30.12.2006

TURKMENISTANLichte Zukunft

Die Erben des verstorbenen Herrschers Nijasow scheinen die Machtfrage geregelt zu haben - zugunsten seines früheren Leibarztes.
Es fliegen die Vögel, aber wir erinnern uns unseres Führers. Er ist in den Himmel gezogen, doch wir werden Jahrhunderte seiner gedenken."
Es war ein Stück satter Volkspoesie, das einer der schwarzgekleideten Redner vergangenen Dienstag im "Palast des Geistes" von Aschgabad vortrug. Die 2507 Mitglieder des Volksrates klatschten anhaltend Beifall, dann gingen sie emsig an die Arbeit. Das dürfte ganz im Sinne Saparmurad Nijasows gewesen sein.
66 Jahre lang war Alleinherrscher "Turkmenbaschi" auf der Welt, "die Sonne unserer turkmenischen Herzen". Fast ein Drittel seiner Lebenszeit hatte er den Wüstenstaat an der Grenze zu Iran und Afghanistan regiert, dann raffte ihn Donnerstag voriger Woche eine Herzattacke plötzlich dahin. Doch als der Volksrat keine 120 Stunden später zur Regelung der Nachfolgefragen zusammentrat, hatte sich die erste Verwirrung schon wieder gelegt.
Da redete kaum noch jemand darüber, dass der Parlamentsvorsitzende - laut Verfassung nun eigentlich Interimsstaatschef - nur Stunden nach Nijasows Tod von der politischen Bühne verschwand. Oder darüber, dass auch der Verteidigungsminister vorübergehend wohl unter Hausarrest war, jener starke Mann, der bei Paraden gleich neben dem Turkmenbaschi stand.
Den Ton beim Volksrat gab ein Mann namens Gurbanguly Berdymuchammedow an: Nijasows früherer Leibarzt. Turkmenbaschis Erben - allen voran wohl Akmurad Redschepow, der mächtige Chef der Leibwache - hatten den Vizepremier und einstigen Gesundheitsminister staatsstreichartig zum amtierenden Präsidenten gekürt.
Am Dienstag stand Berdymuchammedow auf der Bühne im Palast und erinnerte die Delegierten daran, wie Turkmenbaschi "seinem Volk den Weg zur Demokratie geebnet" habe und welche Bedeutung das Erbe Nijasows für den Rest der Welt besitze. Dann bat er die Versammlung, ein Datum für die Präsidentenwahl zu bestimmen (11. Februar), die Liste der Kandidaten zu bestätigen (sechs) und schnell noch die Verfassung zu ändern.
Aus der Blitzeseile, mit der die Volksvertreter den Wünschen des gelernten Dentisten folgten, lässt sich schließen: Berdymuchammedow ist der Mann der Stunde. Schon einen Tag vor dem Volksrat hatte der Ehrenälteste des turkmenischen Volkes in der Zeitung "Neutrales Turkmenistan" einen Brief an den "verehrten Gurbanguly" geschrieben und sich überzeugt gezeigt, dass "Sie das Volk - ganz wie es Saparmurad Turkmenbaschi lehrte - in die lichte Zukunft führen werden".
Den Wink verstanden die Ratsmitglieder schnell: Sie änderten die Verfassung dahingehend ab, dass statt des Parlamentschefs ein Vizepremier amtierender Staatschef werden und als solcher am Kandidatenrennen teilnehmen darf.
Politisch ist der Neue ein kaum beschriebenes Blatt. Dass der verblichene Despot 2004 den Turkmenen verbot, sich weiterhin Goldzähne einsetzen zu lassen, soll ebenso auf ihn zurückzuführen sein wie die Schließung ländlicher Krankenhäuser und die Abschaffung der Krankheiten Aids und Cholera - beide Begriffe stehen jetzt auf dem Index.
Konkurrenz muss der Favorit kaum fürchten. Zwar hat die ins Ausland geflüchtete Opposition von Kiew aus Ex-Nationalbank-Chef Chudaiberdy Orasow, 55, zum Kandidaten proklamiert. Doch dem hängt daheim wegen eines angeblichen Attentats auf Nijasow eine lebenslange Zuchthausstrafe an. Berdymuchammedow dagegen dürfte mit Segen der Russen in seine neue Rolle geschlüpft sein: Die sind an einem Machtvakuum im fragilen Zentralasien nicht interessiert. Auch wollen sie das reichlich vorhandene turkmenische Gas allein durch ihre Pipelines pumpen.
Es gebe "keinerlei Zweifel", dass Berdymuchammedow der neue Turkmenbaschi sei, schreibt der Moskauer "Kommersant". Auch für die Wahlkommission in Aschgabad scheint alles schon gelaufen: Die Wahlen am 11. Februar würden "derart demokratisch sein, dass sich westliche Beobachter den Weg nach Turkmenistan sparen können". CHRISTIAN NEEF
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 1/2007
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