22.12.2006

Das Testament des Pharao

Wie ist der Monotheismus wirklich entstanden? Ägyptologen verfolgen eine spannende Spur vom Pyramidenstaat am Nil bis nach Jerusalem. Offenbar stand Mose in Zusammenhang mit dem rätselhaften „Ketzer-Pharao“ Echnaton. Führt der Glaube an einen einzigen Gott zwangsläufig zu einer gewalttätigen Religion?
Trotzig das "Ehad" - "Gott ist einzig" - stöhnend, starben im Makkabäeraufstand, dem ersten Religionskrieg der Weltgeschichte (167 v. Chr.), Tausende Juden. Ihre Folterknechte traktierten sie mit Streckbetten und rissen ihnen die Fingernägel aus.
Kaum besser erging es den Frühchristen im Römischen Reich. Die meisten verschwanden im Bauch des Kolosseums, wo sie, über Fahrstühle in die Arena gehievt, unter dem Jubel geifernder Römer von Löwen zerrissen wurden. Der Apostel Petrus verblich kopfüber am Kreuz.
All diese Märtyrer gaben ihr Leben im Namen einer Bewegung, die vor bald 3000 Jahren in Kanaan ihren Ursprung hatte. Semitische Stämme entwarfen damals ein Gottesbild, dem heute 3,3 Milliarden Juden, Muslime und Christen anhängen. Mit dem Ölzweig und dem Schwert brachten sie die Idee vom bildlosen Allvater in die Welt. Mohammed ("Unser Gott und eurer Gott ist ein einiger Gott") half dabei kräftig mit.
Berge versetzt dieses Wesen, es lässt Heuschrecken regnen und erschafft in sieben Tagen Himmel und Erde. Allenfalls im Ton christlicher Kirchenorgeln schien ein Abglanz seiner Gewaltigkeit zu erklingen. Die Juden der Antike beteten Gott mit dem Kürzel JHWH an. Er selbst stellt sich in der Bibel so vor: "Ich bin, der ich bin."
Doch erst jetzt kommt die dunkle Vorgeschichte des Allmächtigen an den Tag. Ägyptologen haben gleichsam die Wiege des Herrn aufgespürt. Sie verfolgen eine Fährte, die zum mysteriösen Pharao Echnaton (1353 bis 1336 v. Chr.) führt. Schon dieser ägyptische Herrscher schob 600 Jahre vor den Juden ein ungeheures Experiment an. Er huldigte nur noch einem Götzen, dem Lichtwesen Aton.
Nun zeigt sich: Obwohl Echnaton bald kläglich scheiterte und verfemt wurde, strahlten seine Taten bis nach Israel. Der biblische Mose war der Wiedergänger des "Ketzer-Pharao" aus Amarna - so lautet die neue Kernaussage der Religionswissenschaft.
Schockieren kann das allerdings kaum jemanden. Während die Forscher mit wissenschaftlichen Mitteln immer tiefer in den historischen Kern der Heiligen Schrift eindringen, geht dem Abendland der Glauben flöten.
Schon Calvin, der Reformator, wollte alle Leugner des höchsten Wesens "mit Peitsche oder Rute züchtigen". Es half nichts. 300 Jahre später stellte Nietzsche den Tod Gottes fest. Für einen Weltenschöpfer, der Menschen aus Erde knetet und in brennenden Dornenbüschen erscheint, hat der rationale Geist keinen Platz.
Unausweichliches Ergebnis: Eine "Jugend ohne Gott" ("Frankfurter Allgemeine") wächst heran. Nur noch 23 Prozent der deutschen Schüler kennen die biblische Lehre. In Sachsen und Thüringen ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung konfessionslos, Schleswig-Holstein liegt bei knapp 40 Prozent.
Baufällige Kirchen, leere Kassen - die evangelischen Gemeinden rechnen mit einer Halbierung ihrer Einnahmen bis zum Jahr 2030.
"Ruhe in Frieden", hämte jüngst die "Süddeutsche Zeitung" angesichts des Niedergangs des Glaubens. Andere beschleicht Unwohlsein. Ein Beschützer und Behüter tritt da ab, viele mögen ihn nicht recht loslassen. 64 Prozent aller Deutschen glauben an einen Gott. Nur an welchen?
Bestürzt sind vornehmlich die Verfechter der Tradition. Sie befürchten, dass politische Gutmenschelei und die Bildung von Ethikkommissionen auf Dauer nicht in der Lage sein werden, Werte wie Gemeinschaft und Nächstenliebe in der Gesellschaft zu verankern. Vielmehr bedürfe es gotischer Dome, duftenden Weihrauchs, des Klangs von Chorälen und der Sündenmahnung des Herrn.
Doch nun wankt auch dieser letzte - moralische - Turm der einst "festen Burg" Luthers. Gottes sittliche Integrität steht in Zweifel. Der Monotheismus, heißt es, sei per se ein gewalttätiger Glaube. Hat das Abendland vor 2500 Jahren einen gefährlichen Irrweg eingeschlagen?
Gehegt wird dieser Verdacht vor allem von dem Ägyptologen Jan Assmann, der weltweit zu den einflussreichsten Vertretern seiner Zunft zählt und der nun gleichsam wie eine grimme Sphinx auf die Nach-
welt kommt. In mehreren Büchern - das letzte erschien Anfang des Monats** - behauptet er: Eingottglaube ist feindlich und unduldsam.
Brutale Bibelzitate, die seine Anklage unterfüttern, findet der Professor genug. Die aus Legenden geformte Vergangenheit der Israeliten besteht im Prinzip aus einer Abfolge von Massakern, Strafaktionen und Blutvergießen. Im Namen Jahwes werden Vertreibungen und die Zwangsscheidung von Mischehen durchgesetzt.
Vor allem Mose steht im Zwielicht. Der Gründervater, meint der Gelehrte, habe eine fatale Botschaft vom Sinai herabgebracht: "Er unterschied zwischen wahrer und falscher Religion." Das heißt: Nur sein Gott war gut - die anderen waren dagegen Tand, Dreck und machtloses Kroppzeug.
