30.12.2006

INNOVATIONENOrganisches Wachstum

Der Markt für Sexspielzeug ist hart umkämpft. Doch ein Bremer Mittelständler hat sich mit deutschen Tugenden zum Branchenführer aufgeschwungen.
Der eine oder andere Unternehmerpreis müsste längst die Wände von Dirk Bauers Büro schmücken: Mit nur 50 Mark Startkapital und ohne nennenswerte Kredite hat er seine Firma nach eigenen Angaben in wenigen Jahren zum europäischen Marktführer hochgejazzt. Bauer, 41, lässt ausschließlich in Bremen fertigen, obendrein größtenteils in Handarbeit. Die Produkte "made in Germany" sind teuer, aber begehrt - in Paris und New York, von Buenos Aires bis Taipeh.
Doch mit dem Portfolio der Fun Factory GmbH sind kaum Auszeichnungen zu gewinnen. Denn die wichtigsten Produkte aus Bauers Spaßfabrik sind Dildos und Vibratoren. "Oft habe ich mir anhören müssen: 'Wie kann man nur so etwas machen?'", sagt Bauer. Aber sein Durchhaltewillen habe sich ausgezahlt.
Tag für Tag verlassen mittlerweile 4000 Sexspielzeuge die Fertigungshalle. Seit 2004 schwoll der Jahresumsatz kräftig an, von 5 auf 13,5 Millionen Euro. Die Mitarbeiterzahl hat sich in dieser Zeit mehr als verdoppelt. Gerade wird ein Teil der Produktion auf Fließband umgestellt. "Anders ist die Nachfrage einfach nicht mehr zu befriedigen", erklärt Bauer.
Die Edel-Vibratoren aus Silikon sähen nicht nur gut aus, sondern seien auch von bester Qualität - nicht zu vergleichen mit der Billigware aus Fernost, sagt Nicole Wellems, Betreiberin eines Erotik-Online-Shops für Frauen, der vornehmlich Fun-Factory-Produkte verkauft. "Bauer ist ein Trendsetter", schwärmt Otto Christian Lindemann, Chef des weltgrößten Erotik-Konzerns, der Beate Uhse AG. Vor zwei Jahren hat sich das Flensburger Versandhaus mit 25 Prozent an Fun Factory beteiligt.
Dabei wurde die Erfolgsstory aus schierer Not geboren. 1995 hatte Bauers damalige Partnerin in Bremen einen Erotik-Shop für weibliche Kundschaft eröffnet. Doch die fleischfarbenen Penis-Imitate aus Billiglohnländern blieben in den Regalen liegen, das Geschäft drohte zu floppen. Der Elektroingenieur Bauer kaufte für 50 Mark Silikon und schuf mit einem Freund in der Küche einige Dildos in Pinguin- und Delphin-Form: "Hauptsache, kein Penis."
Heute ist der phallische Flipper ein Kultprodukt der Branche - und der einstige Bastler zum Chief Executive Officer aufgestiegen. In den USA unterhält Fun Factory bereits eine eigene Tochter, in Spanien und Japan sollen weitere folgen.
Am liebsten doziert der Firmenchef mit deutscher Gründlichkeit über die Hightech-Raffinessen seiner Produkte, etwa die Zwei-Lager-Motoren mit 1,2 Watt Spitzenleistung, die in den GII-Modellen zum Einsatz kommen. Oder die ergonomisch geformten Bedienelemente, die eigens ein Mittelständler in Thüringen für ihn herstellt.
Beim "organischen Wachstum" seiner Firma setzt Bauer auf den Megatrend der Erotikbranche schlechthin: weg vom Schmuddel, hin zu Lifestyle und Luxus. Fun Factory versorgt beispielsweise das noble Pariser Warenhaus Le Printemps und mehrere Edelboutiquen in New York.
Das Kernsortiment hat die Firma mittlerweile um Kosmetik, Brett- und Kartenspiele erweitert. Doch anders als in den USA, Frankreich oder auch Spanien sei es in Deutschland noch schwierig, Vertriebspartner im gehobenen Einzelhandel zu begeistern: "Viele Einkäufer legen gleich auf, wenn sie das Wort 'Erotik' hören."
Helga Albrecht, Präsidentin des Bundes Deutscher Hebammen, dagegen erinnert sich gern an einen Kongress 2004, wo Fun Factory einen Verkaufsstand aufbaute: "Der Stand war der Knaller, die Kolleginnen standen Schlange." Schließlich würden die "ansprechenden Produkte" den Frauen nach der Schwangerschaft auch helfen, den Beckenboden zu stärken.
Und die Kundinnen nutzen auch die Möglichkeit gern, per E-Mail über ihre Erfahrungen zu berichten. "Ich bin erstaunt, wie viel die Leute von sich erzählen", sagt Bauer. "So genau wollen wir das gar nicht immer wissen." SEBASTIAN RAMSPECK
Von Sebastian Ramspeck

DER SPIEGEL 1/2007
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