08.01.2007

AUTOFAHRERGekaufte Sündenböcke

Wer als Raser um seinen Führerschein fürchten muss, kann nun anderen seine Flensburger Punkte aufdrücken - illegal und gegen Gebühr.
Mal raste er zu schnell durch die Hauptstadt, mal war er bei Rot über eine Kreuzung gefahren, außerdem biegt Thomas R. gern auch mal dort ab, wo das verboten ist - alles im Dienste der Kunden. Das Problem dabei: Die deutsche Straßenverkehrsordnung ist einfach etwas zu eng gefasst für den stets gestressten Taxifahrer aus Berlin.
Und so häuften sich in letzter Zeit die Strafpunkte auf seinem Konto beim Verkehrszentralregister im fernen Flensburg. Doch als Thomas R. nun der Führerscheinentzug drohte, gab ihm sein Chef einen rettenden Tipp. Es gebe da jetzt ein paar neue Agenturen, die böten Hilfe via Internet - zwar illegal, aber sehr effektiv.
Der Taxifahrer googelte sich durchs Netz und wurde denn auch bald fündig. "Punkte in Flensburg? Hier gibt es Hilfe!" - so oder ähnlich offerieren dort moderne Ablasshändler ihre Dienste. Das Geschäftsprinzip ist einfach: Wer etwa in einer Radarfalle geblitzt wird, schickt per E-Mail einen Hilferuf. Die Agentur vermittelt dann gegen Gebühr einen Sündenbock. Der gibt sich gegenüber den Behörden als eigentlicher Fahrer aus und übernimmt für ein Honorar die Punkte auf sein eigenes Konto. "Es war zwar teuer, aber ging schnell und problemlos", sagt Thomas R., so hat er seinen Führerschein gerettet.
Die Firmen bieten den Hobbyrasern und Berufsdränglern ihre Hilfe in virtuellen Auktionshäusern und einschlägigen Foren an. Bis zu 300 Euro pro Punkt kassieren die Anbieter; bei drohendem Fahrverbot geht es um vierstellige Summen. Angesichts von rund 8,4 Millionen registrierten Sündern in Flensburg ist das ein lukratives Geschäftsmodell.
Polizei und Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) finden diese Neuentwicklung der freien Marktwirtschaft aber überhaupt nicht hilfreich. Denn was als Freundschaftsdienst im Familienkreis noch gerade so geduldet werden konnte, kann durch das Internet schnell zum Massendelikt werden. Die Flensburger Verkehrswächter fürchten schon um die Glaubwürdigkeit ihrer unbeliebten Datensammlung und gar um die Sicherheit auf deutschen Straßen: "Zweck der Punkte und von Fahrverboten ist ja die Verkehrserziehung. So geht der Sinn natürlich verloren", sagt Stephan Immen vom KBA.
Alex F., 32, gehört zu den Schuld-Dealern im Internet. Auch wenn etwa das Internet-Auktionshaus Ebay inzwischen allzu offensichtliche Angebote sperrt, schaffen es Alex F. und seine Kollegen immer wieder, sich dort und anderswo verdeckt zu plazieren. Dabei seien "Angebot und Nachfrage ausreichend vorhanden", frohlockt der findige Hesse. Willige Sündenböcke, die kein sauberes Punktekonto mehr brauchen, gibt es genug: Rentner beispielsweise, die ohnehin nicht mehr selbst fahren, oder Hartz-IV-Empfänger, die sich ein eigenes Auto nicht mehr leisten können, aber dringend Geld brauchen.
Um zu testen, wie man solchen Leuten das Geschäft vermiesen kann, hat das KBA jüngst in 54 Fällen exemplarisch Strafanzeige gestellt. Die Pseudonyme von Punktehändlern aus dem Internet wurden an die Fahnder weitergeleitet - doch die Experten der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Internet-Kriminalität in Cottbus sind da eher skeptisch: "Das Angebot allein im Internet ist ja noch nicht strafbar. Und den tatsächlichen Punktehandel muss man dann erst einmal beweisen können", sagt Oberstaatsanwältin Petra Hertwig.
Theoretisch könnten die Deals für die Raser und ihre Sündenböcke unangenehm werden. "Es werden immerhin unrichtige Angaben für ein öffentliches Register beurkundet", warnt der hessische Verkehrsrechtsexperte Hans Peter Wunderer, "das ist kein Kavaliersdelikt." Der wahre Schuldige müsse sogar mit einer Verurteilung wegen falscher Verdächtigung rechnen: "Hier drohen Haftstrafen."
Allerdings kennt auch Anwalt Wunderer bisher keinen Fall, bei dem es so weit gekommen wäre - weil die Bußgeldstellen der Polizei mit dem Einsammeln der Strafgelder viel zu beschäftigt sind, um noch ernsthaft gegen Schwindler vorgehen zu können. Angesichts mehrerer Millionen Verfahren pro Jahr prüfen sie in der Regel nur, ob es plausibel ist, was ihnen ertappte Sünder erzählen, ob also zum Beispiel Alter und Geschlecht zwischen der als Fahrer genannten Person und derjenigen auf dem oft undeutlichen Blitzerfoto übereinstimmen. Wenn ein Temposünder einen gleichaltrigen Geschlechtsgenossen als Fahrer des Autos meldet, wird ihm meist Glauben geschenkt.
Dumm ist es nur, wenn sich Trickser so ungeschickt anstellen wie im Fall "Lydia", der bei der Staatsanwaltschaft Cottbus derzeit für Heiterkeit sorgt. Die junge Dame sei noch eine Erklärung schuldig, so Oberstaatsanwältin Hertwig, warum sie "auf dem Blitzerfoto, das sie angeblich selbst zeigt, einen Vollbart trägt". MARKUS DEGGERICH
Von Markus Deggerich

DER SPIEGEL 2/2007
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