Damit, so Assmann, vollbrachte Mose zwar eine "revolutionäre Neuerung, die die Welt von Grund auf veränderte" - aber nicht unbedingt zum Guten. Vormals, im Polytheismus, hieß es: Leben und leben lassen. Jahwe dagegen war rachedurstig, ja rechthaberisch - eine Himmelsmacht, die nichts und niemanden mehr neben sich duldete.
Dadurch, so der Ägyptologe aus Konstanz, sei "eine neue Form von Hass" in die Welt gekommen, "der Hass auf Heiden, Ketzer, Götzendiener" (siehe Interview Seite 118).
So gesehen mutet der Tanz ums Goldene Kalb im Buch Exodus wie eine Schlüsselszene an. "Mose trat an das Lagertor und sagte: Wer für den Herrn ist, her zu mir." Der Anführer rast vor Wut, jeder Sünder soll sterben - und sei es der eigene "Bruder, Freund oder Nächste". Noch am selben Tag liegen 3000 Abtrünnige im Staub. "Die Entscheidung,
die Jahwe erzwingt, der Bund, den er anbietet, überbietet und bricht alle menschlichen Bindungen", meint Assmann.
Kein Wunder, dass sich die Theologen herausgefordert fühlten. Eine Debatte brennt. Vor wenigen Wochen trafen sich Kulturwissenschaftler in Luzern. Im März folgt eine Tagung auf der Ebernburg bei Mainz. "Assmann hat eine massive Diskussion losgetreten durch das prinzipielle Infragestellen von Grundüberzeugungen", sagt der Rostocker Alttestamentler Martin Rösel.
Manche nehmen die Anwürfe gelassen hin. Ein Popanz, eine heidnische "Lichtwelt der Toleranz" werde da aufgebaut, meinen sie. Die Attacke sei getragen von postmoderner Beliebigkeit.
Anfangs habe sich Gott zwar zuweilen im Ton vergriffen, gibt launig der Schweizer Alttestamentler Othmar Keel zu. Doch spätestens mit dem zweiten Jesaja, in der Phase der Babylonischen Gefangenschaft (ab 587 v. Chr.), hätten die Juden dann einen "reifen" Eingottglauben entwickelt. An diesen knüpfte die christliche Bewegung an: "Dieser Gott ist voller Güte und Liebe."
Keine Frage: Ein sittlicher Grundsatzstreit wogt. Obwohl längst totgesagt, sitzt der Allvater plötzlich wieder auf der Anklagebank. Noch in seinem Nichtsein erweist er sich als mächtig.
Mit ihrer Debatte heben die eifrigen Kombattanten zugleich den Ursprung des Monotheismus ins Blickfeld. Es geht um die Frage, woher die Idee von dem einen und einzigen Gott überhaupt stammt.
Schon die Neandertaler betrieben einen einfachen Jenseitskult und bedeckten ihre Verstorbenen mit Blumen. In Afrika werden heute noch Fetische verehrt. Auch die Hindu und Buddhisten in Asien gingen ganz andere Wege als der Westen. Was also lief im Planquadrat Kanaan so grundsätzlich anders?
Lange schien die Sachlage klar: Das "besondere religiöse Genie" der Juden, hieß es, habe den Gedanken vom unendlichen und bildlosen Gott erzeugt - und zwar vor allen anderen Völkern. Es galten in der Forschung folgende zeitliche Eckpunkte:
* Bereits um 1800 v. Chr. opferte der Erzvater Abraham dem Herrn.
* Im Jahr 1250 v. Chr. zog Mose aus Ägypten aus.
* 1000 v. Chr. schufen die biblischen Könige David und Salomo ein jüdisches Großreich.
Strahlend schön und mit Grenzen, die vom Euphrat bis zum Mittelmeer reichten, so soll der Staat ausgesehen haben, über den Salomo regierte. Kein Wort davon ist wahr: Von dem "bronzezeitlichen Konzept" haben die Theologen längst Abschied nehmen müssen.
Eine erdrückende Anzahl an Grabungsfunden beweist, dass die Heilige Schrift eine geschönte Geschichte Altisraels präsentiert. Erst etwa zwischen 500 und 400 v. Chr., so die bittere Einsicht, erfolgte die Hauptarbeit. Das Alte Testament sei ein "Sammelwerk, das in Hunderten von Jahren zu seiner Endgestalt herangewachsen ist", so der Theologe Manfred Weippert.
Federführend bei der Niederschrift waren die Jahwe-Priester vom großen Tempel in Jerusalem (zerstört 586 v. Chr., wiedererbaut 516 v. Chr.). In diesem düsteren Kultbau auf dem Zionberg (wo heute die Aksa-Moschee steht) liefen einst alle Fäden zusammen. Bärtige Priester mit Kleidern, an denen blaue Kordeln hingen, liefen in dem Gemäuer umher. Sie schlachteten Stiere. Bei einem der Riten benetzten sie ihre Ohrläppchen mit Widderblut.
Mit der Wahrheit nahmen es die bigotten Anhänger des Ewigen allerdings nicht so genau. Die Bibelmacher umflorten ihr Land. Sie betrieben eine "Retrojektion eigener Großmachtträume in die Vergangenheit", sagt der Heidelberger Religionsexperte Bernd-Jörg Diebner.
Erst die Archäologie, aber auch die halbwegs stichhaltigen biblischen "Bücher der Könige", die echte Annalen verarbeiten, geben eine Ahnung, was wirklich passierte. In Stenogrammform verlief die wahre Geschichte so:
Um 900 v. Chr. bildeten sich in Palästina zwei kleine Nationalstaaten. Im Norden gründete sich "Israel" mit etwa 50 000 Einwohnern - im Süden lag das weit dünner besiedelte "Juda" mit der Hauptstadt Jerusalem.
Die Bevölkerung betete noch viele Götzen an, darunter Baal, Moloch und den Göttervater El. Jahwe wurde anfangs nur auf dem Nordsinai als lokaler Wettergott verehrt. König Jerobeam (angeblich 926 bis 907 v. Chr.) ließ einen heiligen Stier aufstellen. Er war ein Sinnbild Jahwes.
Gegen diese primitive Form des Kults erhoben Eiferer das Wort: die "Jahwe-Allein Bewegung". Sie wollte mehr Abstraktion und Geistigkeit. Unverblümt griff sie
die Religionspolitik der Herrschenden an. Die "Könige und Minister sowie die Priester und Propheten der Staatsheiligtümer" (Weippert) standen unter Dauerfeuer.
