22.12.2006

PFLEGEDer freie Wille

Seit Jahren kämpft ein inzwischen 92-jähriger Mann um die Würde seiner Frau und gegen die Zustände in Pflegeheimen. Sie stürzte so oft, bis sie ins Koma fiel. Der Fall beleuchtet die Lage der 650 000 Heimbewohner und zeigt die Hilflosigkeit einer älter werdenden Gesellschaft. Von Barbara Hardinghaus
Er nimmt die Cordmütze vom Haken, schließt die Wohnungstür, steigt die Treppe hinab, läuft die Straße unter den großen Bäumen entlang bis zur S-Bahn, er steigt die Treppe hinauf, setzt sich in den letzten Wagen, fährt zu seiner Frau Erika, seit 16 Jahren jeden Tag.
"Hallihallo", sagt Hans Behrens, 92 Jahre alt, als er in das Zimmer tritt auf Station fünf in der "Parkresidenz", einem Seniorenheim in Hamburg-Poppenbüttel, mit Empfangshalle und Kaminzimmer. Sie liegt im Bett, gelbe Decke, blaues Nachthemd, sie umgreift ein Taschentuch, sie antwortet nicht, sie bewegt sich nicht. Erika Behrens ist oft auf den Fußboden gestürzt, zwölfmal in zwei Jahren, oben in Etage fünf.
Im Sommer 2000 fiel sie zum ersten Mal, "Sturz auf Hand", steht im Notfallbericht, "Radiusfraktur". Im Sommer 2002 fiel sie zum letzten Mal, am 16. August, einem Freitag. Sie stürzte neben das Waschbecken, sie brach sich dabei den linken Fuß.
Seit diesem Tag ist Erika Behrens ein Mensch, der nicht mehr laufen kann. Sie fiel wenig später ins Koma, für sieben Wochen.
Neben ihrem Bett hängt ein Beutel mit Mus, Bionahrung, die sie über eine Sonde versorgt mit dem Nötigsten, im Bad stapeln sich Windeln in Regalen.
"Erika", sagt Hans Behrens, "wie geht es dir heute?" Sie hebt den rechten Arm, als wäre ein schweres Gewicht daran gekettet. Sie kann auch nicht mehr richtig sprechen.
Hans Behrens ist ein alter Mann, aber er hat noch viel Kraft. Er hat schon einige Kämpfe ausgetragen, weil der Verstand ihm sagte, dass seine Frau ein Opfer ist, ein extremer Fall mangelnder Fürsorge in Heimen für alte Menschen. Er sah nicht ein, warum sich nicht verhindern ließ, dass sie immer wieder fiel. Er möchte den Fall vor Gericht bringen, er möchte Gerechtigkeit, wenigstens das.
Doch Hans Behrens hat es mit einem Gegner zu tun, der sein Vorgehen gut begründen kann. Die Parkresidenz ist eine Einrichtung, die ihre Bewohner mit der Gründlichkeit deutscher Finanzbeamter
behandelt: Sie führt Buch, sie reagiert auf Gesetze, auf Vorschriften, auf Paragrafen, in denen die Fußnoten für Sonderfälle fehlen. Erika Behrens ist so ein Sonderfall, und deshalb ist es vielleicht sogar juristisch korrekt, dass sie so oft fiel, bis sie nicht mehr gehen konnte.
Wer versucht, die Motive beider Seiten zu verstehen, könnte zu dem Schluss kommen, dass beide recht haben: Hans Behrens in seiner Wut, die Residenz in der Präzision ihrer Argumente. Daneben aber wirft dieser Fall ein Licht auf den Umgang der Gesellschaft mit ihren Menschen, die immer älter werden. Rund 10 000 Pflegeheime gibt es in Deutschland, rund 650 000 Bewohner darin, und die Zahl der Bewohner und auch der Sonderfälle wird wachsen. Jedes Jahr, so wird geschätzt, sterben in Deutschland 3000 Menschen über 75 Jahren, weil sie gestürzt sind und sich davon nicht mehr erholt haben.
Es ist schwer zu sagen, wie viele Stürze alter Menschen vergleichbar sind mit den Stürzen von Erika Behrens. In jedem Fall aber lässt sich an ihrer Geschichte erkennen, dass die demografische Entwicklung im Land nicht nur Löcher in die Rentenkasse reißt, sondern sie zeigt auch die Hilflosigkeit einer Gesellschaft, die an Verjüngungskuren und Wunderpillen glaubt und nicht in der Lage ist, den Menschen ein würdiges Altwerden zu ermöglichen, bis zuletzt.
