08.01.2007

PSYCHOLOGIEDas Gesicht als Fenster

Der US-Psychologe Paul Ekman trainiert Sicherheitsbeamte, in den Gesichtern von Flugpassagieren böse Absichten zu erkennen. So sollen sie Terroristen an der Personenschleuse aufspüren.
Wenn Paul Ekman seine Gäste ins Wohnzimmer führt, dann scheint seine Aufmerksamkeit nur dem spektakulären Blick über die Bucht von San Francisco zu gelten. Mit sonorer Stimme erzählt er von den vier großen Brücken, die von seinem Anwesen aus zu sehen sind, allen voran die berühmte Golden Gate Bridge.
Und doch studieren seine tiefliegenden braunen Augen dabei heimlich das Gesicht des Gastes - selbst während er angeregt von dem Waldbrand mit den 300 Toten erzählt, der auf dem Berghang seiner Villa in Oakland vor einigen Jahren gewütet hat.
Immer wieder zieht der Psychologe seine buschigen Augenbrauen zusammen und fixiert sein Gegenüber. Längst wird der andere, ohne es zu wissen, psychologisch begutachtet. "Während wir nett miteinander plaudern, erfasse ich den entspannten Gesichtsausdruck, unverzerrt von Gefühlsausdrücken wie Freude, Angst oder Stress", erklärt Ekman.
Kennt er erst das "Normalgesicht" eines Menschen, dann kann der 72-jährige Professor aus der Mimik seines Gesprächspartners lesen wie aus einem offenen Buch. Wegen dieser Fähigkeit besuchten ihn schon vor einiger Zeit Herren von der mächtigen Behörde für Heimatschutz.
Sie waren gekommen, weil Ekman behauptet, die Feinde Amerikas erkennen zu können: Terroristen, in deren Gesichtern eine Lüge geschrieben steht, wenn sie durch die Sicherheitskontrollen der Flughäfen wollen.
Den Beamten hat er damals gesagt, dass er vier Jahrzehnte über Täuschung geforscht habe. Wie jemand aussehe, der lügt, darüber wisse die Wissenschaft eine Menge: "Genug, um nach Terroristen Ausschau halten zu können."
Der Besuch blieb nicht ohne Folgen. Seit vergangenem Jahr stehen uniformierte Lügendetektoren an 14 US-Flughäfen und spähen nach verräterischen Hinweisen im Strom der Gesichter. "Spot", so heißt die Technik Ekmans, nach der sie ausgebildet sind, und das steht für "Screening Passengers by Observational Techniques".
Das Programm ist höchst umstritten. Bürgerrechtler sehen darin einen Einbruch in die Intimsphäre der Menschen. Es öffne dem Rassismus Tür und Tor, und außerdem sei die Zuverlässigkeit des Verfahrens keineswegs erwiesen.
In ihren Befürchtungen sahen sich die Kritiker bestätigt, als die Spot-Einheiten in diesem Sommer ausgerechnet bei dem farbigen Koordinator einer Anti-Rassendiskriminierungs-Kampagne zuschlugen und ihn wegen angeblich verdächtiger Gesichtszüge in die Mangel nahmen. Nun sind Gerichtsverfahren anhängig, die klären sollen, ob das mit Recht und Gesetz vereinbar war.
Ekman hält seinen Gegnern die ersten Erfahrungen aus der Praxis entgegen. Einen Terroristen habe man zwar noch nicht aus der Masse der Touristen gefischt. Falsch gelegen hätten die Spot-Teams aber meist nicht: Immer wieder gingen ihnen gesuchte Kriminelle, Drogenschmuggler oder illegale Einwanderer ins Netz.
Bei den Attentätern des 11. September kann Ekman anhand der wenigen schlechtaufgelösten Videoaufnahmen keine Vermutungen darüber anstellen, ob man in ihren Gesichtern die perfide Absicht ihres Flugs hätte erkennen können. Immerhin äußerte ein Sicherheitsbeamter damals, ihm sei das Verhalten eines der Terroristen sehr auffällig erschienen. Ekman: "Der Mann war allerdings nicht fähig, genau zu bestimmen, was ihm an dieser Person aufgefallen war."
Das Spot-Programm ist nicht seine erste Kooperation mit staatlichen Behörden. Etliche Dutzend Polizeieinheiten hat Ekman bereits trainiert. In seiner Wohnung zeugen diverse Wappen der Ordnungshüter davon. "Ich will, dass Unrechtstäter bestraft werden", begründet der Forscher sein Engagement für die Rechtspflege.
Begonnen hat er seine Forschung in den sechziger Jahren - und zwar in den kühlen, feuchten Bergwäldern Papua-Neuguineas. Als junger Wissenschaftler wollte er testen, ob die Mimik der beiden weitgehend isoliert lebenden Urvölker der Kukuku und der südlichen Fore denselben Gesetzmäßigkeiten unterliegt wie die der Menschen in den westlichen Kulturen.
Ständig in Gefahr, von den aggressiven Kukuku aufgespießt zu werden, gelang Ekman der Nachweis, dass die menschliche Mimik tatsächlich universell ist. In mühsamer Puzzlearbeit setzte er eine Art Atlas der Gefühlsausdrücke zusammen: 43 Aktionseinheiten entdeckte er im Gesicht, die jeweils aus der Bewegung eines oder mehrerer Muskeln bestehen. Diese Module sind frei kombinierbar - 10 000 potentielle Ausdrücke gibt es, 3000 davon ergeben einen emotionalen Sinn.