Fassbar wird die Gruppe in den Propheten Hosea und Amos, die um 750 v. Chr. lebten. Zornig geißelten sie die Götzendienerei im Land.
Die biblischen Mahner gingen mit allen Tricks vor. Sie drohten mit Unheil, schmähten und fluchten. Der Prophet Micha (Wirkungszeit: 740 bis 705 v. Chr.) warf dem Volk vor, mit Abgöttern zu "huren". Sein Kollege Elija rühmte sich, am Ufer des Kischon 450 Baal-Priester erschlagen zu haben.
Als "fanatische Gesinnungsethiker" hat der Heidelberger Religionssoziologe Franz Maciejewski diese frühen Monomanen eingestuft. Andere sprechen von "Hornissen des Geistes". Doch erst eine Abfolge von militärischen Katastrophen brachte diese religiöse Minderheit an die Macht:
* 722 v. Chr. überrannten die Assyrer das kleine Land Israel.
* 587 v. Chr. verlor auch Juda unter dem Ansturm orientalischer Heere seine Freiheit.
Rund 20 000 Juden marschierten damals als Kriegsgefangene nach Babylon - Schluss mit nationaler Eigenständigkeit. Nun erst, fernab der Heimat und bedroht von Überfremdung, gewannen die biestigen Jahwe-Priester die Oberhand. Sie sammelten ihre Schäfchen unter der Fahne eines zum Allgott aufgestiegenen Trösters.
Dabei entstand eine Camouflage, eine Art Märchenbuch, das wie eine Zwiebel aus Hunderten von alten, immer wieder umformulierten Schriften und Überlieferungssträngen besteht. Die Bibel - ein Labyrinth.
All dies besagt: Die Offenbarung fand nicht statt. Die Geburt Gottes vollzog sich vielmehr als langer, blutiger und quälender Prozess, der sich etwa vom 9. bis zum 4. Jahrhundert hinzog.
Ihre religiöse Pionierstellung haben die Juden damit eingebüßt. Denn um 550 v. Chr. lebten auch der Perser Zarathustra, der Chinese Konfuzius und die ionischen Naturphilosophen. Auch sie gingen schon geistig aufs Ganze. "Achsenzeit" hat der Philosoph Karl Jaspers die Epoche genannt, in der es der Mensch erstmals vermochte, "sich der ganzen Welt innerlich gegenüberzustellen".
Gleichwohl ist das Rätsel vom Heiligen Land damit nicht gelöst. Konfuzius strebte nach Weisheit und Gelassenheit, die Ionier trachteten nach Wissen. Die Heilige Schrift dagegen ist voller Trotz und Verzweiflung. In der jüdisch-christlichen Religion gibt es kein Zurücklehnen, es geht um Schuld und Sühne.
Ein Klima der Unterwürfigkeit, ja der Furcht geht von diesem Überwesen des Alten Testaments aus. "Emunah" ("Treue") heißt das hebräische Wort für Glauben. Gott gebärdet sich wie ein eifernder Liebhaber. Er schließt eine "Ehe" mit dem auserwählten Volk und fordert absoluten Verlass. Der semitische Gott, so sah es der Psychologe Bruno Bettelheim, war "schlimmer als selbst die schrecklichsten Gottheiten der Naturvölker".
Vieles von dem Gewaltpotential, das in die Bibel einfloss, sei den Zeitläuften geschuldet:
* Als Bühne der Entwicklung diente die lebensfeindliche Wüste.
* Zwischen 720 v. und 70 n. Chr. wurde Jerusalem mindestens sechsmal von fremden Armeen erstürmt und unterjocht.
* Wie alle Revolutionäre griffen die Jahwe-Anhänger zu Zwangsmitteln, um die alten Bräuche zu tilgen. Ständig führten sie Wörter wie "ausrotten", "töten", "ausmerzen" im Munde.
Nur: Woher nahmen sie ihre Energie? Aus welchen Quellen schöpften diese Männer ihre Gottesvision?
Wer glaubt, dass sich damals nur ein Konzentrationsprozess am Himmel vollzog, nach Art einer ökonomischen Verdichtung von 100 Tante-Emma-Läden zu einem Supermarkt, liegt falsch. Die neue Kraft am Himmel veränderte nicht nur die Machtverhältnisse im Jenseits, sondern auch auf der Erde.
Die Priester in Jerusalem setzten ein Patriarchat ohnegleichen durch. Immer wieder hat die moderne Psychoanalyse darauf verwiesen, dass sich damals ein sakraler Männerbund inszenierte. Gott galt ihnen als "Vater", den sie ehrfürchtig als Adonaj ("Herr") anriefen. Dieses Wesen fordert Demut und "Gehorsam", vor allem von den Söhnen.
Frauen zählten dabei wenig. Die Forscher wissen inzwischen, dass Jahwe anfangs eine Gattin hatte, die Fruchtbarkeitsgöttin Aschera. Bis 586 v. Chr. stand ihr Kultbaum im Jerusalemer Tempel. Doch gegen dieses Abbild liefen die Propheten Sturm. In ihren Augen war es ein lästerlicher Götze heidnischer Geilheit.
"Du sollst dir keinen Holzpfahl als Ascherabild errichten", dröhnt es aus dem fünften Buch Mose, "das hasst der Herr."
Doch am Ende war auch diese letzte Partnerin des Herrgotts erledigt. Aus dem Babylonischen Exil kehrte er als Witwer zurück.
Schließlich besiegelten die Priester den "Bund" mit Gott mit einem heiligen Akt, aus dem ebenfalls Gewalt spricht. Sie beschnitten alle männlichen Säuglinge am achten Tag. Der Mohel nahm das Baby, ritzte mit dem Fingernagel dessen Vorhaut ein und riss sie ab - ein blutiges Attentat, das sich wie ein Mal in den Körper einbrannte.
In einem bemerkenswerten Buch** hat der Heidelberger Soziologe Franz Maciejewski jüngst die Beschneidung als Motor der monotheistischen Bewegung beschrieben. Sie war die "große generative, aber verborgene Kraft", mit "der sich der Eingottglaube in der altisraelitischen Gesellschaft unverlöschlich durchsetzte".
