18.12.2006

LITERATURDas große, wilde Spiel

Thomas Pynchon, der Rätselmann der amerikanischen Literatur, hat einen neuen Romanbrocken in den internationalen Rezensentenbetrieb geschoben, eine Fabel von Luftschiffen, Sprengstoff und verlorenen Illusionen. Bericht von der Besichtigung des Pynchon-Werks „Against the Day“.
Ich habe jetzt mehr als 400 Seiten gelesen", meldet der "Newsweek"-Kritiker, "und ich habe bereits genug Notizen über dieses Biest für ein eigenes Buch." Er werde, so lässt er die Leser wissen, in Fortsetzungen rezensieren. "Mehr als 18 Seiten pro Stunde sind nicht drin", gab der völlig erschöpfte Kritiker der "Süddeutschen Zeitung" zu Protokoll: Wie immer, wenn ein neuer Pynchon erscheint, reden Dechiffrierer und Kritiker am liebsten von der eigenen Erschöpfung*.
Auch wir werden in diesen Spalten ein Team losschicken, Veteranen und Novizen des Pynchon-Kosmos, doch zunächst muss geklärt sein, dass es bei Pynchon nie nur um Literatur ging, sondern immer auch um das Ereignis. Ein anderes Wort für dieses Ereignis wäre: das Geheimnis. Und das gilt für den Autor genauso wie für das Werk.
"Es wäre so leicht", sagt Pynchons deutscher Ex-Verleger Michael Naumann, "ihm
aufzulauern und ihn abzuschießen mit der Kamera." So ungefähr weiß man ja, wo der Geheimnisumwitterte wohnt auf der Upper West Side in Manhattan. Man könnte ihn aufspießen wie einen tropischen Schmetterling und ihn der überfotografierten Celebrity-Halde eingemeinden. Aber keiner tut es.
Vor Jahren gab es mal einen Versuch, ein eklig alltägliches Foto, ein älterer Herr mit seinem Jungen an der Hand, das war es im Wesentlichen. Ansonsten halten sich alle an den Pakt. Die Leser der Massenblätter wüssten ohnehin wenig mit Pynchon anzufangen, und die Leser seiner Bücher respektieren seinen Wunsch nach Ruhe: Wir gönnen uns in einer komplett ausgeleuchteten Welt das Geheimnis.
Das ist das Pynchon-Spiel, ein Teil davon, und es geht nun schon seit Jahrzehnten gut. Es wird mit Genuss gespielt. Vor einiger Zeit trat Pynchon als Comic-Figur in der Zeichentrickserie "The Simpsons" auf, als großer Unbekannter mit einer Packpapiertüte überm Kopf, und er sprach seinen eigenen Part.
Der andere Teil des Spiels, der wildere und größere, ist der der Pynchon-Romane: die geheimnisvollen Bücher, die mystischen Landschaften, die Gegenwelten. In großen Abständen auf den Markt geworfen, liegen sie in der Weltliteratur wie einsame Massive und werden ehrgeizig bestiegen und vermessen. Richtig bezwungen wohl kaum. Thomas Pynchon, der 1937 in Glen Cove, New York, geboren wurde, der Physik und englische Literatur (bei Nabokov) studierte und bei der Marine war, ist einer der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur.
Seine Romane, von "V" (1963) über "Die Enden der Parabel" (1973) bis zu "Mason & Dixon" (1997), sind Krimis und Weltpanoramen, sie flechten Hunderte Episoden ineinander und führen Hunderte Figuren mit sich, breite Erzählströme, die von Drogenexperimenten genauso berichten wie von der Raketenforschung und von der Potsdamer
Konferenz, von Landvermessern im 18. Jahrhundert bis zu Hippiekommunen des vergangenen Jahrhunderts. Eines haben sie gemeinsam: den apokalyptischen Blick. Sie sind, über die Schultern der Leser, fest auf das Ende der Welt gerichtet.
