22.12.2006

KAMBODSCHA

Die Wächter der Hölle

Von Kremb, Jürgen

Pol Pot und seine Schergen verübten Massenmord am eigenen Volk. Nun soll ein internationales Tribunal Gericht über das Regime halten. Gibt es Gerechtigkeit nach fast 30 Jahren?

Den Bauern Nhem Sal, 50, plagen die Erinnerungen bis in den Schlaf. Er spürt den Schmerz an Fuß- und Handgelenken, als hätten ihn die halbstarken Aufseher der Roten Khmer noch immer an das nackte Metallbett gefesselt, im dritten Stock von Block A, dem berüchtigten Foltergefängnis Tuol Sleng. "S-21" hieß das Lager, es war das Zentrum des Grauens im Totenreich des Pol Pot. Mehr als 30 Jahre ist das nun her.

Nhem Sal ernährt seine Familie mit dem Anbau von Reis. Er ist ungefähr 1,70 Meter groß, hat schütteres Stirnhaar, die Hände voller Schwielen. Seine Strohhütte steht in der Provinz Takeo, 60 Kilometer südlich der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh.

Vor einem Jahr kamen Beamte auf seinen Hof und sagten ihm, dass er als Zeuge für das internationale Menschenrechtstribunal ausgewählt sei. Anfang 2007 könnten nach jahrelangen zähen Verhandlungen zwischen der Regierung Hun Sen und den Vereinten Nationen die letzten Überlebenden aus der Nomenklatura des "Demokratischen Kampuchea", des Regimes des kommunistischen Massenmörders Pol Pot, vor ein internationales Gericht in Phnom Penh gestellt werden. Seit einem Vierteljahr sichten die Staatsanwälte die Prozessunterlagen, bald wollen sie mit der Vernehmung der ersten Zeugen beginnen.

Es geht um monströse Verbrechen. Fast die Hälfte der sieben Millionen Kambodschaner seien beim barbarischen Versuch gestorben, das Land in eine kommunistische Urgesellschaft zu verwandeln, sagt Premier Hun Sen. Ausländische Experten halten die Zahl von 1,7 Millionen Toten für realistischer. Nhem Sals Besucher sagten, nur 7 der schätzungsweise 20 000 Insassen von S-21 hätten die Folterhölle überstanden, 5 lebten noch, er sei einer von ihnen.

Im Frühjahr 1970 standen alle Bauern um das einzige Radio im Dorf herum und lauschten der Stimme des Prinzen Sihanouk, der aus dem fernen Peking zu ihnen sprach. Der "US-Vasall General Lon Nol" habe einen Putsch gegen ihn inszeniert, sagte Sihanouk, und er bat die Jugend, das Heimatland zu befreien.

Kambodscha war damals in den Vietnam-Krieg hineingezogen worden. 500 000 Tonnen Bomben hatten amerikanische B-52-Flieger ab Ende der sechziger Jahre über dem Land abgeworfen, um die Nachschubwege der vietnamesischen Kommunisten zu zerstören, die durch Kambodscha führten. Mehr Bomben, als im Zweiten Weltkrieg auf Japan fielen.

Als Nhem Sal und seine Freunde den Prinzen im Radio hörten, zogen sie sich in den Dschungel zurück und schlossen sich den Roten Khmer an. Fünf Jahre später hatten sie gesiegt, die Hauptstadt eingenommen und die Bevölkerung aufs Land vertrieben, wo sie den wahren Kommunismus leben sollte. Der Völkermord im eigenen Land begann.

Fünf Monate später kamen Kindersoldaten, wie es Nhem Sal und seine Genossen selbst gewesen waren, in ihr Lager und warfen ihnen vor, "Spione der US-Imperialisten" zu sein. Nach kurzem Verhör erschossen sie Nhem Sals Vorgesetzten. Er endete als "Düngemittel auf den Reisfeldern", wie die Henker damals in ihrem Zynismus sagten.

Nhem Sal wurde auf einen Lastwagen geworfen und ins Gefängnis Tuol Sleng ge-

steckt. Tagsüber wurde er gefoltert, die

Nächte verbrachte er angekettet auf seiner Pritsche. Im Unterschied zu fast allen anderen, die mit ihm im Lager waren, wurde er nach einem Jahr plötzlich entlassen, um wieder als Roter Khmer an der Grenze gegen Vietnam zu kämpfen. Dann, im Dezember 1978, hatte das Morden endlich ein Ende. Vietnamesische Soldaten, angeführt vom Kambodschaner Hun Sen, einem Renegaten der Roten Khmer, befreiten das Land von der Blutorgie, die Pol Pot in Gang gesetzt hatte.

Jetzt, 28 Jahre später, soll Nhem Sal als Zeuge vors Tribunal treten, und deshalb ist er erstmals wieder nach Tuol Sleng zurückgekehrt. Über dem Eingangstor verkünden weiße Lettern: "Genozid-Museum". Im Erdgeschoss sind lange Reihen mit Bildertafeln aufgestellt. Alle Gefangenen wurden damals bei ihrer Einweisung in den tropischen Gulag von Pol Pots Wärtern fotografiert, ihre Personalien festgehalten.

