08.01.2007

INTERVIEW„Entnazifiziert war entnazifiziert“

Ex-Verlagsdirektor Hans Detlev Becker, 85, über ehemalige Nationalsozialisten im SPIEGEL
SPIEGEL: Wenn über den SPIEGEL der Gründerzeit berichtet wird, ist gelegentlich die Rede davon, dass einige Redakteure und Mitarbeiter der ersten Stunde eine braune Vergangenheit hatten. Wie beurteilen Sie das heute?
Becker: Unsere Einstellung war: Wer entnazifiziert und als "nicht betroffen" eingestuft worden war oder als "Mitläufer", der war nicht verdächtig. Man hat das damals formal betrachtet: belastet oder nicht belastet. Ich sehe das heute anders. Heute würde ich sagen, wenn man alles Wissen über das "Dritte Reich" vollständig erfasst und sich fragt, wie hat das alles so laufen können, dann würde man doch sagen: Jemand, der sich dort hat einfangen lassen und mitgemacht hat, der muss nicht gerade hier beim SPIEGEL dabei sein, der kann woanders mitmachen.
SPIEGEL: Es geht vor allem um Horst Mahnke, der bis 1959 beim SPIEGEL arbeitete, auch als Ressortleiter, und um Georg Wolff, jahrzehntelang SPIEGEL-Redakteur und zwischen 1959 und 1967 stellvertretender Chefredakteur.
Becker: Mahnke und Wolff waren, wie immer Sie das nennen wollen, Beamte oder Offiziere im SD.
SPIEGEL: Das war der Nachrichtendienst in Himmlers Reichssicherheitshauptamt. Wolff war im Rang eines SS-Hauptsturmführers in Norwegen dafür zuständig, die Opposition zu überwachen.
Becker: Wolff war nach Kriegsende in Norwegen interniert und ist als unbelastet frühzeitig entlassen worden. Wohlgemerkt aus Norwegen, wo die Vorbehalte gegen das "Dritte Reich" mit am stärksten waren. Und Wolff war ein gut geschulter Fachphilosoph, Schüler von Arnold Gehlen. Von Wolff konnte man viel lernen.
SPIEGEL: Es gab keine grundsätzlichen Bedenken, ehemalige NSDAP-Mitglieder oder SS-Leute einzustellen?
Becker: Nein, grundsätzliche nicht. Entnazifiziert war entnazifiziert.
SPIEGEL: Und wie stellt sich die Person Mahnkes im Rückblick dar? Der SS-Hauptsturmführer sollte nach einer Eroberung Moskaus Archivunterlagen sicherstellen. In Smolensk ging es dann im September 1941 nicht mehr weiter. Danach haben einige aus dem "Vorkommando Moskau", dem Mahnke angehörte, an der Erschießung von Juden teilgenommen.
Becker: Ich habe das auch gelesen, aber in den fünfziger Jahren war das nicht bekannt.
SPIEGEL: Gegen Horst Mahnke lief später - da hatte er den SPIEGEL bereits verlassen und war zum Springer-Verlag gewechselt - ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts, an den Exekutionen teilgenommen zu haben. Das Verfahren wurde eingestellt. Mahnkes Behauptung, unschuldig zu sein, konnte nicht widerlegt werden.
Becker: Aus heutiger Sicht ist mir vollkommen verständlich, dass man sagt: "Es gab genug begabte Leute, die man nehmen konnte. Warum musste man ausgerechnet jemanden einstellen, der mindestens insofern angreifbar war, als er antidemokratischen Impulsen aktiv Raum gegeben und sie unterstützt hat?" Das ist vollkommen richtig.
SPIEGEL: Der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister behauptet sogar, Sie und Augstein hätten gezielt ehemalige SD-Leute, Gestapo-Leute und NS-Propagandisten geworben, um deren Insider-Kenntnisse über das NS-Regime auszuwerten.
Becker: Man überschätzt uns, so weit haben wir nicht gedacht. Die Stimmung war: Der Krieg ist aus, aber jeder hat sein Päckchen zu tragen. Mahnke und Wolff kamen nach meiner Erinnerung Ende der vierziger oder Anfang der fünfziger Jahre zum SPIEGEL. Die Währungsreform lag wenige Monate oder kaum Jahre zurück. Was vorgeherrscht hat, das war - wie soll man sagen - eine Art von Lebensgier: Wir haben mehr Kleidung, als wir brauchen. Wir haben Autos. Das ist heute nicht mehr vorstellbar.
SPIEGEL: Die Einstellung von Mahnke und Wolff war also nicht das Ergebnis kühlen Kalküls?
Becker: Nein, in der Redaktion hat kein Mensch irgendeinen Plan gehabt, wie die Zeitschrift sein sollte. Einer der frühen SPIEGEL-Wortführer befand expressis verbis, eine SPIEGEL-Geschichte solle "bunt, nett, harmlos sein - niemandem weh tun", wie eine Unterhaltungszeitschrift.
SPIEGEL: Zum Glück haben Sie sich nicht daran gehalten.
Becker: Das hat die Redaktion etwas entzweit. Die Verlegung nach Hamburg 1952 war insofern auch eine Zäsur. Aber nun ein Projekt zu starten nach dem Motto: "Was kann man noch machen? Kreuzworträtsel? Nein. Frauenkosmetik? Auch nicht. Also machen wir mal eine Nazi-Serie" - so war das nicht.
SPIEGEL: Der SPIEGEL wird gern als "Sturmgeschütz der Demokratie" bezeichnet, eine Formulierung, die von Rudolf Augstein nach 1962 geprägt wurde, damals aber ironisch gemeint war. Wie war denn Ihr Selbstverständnis als Journalist in den fünfziger Jahren im SPIEGEL? Haben Sie eine Botschaft gehabt, etwa: "Wir kämpfen für die Demokratie!"
Becker: Also ich bestimmt nicht.
SPIEGEL: Und Rudolf Augstein?
Becker: Nach meiner Erinnerung auch nicht. Der Demokratie brauchten wir nicht zum Durchbruch zu verhelfen, die brach ganz von selbst durch. Unsere Aufgabe war nach meinem Verständnis, für Sauberkeit in Staat und Wirtschaft zu sorgen oder zu kämpfen, das ist auch ein blödes Wort, also ...
SPIEGEL: ... Aufklärung?
Becker: Ja, Aufklärung, danke. Wir wollten über Korruption und Bereicherung, Selbstbedienung, Selbstbegünstigung und Machtmissbrauch aufklären.
INTERVIEW: KLAUS WIEGREFE
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 2/2007
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