Es ist dieser Ritus, der zur Ausbildung einer kollektiven kultischen Identität der Juden führte.
Aber auch zur Frage, wo der Monoglaube seine tiefste geschichtliche Wurzel hat, liegen neue Details vor. Die Forscher sind dabei, das verdrängte Vorspiel der Bibel zu enttarnen - in Ägypten. Die Spur führt mitten hinein in jene prächtigste Religionsmacht des Altertums, die Pyramiden errichtete, über tausend Götzen anflehte und sogar Krokodile mumifizierte.
Als Welt des Heils und der Reinheit wurde der Nilstaat in der Antike gepriesen. Die Griechen bestaunten dieses Wunderland. Nicht so die Juden: Aus ihrem Blickwinkel verzerrte sich der ägyptische Pantheon zu einem Reich der Finsternis. Es war die Ausgeburt des Aberglaubens, Symbol der Zauberei schlechthin.
"Ägyptens auffallendste Praxis, den Bildkult, geißelt die Bibel als furchtbarste Sünde", erklärt Assmann. "Es war der Inbegriff von Irrtum, Lüge."
Wie ein roter Faden zieht sich das Thema durchs Alte Testament. Mit einer Mischung aus Ekel und Bewunderung schauten die Hebräer auf das Hieroglyphenland, das Götzen diente, aber auch Mathematik, Sternenkunde und Unfallchirurgie betrieb.
Schon den Stammvater Abraham zieht es mit seiner Ziegenherde Richtung Pyramiden. Ihm folgt später Josef, der zum Minister des Pharao aufsteigt. 430 Jahre lang sind die Israeliten in diesem "Sklavenhaus" eingeschlossen. Sie werden geprügelt, verhöhnt.
Dann führt Mose das Volk in die Freiheit. Ins biblische Drama bricht das Wunderbare ein. Das Heil beginnt. Jahwe leitet - als Wolkensäule vorneweg - das Volk zum Sinai, wo er sich offenbart. Dann geht es weiter ins Gelobte Land.
Schon früh haben die Forscher erkannt, dass die Erzählung von der Wüstenwanderung einem psychologischen Schema folgt: Im mütterlichen Schoß Ägyptens wachsen die Kinder Israels heran. Dort schreien sie nach dem göttlichen Vater, der sie rettet und in eine neue Heimat führt. Dass sie dabei das Rote Meer durchschreiten, macht nur um so deutlicher, um was es sich handelt: einen Geburtsakt.
Doch der Pyramidenstaat wirft nicht nur düstere Schatten in die Bibel. Die Archäologen, die zwischen Memphis und Theben graben, haben eine verblüffende Entdeckung
gemacht: Die Juden kupferten ab. Ihre Idee vom einen Gott stammt in Wahrheit aus - Ägypten.
Es war Echnaton, Pharao der 18. Dynastie, der geheimnisvollste Mann der ägyptischen Geschichte, der mit Gewalt eine Razzia am Firmament durchzog - und damit den Hebräern um Jahrhunderte zuvorkam. Der König verehrte nur noch einen Gott: Aton, dargestellt als strahlende, gleißende Sonnenscheibe.
1353 v. Chr. bestieg Echnaton den Thron und begann sogleich mit seinem Werk. Bis ins Delta und nach Oberägypten rückten seine Schergen aus und zerkratzten die Götternamen in den Tempeln. Nur Heliopolis verschonte er. Dort lebten wahrscheinlich die Vordenker dieser Bewegung.
Was für ein Umsturz! Traditionell standen Ägyptens Götzen verborgen in den Tempelschreinen. Es waren etwa 40 Zentimeter hohe Figuren aus Gold, Silber und Edelstein, die vom Oberpriester alltäglich mit Speisen versorgt wurden. Man badete sie in Milch und kleidete sie an. Im Gegenzug spendeten die Idole Trost und Hoffnung nach dem Tode, sie segneten und verhießen Glück.
Aton dagegen war unsichtbar, reines Licht und aufs Diesseits gerichtet. Der Ketzer vernachlässigte die alten Totenbräuche. Die Balsamierer und Mumifizierer verloren an Ansehen. Der Kontakt zum Jenseits war unterbrochen.
Alles an diesem ersten Propheten des Monotheismus mutet seltsam und einzigartig an. Echnaton, sagt Assmann, "steht für den Einbruch des Unwahrscheinlichen in die Geschichte".
Während auf den anderen Göttertempeln im Land Gras wuchs, erschuf der neue Gebieter seinem Aton Mahnmale der Schönheit. Zuerst ließ er in Theben ein über 600 Meter langes Opferareal mit Hunderten Altären errichten. Allmorgendlich schlachteten dort die Aton-Priester Rinder und Geflügel und hielten das Opferfleisch der aufgehenden Sonne entgegen.
"Deine Strahlen umfassen alle Länder", heißt es im großen Aton-Hymnus, "du nimmst Millionen von Verwandlungen an, indem du einer bist." Eine bis dahin unbekannte poetische Kraft spricht aus dem Lied, das dem ältesten Universalgott der Weltgeschichte huldigt.
Reliefs zeigen Echnaton mit Hängebauch und Wulstlippen. Der Hinterkopf zieht sich grotesk in die Länge, traumschwer hängen die Lider. Auf Statuen, die Ende der zwanziger Jahre in Karnak ausgegraben wurden, hat er fast weibliche Brüste und eine diffuse Genitalzone, weder Phallus noch Vulva.
War der König krank? Einige glauben, dass Echnaton an einer Hormonstörung litt. Der Antikenforscher Immanuel Velikovsky unterstellte ihm eine "homosexuelle Neigung". Oder träumte er nur? Nicht einen einzigen Krieg hat der solare Bekehrer geführt. Im fünften Regierungsjahr zog er ins ferne Wüstental von Tell-el-Amarna, das er laut Hinweis auf Grenzsteinen nie wieder verlassen wollte.
