08.01.2007

KARRIERENReich durch Gruscheln

Der Holtzbrinck-Konzern bezahlt rund 85 Millionen Euro für die bislang weitgehend umsatzfreie Studentenbörse StudiVZ.
Konstantin Urban kann sich gut an seinen ersten Gedanken erinnern, als Rupert Murdoch für 580 Millionen Dollar MySpace übernahm: "Das ist Wahnsinn." Das war vor 18 Monaten.
Zwischen Weihnachten und Neujahr übernahm die von Urban geführte Holtzbrinck Networks die Netzgemeinde StudiVZ zu einer Bewertung von rund 85 Millionen Euro. Viel Geld für ein Online-Angebot, das es 18 Monate vorher noch gar nicht gab.
Hinter StudiVZ verbirgt sich ein virtueller Campus, auf dem sich nach Firmenangaben mittlerweile mehr als eine Million Mitglieder "immatrikuliert" haben. Viele mit Foto, Studienort und teils persönlichsten Angaben - auch jenseits des rein Akademischen. Denn es wird dort nicht nur über Professoren, Seminare und Scheine gefachsimpelt, sondern mindestens ebenso intensiv "gegruschelt". So heißt das StudiVZ-Kunstwort, das die Nutzer für sich durchaus unterschiedlich übersetzen. Der Interpretationsspielraum reicht von "Gedankenaustausch" bis zu grober Anmache.
Außer durch den rasanten Anstieg seiner Nutzerzahlen fiel StudiVZ zuletzt vor allem durch Systemausfälle, Sicherheitslücken und Skandälchen um seine Gründerfigur auf: den 26-jährigen Ehssan Dariani, der das Projekt Ende Oktober 2005
ins Leben rief. Online natürlich, aus einem Internet-Café in Berlin-Mitte.
Der Millionen-Deal der Holtzbrincks markiert hierzulande denn auch einen neuen Höhepunkt in der Welle der aktuellen Web-2.0-Begeisterung. Burda beteiligte sich gerade an der Party-Seite Nachtagenten, die Axel Springer AG stockte zuletzt ihre Anteile an der Immobilienbörse Immonet auf - und bot auch kräftig für StudiVZ. Holtzbrinck indes hatte sich über eine Frühfinanzierungsspritze bereits zuvor mit 15 Prozent beteiligt und so die Nase vorn. Früh heißt: vor fünf Monaten. Alle Umstände erinnern an die Hoch-Zeiten der New Economy: Das auf einem früheren Fabrikgelände am Prenzlauer Berg angesiedelte Studi-Netzwerk beschäftigt Dariani zufolge derzeit gerade mal rund 30 Vollzeitkräfte, aber rund 20 Praktikanten und verliert monatlich sechsstellige Summen - bei bislang kaum messbaren Umsätzen. Das Angebot für die notorisch klamme Zielgruppe ist kostenlos und soll es auch bleiben. Nicht mal Werbung und Sponsoring gab's bislang - lediglich erste Testläufe, etwa zum Marktstart des neuen Albums der Popband Juli.
Hier setzen die Pläne von Holtzbrinck-Mann Urban an, der Zahlen des US-Vorbildes Facebook zitiert: Die Community machte 2006 bereits rund 50 Millionen Dollar Umsatz. StudiVZ habe es aus dem Nichts unter die Top 15 der meistbesuchten deutschen Seiten geschafft, so Urban - der die angeblich rund 60 Millionen Seitenaufrufe pro Tag jetzt zu Geld machen will.
Das Management von StudiVZ soll in den Händen der Gründer um Dariani bleiben. Sie haben ihre Anteile zwar mitverkauft, erhalten einen Teil der Kaufsumme indes erst bei Erreichen bestimmter Geschäftsziele. Für das Gesamtjahr 2007 rechne er noch nicht mit einer schwarzen Null, sagt Holtzbrinck-Mann Urban.
Dariani hat es mit dem Deal in nur 18 Monaten aus dem Prekariat zum Millionär gebracht. Er studierte VWL in St. Gallen, machte ein Praktikum in den USA und merkte dort, dass soziale Netzwerke dabei waren, den nächsten Internet-Hype auszulösen. Krude Beiträge auf der Videoplattform YouTube und eine Party-Einladung im Stile des Nazi-Organs "Völkischer Beobachter" machten ihn in der Netzwelt zuletzt indes für viele zum Buhmann. Mit dem Verkaufserlös, sagt der Mittzwanziger mit dem "Gruschel mich"-Button am Revers, wolle er zuerst seine Studienschulden abzahlen, rund 25 000 Euro. Für ihn hat sich das Gruscheln auf jeden Fall gelohnt. MARCEL ROSENBACH
* Mit Mitgründern Dennis Bemmann und Michael Brehm.
Von Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 2/2007
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