"Einzug in ein königliches Leben", so wirbt die Parkresidenz für sich im Internet, man biete diskrete Eleganz, die Betreuung verlaufe wie die in einem "Hotel der Spitzenklasse". Hans Behrens glaubte, dass es ein guter Ort sein würde für den letzten Lebensabschnitt seiner Frau.
Sie wurde 1914 geboren, 17 Jahre später lernte sie Hans kennen. Sie heirateten 1936, zogen in eine Wohnung nach Hamburg-Horn. Hans Behrens arbeitete als Elektrotechniker und musste jeden Montagmorgen nach Lübeck zur Arbeit fahren. An einem Abend im Juli 1943 sah er von Lübeck aus, wie sich der Himmel über Hamburg plötzlich rot färbte, ein Feuersturm, ausgelöst durch einen britischen Luftangriff.
Am nächsten Tag machte er sich auf die Suche nach seiner Frau. Er fand sie, in einem Kuhstall sitzend, ein paar Kilometer von der Stadt entfernt. Erika Behrens wusste nicht, wie sie dort hingekommen war, sie sagte, sie erinnere sich nur an Bomben.
Es vergingen einige Jahre, bis klarwurde, dass diese Nacht in Erika Behrens für immer etwas hinterlassen hatte. Eine Ärztin fragte Hans Behrens 1957: "Wissen Sie eigentlich, dass Ihre Frau eine schwere Depression hat?" Für 15 Monate kam sie in die Psychiatrie. Erika Behrens, stellten die Ärzte fest, war manisch depressiv.
Menschen, die an dieser Psychose leiden, erleben Tage höchster Euphorie und Tage vollkommener Niedergeschlagenheit. An schlechten Tagen hatte Erika Behrens Angst, da sah sie die Flugzeuge zurückkommen. An guten Tagen fühlte sie sich leicht, da ging sie hinaus in die Stadt und kaufte Blusen und Pelze. Medikamente sollten ihr helfen, ein normales Leben zu führen.
Aber sie nahm ihre Medikamente nicht oder nur unregelmäßig. Immer wieder kehrte sie zurück in die Psychiatrie.
1990 entschied das Ehepaar, dass Erika Behrens besser in ein Heim ziehen sollte, in die Obhut von Fachleuten, die wissen, was sie tun. Sie verkauften das Haus und das Grundstück und wählten eines der besten Häuser der Stadt, die Parkresidenz.
Fünf Jahre lang lebte sie in ihrem neuen Zuhause, ohne dass ihr etwas zustieß. Beim Mittagessen half sie und bediente. Dann stand sie eines Morgens auf und fädelte mit dem Fuß in ein Kabel ein, das an ihrem Bett hing. Sie brach sich den Oberschenkelhals, bekam eine künstliche Hüfte. Von nun an stand sie unsicher auf den Beinen.
Als sie fünf Jahre später ein weiteres Mal stürzt, diesmal einfach so, ohne Kabel, beginnt für Hans Behrens ein Konflikt. Er weiß, dass das Personal zu überlastet ist, um ständig darauf zu achten, dass sie nicht fällt. Er will deshalb, dass seine Frau angebunden wird, "fixiert", wie man sagt in Pflegeheimen, wenn sie ohne Aufsicht ist.
Auch seine Frau wünscht sich das, meistens jedenfalls. Sie wünscht es sich an Tagen, an denen es ihr schlechtgeht, oder an Tagen, an denen sie zumindest in der Lage ist, die Situation nüchtern einzuschätzen.
Hans Behrens trägt seinen Wunsch beim Heimleiter der Parkresidenz vor. Hans Behrens sagt, es sei die bessere von zwei schlechten Lösungen. Er wünscht sich Sicherheit auf Kosten der Freiheit. Er weiß, dass an manischen Tagen der Wille seiner Frau darauf drängt: Ich brauche Freiheit, lasst mich gehen.
Heimleiter können sich die Erlaubnis einholen, etwas zu tun, was sie eigentlich nicht dürften, weil es gegen den Willen des Bewohners gerichtet ist. Sie müssen dafür Anträge richten an das Vormundschaftsgericht, das ist die Instanz, die Patienten vor Willkür schützen soll.