Eine neue Hauptstadt, genannt Achetaton ("Horizont des Aton"), wurde damals aus dem Boden gestampft. 50 000 Beamte, Diener, Prinzen und Friseure zogen um. Während draußen die Pest wütete (die bis nach Syrien übergriff), fuhr der Sonderling mit seiner schönen Gemahlin Nofretete im geschmückten Pferdewagen durch die neue Lichtmetropole.
Reliefs zeigen den König im Kreis der Lieben, er hat ein Baby auf dem Arm, angeblich zeugte er neun Mädchen. An ein Familienidyll glaubt dennoch niemand. Es gibt Hinweise, dass Echnaton sowohl zu seiner ältesten Tochter Meritaton, zum Sohn Semenchkare als auch zur Mutter Teje sexuelle Beziehungen unterhielt.
Nofretete verschwand nach dem 13. Jahr seiner Regierung spurlos. Ermordet, wie manche Forscher glauben? Klar ist: Gewalt und eine ungeheure theoklastische Radikalität zeichnen diesen Herrscher aus. Alles, was dem Volk heilig war, trat er mit Füßen.
Auf den Steinbildern der Zeit wimmelt es von "Sascha'u", Polizisten, die mit langen Stöcken bewaffnet waren. Das gemeine Volk wird meist in gebückter Haltung dargestellt, vielleicht eine Demutsgeste. Oder jaulten die Bürger unter den Schlägen der Gendarmen?
Sicher ist: Das Wort "Götter" stand unter Tabu. Niemand durfte es im Munde führen. Nur Aton zählte, der körperlose und gestaltlose Strahlkranz der Sonne, der sich kaum noch in toten Stein bannen ließ. Die Priester von Amarna verehrten das Licht an sich, das warm die Schöpfung beschien. Ihre Sakralbauten hatten kein Dach, geopfert wurde unter freiem Himmel.
Nach 17 Jahren starb der Guru, den Reliefs mit Eierkopf zeigen. Unter dem Nachfolger Semenchkare ging der Spuk vorerst weiter.
Als der starb, kam ein achtjähriges Kind namens Tutanchaton ans Ruder. Erst später, unter dem Druck der Amun-Priester, wurde das Jünglein in Tutanchamun umbenannt. Dessen berühmter Grabschatz enthält einen Thronstuhl mit einem Bild auf der Rückenlehne. Es zeigt den jungen Tut noch unter den Strahlen des Aton.
Dann putschte ein General und drehte die Zeit wieder zurück. Eine Art demokratisches Roll-back der Götter setzte ein. "Das Land machte eine Krankheit durch", heißt es auf einer Stele. Von "Götterferne" ist die Rede.
Echnaton wurde verfemt, sein Andenken ausgelöscht, der Name aus den Königslisten gestrichen. Es war, als wäre Ägypten aus dem bösen Schlaf der Eingottdiktatur erwacht.
Bereits vor über 100 Jahren, als die Archäologen auf erste Spuren des Ketzers stießen, wurde versucht, eine Verbindung zwischen ihm und dem biblischen Mose zu schlagen. Die Parallelen liegen auf der Hand. "Gemeinsam ist beiden, dass sie die
Unterscheidung zwischen Wahrheit und Unwahrheit in schärfster Weise zum Gegenstand der Ausgrenzung und Verfolgung gemacht haben", sagt Assmann.
Nur: Welches Band lässt sich zwischen dem ägyptischen Guru und dem Mann vom Sinai knüpfen? Gibt es eine geheime Fährte, eine Nabelschnur vom Nil nach Jerusalem?
Bereits James Breasted, ein genialer US-Ägyptologe, der 1894 in Berlin promovierte, hegte diesen Verdacht. Er glaubte, dass die Juden von der Lichtreligion irgendwie Wind gekriegt hatten. Auch der deutsche Althistoriker Eduard Meyer pflichtete dem bei. In der Wüstenwanderung stecke ein "wahrer Kern".
Weit wuchtiger nahm sich dann Sigmund Freund der Sache an. 1937, bereits schwer vom Krebs gezeichnet - der Antisemitismus tobte in Deutschland auf bestialische Weise -, schrieb der Vater der Psychoanalyse seine letzte große Arbeit: "Der Mann Mose und die monotheistische Religion".
Darin vertrat er die Meinung: Mose war in Wahrheit ein Aton-Priester aus Heliopolis, der sich nach dem gescheiterten Glaubensprojekt eine Gruppe jüdischer Zwangsarbeiter erwählte, um die Sache gleichsam im Kleinen fortzuführen.
Neben dem Namen ("Mose" ist ägyptisch und heißt Kind) fand Freud vor allem die Aussetzungslegende verdächtig. Die Bibel erzählt, dass Mose von einer hebräischen Sklavin geboren wird. Die setzt das Baby in einen Binsenkorb auf dem Nil. Der Säugling schaukelt in die Hände einer Tochter des Pharao. Das Kind wird adoptiert und wächst am Hof des Königs auf.
Für Freud war die Sache damit klar: Mose war ein Ägypter. Die Aussetzungsfama sei nur ein Trick gewesen, um den Fremden zu "judifizieren" und ihn später ins Zentrum des "nationalen Gründungsmythos" der Juden stellen zu können.
Das war schlau gedacht vom österreichischen Begründer der Seelenkunde. Und Freud wusste auch, wie die Geschichte weiterging: Die noch halb heidnischen Juden fühlten sich von den strengen Geboten des Mose gegängelt und völlig überfordert. Also ermordeten sie ihn.
Was auf den ersten Blick seltsam klingt, stützt sich in Wahrheit auf eine gut unterfütterte Theorie, die in die Herzkammer der Religion führt. Freud glaubte, kurz vor seinem Tod die Pforte ins Allerheiligste aufgeschlossen zu haben.
Bereits in seiner 1912 erschienenen Schrift "Totem und Tabu" hatte der Psychoanalytiker den Vater-Sohn-Konflikt als Quelle aller religiösen Handlungen erklärt. Sein Modell geht so: In der "Urhorde" dominiert der stärkste Mann und beansprucht alle Weibchen für sich. Aus der Fülle seiner Machtvollkommenheit fordert er absoluten Gehorsam von den Söhnen und Brüdern. Zuwiderhandlungen bedroht er mit Kastration.
