22.12.2006

„Eine neue Form der Gewalt“

Assmann, 68, bekleidete 28 Jahre lang den Lehrstuhl für Ägyptologie in Heidelberg und gilt als einflussreichster Vertreter seines Fachs in Europa. Der Emeritus, immer noch mit Feldarbeit an den Gräbern im ägyptischen Theben betraut, ist Träger des Deutschen Historikerpreises. Er lebt heute in Konstanz. Der Ägyptologe Jan Assmann über die Intoleranz der monotheistischen Religionen
SPIEGEL: Herr Professor, "Der Herr ist mein Hirte", heißt es im Alten Testament. Halten Sie ihn für einen Tyrannen?
Assmann: Das nicht gerade. Aber er ist ein "eifersüchtiger" Gott, wie er ja selbst sagt. Er verfolgt zornig seine Feinde "bis ins dritte und vierte Glied". Freunde dagegen werden mit Huld belohnt. Wenn es um diese Eifersucht geht, redet die Bibel die Sprache der Gewalt.
SPIEGEL: Die Heilige Schrift ist in der Sprache der Gewalt verfasst?
Assmann: In vielen Sprachen. Eine davon ist die Sprache der Gewalt - aus Eifersucht. Gott hat sich ein Volk auserwählt und mit ihm einen Bund geschlossen. Wie ein Ehemann verlangt er unbedingte Treue. Seine Eifersucht richtet sich gegen andere Götter. "Du sollst ihre Altäre zerstören und ihre Kultbilder vernichten", und "Du sollst sie nicht verschonen", heißt es in der Bibel.
SPIEGEL: Hat die Bibel neuen Hass gesät?
Assmann: Gewalt gab es schon vor Mose genug, aber durch ihn kam eine neue Form der Gewalt hinzu: die Gewalt im Namen Gottes, zum Beispiel wenn der Priester Pinhas den Simri ersticht, weil der mit einer Midianiterin, also einer Heidin, schläft. Das Christentum hat dann sogar begonnen, Gewalt im Namen der Wahrheit anzuwenden: Der echte Glaube muss den Heiden demnach verkündet werden, notfalls mit dem Schwert, um ihre Seelen vor der ewigen Verdammnis zu retten.
SPIEGEL: Die Griechen beteten doch Dutzende Götzen an und haben sich dennoch am Ende wechselseitig zerfleischt.
Assmann: Aber ihre Kriege wurden nicht im Namen von Zeus oder Apollon, sondern aus rein politischen Machtinteressen geführt.
SPIEGEL: Ist es besser, die Gegner aus politischen Gründen zu pfählen, wie es etwa die Assyrer gemacht haben?
Assmann: Die frühen Staaten gingen grausam genug gegen ihre äußeren und inneren Gegner vor. Das beruhte auf der Angst vor Rebellion und Anarchie. Dieser Staatsgewalt setzt die Bibel die Gottesgewalt entgegen. Der biblische Monotheismus war ursprünglich eine Widerstandsbewegung gegen die umliegenden Großmächte. Nur ein starker Gott ist imstande, diesen Staaten die Stirn zu bieten.
SPIEGEL: Andererseits haben doch gerade die Juden ganz neue sittliche Maßstäbe errichtet.
Assmann: Sie meinen die Zehn Gebote? Dafür finden sich in der Antike viele Parallelen. Das Neue am biblischen Monotheismus ist, dass er die Moral zur Chefsache Gottes gemacht hat. Sicher, das kann auch ein sehr wirkungsvoller Schritt zur Gewaltbekämpfung sein. Was aber, wenn sich Menschen zum Vollstrecker des Willens Gottes machen und zum Beispiel einen Armen steinigen, der am Sabbat Holz sammelt?
SPIEGEL: Das 2. Buch Mose schreibt vor, Sklaven nach sechs Jahren freizulassen. Daraus spricht eine hohe ethische Gesinnung.
