22.12.2006

ARBEITSMARKT „Wie ein Stück Fleisch“

Auf dem illegalen Arbeiterstrich, auf der Straße oder im Internet, bieten sich auch Deutsche als Tagelöhner zu Dumpingpreisen an.
Meistens steigen sie nicht mal aus. Sie bremsen, mustern mit kalten Blicken in der Morgendämmerung die Wartenden am Straßenrand. Und wenn ihnen gefällt, was sie sehen, lassen sie langsam die Fensterscheibe runter und beginnen grußlos die Preisverhandlungen.
Ein Tag, 50 Euro, bar auf die Hand, sagt der Fahrer im blauen Golf: "Nur für echte Kerle", fügt er hinzu. 50 Euro sind viel Geld. Torsten Berne, 47, hebt die Hand und nickt. Und die sechs anderen Männer neben ihm auch. Einer ruft in gebrochenem Deutsch noch dazwischen "50 Euro für zwei Mann". Aber der Golf-Fahrer entscheidet sich für Berne. Vielleicht, weil sich so starke Oberarme unter dem löchrigen Blaumann abzeichnen. Vielleicht, weil er Deutsch spricht.
Bei Berne weicht die Spannung aus dem Körper. Ein Lächeln liegt kurz auf dem unrasierten Gesicht. Dann steigt er in den Golf. Er weiß nicht, ob sich hinter der Zeitangabe "ein Tag" am Ende 8 oder 16 Stunden verbergen. Er weiß nicht, welche Arbeit auf ihn zukommt. Er weiß nur: Der Tag ist gerettet.
Der arbeitslose Informatiker Berne gehört auf dem freien Markt zu den Discount-Anbietern der Ware Arbeitskraft. Als illegaler Tagelöhner wartet er am sogenannten Arbeiterstrich auf einem Parkplatz vor dem Treptower Park im Südosten Berlins und hofft ab fünf Uhr morgens auf Aufträge: für einen Tag, eine Woche, einen Monat - oft wartet er auch vergebens. Er arbeitet auf eigenes Risiko, voll flexibel, voll mobil, vielseitig einsetzbar und extrem günstig - egal in welcher Branche. Ein Traum für jeden Arbeitgeber, ein Musterschüler der modernen Arbeitswelt: willig und billig.
Szenen wie die in Treptow erinnern an Schwarzweißfotos aus den dreißiger Jahren, die zum Symbol für eine Gesellschaft wurden, in der die Arbeitslosigkeit dramatisch stieg und die Demokratie in ähnlichem Tempo an Zustimmung verlor. An jeder Straßenecke standen damals in Berlin hungrige Tagelöhner. "Ich suche Arbeit jeder Art", stand auf ihren Schildern.
Jahrzehnte später, im Dezember 2006, stehen wieder Menschen auf der Straße. Sie hungern nicht, das Land, in dem sie leben, ist reich und demokratisch. Und dennoch betteln sie um Arbeit.
Auf 80 000 schätzen die Gewerkschaften die Zahl der Tagelöhner in Deutschland. Doch erfasst sind damit nur die "Sichtbaren", wie die Statistiker erklären, jene, die sich legal mit Personalausweis und Steuerkarte bei den offiziellen Vermittlungsstellen der Arbeitsagenturen für Tagesjobs melden. Daneben gibt es noch das Heer der "Unsichtbaren": die, ähnlich wie früher, am Arbeiterstrich stehen oder - immer öfter - sich über das Internet andienen.
"Abholmärkte für Arbeiter", wie Berne spottet, gibt es in jeder größeren deutschen Stadt: in der Hanauer Landstraße in Frankfurt am Main, in der Venloer Straße in Köln oder beim "Männer-Schnelldienst" am Großmarkt in München. Dort stehen längst nicht mehr nur Osteuropäer, die für zwei bis drei Euro pro Stunde ihre Muskeln zu Markte tragen - sondern zunehmend auch Deutsche. Männer wie Torsten Berne eben.
"Wie ein Stück Fleisch" kommt Berne sich da manchmal vor, wenn er an der Straße steht und taxiert wird. Alles, was er anbieten kann, ist sein Körper, sind seine starken Oberarme. Für seinen Kopf interessiert sich der Arbeitsmarkt nicht mehr.