Gegen diesen Despoten tun sich die anderen Männer zusammen. Sie erschlagen den Anführer und verzehren seinen Leib in der "Totemmahlzeit", um an seiner Stärke teilzuhaben.
Hernach plagen sie Schuldgefühle, auch Reue, der Beschützer der Gruppe ist tot. Deswegen wird der alte Urvater ins Unterbewusstsein verschoben, er verwandelt sich zum "Totemtier", das die Gruppe nun kultisch verehrt - das erste Religionssystem der Menschheit.
Genau dieser Vorzeit-Tyrann, so sponn der Seelenforscher seinen Gedanken weiter, trat in der geschichtlich viel späteren Epoche des Aton-Kults jäh wieder auf - diesmal am Himmel. Auch Jahwe gebärdet sich wie ein Tyrann. Deshalb tötete das Volk seinen ersten Verkünder. Mose stirbt.
Damit aber, so Freud, sei auch der alte Schuldkomplex reaktiviert worden, der nun noch stärker wirke.
So anregend die These auch sein mag, sie kann nicht ganz stimmen. Die Geschichte ist zu konkret, zu handlich und fasslich gedacht. Für einen jüdischen Stamm, der schon um 1250 v. Chr. bereit war, mit einem Aton-Gelehrten in der Geröllwelt des Sinai geistige Experimente zu starten, hat die moderne Archäologie keinerlei Belege gefunden.
Tatsache ist: Um 1250 v. Chr. war das Sinaigebiet noch vornehmlich von räuberischen
Nomaden bewohnt, den "Hapiru". In Südpalästina lebten die Schasu-Nomaden, es waren Viehtreiber, die erst langsam sesshaft wurden. Eine Ethnie Israel gab es damals noch nicht - nur herumflutende Hirtenstämme.
Erst um 1000 v. Chr. nahm die Zahl der festen Bauernhäuser in Kanaan deutlich zu. Die Hütten besaßen kleine Altäre. Es waren Opferstätten für die Ahnen und Familiengeister. Auf Bergen lagen regionale Stammesheiligtümer. Laut Bibel kokelten in Kanaan noch im 8. Jahrhundert v. Chr. "auf allen hohen Hügeln und unter jedem üppigen Baum" heilige Feuer.
In diese polytheistische Schauerwelt passt der Hochglanz-Mose, wie ihn die Bibelmacher zeichneten, nicht hinein. Kaum vom Sinai herabgestiegen, verkündet er dem Volk das erste Gebot: "Ich bin der Herr dein Gott".
Dann geht es munter weiter. Mitten in der Wüste gibt Mose Anweisungen zur Innenausstattung der "Stiftshütte", eines Nomadenzelts. Das Volk soll kupfernes Ritualgeschirr dengeln und einen Tisch für die Schaubrote, dazu einen goldenen Leuchter. Auch ein edler "Gnadenthron" wird getischlert.
In Wahrheit schildern die Bibelschreiber in ihren seitenlangen Ausführungen im zweiten Buch Mose die Dekoration des Jerusalemer Tempels, wie er nach seinem Wiederaufbau 516 v. Chr. aussah. Um den frischen Räumen mehr Würde zu verleihen, so die Annahme, taten die Fälscher so, als hätte das Mobiliar schon in Moses Wüsten-Wigwam gestanden.
All das zeigt: Die Jahwe-Priester nutzten die Mose-Figur als Rammbock, um ihre Kultpläne durchzusetzen. Der Religionsboss machte den Mund auf - die Bauchredner waren die Geistlichen.
Und dennoch: An der Achse Memphis - Jerusalem ist was dran. Auch die neue archäologische Forschung glaubt, dass es eine Brücke gibt zwischen Echnaton, dem Schöpfer des Monotheismus, und seinem legendären Nachfolger Mose.
Dass die Strahlkraft Ägyptens einst bis weit in die Ostwüste reichte, haben die israelischen Ausgräber mittlerweile eindrucksvoll bestätigt. Im "Neuen Reich" (1550 bis 1070 v. Chr.) hielten die Pharaonen die gesamte Levante im kolonialen Würgegriff. Ihre Garnisonen und Heerwege liefen quer durch Palästina.
Auf der Stele des Merenptah (1207 v. Chr.) wird erstmals ein unterjochter Landstrich "Israel" erwähnt. Man darf annehmen, dass die Semiten in die pharaonischen Steinbrüche und Edelsteinminen abkommandiert wurden.
Die Viehtreiber und Beduinen aus Palästina - Reliefs zeigen sie mit Spitzbärten - nahmen demnach teil am geistigen Leben der Besatzungsmacht. Ägypten war ein erhabenes Zivilisationsgebilde, Quelle aller Weisheit.
Und auch vom großen Echnaton kriegten die geknechteten Nomaden aus Asien Wind. Der Sonnengesang an Aton hat eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Psalm 104, einem der schönsten Lieder des Alten Testaments. Der Übertragungsweg lief wahrscheinlich über die ägyptischen Militärkasernen und verbündeten Fürstenhöfe in Palästina.
Und es gibt eine weitere Verbindung, die noch tiefer in den Brunnen der Geschichte führt. Bereits im 17. Jahrhundert v. Chr. wurde der Nilthron von Fremden überrannt, den Hyksos. Es waren Leute aus dem Osten - gleichsam die Ur-Juden. Alte Hieroglyphentexte behaupten: Die Fremden brannten Städte nieder, sie verwüsteten Heiligtümer und behandelten die Bevölkerung mit großer Feindseligkeit. Als Vorposten erbauten sie die Festungsstadt Avaris.
Die moderne Archäologie hat die Schilderung im Kern bestätigt. Avaris lang am Ostrand des Nildeltas. Der Wiener Manfred Bietak gräbt die erhaltenen Ruinen seit vielen Jahren aus. Resultat: 108 Jahre hielten sich die Hyksos an der Macht. Einer ihrer Könige hieß Ya'kobher - was verdächtig nach Jakob klingt, dem biblischen Stammvater. Erst um 1550 v. Chr. lief die
militärische Rückeroberung. Die wiedererstarkten Pharaonen jagten die Eindringlinge in die Wüste zurück.
