22.12.2006

FAMILIENKinder des Feindes

Über 100 000 Besatzungskinder wurden nach dem Krieg in Deutschland geboren. Die Soldaten der Alliierten wollten von ihnen meist nichts wissen. Bevor es zu spät ist, suchen nun viele nach ihrem Vater.
Die kurze Anzeige auf der InternetSeite "suchmeldung.de" klingt verzweifelt. Gesucht wird: ein amerikanischer Besatzungssoldat mit schwarzen Haaren, der "im Februar 1952 in Schweinfurt stationiert" war. Vorname Charles - Nachname unbekannt.
Auf einem Faschingsball bei Musik und Tanz lernte dieser Charles damals die 22-jährige Deutsche Hanna kennen. Die beiden trafen sich vier- oder fünfmal. Dann war sie schwanger - und er war verschwunden. Wer den Soldaten Charles kenne oder "sonst irgendwelche Angaben in diesem Zusammenhang" machen könne, melde sich bitte per Handy oder E-Mail - bei dessen Sohn, heißt es in der Anzeige.
Herbert Hack ist heute 54 Jahre alt. Tagsüber fährt er Taxi, abends fahndet er nach seinem Vater. Es ist harte Detektivarbeit, aber der Berliner gibt nicht auf. Seine letzte Spur hat er auf dem Küchentisch seines Häuschens im Stadtteil Tegel ausgebreitet: sechs schwarzweiße Gruppenfotos amerikanischer GIs, aufgenommen in Schweinfurt Anfang der fünfziger Jahre. Hunderte von Gesichtern schauen unter immer gleichen Mützen hervor. Ein paar Gesichter hat Hack mit blauem Kugelschreiber umkreist. "Die sehen genauso aus wie ich früher", sagt er. Aber sie haben alle falsche Namen, das weiß er inzwischen. Keiner heißt Charles. Also wird Hack weitersuchen.
Der Mann aus Berlin ist nicht allein mit seinem Schicksal. Soldaten der Alliierten zeugten mindestens 66 700 Kinder mit deutschen Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland, berechnete das Statistische Bundesamt. Hinzu kommen Zehntausende Kinder in Ostdeutschland. Die Dunkelziffer dürfte noch viel größer sein: Viele Mütter gaben aus Scham den wahren Erzeuger ihres Kindes gar nicht erst an.
Nur die wenigsten Väter bekannten sich zu ihrem Nachwuchs im Nazi-Land. Als sie das besiegte Land verließen, hinterließen sie verzweifelte Mütter, meist jung und bettelarm. Die Frauen wurden als "Huren", "Flittchen" oder "Ami-Liebchen"
beschimpft - und die Kinder als "Bastarde".
Erst heute, wo sie sich schon oft dem Rentenalter nähern, überwinden viele Besatzungskinder ihre Scham und trauen sich, nach ihrem amerikanischen, französischen, britischen, belgischen oder sowjetischen Vater zu forschen. "Es gibt eine Menge, die jetzt suchen", sagt Heinrich Rehberg, Abteilungsleiter beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in München, "mittlerweile kommen fast täglich Anfragen bei uns auf den Tisch."
Doch die Hürden sind hoch: Mal sind die Unterlagen über die Väter längst vernichtet, mal verzweifeln die Soldatenkinder an bürokratischen Vorschriften, mal werden sie von dubiosen Suchdiensten über den Tisch gezogen.
Dass ausgerechnet jetzt so viele Deutsche in ihrer Vergangenheit wühlen, ist für Rehberg verständlich: "Viele haben in ihrer Jugend begonnen nachzuforschen, aber damals sind sie gegen Mauern gelaufen." Also kümmerten sie sich erst einmal um Beruf und Familie. "Jetzt, wenn alles andere geregelt ist, fangen sie wieder an", sagt Rehberg. Denn die Zeit rennt ihnen davon, ihre Eltern sterben.
Erich Hones hat 40 Jahre lang gesucht, immer wieder hat er entnervt aufgegeben. "Meine Mutter hat das Thema immer sehr geschickt totgeschwiegen", sagt Hones. Nur einmal steckte sie ihm eine Adresse in Florida zu, hingekritzelt im Frühjahr 1946. Hones schrieb einen Brief in die Ferne, doch er erhielt keine Antwort. Richtig in die Suche eingestiegen ist der 60-Jährige erst, als er schwer krank wurde. Da bekam er eine Frage nicht mehr aus dem Kopf: Was, wenn der Vater noch lebt? "Es war ein innerer Zwang", sagt Hones.