Das war mal anders. Zu Zeiten der New Economy hat er es richtig krachen lassen, Kredite waren kein Problem: "Da reichte den Banken ein selbstgeschriebener Finanzplan und eine Powerpoint-Präsentation", sagt er mit bitterem Unterton. Aber von Bernes Geschäftsidee, einer Immobilienbörse im Internet, blieben nur Schulden. Immer wieder hat es Berne versucht mit Bewerbungen, doch für den zweiten Boom der New Economy heute, ist er mit inzwischen 47 Jahren schon zu alt.
"Du hast wenigstens was im Kopf", sagt Jürgen F., 42, der mit Berne regelmäßig in Treptow anschaffen geht. Er faltet seine Zeitung zusammen. "Der Mehr-Lohn-Antrag" steht auf der Titelseite. Jürgen F. gähnt und zeigt seine Zahnlücke.
Früh aufstehen müssen sie alle hier. Wer bis sieben Uhr morgens nichts hat, bekommt nichts mehr. Zehn Stunden wird Jürgen F. am Abend gearbeitet haben für 40 Euro. Zehn Stunden zusammen mit
sechs anderen Männern, von denen gerade noch zwei festangestellt sind bei dem Umzugsunternehmen. Er weiß nie, wer und wie seine Kollegen sind. Oder der Chef. Er stellt auch keine Fragen mehr. Warum soll er Menschen kennenlernen, die er vermutlich nie wieder sieht? Wenn es schlecht läuft, versucht ihn der Vorarbeiter am Abend um den Lohn zu betrügen. Wenn es gut läuft, bekommt er einen Anschlussauftrag. Dann muss er nicht wieder warten an der Straße, die sie selbst den Strich nennen.
Dass Arbeit auch etwas mit Sozialkontakten zu tun hat, gilt für ihn schon lange nicht mehr. Über das Gerede vom Aufschwung und der "Erholung" am Arbeitsmarkt kann er nur müde lächeln. Der Kreuzberger hat "zu lange Soziologie studiert", wie er selbstironisch sagt. Einen richtigen Job hatte er nie, jedenfalls nie länger als ein Jahr. Im alten West-Berlin hatte Jürgen F. es sich eben gemütlich gemacht - "für normale Arbeit", sagt er rückblickend, sei er "nicht zu gebrauchen gewesen". Er war arbeitslos unter Kohl, unter Schröder und er ist es unter Merkel. Irgendwie kam er immer durch. Wenn sein Hartz-IV-Salär jetzt nach zwei Wochen aufgebraucht ist, stellt er sich für zwei, drei Tage an die Straße, malocht in Lagern oder als Möbelträger. Vor ein paar Jahren ist er noch regelmäßig in die Beusselstraße gefahren. Er dachte damals schon, er sei nun ganz unten angekommen.
In der Beusselstraße in Berlin-Moabit ist die Außenstelle der Arbeitsagentur, die die legalen Tagesjobs vermittelt. "Vor drei Jahren konnte ich von diesen Jobs noch leben", erzählt der 52-jährige Rainer aus Charlottenburg. Er erinnert sich an die Zeit, als dort jeden Tag 200 Männer mit Kurzzeit-Jobs versorgt wurden. Jetzt sind es manchmal nur 5 oder 6, die eine legale Tagesarbeit ergattern.
Das Prinzip Marktwirtschaft hat auch hier gegriffen. Die offiziellen Tagelöhner haben von den inoffiziellen Konkurrenz bekommen. Manchmal erscheinen die Ersten schon am späten Nachmittag in der Beusselstraße. Die Männer schlagen sich die Nacht um die Ohren. Wer zuerst kommt, kriegt den ersten Job. Die Bezahlung ist etwas besser als auf dem illegalen Strich. Bis zu sieben Euro netto - Krankenversicherung und Sozialabgaben trägt für den Tag der Arbeitgeber, ein letztes kleines Stück Sicherheit.