Nun lässt sein sechster Roman, der gerade erschien, "Against the Day", den Betrieb wieder summen wie seine Vorgänger in einem Konzert aus Verkündigungen und Verrissen. 1,5 Kilo, 1092 Seiten. "Fast so schwer" wie der Toaster des "Time"-Kritikers. Zu den gedruckten Kritiken gesellen sich die im Netz. Ja, endlich hat die verknüpfte Welt des Internet technologisch zu den kompliziert verknüpften Pynchon-Romanen aufgeschlossen und produziert ständig neu metastasierende Seiten, Zigtausende.
Da Pynchon wie ein begabter Bauchredner Dutzende Autoren anklingen lässt, ist es nur legitim, gleich eine ganze Kritiker-Reisegesellschaft loszuschicken, um den neuen Roman zu besprechen. Alle 200 Seiten wird Pynchons Erzählung im Folgenden einen neuen Kritiker mit an Bord nehmen, für eine 200-Seiten-Passage, wird ihn absetzen und den nächsten aufnehmen.
Warum ist jeder neue Pynchon-Roman für mich ein Ereignis? Weil er der Tolstoi der Popkultur ist, der Epiker der LSD-Generation. Er löst allerdings seine Handlungsknoten nicht, sondern er verstrickt sie weiter, und seine Helden sind solche, die wir instinktiv mögen: die Träumer, die jugendlichen Draufgänger, die Tüftler, die Unterlegenen, die Wahnsinnigen, und sie schlagen sich durch eine wahnsinnige Welt.
Von seinem Roman "V" habe ich immer noch die blinden, allesfressenden Albino-Alligatoren in der Kanalisation Manhattans in Erinnerung, die vom stoischen Benny Profane gejagt werden - Pynchon mag Geheimbünde und unterirdische Gänge, Kanäle, Minen, verbotene Verkehrssysteme.
"Against the Day" allerdings beginnt oben, hoch in der Luft, an Bord der "Inconvenience", eines Luftschiffs, das Kurs auf die Weltausstellung in Chicago 1893 nimmt. Verschworene Burschen dort in der Gondel, die sich die "Chums of Chance" nennen, Glücksritter der Lüfte, und zwischen ihnen Pugnax, der Henry James lesende Hund.
Und unten, in den Schatten der Chicagoer Weltausstellungswunder und Schlachthöfe treffen sich die Arbeiter in Anarchistenkellern, und der Anarcho-Reverend Moss Gatlin mit seinen Tiraden erinnert daran, dass es die religiösen Schwärmereien waren, die die frühen Sozialisten beflügelten.
Der junge Privatdetektiv Lew, der eigentlich auf den Messebesucher Erzherzog Franz Ferdinand aufpassen muss, hört Gatlin, hört dieses Lied vom Kampf, und "wenn es auch sein Herz nicht ganz entzweibrach, so hinterließ es doch einen zarten Sprung, der sich im Laufe der Zeit als unheilbar erwies". So klang das auch bei Upton Sinclair schon in der Morgenröte des antikapitalistischen Kampfs.
Im metropolitanen Gewimmel Chicagos treffen wir den Fotografen Merle, dem die Frau mit dem Zauberer Zombini durchbrennt. Kurz darauf lernen wir Webb Traverse kennen, den Minenarbeiter und Anarchisten, der in den Westen geht, um dort, mit dem finnischen Wodka saufenden Dynamit-Spezialisten Veikko, Eisenbahnbrücken in die Luft zu jagen.
Pynchons Roman bis hierher: eine lustige Abenteurergeschichte in der Luft, ein Spaghetti-Western am Boden, mit James Coburn vielleicht, der das Dynamit für die mexikanische Revolution einsetzt. Weitere Themen: die Spekulationen der Aetheristen, die neuesten Versuche zur Elektrizität und Webb Traverses Söhne, die wachsen und gedeihen und die Demütigungen miterleben, denen ihr Vater als Arbeiter ausgesetzt ist.