Eine Weile läuft Nhem Sal an den Fotowänden entlang und sucht vergebens sein eigenes Bild. Dann überwältigt ihn die Erinnerung, und er stürzt ins Freie.

Aber warum haben die Roten Khmer so viel Grausamkeit an den Tag gelegt? Wer gab den Befehl zum Massenmord an den eigenen Leuten?

Solche Fragen versucht der französische Wissenschaftler Philippe Peycam zu beantworten. "Indirekt fing die Katastrophe mit uns Franzosen an", sagt der Leiter des Zentrums für Khmer-Studien in Siem Reap, unweit der weltberühmten Tempelanlage von Angkor Wat, in der die Roten Khmer ebenfalls gehaust hatten.

Als die französische Kolonialarmee Mitte des 19. Jahrhunderts in Indochina einfiel, stand Kambodscha unter der Vorherrschaft Thailands und Vietnams. Die Kolonialherren machten es 1863 zum Protektorat. Erst 1953, unter dem Monarchen Sihanouk, entließen sie es in die Unabhängigkeit. Ende der sechziger Jahre wird das Land in den Vietnam-Krieg verwickelt: Unter der Führung von Pol Pot bilden sich linke Guerilla, die Roten Khmer, die die Regierung bekämpfen und schließlich 1975 an die Macht gelangen.

Die Kommunisten kombinierten ihre Ideologie mit einem übersteigerten Fremdenhass, sagt Peycam. Je mehr sie töteten, desto sicherer glaubten sie zu sein, dass sie jeden ausländischen Einfluss ausrotten würden. Ein mörderischer Nationalismus.

Nicht weit von Siem Reap, im Grenzort Anlong Veng, lebt Nhem En, 46, der zum Personal von "S-21" gehörte. Er nahm den Großteil jener Fotos auf, die im Genozid-Museum ausgestellt sind. Auch er trat den Roten Khmer als Kindersoldat bei, ein Schritt, den er bis heute nicht bereut: "Die B-52-Bomber zerschmetterten unser Land", sagt er.

1976 war er in China zum Fotografen ausgebildet, dann nach Tuol Sleng abkommandiert worden. "Ich hörte die Menschen schreien, aber mein Haar wächst auf meinem Kopf." Soll heißen: Beim Überleben ist jeder sich selbst der Nächste. "Sie brachten jeden Tag Neue", sagt er. "Wir mussten hart durchgreifen."

Als Pol Pot 1979 vor den vietnamesischen Truppen floh, folgte Nhem En ihm und wurde einer seiner Privatfotografen. "Er war kein schlechter Mann", sagt er über den Diktator. "Er hat sich immer um seine Genossen gekümmert. Ohne ihn wären wir eine amerikanische Provinz."

Und die vielen Massengräber, die Millionen Toten? Zwei Drittel der Opfer seien an Unterernährung und Krankheiten gestorben, sagt er. "Eine Folge des Krieges, der uns aufgenötigt wurde."

Nhem En möchte ein Pol-Pot-Museum aufbauen. Aus einer Metallkiste kramt er alte Fotos: "Bruder Nr. 1" beim Marsch durch den Dschungel, Pol Pot im Kreise seiner Kommandeure wie ein netter Großvater. Manchmal führt Nhem En Besucher zum Grab des Massenmörders, das fünf Autominuten von seinem Haus entfernt liegt; dafür nimmt er 100 Dollar. Auch vom Leichnam Pol Pots, der 1998 bei Anlong Veng starb, verkauft er Fotos.

Das Gericht? "Wenn die Regierung mich vor das Tribunal stellen will - gern. Ich habe keine Angst." Dass es so weit kommt, glaubt er nicht. Der Regierung Hun Sen dient er heute als stellvertretender Bezirkschef. Und für Phnom Penh ist Ruhe wichtiger als die Aufarbeitung der Geschichte.

Die meisten Führer der Roten Khmer sind ohnehin längst begnadigt, manche haben es zu hohen Ämtern gebracht. Der Vertrag zwischen der Uno und Hun Sens Kambodschanischer Volkspartei regelt, wer angeklagt werden darf: "die hochrangigen Führer und diejenigen, welche die größte Verantwortung für die Verbrechen tragen".

Pol Pol, "Bruder Nr. 1", trug die größte Verantwortung. Im Juli starb Ta Mok, 80, der Militärchef der Roten Khmer, im Militärkrankenhaus von Phnom Penh. Nuon Chea, 79, "Bruder Nr. 2", lebt im letzten

Rückzugsgebiet der einstigen Steinzeitkommunisten. Auch der damalige Außenminister, Ieng Sary, und Staatschef Khieu Samphan residieren dort in Prachtvillen. Nur Duch, der gefürchtete Leiter des Folterzentrums S-21, sitzt in Haft.