Rainer ist schon froh, wenn er auf 200 Euro im Monat kommt. Denn es werden immer weniger, die hier Jobs anbieten. Vielleicht muss er schon bald zu denen, die bereits am Treptower Park stehen. Aber noch versucht er auf der sozialen Leiter die vorletzte Sprosse zu halten. Noch schrecken ihn die Geschichten aus Treptow zu sehr ab.
Seit Jürgen F. seinen "Arbeitsplatz" von der Beusselstraße an den Treptower Park verlegt hat, nimmt er immer einen Rucksack mit. Darin hat er Brote, Thermoskanne, Wasser, eine Hose zum Wechseln - und eine Dose mit Reizgas, "für alle Fälle", wie er erklärt. Denn der Umgang miteinander ist wenig herzlich. "Am schlimmsten sind die Rumänen", schimpft Jürgen F. Wenn er die Zeitung aufschlägt, sieht er Fotos vom Arbeitsminister Franz Müntefering, er liest Begriffe wie "Investivlohn" oder "Mindestlohn". Worte, die mit seinem Leben nichts zu tun haben. In seinem Leben unterbietet der Pole den Deutschen, der Ukrainer den Polen und der Rumäne den Ukrainer. "Zum Glück", spottet Jürgen F., "gibt es hier noch keine Chinesen."
Die Deutschen vor dem Treptower Park haben einmal versucht, Preisabsprachen zu organisieren: "Unter vier Euro kein Handschlag", lautete die Devise, ein letztes Aufbäumen der versammelten Arbeiterklasse. Als die Polen und Rumänen sie unterboten, kam es zur Prügelei. Weil die Rumänen meist illegal in Deutschland sind, lassen die Deutschen schon mal das Wort "Polizei" fallen, auch wenn sie die Staatsmacht natürlich nie rufen könnten.
Aus dem Geschäft sind die Konkurrenten damit dennoch nicht. Die meisten Mitbewerber bekommen sie hier draußen ohnehin nicht zu sehen: Das Internet ist längst zur Börse für die Ware Arbeit geworden - und da kann jeder bequem und anonym von zu Hause aus mitbieten, dort fallen sämtliche Grenzen. Für den Kreuzberger Jürgen F. ist die Arbeits-Hierarchie in Anlehnung an einen alten Sponti-Spruch klar: In der Beusselstraße sind die Regeln legal, am Treptower Park illegal, und im Internet "ist längst alles scheißegal".
Die Anzeigen im Netz wirken wie aus der untergegangenen Welt des Manchester-Kapitalismus. "Ich bin stramm gebaut und kann somit auch schwere Arbeit verrichten", preist sich der Pole Henryk B. auf der harmlos klingenden deutschen Seite "Spargeltreff.de" an. Er macht's sogar erst mal umsonst: "Bitte testen Sie mich kostenlos!" Auch Deutsche wie der Hamburger Jürgen M. flehen mit vielen Ausrufezeichen auf dem virtuellen Strich um Aufträge: "Gepflegter Mann, 56 Jahre alt, mit Führerschein III, sucht Job jeder Art als Tagelöhner, Kleinst- oder Minijob. !!! Bitte alles anbieten !!!"
Wer sein Haus günstig renovieren will, muss heute nicht mehr die Gelben Seiten wälzen. Es geht bequemer: Aufträge lassen sich bei Handwerkerbörsen im Internet versteigern. Die Auktionen bei Quotatis oder Blauarbeit.de funktionieren ähnlich wie Ebay - nur eben genau umgekehrt, das niedrigste Gebot gewinnt. Das Internet ist zum großen Arbeitsstrich geworden, das den "Arbeitgebern" peinliche Fahrten an Straßen wie jene in Treptow erspart.
Dort steht Jürgen F., der natürlich die virtuelle Konkurrenz kennt, aber nicht weiß, was er ihr entgegensetzen soll. Er kann nur mit konventionellen Mitteln kämpfen: früh aufstehen, warten, freundlich grüßen, wenn einer anhält, hart arbeiten. Vielleicht hatte er sich ja schon wieder getäuscht, als er dachte, am Treptower Park sei er nun wirklich ganz unten angekommen.
Prekärer geht immer.
MARKUS DEGGERICH
Von Deggerich, Markus

DER SPIEGEL 52/2006
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