Der Hygieneinspekteur durchforstete das Internet. Er fuhr ins Stadtarchiv von Fritzlar und studierte unter anderem Vormarschpläne der Amerikaner aus dem Frühjahr 1945. Da waren schwarze Pfeile auf weißem Papier, denen einst auch sein Vater gefolgt sein muss. Hones hängte sich an jede Information, die er zu fassen bekam, und stieß doch bald an seine Grenzen. Also wandte er sich an einen Suchdienst, wie viele Besatzungskinder, die nicht mehr weiterwissen.
Mittlerweile existieren eine ganze Reihe von Agenturen, die sich auf die Suche nach ehemaligen Soldaten spezialisiert haben. Sie heißen "Searching for you" oder "Wiedersehen macht Freude" und berichten allesamt von steigender Nachfrage. Der expandierende Markt lockt auch dubiose Geschäftemacher. Einige verlangen stattliche Summen, bevor sie nur mit der Arbeit beginnen, und "verdienen sich damit eine goldene Nase", sagt DRK-Experte Rehberg. Was für die Betroffenen noch viel schlimmer ist: Die Agenturen schüren oft falsche Hoffnungen, um die Klienten bei der Stange zu halten.
Im Februar schickte Herbert Hack all das, was er an Informationen hatte, an einen privaten Suchdienst in Frankfurt am Main. Dieser warb mit "Erfahrung und Kompetenz" sowie einem Sonderpreis: nur 560 Euro für das Auffinden des Vaters. Vier Monate später kam tatsächlich eine E-Mail mit der Behauptung: "Sie wurden von uns als direkter Nachkomme des Charles G. Amos ermittelt." Bedauerlicherweise sei der Vater im Korea-Krieg gefallen, schrieben die ominösen Ermittler.
Hack bezahlte die Rechnung. Kurze Zeit später fand er über ein Militärarchiv heraus, dass sein angeblicher Vater zur Zeit der Zeugung gar nicht in Schweinfurt stationiert war. "Das war der totale Nepp", schimpft der Berliner.
Das Geschäft der Väterfinder floriert aus zwei Gründen: Zum einen erhalten Besatzungskinder praktisch keine Unterstützung von staatlichen Stellen, weder vom Auswärtigen Amt noch von den Botschaften der früheren Besatzungsmächte. Und zum anderen sind viele Militärarchive im Ausland bis heute nur schwer zugänglich. Eine Mauer aus Vorschriften schirmt sie ab vor unehelichen Soldatenkindern.
Im französischen Colmar lagern beispielsweise mehr als 20 000 Vaterschaftsakten französischer Besatzer, sortiert nach den Namen der Neugeborenen. Angelegt wurden sie damals auf Befehl der Besatzer - heute wären sie eine Schatztruhe für Soldatenkinder auf der Suche nach ihren Wurzeln. Sie dürfen die Akten zwar einsehen, aber die Namen der Väter bleiben bis 60 Jahre nach der Geburt der Kinder geschwärzt - die Regelung der Franzosen sorgt zuverlässig dafür, dass kaum ein Kind seinen Vater noch lebend antreffen wird.
Im US-Militärarchiv in St. Louis kümmert sich ein Mitarbeiter um Anfragen von Soldatenkindern. Etwa 800 Briten, Vietnamesen, Deutsche und andere melden sich pro Jahr. Doch 1973 zerstörte ein Feuer 16 bis 18 Millionen Akten. Manchen Antragstellern kann der Archivar also nur noch einen Brief zurückschicken, dass die entscheidenden Dokumente leider verbrannt sind.
Am schwersten haben es bis heute die Nachkommen von Soldaten der Roten Armee, wie Cora Anselmi. In ihrer Wohnung im württembergischen Bad Rappenau hat die Enkelin eines sowjetischen Soldaten einen Aktenordner mit den Dokumenten ihrer Suche gefüllt. Eingeheftet sind Briefe wie der vom Zentralarchiv des russischen Verteidigungsministeriums. Anselmi hat die kyrillischen Sätze übersetzen lassen. "Da stand nur drin, dass sie auch nichts wissen", sagt die Erzieherin.