"Hiermit beantragen wir schnellstmöglich einen Fixierungsbescheid über das Anlegen eines Bauchgurtes", schreibt die Pflegeleitung der Parkresidenz, für die der Heimleiter verantwortlich ist, am 18. Januar 2002 an das Vormundschaftsgericht in Hamburg.
Kurze Zeit später erscheint ein Richter auf Station fünf im Zimmer von Erika Behrens. Sie sitzt auf einem Stuhl und hat gerade
einen vernünftigen Tag, sie sagt, dass sie einverstanden sei, fixiert zu werden, einverstanden mit einem Bauchgurt, der sie hält, wenn sie sitzt oder liegt, weil sie schon oft gefallen sei, weil sie sich dabei so oft fürchterlich verletzt habe.
Der Richter geht wieder, dann verfasst er eine Stellungnahme. Er sieht keinen Anlass, in dieser Angelegenheit gerichtlich etwas zu unternehmen.
Frau Behrens, sagt er, sei schließlich einverstanden mit dem Gurt, es sei ihr freier Wille, und der ist für den Richter entscheidend. Der freie Wille, den er vorfand, war vernünftig. Den anderen Willen, den der manischen Tage, hat er nicht erlebt. Er muss beurteilen, was er sieht, egal was in den Akten steht. Er hat sich korrekt verhalten.
Für den Heimleiter ist der Fall mit der Stellungnahme abgeschlossen. Er hat einen Beschluss auf dem Tisch, etwas Amtliches. Er schreibt einen Brief an Hans Behrens' Anwalt, in dem es heißt: "Eine Fixierung kann demnach nur mit dem Einverständnis von Frau Behrens durchgeführt werden." Also nicht an allen Tagen, nicht dann, wenn es nötig wäre, weil ihr Wille aufbegehrt. Auch der Heimleiter hat sich korrekt verhalten.
Der Heimleiter hätte neue Anträge stellen können, aber er musste es nicht tun.
In den zweieinhalb Wochen zwischen dem Eilantrag beim Vormundschaftsgericht und dem Brief des Heimleiters an Hans Behrens' Anwalt stürzt Erika Behrens dreimal.
Sie ist eine von 650 000 Bewohnern, die Residenz eines von 10 000 deutschen Pflegeheimen, in denen Minuten in Cent umgerechnet werden müssen, in denen "die Schrauben immer enger gestellt" werden, so hört man bei Notrufstellen wie dem Hamburger "Pflegetelefon". Dort laufen die Anrufe der Einzelfälle ein, Fälle wie der von Frau Behrens oder jener Anruferin, die erzählte, dass der Pflegedienst von ihr fordere, sie solle sich vorab schon mal ausziehen, das, was sie ausziehen könne, alles, bis auf die Socken. Sie solle dann im Badezimmer warten. Sie sitze dann da, nur mit einer Decke um ihre Schultern, warte, bis sie kämen, sie werde gewaschen, dann zögen die Pfleger ihr die Socken an und gingen wieder.
Die Anrufer berichten von Ernährungssonden, die zu früh gelegt werden, weil sie Zeit sparen, von Turbowindeln, die eine ganze Nacht lang halten und auch Zeit sparen. Von einer Wirklichkeit, die sich weit entfernt hat von der Idee, man könne beim Staat eine Versicherung für anständige Pflege im Alter abschließen, der aber nur noch 8 Prozent der deutschen Pflegeheime betreibt. 55 Prozent befinden sich in frei-gemeinnütziger und 37 Prozent in privater Trägerschaft. Gespart wird überall, an Pflegekräften, an Arbeitsstunden. Schwierige Fälle wie Frau Behrens brauchen Zeit.
"Würdelose Sterbehäuser", diesen Begriff benutzt Alexander Frey, Rechtsanwalt aus München, für Pflegeheime. "Und die Leute glauben noch immer, es gehe dort um Menschlichkeit."
Frey hat sein Büro in einem Hochhaus in München-Hasenbergl, er ist 60 Jahre alt, graubärtig, er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit der Situation alter Menschen in Pflegeheimen. Frey ist Profi, aber kein Routinier. Er sitzt ruhig zwischen Akten, aber im Gericht, sagt er, da werde er schon mal laut, da brülle er, da werde er aggressiv.
Er findet klare Worte für eine manchmal nicht ganz klare Welt. Heime nennt Frey "rechtsfreie Räume", in denen sich kaum jemand beschwere aus Angst und Abhängigkeit.
"Nur fünf bis zehn Prozent aller Häuser sind gut", sagt Frey.
