08.01.2007

AUS SPIEGEL 40/1958

Mit Hormon-Tabletten

1957-1966

Eine Revolution für Moral, Partnerschaft, Gesellschaft: Mit einer Pille lassen sich das Sexualleben und das Wachstum der Erdbevölkerung regeln.

Rund 250 Bewohnerinnen der mittelamerikanischen Insel Puerto Rico unterziehen sich gegenwärtig einem medizinisch-biologischen Großversuch, dem Wissenschaftler und Arzneimittelhersteller, aber auch Politiker und Kirchenfürsten weltweite Bedeutung zumessen: Die Bürgerinnen der zu den USA gehörenden Insel experimentieren unter ärztlicher Aufsicht mit einer neuen Methode der Geburtenkontrolle, die von der amerikanischen Arzneimittel-Industrie als "die einfachste mögliche Art der Konzeptionsverhütung" für die Zukunft propagiert wird.

Die Testpersonen - verheiratete Frauen aus der Inselhauptstadt San Juan, die sich freiwillig zur Verfügung gestellt haben - schlucken vom 5. bis zum 25. Tag des Menstruationszyklus täglich eine Hormon-Tablette. Wie die amerikanischen Initiatoren des Versuchs, der Physiologe Gregory Pincus und der Gynäkologe John Rock, kürzlich berichten konnten, ist bisher keine der Frauen, die gemäß der ärztlichen Anleitung die "Kontrazeptionspillen" einnahmen, schwanger geworden - "trotz regulären Ehelebens und obwohl keine anderen Empfängnisverhütungsmittel angewandt wurden".

Die Doktoren Pincus und Rock aus dem US-Bundesstaat Massachusetts haben die "einfachste aller Geburtenkontroll-Methoden" vervollkommnet, nach der ein Heer von Wissenschaftlern schon seit langem suchte. Sie haben als Erste in mehrjähriger Laboratoriumsarbeit synthetische Ersatzstoffe für das natürliche Hormon Progesteron hergestellt und nachgewiesen, dass diese Substanzen in Pillenform wirkungsvolle Kontrazeptionsmittel sind.

Das Hormon Progesteron hat, wie den Biologen längst bekannt war, im weiblichen Organismus eine wichtige Regulationsaufgabe: Es wird vor allem erzeugt, wenn eine Schwangerschaft eingetreten ist und verhindert dann unter anderem weitere Ovulationen (Ausstoßungen reifer Eizellen).

Normalerweise wandern in einem (Vierwochen-)Zyklus reife Eizellen aus den beiden Eierstöcken in die Gebärmutter, wobei sie befruchtet werden können. Tritt keine Befruchtung ein, wird die Eizelle, die mittlerweile abgestorben ist, ausgestoßen. Nach einer Befruchtung dagegen setzt im Körper automatisch die Erzeugung des Hormons Progesteron ein, das neuerliche Wanderungen von Eizellen in die Gebärmutter blockiert.

Die Doktoren Pincus und Rock suchten nun nach einer Methode, die es ihnen ermöglichen würde, das Reifen der Eizellen in den Eierstöcken und das Ausstoßen der Eizellen mit künstlichen Mitteln zu verhindern. Sie fanden heraus, dass Tabletten mit dem (natürlichen) Hormon Progesteron ein geeignetes, Tabletten mit einem (synthetischen) Progesteron-Ersatz aber ein noch wirksameres Mittel zur Erzeugung einer künstlichen Ovulations-Blockade sind.

Durch Verabfolgung derartiger Tabletten soll es Frauen ermöglicht werden, über beliebige Zeiträume hinweg eine Schwangerschaft zu verhindern. Die Hormon-Tabletten erzeugen gewissermaßen eine Dauerschwangerschaft ohne Frucht. Die Ärzte glauben, aus den Resultaten ihrer Tierversuche schließen zu können, dass nach einer freiwilligen Geburtenblockade die Körperfunktionen sich automatisch wieder normalisieren - dann nämlich, wenn die Kontrazeptionspillen nicht mehr regelmäßig eingenommen werden. Die Doktoren Pincus und Rock meinen, diese Normalisierung entspreche dem natürlichen Vorgang: Nach einer Geburt geht die Progesteron-Produktion des Körpers zurück, die Ovulations-Blockade wird aufgehoben.

Neben den Forschern Pincus und Rock haben in der letzten Zeit auch zahlreiche andere amerikanische Wissenschaftler im Auftrage großer Arzneimittelkonzerne die Wirkung von Progesteron-Präparaten erforscht. Die drei größten Heilmittelfabriken haben je ein derartiges Präparat hergestellt; auch die Markennamen stehen bereits fest: "Enovid", "Norlutin" und "Delalutin".

Die amerikanischen Gesundheitsbehörden haben allerdings die Präparate noch nicht zum allgemeinen Verkauf freigegeben, da auch die Herstellerfirmen wünschen, dass die Progesteron-Mittel, die sämtlich sowohl als Anti-Konzeptionsmittel wie auch gegen organische Störungen verwendet werden können, nur gegen Rezept abgegeben werden sollen.

Amerikanische Ärzte glauben, eine Entscheidung über die Zweckmäßigkeit der Geburtenkontrolle mit Hormon-Tabletten könne erst gefällt werden, wenn die Resultate eines streng überwachten Fünf-Jahres-Versuchs mit mindestens 500 Frauen und die Ergebnisse zusätzlicher umfassender Tierexperimente vorliegen.


DER SPIEGEL 2/2007
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