Der Forscher Maciejewski glaubt, dass bei diesen "nach Palästina vertriebenen und rückwandernden Stämmen Erinnerungen an den jahrhundertelangen Aufenthalt in Ägypten lebendig geblieben sein müssen". Sein Verdacht: Chamudi, der letzte große Hyksos-Chef - in alten Schriften taucht er als Gründer Jerusalems auf -, sei Ausgangspunkt der Legende gewesen.
Die Geschehnisse wurden dabei allerdings stark verzerrt oder sogar in ihr Gegenteil verkehrt:
* Die Hyksos kamen als Eroberer.
* Ihr Aufenthalt in Ägypten war eine glanzvolle Herrscherzeit.
* Dann folgte der ruhmlose Abgang.
In der Tora hingegen drehen sich diese drei Etappen völlig um. Die Hebräer kommen dort als Zwangsarbeiter vor. Sie leben in Knechtschaft am Nil - ehe das Volk unter Mose endlich glorreich ausreist.
Solche Verdrehungen sind den Sagen- und Legendenforschern gut bekannt. Sie sprechen von "narrativer Inversion": Ein kleiner Anfang wird glanzvoll umgedeutet, das schmähliche Ende erhöht. "Kränkungen im Nationalen" seien stets die "neuralgischen Knotenpunkte im Nervenkostüm der Völker" gewesen, meint Maciejewski. Also habe man die Story im Zuge der jüdischen Nationenbildung im 9. und 8. Jahrhundert entsprechend umgearbeitet und zu einem ruhmvollen Ursprungsmythos gestaltet.
Nur: Wer war Mose? Gab es ihn überhaupt? Ist unter dem Gestrüpp der Verdrehungen und Zerrbilder, die die Bibel vorlegt, überhaupt noch die Wahrheit zu ermitteln?
Immerhin: Auch außerhalb Palästinas war der Mann bekannt. Im antiken Rom, in Alexandria und im hellenistischen Ägypten des 4. und 3. Jahrhunderts v. Chr. liefen wilde Gerüchte um, die von dem Religionsstifter erzählen. Insgesamt acht Schriftsteller des Altertums erwähnen ihn.
In diesen Berichten jedoch ist Mose in ein schauerliches Licht gerückt. Er tritt als Anführer von Aussätzigen und Hautkranken auf. Am fürchterlichsten ist die Grusel-Story, die der ägyptische Priester und Geschichtsschreiber Manetho (um 280 v. Chr.) auftischt. Er erzählt von einer Schreckensphase, die über 1000 Jahre vor seiner Zeit spielt.
Damals, so hebt der Autor an, habe ein Fluch auf dem Land gelegen. 80 000 Aussätzige verrichteten in der Ostwüste Zwangsarbeit. Der Pharao erlaubt ihnen, in Avaris eine Leprakolonie einzurichten. Sie wählen einen Priester aus Heliopolis (einem Zentrum des Aton-Kults) zum Führer. Sein Name: Mose.
Dieser erlässt ein Verbot, die alten Götter anzubeten. Die heiligen Tiere der Ägypter werden geschlachtet. Schließlich befestigt Mose Avaris und holt die Hyksos zu Hilfe. Mit ihnen zusammen errichtet er eine Schreckensherrschaft in Ägypten und verwandelt die Sanktuarien in Küchen. Er brät die heiligen Tiere am Spieß und zerstört den Tempel.
Für Assmann liegt der Fall damit klar. Die Geschichte kreist um ein altes "Trauma" und spült vage die Erinnerung an die Zeit der schlimmen Frevel und Versündigungen unter Echnaton und den Hyksos hoch. Die Lepra sei dabei nur ein Synonym für die kultische Unreinheit. Und mittendrin: Mose.
Assmann hält ihn nur für eine "Gedächtnisspur". Da keine schriftlich fixierte Erzählung und keine offiziellen Königs- listen die Imagination in Schach hielten, hätten die Ägypter den verfemten und verdrängten Ketzer-Pharao gleichsam zu einem Unhold verzerrt und ihm den allgemeinen Namen "Mose" gegeben.
Der kanadische Ägyptologe Donald Redford geht sogar so weit, einzelne Details aus Manethos Mose-Sage direkt mit dem Leben Echnatons zu verzahnen. Bekannt ist, dass der ägyptische Aton-Guru in der Ostwüste Konzentrationslager für die Zwangsarbeiter errichtete. Manetho zufolge übte Mose 13 Jahre seine Terrorherrschaft aus - genauso lange regierte auch Echnaton in Amarna.
All das legt nahe: Der verfemte und vergessene Ketzer lebte im kollektiven Gedächtnis der Ägypter weiter - in Gestalt des Mose. Der Volksmund verband die wahren Ereignisse der Amarna-Zeit mit schlimmsten Erinnerungen von Greuel und kultischer Unreinheit. Echnaton wurde zur Ausgeburt des Frevlers.
Die Ur-Juden dagegen, die die Sonnenrevolte von Amarna ja ebenfalls mitbekommen hatten, hielten den Guru wohl für einen genialen Mann. Sie nahmen sich die ägyptischen Gruselsagen von Echnaton/Mose offenbar zum Vorbild - und färbten die Figur für die eigenen religiösen Zwecke um.
Dass die Mär vom Sinai zum größten Teil auf Propaganda und Fälschung beruht, bezweifelt auch kein Alttestamentler mehr. Die Zunft weiß, dass der Weg zum Monotheismus weit weniger gradlinig verlief, als die Bibel weismachen will.
Noch um 900 v. Chr., das zeigen die Grabungsbefunde, waren die Hebräer dem Totemismus verhaftet. Sie verehrten Jahwe als Wetter- und Fruchtbarkeitsgott, dessen sexuelle Darstellung man erst schrittweise zurückdrängte.
Verräterische Spuren über die wahren historischen Vorgänge sind auch in der Bibel selbst gespeichert. Unzählige Stammeslegenden der westsemitischen Völker wurden in diesem Buch ineinander verdichtet und vermixt. Dabei blieben auch uralte Kerne und Einsprengsel erhalten.
Nach dem Tête-à-tête mit dem Herrn auf dem Feuerberg beispielsweise ist Mose von Strahlen umgeben, die so gleißen, dass er das Volk blendet. Er ist Abglanz der Gottheit selbst. Deshalb muss er eine Hülle über dem Gesicht tragen. Der Forscher Reik deutete sie als "Resterscheinung" eines Rituals, bei dem der Schamane das Fell des Totemtiers anlegt.