Die Frage ist jetzt, ob Erika Behrens so oft stürzen musste, bis sie ins Koma fiel. Ob Frey anders gehandelt hätte, energischer, wäre er Direktor gewesen in der Parkresidenz.
Den Eilantrag an das Vormundschaftsgericht hätte er nach dem zweiten, nicht nach dem achten Sturz gestellt oder hätte den Richter das nächste Mal sofort geholt, sobald Erika Behrens wieder manisch gewesen wäre und ihren zweiten Willen geäußert hätte, nämlich den, nicht fixiert zu werden. Aber Anträge zu stellen kostet Zeit.
"Das hier", sagt Frey, "klingt nach der typischen Mischung aus Gleichgültigkeit und menschlicher Kälte."
Es ist der Moment im Gespräch, von dem man annimmt, Frey werde gleich laut. Er macht aber nur eine Pause, sagt: "Der Direktor hat aber, und das ist vorschriftsmäßig, wenigstens einen Eilantrag gestellt."
Juristisch sieht es für Hans Behrens nicht einfach aus.
Er hatte schon mal geklagt gegen das Pflegeheim als Institution. Er verlor, 2003. Jetzt geht er gegen den Heimleiter vor. Er hat endlich einen Anwalt gefunden, der den Fall übernehmen wollte. Vier Anwälte hatten ihm zuvor abgesagt. Dabei hatte Hans Behrens die perfekte Materialsammlung für einen Anwalt, jedes Dokument ist noch da, abgeheftet, beschriftet.
In seiner Wohnung schleppt er die Schnellhefter heran, seine Hausschuhe bewegen sich lautlos über den Teppichboden. Die Blätter in seinen Händen beschreiben den Leidensweg einer Frau und den Marsch eines Mannes durch die Institutionen.
Hans Behrens hat eine Vorsorgevollmacht für seine Frau, im April 2000 ließ er sie beurkunden. Sie besagt, dass er Entscheidungen für sie treffen darf, wenn sie das nicht mehr kann. Als die Parkresidenz ihm schrieb, sie müsse sich an Erika Behrens'
Willen halten, selbst wenn dieser gefährlich für sie war, entschloss er sich zum nächsten Schritt. Er stellte den Antrag, rechtlicher Betreuer zu werden, damit er immer für sie entscheiden könne, unabhängig davon, was sie sich in welcher Phase gerade wünscht. Das sei nötig, schrieb Behrens an das Vormundschaftsgericht, weil ihm die Heimleitung keine verbindliche Zusage gegeben habe, dass das Personal seine Wünsche verbindlich berücksichtigen werde. Er schickte dem Gericht alle Notfallberichte, die er bis dahin gesammelt hatte, es waren acht Stück.
Acht Berichte, acht Stürze: 17. Juli 2000 "Radiusfraktur", 24. August 2000 "Hüftprellung", 12. November 2000 "Rippenfraktur", 22. Juni 2001 "Knieprellung", 12. Juli 2001 "Beckenprellung", 26. Oktober 2001 "Schädelprellung, Hautabschürfungen", 9. Januar 2002 "Prellung Knie, Prellung Hüfte", 14. Januar 2002 "Prellung Hüfte".
Er wartete zwei Monate auf eine Antwort des Gerichts, die schließlich lautete: "Für Erika Behrens wird kein rechtlicher Betreuer bestellt. Sie hat ihren Ehemann durch eine Vorsorgevollmacht umfassend bevollmächtigt. Die Vorsorgevollmacht erstreckt sich ausdrücklich auch auf Angelegenheiten der Gesundheitsfürsorge." Auch das Gericht hatte keine Lösung für Erika Behrens, den Sonderfall.
Das war im Juli 2002, sechs Wochen vor ihrem letzten Sturz oben in Etage fünf.
Zweimal war Hans Behrens danach selbst für drei Wochen im Krankenhaus, mit einem Nervenzusammenbruch, mit Magenbluten. Er kam in dasselbe Krankenhaus, in das sie seine Frau immer gebracht hatten und in dem der Arzt dann zu ihm sagte, er habe sich schon gewundert, was mit seiner Frau los sei, warum sie nicht mehr komme.
"Ich habe geschrieben und geschrieben", sagt Hans Behrens, "während meine Frau immer weiter zum Krüppel wurde."