Die 32-Jährige forscht im Namen ihres Vaters, der vor zwei Jahren starb. Erschüttert las sie in seinem Tagebuch, wie oft er sich nach diesem sowjetischen Soldaten sehnte, den er nie kennengelernt hat. "Das hat ihn sein ganzes Leben lang belastet", sagt Anselmi.
Ihre wichtigste Informantin lebt nur 20 Kilometer entfernt, im November feierte sie ihren 80. Geburtstag: ihre Großmutter. Ruth Reich hilft bei der Suche, indem sie endlich offen darüber spricht, was direkt nach dem Krieg passiert ist zwischen ihr und Andrej Jessajan, der Liebe ihres Lebens.
Auf dem Silvesterball 1945 in Leipzig lernten sie sich kennen. Der Sowjetsoldat stand am Ausgang und schaute der Deutschen beim Tanzen zu, den ganzen Abend lang. "Als ich nach Hause ging, ist er ganz selbstverständlich mitgekommen", erzählt Ruth Reich, "er guckte sich unser Haus an und sagte, dass er morgen wiederkommt." Jessajan kam fortan regelmäßig, fast jeden Abend brachte er Lebensmittel für die hungernde Familie.
Er war ein stolzer Mann und "stets pieksauber". Schnell verliebte sich das streng behütete Mädchen in den gebürtigen Armenier. "Das war wie ein Urknall", schwärmt Reich noch heute, "anders kann ich's nicht beschreiben." Als der gemeinsame Sohn auf die Welt kam, hielt ihn der sowjetische Soldat zärtlich in den Armen und sagte: "Meine kleine Jung-ge." Was
die anderen hinter ihrem Rücken tuschelten, war Ruth Reich egal. Wenn sie angespuckt wurde, wischte sie sich die Spucke einfach ab.
Nach zwei Jahren blieb Jessajan plötzlich weg. Ruth Reich erhielt nur eine Nachricht seiner Haushälterin, dass er angeblich wegen einer Lungenkrankheit in ein Lazarett in die Sowjetunion geschickt worden sei. Die alte Frau vermisst ihren Soldaten bis heute: "Ich würde mir wünschen, dass die Tür aufgeht, und er steht davor."
Unmittelbar nach dem Krieg gab es für Mütter wie sie kaum eine Chance, die Spur des Vaters zu verfolgen. Mit all ihrer Macht schützten die Militärbehörden ihre Soldaten vor Unterhaltsforderungen. Sie machten keinen Unterschied, ob es sich um wahre Liebe handelte, um Vergewaltigung oder um ein damals verbreitetes Geschäft: Sex gegen Lebensmittel.
Häufig lösten die Vorgesetzten das Problem schlicht dadurch, dass sie Männer mit unehelichen Kindern rasch zurück in die Heimat kommandierten. Auskünfte über den Aufenthaltsort der Soldaten erhielten die Mütter grundsätzlich nicht. Selbst vor Gericht konnten die Frauen nichts erreichen. Detailliert formulierte die Alliierte Hohe Kommission im August 1950 im "Gesetz Nr. 6", dass deutsche Gerichte keinesfalls "Verfahren zur Feststellung der Vaterschaft und Unterhaltsklagen von Kindern" führen durften.
Selbst nach der Aufhebung des Besatzungsstatuts 1955 leiteten die Militärbehörden offizielle Anfragen oft einfach nicht weiter. Sie konnten "ihre eigenen Soldaten nicht mehr wiederfinden", empörte sich das Münchner Jugendamt.
Manche Kinder ziehen bis heute von Gericht zu Gericht. Ihre Schicksale zeigen, wie sehr es Menschen quälen kann, wenn sie ihre Wurzeln nicht kennen. Am weitesten von allen ist Franz Anthöfer gegangen.
Der Bonner fand nach vielen Jahren der Suche eine Spur - doch die endete vor einem Grab. Ein DNA-Abgleich brachte Sicherheit. Seinen jüngsten Prozess hat der Ex-Pilot im Oktober trotzdem verloren: Ein US-Gericht wies seinen Antrag auf Feststellung der Vaterschaft ab. Er komme zu spät, entschied der Richter, er hätte sein Gesuch bis zum 21. Lebensjahr stellen müssen.