Viele von ihnen kann Ekman auf Kommando vorführen. Er hatte sie damals vor dem Spiegel geübt, und wenn es mal nicht klappte, dann half er den Muskeln mit
einer Elektrode nach. "Ein schmerzhaftes Verfahren, das ich heute wirklich nicht mehr machen würde", erinnert sich der Forscher. Der Lohn des Einsatzes: das "Facial Action Coding System" (Facs), das bis heute gültige Nachschlagewerk für sämtliche Facetten der Mimik.
Angehende Psychologen büffeln den Stoff des Buchs mit den vielen Porträtfotos, Trickfilmfirmen nutzen es, um die Gesichtsausdrücke von animierten Charakteren realistischer wirken zu lassen, Schauspieler verfeinern mit seiner Hilfe ihr dramaturgisches Geschick, und Kriminalisten wollen bei Ekman lernen, Verdächtige beim Verhör zu durchschauen. 35 000 Euro kostet ein fünftägiges Seminar.
Dort lehrt er seine Schüler zum Beispiel, dass die Aktionseinheiten sechs und zwölf Glück signalisieren; der Muskel Orbicularis oculi bewegt dazu die Wangenknochen, während zugleich der Zygomaticus major die Mundwinkel hebt. Die Aktionseinheiten eins, zwei und vier wiederum setzen sich zum Ausdruck der Angst zusammen: Facs gleicht einem 500 Seiten dicken Grammatikbuch der Gefühle.
"Das Gesicht ist das Fenster des Geistes", sagt Ekman - und die Mechanik der Gefühle zu studieren sei ebenso möglich wie den Bewegungsablauf beim Golfspiel. "Das Gesicht ist so ehrlich und verrät ständig den Gemütszustand, ohne dass der Mensch das bewusst unterdrücken könnte."
Blitzschnell geschieht das, oft ist nicht mehr als ein winziges Zucken im Gesicht eines Menschen zu erkennen. Und doch verraten die sogenannten Mikroausdrücke dem Eingeweihten die wahre seelische Verfassung des Gegenübers. Ekman hat sie wie kein anderer studiert. Auch heute noch, obwohl er längst emeritiert ist, setzt er seine Forschung vom heimischen Büro aus fort. Dazu hat er Schreibtische in U-Form aufgebaut und auf jeden einen Monitor gestellt. Auf ihnen spielt er Film
sequenzen in extremer Zeitlupe ab, von denen er mittlerweile ein gewaltiges Archiv zusammengesammelt hat: von Prominenten ebenso wie von einfachen Leuten. Alle sind sie irgendwann in Nachrichtensendungen oder bei Prozessübertragungen über den Fernseher geflimmert.
Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton etwa ist dabei, weil er sein Gesicht immer zusammenzieht wie ein überführter böser Junge, der um Nachsicht bettelt. Oder Osama Bin Laden, den Ekman über Jahre hinweg studiert hat, in höchstem Auftrag. Seine Diagnose: Anfangs wirkten der Hass und die Entschlossenheit in Bin Ladens Videobotschaften teilweise geschauspielert, inzwischen aber erkennt Ekman echte und offene Wut.
Dann zeigt er die Aufnahme einer jungen Frau, die vor Gericht eine Zeugenaussage zu Protokoll gibt. "Schauen Sie!", ruft Ekman, "jetzt hat sie es gemacht." Der Psychologe spult das Band zurück. Nun erst wird sichtbar, wie sich die Nasenflügel der Frau kräuseln, die Innenseiten der Augenbrauen ziehen sich nach oben. "Das ist Ausdruck von Ekel und Ablehnung."
Alle diese versteckten Hinweise hat Ekman mit Schauspielern nachgestellt und eine Übungs-CD aufgenommen. "Microsoft hat 400 Stück für seine Manager bestellt", sagt der Mimik-Experte. Auch die Sicherheitsbeamten der Flughäfen trainieren mit diesem Programm. Für sie hat Ekman allerdings noch eine ganze Reihe zusätzlicher Augenmerke zusammengestellt. Verraten will er sie nicht: "Natürlich müssen auch wir damit rechnen, dass potentielle Täter sich entsprechend trainieren, um unerkannt zu bleiben."
Stattdessen berichtet er von einem Erlebnis, das er mit seinen Sicherheitsbeamten unlängst am Bostoner Flughafen gehabt hat. Ein Mann in einem billigen, braunen Jackett sei da, den Blick auf den Boden, an die Personenschleuse gekommen. "Er nestelte ständig an seinen Taschen herum", erzählt Ekman.
Dann der entscheidende Moment, kaum eine Fünfzehntelsekunde lang: Kaum merklich hoben sich die Wangen des Fluggastes, die Innenseiten der Augenbauen stellten sich auf, während sich die Mundwinkel senkten. "Der Mann ist verzweifelt", flüsterte Ekman einem der umstehenden Officer zu. Ein Uniformierter nahm den Verdächtigen daraufhin beiseite und fragte ihn nach Ziel und Zweck seines Flugs.
"Es stellte sich heraus, dass er zwar nichts Böses im Schild führte", erzählt Ekman. "Aber er war auf dem Weg zur Beerdigung seines Bruders, der ganz unerwartet gestorben war." GERALD TRAUFETTER
* Auf dem Flughafen von Boston.
Von Traufetter, Gerald

DER SPIEGEL 2/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.