Am Ende dieser Entwicklung aber hatten die Juden ihren Gott ins Gewaltige und Bildlose erhoben. Eisig und fern thronte er über den Gläubigen. "Vor mir wurde kein Gott gebildet, nach mir wird keiner sein", formulierte am Fuß des Tempels von Babylon der Prophet Deuterojesaja um 530 v. Chr.
Das war der endgültige Durchbruch des Eingottglaubens.
Jesaja war umgeben von Fremdheit, verlassen, einsam, verzweifelt. Das Volk der Juden lief damals im Exil Gefahr, sich aufzulösen. Das fünfte Buch Mose kennt nur eine Angst: die vor dem Vergessen. Immer wieder schärft es den Hörern diese Warnung ein. Denn Vergessen bedeutet Assimilation, Verlust von Brauchtum und Vorstellungswelt des Landes, woher man kommt - und wohin man zurück soll.
Also schotteten sich die Exilanten ab. Sie suchten Kennzeichen. Das Heilighalten des Sabbat, die Reinheitsvorschriften
und Ess-Tabus - jetzt wurden sie entwickelt. Israel sammelte sich unter dem Banner des Ewigen. Auch die Idee vom "Sklavenhaus" Ägypten wurde nun erst richtig ausgemalt. Motto der Priester: Kopf hoch! Wir haben schon mal im Schlamassel gesessen und glorreich in die Heimat zurückgefunden.
516 v. Chr. bot sich diesem gebeutelten Volk dann wirklich ein Weg zurück in die Heimat. Der großmütige Kyros, Herrscher des persischen Weltreichs, erlaubte den Exilierten den Heimweg nach Jerusalem. Nun waren die Jahwe-Leute endgültig am Ruder und setzten in der winzigen persischen Provinz "Jahud" ihre Vorstellung vom wahren Glauben durch.
Es war eine Vaterreligion, die viele Zeichen von Schrecken und Gewalt trägt.
Nun erst setzten die Priester auch jenes blutige Werk in Szene, das die jüdische Seele bis heute prägt. Die Beschneidung der Säuglinge wurde zum Bundeszeichen mit Gott erhoben: "Da machte sich Josua Steinmesser, und er beschnitt die Israeliten auf dem 'Hügel die Vorhäute'", erzählt die Bibel. Erst danach dürfen sie das Gelobte Land betreten.
Mit diesem Zeichen, dieser Wunde am Körper, war die "Ehe" mit Jahwe gleich-
sam unumkehrbar gemacht. Pharao Echnaton, der Vorgänger, hielt nur 17 Jahre durch - die Söhne Gottes aber blieben gefeit gegen Abfall und Ketzerei. Sie brauchten nur ihre Mannbarkeit zu beschauen, um zu ahnen, mit welch furchtbaren Schnitten der Herr die Abtrünnigen bestrafen würde.
Und sie vollbrachten einen letzten ausgebufften Trick, mit dem sie sich endgültig an die Spitze der Bewegung setzten. "Zur Kenntlichkeit entstellt, nämlich als Mose (= ägypt. Kind) wurde die große Legitimationsgestalt der biblischen Religion an den Ort der Urszene des Monotheismus zurückgeführt, um - so darf gemutmaßt werden - der jüdischen Kultur das Erstgeburtsrecht an der monotheistischen Religionsstiftung zu sichern", vermutet Maciejewski.
Gleichwie: 2500 Jahre danach ist der Nahe Osten immer noch ein Pulverfass. Der "geistig-kulturelle Raum", den Abend- und Morgenland seit dem Tag der "mosaischen Unterscheidung zwischen wahr und falsch in der Religion" (Assmann) gemeinsam bewohnen, steckt voll ungründiger Feindschaft. Er ist wie ein Beil, er spaltet.
Die meisten Theologen sehen das anders. "Assmann hat uns erschüttert", gibt der Bayreuther Theologe Lukas Bormann zwar zu. Auch räumt er ein, dass die Bibel sich einem "Radikalismus in der Ausdrucksform" bediene und "viel Polemik" enthalte. "Dies aber liegt daran, dass die Schriften fast durchweg von entmachteten jüdischen Eliten geschrieben wurden."
Gerade diese Ohmacht und das erlittene Leid, so Bormann, hätten die Juden aber auch sittlich groß gemacht. Exemplarisch für alle Menschen habe dieses Volk seine Stimme gegen Knechtschaft und Unterdrückung erhoben und eine allgemeinmenschliche Sehnsucht nach Frieden zum Ausdruck gebracht.
Das leugnet auch Assmann nicht. Wie kaum ein anderer weiß er um die Errungenschaften jüdischen Geistes.
Den Juden, schreibt er in seinem neuesten Buch, sei es nicht um irgendwelche bestimmten Fehler des Menschen gegangen, sondern um die Einsicht in eine "grundsätzliche existentielle Sündhaftigkeit, Vergänglichkeit, Gottesferne" des Menschen. Daraus sei die Forderung nach "Reue", Sühne und der Umkehr aus der "Schuldbeladenheit des bisherigen Lebens" erwachsen.
Sühne, Umkehr - das ist die tiefe Forderung der Heiligen Schrift. Psalm 51 spricht die damit verbundene Einkehr in sich selbst klar aus: "Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz."
MATTHIAS SCHULZ
* Gemälde von Joseph von Führich, 1835.
** Jan Assmann: "Monotheismus und die Sprache der Gewalt". Picus Verlag, Wien; 64 Seiten; 7,90 Euro.
* Ölgemälde von Nicolas Poussin, um 1635.
* Links: Bibelillustration aus dem 19. Jahrhundert; rechts: Ölgemälde von Emile Signol, 1847.
** Franz Maciejewski: "Psychoanalytisches Archiv und jüdisches Gedächtnis. Freud, Beschneidung und Monotheismus". Passagen Verlag, Wien; 396 Seiten; 45 Euro.
* El, Aschera, Baal.
* Von Pieter Bruegel dem Älteren, um 1564.
Von Schulz, Matthias

DER SPIEGEL 52/2006
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