Zum 90. Geburtstag von Erika Behrens kam ein Brief von Ole von Beust, dem Hamburger Bürgermeister. Er schrieb, dass er alles Gute wünsche und hoffe, dass Frau Behrens den Tag angenehm und freudig begehen werde. "Wir alle schulden gerade Ihrer Generation ganz besonderen Dank."
Hans Behrens bat bei der zuständigen Aufsichtsbehörde um Hilfe, im September 2004. Er wartete ein Jahr auf Antwort. Die Antwort war höflich und änderte nichts.
Hans Behrens steht müde über den Schnellheftern, stumm für einen Moment. Dann erzählt er, dass er den Heimleiter angefleht habe, seiner Frau zu helfen. "Jedes Mal antwortete er, dass er es nicht dürfe."
Der Heimleiter, gegen den er jetzt klagt, arbeitet nicht mehr in der Parkresidenz, er hat vor vier Jahren eine neue Aufgabe übernommen, eine größere. Er leitet jetzt eine Seniorendomizilkette, ein Unternehmen mit mehreren Häusern in Deutschland, das "Sunrise" heißt.
Der Heimleiter hat für das Gespräch einen neutralen Ort ausgesucht. Er möchte nicht, dass ein Gespräch über Vorgänge in einer Altersresidenz in einer Altersresidenz stattfindet, warum auch immer.
Der Heimleiter grüßt höflich, er ist der Typ Mensch, der anderen Leuten die Tür aufhält, ein freundlicher Mann. Neben ihm sitzt sein Anwalt, der wie Alexander Frey spezialisiert ist auf den Bereich Pflege. Nur vertritt dieser Anwalt die Heime, nicht deren Bewohner.
Der Heimleiter eröffnet das Gespräch, er spricht leise, vorsichtig. Er sagt zwei Sätze, die keine Bedeutung haben, dann unterbricht der Anwalt und sagt, dass nur er, der Anwalt, über den Fall sprechen dürfe. Der Heimleiter fährt fort mit seinem Werdegang.
Er habe ursprünglich im Hotelfach angefangen, zehn Jahre lang arbeitete er in internationalen Hotelketten, im Hilton und im Intercontinental. Er habe in dieser Zeit eine "gewisse Affinität" zur Dienstleistung entwickelt, sagt er, aber auch zu Senioren.
Er wurde Verwaltungsleiter in einer Reha-Klinik mit Seniorenresidenz, 1997 wechselte er in die Parkresidenz Alstertal.
Er sagt, als Direktor müsse man sich um alles kümmern. Um die Haustechnik, um das Licht, damit es brennt, um den Fahrstuhl, damit er fährt, um den Empfang, die Küche, die Dienstpläne, um das Pflegepersonal.
Das ist der Moment, in dem der Rechtsanwalt das Gespräch übernimmt. Er lehnt sich nach vorn.
"Herr Behrens hat verlangt", sagt er, "dass seine Frau regelmäßig fixiert wird. Das ist eine freiheitsentziehende Maßnahme, und vom Grundsatz her sind freiheitsentziehende Maßnahmen unzulässig." Auch die Stimme des Anwalts ist sanft, kreidig.
Die Ausnahme, die diese freiheitsraubende Maßnahme zulässig macht, sei, "dass der Betroffene einsichtsfähig ist und einwilligt", sagt er. "Frau Behrens ist einsichtsfähig gewesen in der Zeit, als die Stürze passierten. Das heißt, hätte der Heimleiter die Frau gegen ihren Willen fixiert, hätte er sich dadurch strafbar gemacht."
Der Heimleiter hätte weitere Eilanträge stellen können. Der Anwalt sagt: "Alles, was er tun konnte, hat er getan. Aus organisatorischer, finanzieller und moralischer Sicht." Der Heimleiter sitzt auf seinem Stuhl und bewegt sich kaum. "Mir geht es darum, was das Beste ist für den Bewohner", sagt er, "in der Hinsicht bin ich übervorsichtig."
Der Heimleiter schweigt wieder und hört seinem Anwalt zu. Das Gespräch dauert eine Stunde, es kreist um Moral und Recht, und jeder Satz, den der Anwalt dazubaut, steht auf dem anderen, es gibt keine Lücken in seinem Sprachgebäude, keine Widersprüche, und wenn man ihm zuhört, kommt man für einen Moment auf den Gedanken, dass alles richtig gewesen ist, so, wie es war.
Bis einem die Stürze wieder einfallen, zwölf Stürze in zwei Jahren.
Von Barbara Hardinghaus

DER SPIEGEL 52/2006
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