08.01.2007

ESOTERIKErscheinung vom anderen Stern

Ein Anwalt aus Dresden vertritt Deutschlands ungewöhnlichste Opfer: Sie glauben, von Außerirdischen traktiert worden zu sein.
Heiligabend war ein schlimmer Tag für Frau P. Statt des Christkinds erschien ihr ein teuflisches Wesen. Etwas "ganz Schwarzes" kam mit "riesigen glühenden Augen" auf sie zugeflogen. In Panik nahm sie Reißaus und brachte sich hinter der Haustür in Sicherheit. So konnte der Leibhaftige ihrer zwar nicht habhaft werden, aber der Schreck über die mysteriöse Episode steckte der Leidgeprüften noch beinahe 60 Jahre später in den Knochen.
Dass die hochbetagte Geschichte nach Jahrzehnten doch noch aufgeklärt wurde, verdankt die Heimgesuchte Jens Lorek. "Ich bin Deutschlands erster Anwalt für Alien-Opfer", warb der Dresdner Anwalt jüngst in "Bild" um neue Mandanten. Der Hobbyastronom vertritt lauter Menschen, die angeblich von Außerirdischen traktiert worden sind.
So auch Frau J., die darüber klagte, von einem grünen Licht "gepiesackt" worden zu sein. Ferner vermeldete das vermeintliche Opfer von Extraterrestrikern, ihre Peiniger hätten sie "in die Schulter gepikt, und das gab einen Kokosgeruch, kleine weiße Punkte waren auf meinem Rücken". Dieser bizarre Fall erforderte freilich kein weiteres anwaltliches Handeln, der Sachverhalt war eindeutig: "Hochgradig psychotische Frau ... Bedarf dringend ärztlicher Hilfe ... Nichts zu tun für mich", notierte Lorek enttäuscht unter das Gesprächsprotokoll mit Frau J.
Was nur will der Advokat mit der Schar von Klienten, die ihm samt und sonders Abenteuerliches und Kurioses von ihren Begegnungen mit Außerirdischen auftischen?
Stets in Schwarz gewandet, mit Schlapphut, fledermausartigem Ledermantel und Cowboystiefeln, dürfte Lorek sich in seiner Zunft selbst wie eine Erscheinung vom anderen Stern ausnehmen.
In erster Linie ersehnte der Spezialist für Arbeits- und Sozialrecht "Abwechslung vom Hartz-IV-Elend". Wenig überraschend kam Lorek nach Sichtung der Sachlage in seinen bisherigen Fällen zu dem Fazit: "Von Außerirdischen keine Spur". Stattdessen fahndete der Anwalt nach zurückliegenden Misshandlungen und ähnlichen Traumatisierungen durch ganz reale Erdenmenschen, mit denen die skurrilen Alien-Abenteuer zu erklären wären. Auf diese Weise, so das Kalkül des Rechtsbeistands, ließen sich für die Geschundenen vor Gericht womöglich finanzielle Zuwendungen des Staates auf Grundlage des "Opferentschädigungsgesetzes" (OEG) erstreiten.
Immerhin halten aber überraschend viele Menschen Übergriffe durch fremde Sternenvölker für möglich. So will eine amerikanische Studie herausgefunden haben, dass knapp vier Millionen US-Bürger davon ausgehen, schon einmal von Aliens entführt worden zu sein. Und einer jüngst veröffentlichten Emnid-Umfrage im Auftrag des "Reader's Digest Deutschland" zufolge glauben 37 Prozent der Bundesbürger, dass Lebewesen aus einer fremden Galaxie die Erde bereits besucht haben.
Die große Zahl vermeintlicher Opfer hat das Thema auch für die Wissenschaft interessant gemacht - obwohl die Berichte der Betroffenen durchweg völlig abwegig klingen. Interessant ist gleichwohl, dass viele Fälle in ihrem Ablauf "in zunächst verblüffendem Maße übereinstimmen", wie der Bremer Soziologe Michael Schetsche beobachtet hat.
So würden die Geplagten ihren Schilderungen zufolge "verschiedenen, meist sehr schmerzhaften Untersuchungen und/oder Experimenten unterzogen: Es werden Blut und Gewebeproben entnommen, dünne Sonden in verschiedene Körperöffnungen oder durch die Haut eingeführt, manchmal Implantate eingesetzt". Als Erklärung für die hanebüchenen Berichte hat Schetsche "eine spezifische Art des sogenannten False-Memory-Syndroms" ausgemacht: Demnach würden die vermeintlich Entführten infolge fragwürdiger Behandlungsmethoden wie etwa Hypnose künstlich eingepflanzte Erinnerungen für bare Münze nehmen.
Mit ähnlich eiskalt-rationalem Blick entlarvte Anwalt Lorek schließlich auch das Erlebnis der von einem Alien molestierten Frau P. Dank einer relativ präzisen Datumsangabe der Heimgesuchten fand der Anwalt heraus, dass just am 24. Dezember 1949 die Planeten Venus und Jupiter dicht am Firmament nebeneinander standen - eine sehr auffällige Konstellation. Die beiden hellen Planeten waren von dem damals noch jungen Mädchen wohl als glühende Augen wahrgenommen worden. In der Kombination mit einem vermutlich nahenden Greifvogel, so Loreks Hypothese, entstand die Illusion einer Flugattacke durch ein überirdisches Wesen - Fall gelöst.
Eine Entschädigung durch das OEG war damit freilich nicht mehr zu konstruieren. Ohnehin hat Lorek von seiner Aufklärungsarbeit noch nicht sehr profitiert: Bislang hat er an keinem seiner Alien-Klienten auch nur einen Cent verdient.
FRANK THADEUSZ
* Szene aus "Mars Attacks!" mit Jack Nicholson (1996).
Von Thadeusz, Frank

DER SPIEGEL 2/2007
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