Assmann: Richtig. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit gehört zu den zentralen Anliegen der Bibel. Andererseits aber grenzt der Eingottglaube aus, weil er die anderen Götter als "Götzen" und ihre Verehrer als "Heiden" einstuft. Ob das dann in Feindschaft umschlägt, kommt auf die Spielart des Monotheismus an. Der altisraelische Eingottglaube tritt in der Bibel nur literarisch gewaltsam auf. Geschichtlich hat er jedoch bei den Juden - wenn man von den Makkabäerkriegen absieht - nicht zu wirklicher Gewaltausübung geführt. Die findet sich dann erst bei Christen und Muslimen. Das Judentum lebt von der Differenz, es kapselt sich ab und kümmert sich nicht um die anderen Völker.
SPIEGEL: Viele Theologen fühlen sich von Ihnen provoziert. Zu Unrecht?
Assmann: Die einen werfen mir vor, ich hätte einen Popanz konstruiert. Im Alten Testament gehe es nicht um wahre oder falsche Religion, sondern um Freiheit und Knechtschaft. Das halte ich schlicht für unzutreffend. Die anderen halten mich für einen Vertreter der Postmoderne, die keine verbindlichen Normen mehr kennt. Dieser Vorwurf ist sehr viel interessanter und hat mir viel zu denken gegeben.
SPIEGEL: Warum, glauben Sie, schwappt die Diskussion über den Monotheismus derzeit so hoch?
Assmann: Denken Sie an den Dschihad, den 11. September, die Reden des iranischen Präsidenten - da trifft eine Kritik am Monotheismus einen Nerv der Zeit. Zudem: Ich habe ein neues Argument in die Debatte gebracht.
SPIEGEL: Welches?
Assmann: Dass die alten Religionen ihre Götter ineinander übersetzen konnten, weil sie innerweltliche Mächte verkörperten, die auch die anderen kannten und verehrten. Es gab regelrechte Vergleichslisten mit Formeln wie: Astarte = Ischtar = Aphrodite = Venus. Damals trennte die
Religion noch nicht, sie war vielmehr ein Medium der Verständigung.
SPIEGEL: Was schlagen Sie vor - vorwärts in die Vergangenheit?
Assmann: Zurück können wir nicht. Aber zu einer Kultur gegenseitiger Anerkennung müssen wir hinfinden, wenn wir den "clash of civilizations" vermeiden wollen.
SPIEGEL: Gilt das auch für die Muslime?
Assmann: Natürlich. Der Islam vertritt ja die radikalste Form des Monotheismus. An dem ursprünglich politischen Impuls einer Widerstandsbewegung, nämlich: die Herrschaft Gottes gegen die Staaten dieser Welt auf Erden durchzusetzen, hat er am kompromisslosesten festgehalten - während das Judentum das Reich Gottes auf eine messianische Endzeit und das Christentum es ins Jenseits verschoben hat, als ein Reich, das nicht von dieser Welt ist.
SPIEGEL: Wie könnte eine "tolerante" Religion aussehen?
Assmann: Die Antwort hat Lessing in seiner Ringparabel gegeben. Ein Vater hat drei Söhne und einen Ring, der die Kraft hat, seinen Träger Gott und den Menschen wohlgefällig zu machen. Wer soll den Ring erben? Dem Vater sind alle Söhne gleich lieb, so lässt er zwei Kopien herstellen und gibt jedem Sohn einen Ring als den wahren. Alle drei bemühen sich nun im Glauben, den echten Ring zu besitzen, um eine Gott und Menschen wohlgefällige Lebensführung, so dass nie herausgefunden wird, wer eigentlich den wahren bekommen hat.
SPIEGEL: Was sagt uns das?
Assmann: Wir müssen von der Vorstellung loskommen, im Besitz einer absoluten, in geoffenbarten Schriften niedergelegten Wahrheit zu sein. Alle Religionen sind gleich weit entfernt von der Wahrheit, die wir nie besitzen, nur anzielen können.

DER SPIEGEL 52/2006
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