Durch diese ersten 200 Seiten zucken die Gewitter der Moderne. Noch ist Phantastik von Wissenschaft nicht geschieden, noch ist die Moderne voller Versprechungen. Die Crew der "Inconvenience" hoch oben erhält ihre Einsatzbefehle aus der mysteriösen Zentrale auf die absurdeste Art - etwa in die Perlen geritzt, die in einem asiatischen Hafen aus einem Eimer Austern geborgen werden.
Doch dort unten ist die Schlacht bereits verloren, denn Webb Traverse hat in Wirklichkeit keine Chance gegen die Barone und Industriekapitäne, die das Land unter sich aufgeteilt haben und die Räume eng machen. Über die Wunder oben macht man sich keine Sorgen, aber in der Plackerei unten, das ahnt man, das erfährt man bald, wird Webb Traverse zerrieben.
Man könnte sich nun an dieser Stelle kurz freuen. Wann hat man sich bei Pynchon jemals so sicher gefühlt? Die Handlung liegt vor uns, aufgeklappt wie ein Papiertheater, die Charaktere eindeutig, der Konflikt identifiziert: Webb Traverse wird ermordet von den Auftragskillern des Großkapitals. Er war unser Held, nun muss er unser Märtyrer werden. Die Kapitalisten haben einen Mann töten lassen, der "keine Minute seines Leben nicht anderen gewidmet hatte", einen aufrechten Müntefering, in dessen Gewerkschaftsausweis stand: "Arbeit schafft allen Reichtum. Reichtum gehört seinen Produzenten." Es macht den Toten nur noch heldenhafter, dass Pynchon ihn gleichzeitig als einen Anarchisten beschreibt, der den Zumutungen des Kapitalismus Dynamit entgegensetzt.
Der Kampf des Vaters muss natürlich weitergeführt und sein Tod gerächt werden, und zum Glück hat Traverse vier Kinder, die den Job übernehmen könnten. Reef, der Älteste, ein Spieler und Frauenheld, beginnt die Suche nach dem Mörder, die Leiche des Vaters noch auf seinem Pferd transportierend, doch bald verliert er sich in Präriesand und Metaphysik: Anstatt die Mörder zu suchen, liest er dem toten Vater die Geschichten der Chums of Chance vor, dieser jungen Optimisten in ihrem Luftschiff, dieser Verkünder der neuen Zeit.
Gleichzeitig, und das ist typisch Pynchon, heiratet die Tochter den Mörder des Vaters, und jetzt lässt sich die Frage erahnen, die mittels dieser simplen Rachestory verhandelt werden soll: Wer lässt sich in dieser Wild-West-Welt, in der "keine Stunde vergeht, in der nicht jemand eine Schusswaffe abfeuert oder sich öffentlich einem sexuellen Akt hingibt", zugunsten welcher Vorteile korrumpieren? Welche Chancen hat ein Anachronismus wie Moral überhaupt, wenn die Menschheit erleben kann, wie Luftschiffe durch den Himmel segeln, wie Zeitmaschinen konstruiert werden und die Konzerne die Welt unter sich aufteilen.
Mit der Traverse-Tochter liegt der Fall einfach: Sie opfert das moralische Konzept von Schuld und Sühne zugunsten wahrer Liebe und Leidenschaft. Doch als potentieller Rächer ebenfalls enttäuschend ist ihr Bruder Kit, ein Mathematikgenie auf dem Gebiet der Vektoranalysis an der Universität Yale. Er will zur Forschung nach Göttingen gehen und lässt sich das bezahlen - von ausgerechnet jenem fetten Eisenbahnkapitalisten, der den Vater hat töten lassen. Diesmal also wird die Moral zugunsten des technischen Fortschritts geopfert. Damit berührt Pynchon eine der zentralen ethischen Debatten des 20. Jahrhunderts. Doch er streift sie nur. Und ich frage mich: Warum füllt er sie nicht mit Leben?
