22.12.2006

Die Oase der Buren

Global Village: In einem kleinen Ort mitten in Südafrika haben einige hundert weiße Rassisten wieder die Apartheid eingeführt.
Morgens um sieben hüllt der Nebel den Fluss Oranje wie ein zarter Schleier ein. Ockert Hendrik steht mit entblößtem Oberkörper zwischen Zuckermelonen und Pekannussbäumen, die Spitzhacke geschultert. In der endlosen Weite der Karoo-Halbwüste sieht er aus wie eine Figur aus der Werkstatt Arno Brekers.
"Dieses Land ist Burenland", sagt er und lässt seine Hacke wuchtig niedersausen. Er spaltet die ausgedörrte rote afrikanische Erde, die er als sein Eigentum betrachtet, als Eigentum der Weißen: "In diesem Land haben Schwarze nichts zu suchen, dieses Land ist unser Land."
Hendrik verrichtet seine Feldarbeit so leidenschaftlich wie einen Kriegsdienst für seine imaginäre Burenrepublik, die Hacke ist sein Bajonett. In einem seiner Lieblingslieder, "Op Kommando", gibt es eine Strophe, die aus dem Burenidiom Afrikaans übersetzt lautet: "Kanonen auf die Hügel, wir bombardieren das Dorf." Das Dorf der Schwarzen.
Gemeinsam mit 600 Gleichgesinnten lebt Hendrik in einem Dorf nur für Weiße seinen Traum vom Burenstaat, eine befremdliche Form der Apartheid: zwölf Jahre nach den ersten demokratischen Wahlen in Südafrika, zwölf Jahre nach der Machtübernahme durch den Afrikanischen Nationalkongress, nach dem Machtverlust der Weißen.
"Willkommen in Orania" verkündet eine der unzähligen Stelltafeln mit Sinnsprüchen am Eingang des sonderbaren Orts. Schwarze haben in Orania keinen Zutritt. Wie ein Schutzpatron wacht auf einem kleinen Hügel die Statue des früheren südafrikanischen Premierministers und Apartheid-Apologeten Hendrik Verwoerd. Der Gründer des Dorfs ist der Schwiegersohn Verwoerds, Carel Boshoff.
"Wir haben uns hierher zurückgezogen, weil wir unser eigenes Leben führen wollen", sagt Boshoff, der Hochschullehrer war und das Südafrikanische Büro für Rassenangelegenheiten geleitet hat: "In zehn Jahren haben die Schwarzen das Land ruiniert, dann bricht Südafrika mit einem großen Knall auseinander, und dann sind wir froh, wenn wir hier unsere kleine Oase haben."
Bis dahin wollen Boshoffs Buren mit calvinistischem Arbeitsethos ihren Kleinstaat bauen und ihre eigene Welt erschaffen, in der nur Weiße etwas zu suchen haben - und auch solche Arbeiten verrichten, für die damals, im Apartheidstaat, Schwarze zuständig waren. Keine schwarze Nanny, keine schwarze Putzfrau, kein farbiger Farmarbeiter wird in Orania beschäftigt.
Orania soll zur Musterkolonie werden. Das Dorf verfügt über die modernsten Bewässerungsanlagen weit und breit, die Pekannussbäume gedeihen in der kargen Erde. Und stolz sind die Sektierer darauf, dass alle Türen in Orania sperrangelweit offen stehen und dennoch keine Diebe auftreten, während das andere Südafrika da draußen über die höchste Mordrate auf diesem Planeten verfügt.
Boshoff hat sich mit seiner kleinen Sekte einen alten Traum erfüllt. Schon vor langer Zeit, in den sechziger Jahren, hatte er von einem Nationalstaat für Buren irgendwo am Kap geträumt. 1991 schließlich, als sich abzeichnete, dass die Weißen ihre Herrschaft über Millionen Schwarze verlieren würden, machte er Ernst. "Weil der Landhunger der Schwarzen unersättlich ist", hat er "zum Schutz des eigenen Volkes" für 1,4 Millionen Rand die 3000 Hektar Land mit 170 Baracken gekauft, die das Wasserwirtschaftsamt der südafrikanischen Regierung einst für die Arbeiter eines Staudamms in die Wüste gestellt hatte. Boshoff meidet das Wort Neger für die Schwarzen, das die Buren wie selbstverständlich benutzten.
Drei Jahre vor den Wahlen, die Nelson Mandela schließlich zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes machten, siedelte der Rassist mit seinem Gefolge in die Geisterstadt über. Seitdem wächst der Ort, seither werden knochentrockene Burenböden fruchtbar.
Dabei trieb die meisten Bewohner Oranias wohl eher die Angst vor der Kriminalität in das Kaff als die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, nach der Apartheid. Jedes Jahr werden im Land am Kap über hundert weiße Farmer ermordet. Die Vergewaltigungsrate ist derart hoch, dass einige Politiker bereits von einem kulturellen Phänomen sprechen; die Mordrate Johannesburgs übersteigt die von Saõ Paulo um einiges.
"Die Schwarzen stehlen, sind faul, lungern den ganzen Tag in der Gegend herum und warten auf den Schutz der Dunkelheit", sagt Ockert Hendrik ganz ruhig. Irgendwann hat er sich in seiner Heimatstadt Bloemfontein nicht mehr sicher gefühlt, drum schnürte er sein Bündel und schloss sich den Oraniern an.
Andere sind einfach derart berauscht vom Burentum, dass sie den Anblick Fremder nicht ertragen. "Viele würden hier gern leben", prahlt zum Beispiel der Kaufmann John Strydom, 52, und linst listig hinter seiner Krämerware hervor, "aber sie dürfen nicht." So würden besonders Engländer, Deutsche und Holländer gern das fröhliche Burendasein an der Fernstraße R 369 zwischen dem Fluss Oranje und Petrusville teilen. "Aber", Strydom verzieht den Mund, "sie sprechen noch nicht einmal Afrikaans." THILO THIELKE
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 52/2006
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