Claudia Fenz, 48, ist eine von 13 internationalen Richtern und Staatsanwälten, die dem 30-köpfigen Tribunal angehören sollen. Die Wiener Juristin ist sich inzwischen gar nicht mehr sicher, ob es dabei um Gerechtigkeit oder Politik geht. In allen Instanzen können kambodschanische Richter ihre Uno-Kollegen überstimmen. Das Tribunal trägt übrigens einen besonders sperrigen Namen: "Außerordentliche Kammern bei den Gerichten Kambodschas zur Verfolgung von Verbrechen, die während der Zeit des Demokratischen Kampuchea begangen wurden".

Anfang des Jahres soll das Gericht die Arbeit aufnehmen. Der Prozess wird sich über Jahre hinziehen, und es dürfen nur Menschenrechtsverletzungen behandelt werden, die zwischen dem 17. April 1975 und dem 6. Januar 1979 - während der Diktatur Pol Pots - begangen wurden.

Dennoch sind die Erwartungen hoch. Beim Eröffnungsempfang für das diplomatische Corps nahm der südkoreanische Botschafter die ausländischen Richter zur Seite und mahnte, sie müssten sich der historischen Verantwortung bewusst sein, "weil das Verfahren die erste juristische Abrechnung mit dem Kommunismus" sei.

Gregory Stanton, Rechts-Professor der Mary-Washington-Universität, ist skeptisch. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit dem Völkermord in Kambodscha. Er kam 1980 als Mitarbeiter einer humanitären Organisation ins Land, gleich nach dem Einmarsch der Truppen Hanois. Nur noch 30 000 Einwohner lebten damals in Phnom Penh, die Hauptstadt glich einer Geisterstadt.

Stanton hat Reisfelder gesehen, in denen massenhaft Leichname trieben. Er hörte die Geschichte von Babys, die an Bäumen zerschmettert wurden, er erfuhr von Müttern, die mit einer Plastiktüte erstickt worden waren.

Als Stanton in die USA zurückkehrte, war niemand mehr an Kambodscha und seinem Leid interessiert. "Ausgerechnet Vietnam, das den USA eine schändliche Niederlage beigefügt hatte", sagt Stanton, "befreite mit Hilfe seines Vasallen Hun Sen die Kambodschaner vom Massenmörder Pol Pot."

Deswegen zogen es die Amerikaner vor, einen seltsamen Dreierbund zu unterstützen. Prinz Sihanouk, der Antikommunist Son Sann und Pol Pots Erben bekämpften von ihren Rückzugsgebieten im Dschungel aus die Regierung Hun Sens. Peking lieferte Landminen und Waffen. Und die thailändische Regierung gestattete Munitionstransporte über ihr Staatsgebiet. Der CIA-Stationschef in Bangkok brüstete sich noch bis in die frühen neunziger Jahre: "Ich halte die Koalition zusammen."

Auf diese Weise verlängerte die internationale Gemeinschaft den Hunger und den Krieg in Kambodscha. "Es müssen Hunderttausende gewesen sein, die erst nach dem Einmarsch der Vietnamesen starben", sagt Stanton. In Kambodscha nennt man diese Zeit "Killing Fields Nummer zwei".

Erst 1997 ließ sich die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright die Zustimmung abringen, die Uno solle gemeinsam mit Hun Sen ein Menschenrechtstribunal einrichten. Die Grundlage für die Entscheidung hatte Stanton geschrieben.

"Das Tribunal bringt sicher keine Gerechtigkeit", meint Youk Chhang, 46. Er ist eine Art kambodschanischer Simon Wiesenthal. Hätte er mit seinem Dokumentationszentrum nicht nach schriftlichen Belegen für den Massenmord gesucht und die Zeugenaussagen über die Jahre des Horrors aufbewahrt, wäre das Tribunal wohl nie zustande gekommen.

Viele Mitglieder seiner weitverzweigten Familie wurden damals von Pol Pots Schergen umgebracht. Seiner ältesten Schwester schlitzten sie vor den Augen ihrer Kinder den Bauch auf, weil sie verdächtigt wurde, sie habe im Arbeitslager heimlich Reis gestohlen. Als eine Tochter nicht aufhörte zu schreien, gab ihr einer der Henker die Reisschüssel der Mutter und beruhigte sie: "Wenn du sie aufbewahrst, kommt deine Mutter eines Tages aus dem Himmel zurück."

Die Kleine ist längst erwachsen und lebt in den USA. Wenn ihre Kinder wissen wollen, was es mit der Schüssel für eine Bewandtnis habe, dann sagt sie gewöhnlich: "Fragt den Onkel in Kambodscha."

Onkel Youk Chhang hat es bis heute noch nicht fertiggebracht, die Geschichte zu erzählen. Den Richtern aber will er sie nicht vorenthalten. JÜRGEN KREMB

* Oben: bei einem Schauprozess im Dschungel am 25. Juli 1997; unten: bei einer vorbereitenden Sitzung am 20. November in Phnom Penh.

DER SPIEGEL 52/2006
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