Drei Kinder haben also versagt, bleibt der Zweitälteste, Frank. Er erschießt immerhin den Kompagnon des Killers, allerdings auch das mehr aus Versehen, irgendwo in der mexikanischen Wüste. Ziemlich viele seiner Handlungen scheinen Ergebnisse von Zufällen zu sein.
Und genau das wird zum Problem des Romans. Was Pynchon-Fans angeblich so lieben - dass irgendwie immer alles passieren kann -, bedeutet umgekehrt, dass es genauso gut auch nicht passieren könnte.
Ein endloser Gesichterreigen in diesen wilden Rocky Mountains, und alle ähneln einander: Die Männer stellt man sich entweder wie Bob Dylan vor - Hut, schmaler Schnurrbart, gefurchtes Gesicht -, die Kluges sagen können über vergangene Tage; oder sie sind überzeichnete Vertreter des Kapitals, wie Brecht sie schon sah: fett, Zigarre rauchend, stets bestrebt, ihre Gegner zu korrumpieren.
So ist es schön, nach diesen 200 Seiten mit den nichtsnutzigen Traverse-Kindern, mal wegzukommen, woandershin, hinauf in die Lüfte, zu unserer unbekümmerten jungen Crew der Chums of Chance.
Zwei aus der Crew wollen bei einem gewissen Dr. Zoot eine Zeitmaschine ausprobieren, die ihnen "allerdings nicht besonders fortschrittlich vorkommt". Der Ritt
in ihr befördert die beiden Abenteurer dann auch nicht in die Zukunft, sondern in eine Art Hardcore-Geisterbahn-Szenario, aus dem sie nur mit Hilfe eines langen Hakens in letzter Sekunde wieder herausgefischt werden können. Am Ende muss Dr. Zoot zugeben, die Zeitmaschine auf einer Messe im Mittleren Westen "gebraucht gekauft" zu haben. Das Fazit, das die Chums of Chance ziehen, lautet: Die Idee ist gut, doch irgendwie funktioniert der Kram nicht. Irgendwie stimmt das auch für diesen Roman.
Vielleicht hilft es jetzt ja, ziemlich genau in der Mitte der Erzählung, sich daran zu erinnern, was man an der Universität in den Achtzigern gelernt hat: Literatur entstehe nur noch aus Literatur, beschäftige sich mehr mit anderer Literatur als direkt mit der Wirklichkeit. Wenn Pynchon seine Helden auf See gehen lässt, wirkt das wie eine Fortschreibung der Kreuzfahrt in Jonathan Franzens "Korrekturen".
Franzen grüßte damals Pynchon mit den ausführlichen Betrachtungen zur Entropie, Pynchons aus der Thermodynamik entlehnte Lieblingsmetapher fürs Nicht-gegenden-Verfall-Ankommen. Nun grüßt Pynchon zurück mit der Beschreibung einer Seereise, angereichert um den Science-Fiction-Traum der Aufhebung von Raum und Zeit: Bei Pynchon durchläuft das Passagierschiff auf offener See eine Metamorphose zum Zerstörer, es wird umgeswitcht. Die Stewards, die eben noch Bestellungen entgegennahmen, stehen plötzlich in Offiziersuniform da und brüllen den Passagieren Befehle zu. Ja, schnell kann so was gehen, das haben wir begriffen. Aber was für ein Aufwand wird hier getrieben für diesen Gedanken!
Die Allegorie sei immer dümmer als der Autor, sagte Heiner Müller, die Metapher klüger. "Against the Day" strotzt vor Allegorien (Luftschiff, Luxusdampfer, Mayonnaisefabrik, Wüsten-U-Boot) und hat sich von der Metapher (Entropie) verabschiedet.
