18.12.2006

RECHTSPHILOSOPHIEMit Anstand auf die Welt

Weiß der Mensch von Natur aus Gut und Böse zu unterscheiden? Juristen, Psychologen, Philosophen und Biologen sind einer Art Grammatik der Moral auf der Spur.
Führerlos rast ein Zug auf die fünf Gleisarbeiter zu. Eine Möglichkeit, ihren sicheren Tod zu verhindern, wäre, den Zug in letzter Minute aufs andere Gleis zu leiten. Doch auch dort arbeitet ein Mensch, wenngleich nur ein einzelner. Ist es richtig, die Weiche umzustellen?
Und was, wenn ein dicker Mann auf einer Brücke direkt über dem Bahndamm stünde? Sein schwerer Körper würde den heranrasenden Zug aufhalten, die fünf Gleisarbeiter wären gerettet. Wäre es richtig, den Mann zu schubsen?
Wie sie sich in diesen und ähnlichen Zwangslagen verhalten würden, haben Forscher bereits rund 300 000 Menschen gefragt. Und egal ob sie Kinder oder Erwachsene, Atheisten oder Gläubige, Frauen oder Männer, Arbeiter oder Akademiker, Chinesen oder US-Bürger untersuchten, für jedes Dilemma schälte sich ein gleiches Muster heraus. Die Weiche etwa würden die meisten betätigen. Aber nur 15 Prozent würden den Mann aufs Gleis stoßen - und das, obwohl die Bilanz von Toten und Überlebenden dieselbe wäre.
Um das Muster der Antworten ist jetzt eine Debatte in den Natur- und Rechtswissenschaften entbrannt. Überall auf der Welt teilen Menschen offenbar gleiche Intuitionen von Werten wie Fairness, Verantwortung oder Dankbarkeit. Jemanden mit Absicht zu verletzen etwa gilt in allen Kulturen als viel schlimmer, als wenn dies ohne Absicht geschieht.
Beweisen diese kulturübergreifenden Werte, dass ein jedes Menschenkind mit einem Sinn für Gut und Böse geboren wird? Urteilen Angehörige verschiedener Völker im Prinzip ähnlich, wenn es um Fragen wie Sterbehilfe oder den Todesschuss auf einen Geiselnehmer geht? Genau das behauptet eine wachsende Schar von Philosophen, Juristen, Psychologen und Biologen. "Wir haben einen Moralinstinkt entwickelt; eine Eigenschaft, die von Natur aus in jedem Kind wächst", schreibt etwa Marc Hauser von der Harvard University in einem neuen Buch zum Thema**.
Nicht allein Religionen und Rechtssysteme, nicht allein Eltern und Lehrer brin-
gen einem Menschen demnach Sitte und Anstand bei - er kommt schon mit einem Gespür dafür aus dem Geburtskanal. Das mache ihn zwar nicht zu einem Gutmenschen, sagen die Forscher. Aber es führe dazu, dass selbst ein Verbrecher in seinem Innern sehr wohl weiß, was moralisch richtig ist und was falsch.
Die Idee vom Moralsinn fußt auf Erkenntnissen des amerikanischen Linguisten Noam Chomsky. Der große Gelehrte behauptete, alle Sprachen dieser Welt folgten einem kleinen, aber grundlegenden Repertoire grammatischer Regeln. Dieses habe sich im Lauf der Evolution fest im menschlichen Gehirn verdrahtet. Und nur aufgrund dieser angeborenen Vorkenntnisse könne ein Kleinkind überhaupt komplexe Sprachen lernen. Die Umwelt entscheide nur, ob dies dann Koreanisch oder etwa Norwegisch ist.
Es waren zwei junge Rechtsphilosophen, die in den neunziger Jahren bei Chomsky studierten und dessen Idee vom Sprachinstinkt unabhängig voneinander auf die Moral übertrugen. Matthias Mahlmann, nunmehr 40-jähriger Dozent am Fachbereich Rechtswissenschaft der Freien Universität in Berlin, hat bereits vor sieben Jahren in einer mehr als 350 Seiten starken Abhandlung eine angeborene "Universalgrammatik der Moral" postuliert. Die in der aristotelischen Philosophie gängige Beschreibung des Menschen als animal rationale,
als vernunftbestimmtes Tier, sei zu ergänzen: "Er ist ebenso ein animal morale, ein moralbegabtes Wesen."
Ungefähr zur gleichen Zeit ersann John Mikhail, der heute am Georgetown University Law Center in Washington D. C. arbeitet, ganz ähnliche Hypothesen. Dazu befragte er Studenten der elitären John F. Kennedy School of Government der Harvard University und normale Schüler (acht bis zwölf Jahre alt) aus Massachusetts zu Varianten des Gleisarbeiter-Dilemmas und verglich die Antworten.
