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TIERE

Würgeschlangen im Paradies

Von Blech, Jörg

Eingeschleppte Pythons vermehren sich in Florida und fressen sich durch die einzigartige Fauna. Mit einer List wollen Biologen nun die Plage eindämmen.

Viele zieht es nach Florida. In den vergangenen 15 Jahren ist die Bevölkerung um knapp 40 Prozent gestiegen - eine der höchsten Zuwanderungsraten aller US-Bundesstaaten.

Doch nicht nur Menschen kommen in Massen hierher. Auch Riesenschlangen haben die Sonnenseiten Floridas entdeckt. Womöglich zu Tausenden schlängeln sich Dunkle Tigerpythons - sie können mehr als sieben Meter lang werden - hier durchs Gestrüpp. In Vororten Miamis verspeisen sie Katzen und Truthähne, in den Everglades liefern sie Alligatoren brutale Kämpfe.

"Python molurus bivittatus", so der wissenschaftliche Name, ist eigentlich in Südostasien beheimatet. Doch als Haustier wird er in die ganze Welt und damit auch nach Florida verschickt. Hier sind Babyschlangen schon für 20 Dollar zu kaufen. Anfangs nur 50 Zentimeter lang, werden sie binnen eines Jahres knapp zwei Meter lang. Bald kann mancher Halter gar nicht mehr so viele (lebendige) Kaninchen heranschaffen, wie sein Tigerpython verschlingt - und setzt den Nimmersatt einfach aus.

Vor 20 Jahren tauchten die ersten der Giganten in den Everglades auf, jenen tropischen Sümpfen im Süden Floridas. "Es waren jedoch immer nur wenige Exemplare", sagt Skip Snow, Biologe des Everglades National Park. Jetzt aber gibt es Hinweise auf eine regelrechte Invasion: Voriges Jahr haben Snow und die Parkranger bereits 95 der exotischen Schlangen entdeckt, in diesem Jahr waren es 150.

Dies dürften nur die wenigen gesichteten Vertreter eines noch weitaus zahlreicheren Schlangenvolks sein, das inzwischen den ganzen Nationalpark und andere Teile Floridas besiedelt. Unlängst haben Skip Snow und seine Kollegen ganz junge Pythons in den Sümpfen ausgemacht. Damit ist klar: Die Riesenschlangen zeugen inzwischen auch Nachwuchs.

Es ist nicht die erste exotische Art, die von Menschen nach Florida verschleppt wurde und jetzt in freier Wildbahn gedeiht. Das warme Klima des Touristenparadieses bietet entflohenen oder freigelassenen Amphibien, Reptilien und Fischen vorzügliche Bedingungen. In einem Park südlich von Miami zum Beispiel vermehren sich Abgottschlangen ("Boa constrictor"). Ihr Revier ist allerdings von Stadtvierteln und dem Atlantik umgeben, so dass sie vorerst nicht entweichen können.

Die Dunklen Tigerpythons dagegen futtern sich kreuz und quer durch Florida. Sie sind viel größer und verfressener als die 45 alteingesessenen Schlangenarten. Sie wickeln sich blitzschnell um ihre Beute, würgen sie zu Tode und verschlingen sie mit Haut, Haaren und Federn. Die Pythons jagen auf dem Boden, im Wasser und im Geäst der Sumpfzypressen - eine völlig neue Bedrohung der einzigartigen Tierwelt Floridas.

Der Biologe Snow hat die Bäuche gefangener Pythons aufgeschnitten und darin Überreste von Reihern, Rotluchsen, Waschbären, Beutelratten, Bindentauchern, Schneesichlern und Rallenkranichen gefunden. Selbst an Alligatoren wagen sich die Viecher heran. Allerdings sind ihre Augen manchmal größer als der Magen: Bei dem Versuch, einen knapp zwei Meter langen Alligator herunterzuwürgen, platzte einem vier Meter langen Python der Wanst. Keiner von beiden hat überlebt.

Auch Einwohner und Besucher Floridas können vor den Riesenschlangen nicht sicher sein. "Menschen gehören zwar nicht zu ihren natürlichen Beutetieren", sagt Snow. "Aber Tigerpythons sind durchaus in der Lage, einen Menschen zu töten." Tatsächlich wurden bereits einige Halter vom eigenen Schützling erwürgt. Trotzdem kann sich jedermann in Florida eine Würgeschlange kaufen, ohne sich ausweisen zu müssen. Niemand kann wissen, was der Käufer mit dem Tier anstellt.

Aufgeschreckt durch den Python-Einfall erwägen Politiker nun, den Handel mit ihnen einzuschränken. Zudem wollen sie an einem "Tag der Amnestie" überdrüssigen Haltern die Möglichkeit geben, ihre Pythons staatlichen Stellen zur Entsorgung zu überlassen.

Das Problem mit den wildlebenden Exemplaren ist so indes nicht zu lösen. Die Tiere einfach einsammeln geht auch nicht: Die Sümpfe sind viel zu weitläufig und die gelbbraun gemusterten Würgeschlangen zudem hervorragend getarnt. "Selbst wer direkt daneben steht", berichtet Snow, "kann sie kaum erkennen." Wenn es ihm einmal gelang, eine der Schlangen zu fangen, dann oft nur, weil es sich weithin sichtbar auf der Straße gesonnt hatte.

Das Projekt, eine Python-Falle zu entwickeln, ist aus Geld- und Personalmangel noch nicht vorangekommen. Versuche, einen Spürhund auf die Schlangen abzurichten, blieben ebenfalls ohne Erfolg.

Gegenwärtig verfolgt Snow die Idee, weibliche Pythons gleichsam als Lockvögel in die Freiheit zu entlassen. Vier Weibchen waren vergangene Woche bereits in den Everglades unterwegs, unter der Haut winzige implantierte Funksender. In der bald anbrechenden Paarungszeit, so die Hoffnung, werden sie die Ranger zu den versteckten Balzplätzen der Pythons führen. JÖRG BLECH


DER SPIEGEL 51/2006
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