Doch die überbordende Erzählkonstruktion hat noch andere Nachteile: Wer eine solche Vielzahl von Romanfiguren miteinander bekannt machen muss, kann sich kaum auf emotionale Ambivalenzen einlassen, er muss eindeutige Reaktionen zeigen. Zum Beispiel: Mann sieht Frau - Erektion. Und die lässt sich zum Bedauern des Betroffenen "nicht einmal mit dem Konjugieren altgriechischer Verben" abbauen. Interessanter, denkt man sich da, wäre doch das Entstehen einer Erektion beim Konjugieren griechischer Verben.
Apropos Verben: Weil so viel kommuniziert werden muss, variiert Pynchon das schlichte Hemingwaysche "sagte er" mit einer Vielzahl von Verständigungsverben - flüsterte sie, murmelte er, konnte er sich nicht verkneifen zu sagen, und was das Synonymlexikon sonst noch so anbietet. So treibt auch Grisham seine Storys voran, dem Drehbuch entgegen. Literatur entsteht neuerdings oft aus dem Industriekino.
Vielleicht dachte Pynchon wirklich beim Ausmalen seiner Schiffsumswitchung oder beim Beschreiben der freigelassenen Mayonnaisemassen, die den Helden durch ein kleines Fabrikfenster ins Freie drücken, an die kommende Verfilmung: Matrix reloaded by Pynchon. Für die Beschreibung der einen Wirklichkeit, in der der Leser meist lebt, ist da kein Platz mehr. Venedig zum Beispiel könnte so auch beschreiben, wer die Stadt nur aus dem Computerspiel kennt. Oder aus dem Baedeker.
Wenn wir gerade bei Reisebüchern sind, könnte man auch über Kochbücher sprechen: Die muss man ebenfalls nicht von vorn bis hinten lesen, sondern kann sie an beliebiger Stelle aufschlagen und sich Appetit machen lassen. Thomas Pynchons Wälzer geht manchmal runter wie Champagner, manchmal würgt man wie an kaltem Grießbrei. Es empfiehlt sich deshalb, zwischen den Gängen Verdauungspausen einzulegen, um Völlegefühl und Blähungen zu vermeiden. Auf Seite 608 stecken wir bereits mitten im Hauptgang und finden dort (natürlich im griechischen Original) folgerichtig den dienlichen Hinweis: "Bohnen vermeiden". Diese Diätanweisung des strengen Pythagoras verdirbt dem verfressenen Polizeiinspektor Vance Aychrome beinahe sein englisches Frühstück. Uns stört's weniger, denn schon sind wir im Pynchon-Kosmos: Diebe, Dickwänste und Dilettanten gehen ein und aus, Attentate werden geplant und verworfen, Wissenschaftler und Wahnsinnige geben sich die Klinke in die Hand, und auf einem Studentenfest in Göttingen werden Elefantenspritzen für Kaffee-Einläufe zweckentfremdet.
Überhaupt, die Zivilisationskrankheiten und modischen Malaisen! Bei Pynchon tummeln sich Balneomanen, Neurastheniker, Gasophile und solche, die unter einem "Railway Brain" leiden, das anscheinend (was wusste man denn!) durch den Schock nach einer Eisenbahnkollision verursacht wurde. Kurzum: Die Kapitel platzen aus allen Nähten vor historischer Gelehrsamkeit und skurrilem Witz.
Kit Traverse, Sohn des ermordeten Webb Traverse, muss Göttingen verlassen und reist gen Süden nach Venedig, wo er Zeuge eines missglückten Attentatsversuchs
auf Scarsdale Vibe wird, den Großkapitalisten und Mörder seines Vaters. Kits Flucht führt ihn weiter an den Baikalsee, nach Sibirien, wo sich zufällig gerade die Koinzidenz-Kumpel mit ihrem Luftschiff befinden, als eine gigantische Explosion für Verwirrung sorgt und mysteriöse Phänomene zeitigt. Leuchtende Rentiere fliegen am Himmel, Moskitos trinken Wodka statt Blut, die Uhren gehen rückwärts, und bibelfeste Wölfe warnen auf Altkirchenslawisch vor falschen Propheten. Die Menschen rätseln: War es Tschernobyl, war es der Stern der Weisen, ein Zeitreisephänomen oder eine neue Strahlenwaffe des Ingenieurs Nikola Tesla?