Beide Gruppen hielten es mehrheitlich für schlimmer, den dicken Mann vor den Zug zu stoßen, als die Weiche umzustellen. Die Forscher führen dies darauf zurück, dass es sich im einen Fall um einen "beabsichtigten", im anderen nur um einen "vorausgesehenen" Schaden handle.
Diese Unterscheidung wurde allerdings weder von den Schülern noch von den angehenden Akademikern angeführt, um ihre moralische Entscheidung zu begründen. "Moral ist etwas, das jeder hat, und nicht etwas, das man durch Bücherlesen bekommt", sagt Mikhail, 37. Da die angeborenen moralischen Prinzipien unbewusst angewendet werden, folgert er weiter, seien diese "oftmals jenen Menschen verschleiert, die sich in moralische Debatten einschalten". Anders gesagt: Viele Ethiker wissen gar nicht, wovon sie reden.
Mit Spannung verfolgen Mikhail und Mahlmann, wie ihre Ergebnisse jetzt von Biologen und Neurowissenschaftlern aufgegriffen und weitergesponnen werden. Der Harvard-Psychologe Joshua Greene zum Beispiel lässt Testpersonen über moralische Fragen brüten und untersucht mit bildgebenden Verfahren, was sich derweil in ihrem Gehirn abspielt.
Marc Hauser und der Neurologe Antonio Damasio von der University of Southern California in Los Angeles wiederum erforschen, ob die Moral einen festen Platz im Denkorgan hat. Dazu haben sie kürzlich Menschen mit Schäden in einer bestimmten Region des Gehirns (Stirnlappen) untersucht. Diese sollten sich zu einer ganzen Reihe von Dilemmas äußern.
Erste Auswertungen der noch unveröffentlichten Daten legen nahe: In einigen Fällen haben hirnverletzte Patienten tatsächlich einen anderen Moralinstinkt. So scheinen sie nicht zu zögern, den dicken Mann vor den Zug zu stoßen, um die fünf Gleisarbeiter zu retten. Sie sehen nur den guten Zweck, nicht aber das schreckliche Mittel. "Das ist eine sehr wichtige Entdeckung", urteilt Hauser. "Wir fangen an, Bausteine des Gehirns einzugrenzen, die notwendig sind für das normale moralische Urteilsvermögen."
Möglicherweise haben auch andere Primaten eine angeborene Ahnung davon, was gut und was böse ist. So haben Verhaltensforscher in Atlanta Tauschgeschäfte mit Kapuzineraffen getrieben. Für einen Gegenstand erhielten einige der Tiere eine begehrte Weintraube, andere bloß ein Stückchen Salatgurke. Die Lust am Tauschen hing entscheidend davon ab, was die anderen bekamen. Die Gurkenempfänger erkannten, dass sie mit schlechterem Futter abgespeist wurden, und verloren das Interesse - Hinweis auf einen von der Evolution geformten Gerechtigkeitssinn.
Allerdings gibt das moralische Erbe mitnichten vor, was zu tun und zu lassen ist. Diesen naturalistischen Fehlschluss, beeilen sich die Forscher zu versichern, wollten sie auf keinen Fall begehen. Hauser etwa führt das Beispiel der Sterbehilfe an. Dem angeborenen Moralsystem zufolge sind Aktionen schlimmer als Unterlassungen. Also erscheint es akzeptabler, einen unheilbar kranken Menschen an seinen Leiden sterben zu lassen, als ihn mit einer Überdosis Schmerzmittel zu töten.
Dessen ungeachtet könne es moralisch richtiger und vernünftiger sein, so Hauser, eine aktive Sterbehilfe wie in Belgien oder den Niederlanden zu erlauben. Allerdings müsse man die Intuitionen der Menschen ernst nehmen und durch gute Argumente überwinden.
Ein Moralinstinkt würde die vertrauten Rechtsordnungen in ein völlig anderes Licht tauchen. Diese wären keineswegs nur "artifizielle, zweckrationale Kulturschöpfungen" (Mahlmann), sondern bauten auf Eingebungen auf, die allen Menschen gemein sind.
Zu Ende gedacht, so der Berliner Jurist und Philosoph Mahlmann, werde das zu einer Stärkung der Menschenrechte führen. "Jeder Einzelne besitzt mit der moralischen Urteilskraft eine bemerkenswerte Eigenschaft, die neue Gründe liefert, das Menschsein zu achten." Das klingt wie bester Humanismus, allerdings auf evolutionärem Fundament. JÖRG BLECH
* Oben: Scharfschütze bei der Überwachung des Gästehauses der Bundesregierung in Berlin; unten: Komapatientin Terri Schiavo, deren künstliche Ernährung im März 2005 eingestellt wurde.
** Marc Hauser: "Moral Minds". Ecco, New York; 512 Seiten; 27,95 Dollar.
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 51/2006
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