANDREAS ULRICH
* Im Hof von Kowtuns Ex-Schwiegermutter Eleonora W.
Von Uwe Klussmann und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 51/2006
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