Noch heute wird über diese als "Tunguska-Ereignis" bekannt gewordene gigantische Explosion von 1908 spekuliert, die schon mit Stanislaw Lems Roman "Die Astronauten" (1951) Eingang in die große phantastische Literatur fand. Bei Pynchon wird die Explosion zum Maßstab der Menschen, die an der apokalyptischen Verheißung scheitern, das Ereignis kurze Zeit später vergessen und "fortan wieder Orgasmus, Halluzination, Stumpfsinn und Schlaf suchten, um sie durch die Nacht zu bringen und zu rüsten gegen den Tag".
Gegen den Tag: "Against the Day", der Titel des Romans, ist ein Zitat aus der englischen Übersetzung des zweiten Petrus-Briefs, der von der Verdammnis der gottlosen Spötter handelt. Pynchon, der ambivalente Apostel des technischen Zeitalters, ein Autor für Bibelcode-Entzifferer und gefallene höhere Töchter mit Physikdiplom, hat knapp ein Jahrzehnt nach dem letzten Roman seine belletristische Bringschuld erst einmal erfüllt. An dem jüngsten Gericht, das er seiner treuen Gemeinde jetzt vorgesetzt hat, dürften die Exegeten noch lange zu knabbern haben.
Auf genau dieses Knabbern hatte ich nie Lust. Meine Pynchon-Bücher sind schon vor dem letzten Umzug in die Verschenkekiste geflogen. Ich warf sie mit Schadenfreude der Pynchon-Gemeinde zum Fraße vor: einem Heer von ehrgeizigen Jungmännern, pedantischen Strebern und colatrinkenden Nerds, die die eigene verschwitzte Besserwisserei mit der anderer messen und wie die I-Dötzchen aufgeregt mit den Fingern schnipsen. "Ich weiß was, hört alle mal her: Vineland, wenn man das liest als V in E(lectronic)land, dann hat man den Bezug von seinem vierten zu seinem ersten Roman ..." (Und sicher findet sich jemand, der mit den Zahlen 1 und 4, dem Geburtsdatum von Pynchon und dem Einschlagstag irgendeines Meteoriten eine phantastische Gleichung aufmacht.)
Die blasierte Variante dieser Gattung schreibt Kritiken und sogenannte Essays, in denen es ebenfalls darum geht, Strukturen und Stereotypen, Topoi und Tropen und dergleichen an die Wand zu nageln, auf dass jenes Chaos, das die Pynchon-Anhänger so gern feiern, so schnell und restlos wie möglich beseitigt wird. Pynchons ausgestellte Komplexität zieht alle Streber dieser Welt unwiderstehlich an, denn sie ist endlos und tautologisch zugleich. Wie bei James Joyce und Arno Schmidt wird das Erlebnis durchs Bescheidwissen ersetzt, das machen diese Autoren in ihrem Spätwerk ihren Lesern schon vor. Das Gegenteil von Kunst ist recht haben.
Und jetzt: Hurra, das liest sich ziemlich wunderbar! Es wird hemmungslos kalauerhaft gereimt, mit naturwissenschaftlichen Schlauheiten jongliert, die nirgendwohin führen. Es gibt Marx-Brothers-haften Humor, grimmig, abstoßend, schonungslos albern. Sicher, es gibt Nachhilfe in europäischer Geschichte, es gibt science-fictionale Doppelbödigkeiten und den üblichen Überfluss an Figuren, die durcheinanderwuseln wie weiland bei Bruegel dem Älteren. All das aber erscheint mir lockerer, weniger zwanghaft, entspannter und besser durchblutet als früher.