Anthöfer will Einspruch einlegen und notfalls bis vor den Supreme Court, das höchste Gericht des Staates West Virginia, ziehen. Denn er will, dass alles einen Sinn ergibt, auch die Pein seiner Kindheit. Die verbrachte Anthöfer in Heimen, wie viele Besatzungskinder. "Ami-Bastard", riefen die anderen, die Erzieherinnen schlugen ihn mit dem Handfeger. "Es gab die guten Waisen, die ihre Eltern im Krieg verloren haben", sagt Anthöfer. "Und ich war der, der immer büßen musste." Er war ja das Kind des Feindes.
In den Waisenhäusern der jungen Bundesrepublik sammelte sich besonders eine Gruppe von Soldatenkindern: die "Negermischlinge". Die "braunen Babys" wurden fast dreimal so häufig zur Adoption freigegeben wie weiße. Allerdings fand sich fast nie eine deutsche Familie für sie. Im Gegensatz zu anderen Frauen konnten Mütter farbiger Kinder kaum hoffen, dass die Väter um ihre Hand anhielten: US-Soldaten war es bis 1948 verboten, Frauen anderer Hautfarbe zu heiraten.
Lautstark sorgten sich westdeutsche Politiker um die ungewohnten Nachkömmlinge, "denen schon allein die kli-
matischen Bedingungen in unserem Lande nicht gemäß sind", wie eine CDU-Abgeordnete 1952 in einer Bundestagsdebatte dozierte. Wie sehr sie sich irrte, zeigen zwei prominente Beispiele: Jimmy Hartwig, Sohn eines farbigen US-Soldaten, gewann mit dem Hamburger SV dreimal die Deutsche Fußballmeisterschaft. Und Felix Magath, Sohn eines Besatzungssoldaten aus Puerto Rico, trainiert den FC Bayern München.
Für die Frau eines US-Besatzungsoffiziers war die einzige Lösung dagegen die Auswanderung: Mit dem Projekt "Brown Baby Plan" vermittelte sie Anfang der fünfziger Jahre etwa 500 farbige Besatzungskinder in schwarze Familien in den USA. Glücklich wurden sie in der Ferne allerdings selten. Daniel Cardwell etwa, der mit vier weiteren Deutschen von einem Ehepaar in Washington D. C. adoptiert wurde, durfte von einem Tag auf den nächsten kein deutsches Wort mehr sprechen. "Ich musste den Namen meines Essens erst auf Englisch sagen, bevor ich es essen durfte", sagt er. Die neuen Eltern blieben kühl und distanziert, ihr Leben lang.
Erich Hones hatte Glück. Seine Mutter steckte ihn weder ins Heim, noch gab sie ihn zur Adoption frei. Er geriet auch nicht an einen dubiosen Suchdienst, sondern an die ehrenamtliche Organisation GI Trace, die kostenlos und auch noch erfolgreich arbeitet. Eine Mitarbeiterin aus Berlin meldete sich bei ihm telefonisch und fragte, ob er gut auf seinem Stuhl sitze. "Ich habe einen Halbbruder von dir gefunden", sagte sie, "er will mit dir Kontakt aufnehmen."
Seit einigen Monaten schreibt Hones nun Briefe an einen Mann namens Ricky in Florida, seine Tochter übersetzt. Die beiden schicken sich Bilder und Lebensbeschreibungen. Seine Briefe unterschreibt Hones mit "Dein Bruder Erich".
Nur seinen Vater hat er nicht mehr treffen können. "Ich hätte ihn gedrückt und geherzt", sagt Hones, aber er kam ein wenig zu spät. Im Herbst 2005 erhielt er einen Brief vom Militärarchiv in St. Louis. "Ich habe ihn einen halben Tag liegen lassen", sagt Hones, "weil ich mich nicht getraut habe, den aufzumachen." In dem Umschlag war eine Quittung über die letzte Soldauszahlung seines Vaters.
Oben auf das Papier hatte der Archivar geschrieben: "DIED: 20 NOV 2001". Gestorben am 20. November 2001.
MARC WIDMANN, MARY WILTENBURG
* Am für die DNA-Analyse geöffneten Grab seines Vaters im US-Bundesstaat West Virginia 1996.
Von Widmann, Marc, Wiltenburg, Mary

DER SPIEGEL 52/2006
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