Vor allem aber gibt es Passagen von berückender Zartheit, großer psychologischer Klugheit, voller Mitgefühl für seine Figuren. Pynchon goes Humanismus! Mit geradezu adventlicher Andacht für Aderläufe im Herzen, die der Autor, das schwöre ich, bisher nicht kannte. Und manchmal von herber Traurigkeit.
"Als nächtelang nichts geschah", heißt es von einem kosmischen Phänomen, "und die Erscheinung am Himmel langsam zu einem gewöhnlichen, tiefen Violett verblasste, konnten sich die meisten kaum noch an das erhebende Gefühl im Herzen erinnern, an diese Ahnung von Beginn und Möglichkeit ..." Dieses Buch kommt nicht in die Kiste. Frohe Weihnachten!
* Thomas Pynchon: "Against the Day". Jonathan Cape, London; 1092 Seiten.
Von Matthias Matussek, Philipp Oehmke, Doja Hacker und Malte Herwig

DER SPIEGEL 51/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 51/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LITERATUR:
Das große, wilde Spiel

Video 01:21

Neues von Panda Qi Yi Vom Klammerbär zum Faultier

  • Video "Neues von Panda Qi Yi: Vom Klammerbär zum Faultier" Video 01:21
    Neues von Panda Qi Yi: Vom Klammerbär zum Faultier
  • Video "Gesundheits-VLOG: Mundgeruch? Muss nicht sein!" Video 02:48
    Gesundheits-VLOG: Mundgeruch? Muss nicht sein!
  • Video "Schwarzsein in Deutschland: Meine Farbe ist deutsch!" Video 04:04
    Schwarzsein in Deutschland: "Meine Farbe ist deutsch!"
  • Video "Nach Unfall: Uber zieht Robotertaxis aus dem Verkehr" Video 00:22
    Nach Unfall: Uber zieht Robotertaxis aus dem Verkehr
  • Video "Webvideos der Woche: Hut ab!" Video 03:16
    Webvideos der Woche: Hut ab!
  • Video "Sprung vom Windrad: Balanceakt aus der Ich-Perspektive" Video 00:58
    Sprung vom Windrad: Balanceakt aus der Ich-Perspektive
  • Video "Video aus Minsk: Nur ein paar Rentner durften protestieren" Video 00:29
    Video aus Minsk: "Nur ein paar Rentner durften protestieren"
  • Video "3D-Flug über Roten Planeten: So haben Sie den Mars noch nie gesehen" Video 01:29
    3D-Flug über Roten Planeten: So haben Sie den Mars noch nie gesehen
  • Video "Depeche Mode im Interview: Normalerweise kommen immer Teenager" Video 02:35
    Depeche Mode im Interview: "Normalerweise kommen immer Teenager"
  • Video "Schmerzhafte Trainingsfahrt: Bienenschwarm greift Mountainbiker an" Video 01:32
    Schmerzhafte Trainingsfahrt: Bienenschwarm greift Mountainbiker an
  • Video "Gesundheitsreform-Pleite: Niederlage für Trump" Video 00:57
    Gesundheitsreform-Pleite: Niederlage für Trump
  • Video "Formel 1: Neue Regeln, neues Glück?" Video 01:39
    Formel 1: Neue Regeln, neues Glück?
  • Video "Anschlag in London: Video zeigt den Moment des Attentats" Video 00:43
    Anschlag in London: Video zeigt den Moment des Attentats
  • Video "Seidlers Selbstversuch: Kontrollverlust mit künstlicher Hand" Video 03:35
    Seidlers Selbstversuch: Kontrollverlust mit künstlicher Hand
  • Video "Filmstarts der Woche: Allerhand Außerirdische" Video 05:48
    Filmstarts der Woche: Allerhand Außerirdische