08.01.2007

BIOGRAFIENDie Sünde persönlich

Sie war die skandalöseste Frau der Weimarer Republik. Jetzt erinnert ein Bildband an die Tänzerin und Schauspielerin Anita Berber.
Die Frau mit dem roten Haar und dem fatalen Hang, sich darzustellen, war Deutschlands erstes Luder. Aber damals, in der Weimarer Republik, mussten selbst Luder etwas können, um aufzufallen.
Anita Berber war eine begabte Tänzerin, Schauspielerin und - vor allem - eine begnadete Selbstdarstellerin. Sie war ein ständiger Skandal.
Sie trat als eine der ersten Nackttänzerinnen auf, spritzte Kokain, liebte Männer und Frauen und nahm sich, was sie wollte. Anita Berber machte sich selbst zur Marke: als Sünde persönlich.
Nun hat der Berliner Autor Lothar Fischer das Leben dieser außergewöhnlichen Frau, die schon mit 29 Jahren starb, in einer reich bebilderten Biografie dokumentiert*.
Er schildert darin den Aufstieg der "Göttin der Nacht" in den zwanziger Jahren zum Inbegriff der Verworfenheit und frei flottierenden Sexualität. Für die einen war sie ein Symbol der Befreiung, die anderen sahen in ihr eine fortwährende Provokation.
Anita war das Kind schwieriger Eltern, die in einer komplizierten Ehe lebten. Ihr Vater, Felix Berber, war ein gefeierter Violinvirtuose, der es auf fünf Ehen brachte.
Die Mutter, Lucie Thiem, trat als Chansonsängerin auf. Die Ehe der Eltern dauerte gerade mal drei Jahre. Anita, 1899 geboren, wuchs bei ihrer Großmutter Luise Thiem in bürgerlichen Verhältnissen in Dresden auf. Als ihre Mutter in berühmten Berliner Kabaretts wie dem "Chat Noir" feste Engagements bekam, zogen Großmutter und Enkelin zu ihr in die Hauptstadt, wo
sie in Wilmersdorf gemeinsam mit zwei Tanten in einer generationenübergreifenden Frauen-WG lebten.
Anita nahm als 16-Jährige Tanzunterricht, geriet bald in den Einfluss des aufkommenden Ausdrucks- und Grotesktanzes und entdeckte eine Marktlücke: Die Berber tanzte nackt.
Ein entrückter Augenzeuge, der 1921 ihren ersten Auftritt im Hamburger "Alkazar" miterlebte, berichtete: "Wenn Anita ihren schönen Po dicht vor der Rampe rhythmisch zur Schau brachte, hoben sich die Wogen der Begeisterung." Ihre "schönen Titten", bemerkte der jugendliche Kenner, "waren um die Warzen herum fleischfarbig geschminkt".
Empörte Bürger stellten immer wieder Strafanzeige gegen die sittenwidrigen Auftritte, doch rückte dann der Zensor an, warf sich die Berber ein Schleierkostüm über.
Waren ihre Auftritte anfangs noch künstlerisch motiviert, rutschten ihre Programme später mehr und mehr ins Bizarre ab. Sie trat mit Peitschen und "zwei Negern" auf, wie ein Kritiker angewidert notierte. Ihre Darbietungen waren nun kalkulierte Spektakel und nannten sich "Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase" oder "Kokain".
Dieser Modedroge war die Berber längst selbst verfallen. Sie hatte ihr Spritzbesteck stets zur Hand und scheute sich auch nicht, es in Restaurants und Kneipen zu benutzen.
Ihre privaten Auftritte waren ebenso Stadtgespräch wie ihre Bühnennummern. So soll sie, berichtet der Schauspieler Hubert von Meyerinck in seinen Memoiren, einmal mit zwei geschminkten Jünglingen im Speisesaal des Berliner Hotels Adlon aufgekreuzt sein. Man bestellte Champa-gner, und Anita ließ ihren Pelzmantel von den Schultern gleiten. Darunter war sie nackt. Der Oberkellner bedeckte diskret ihre Blöße und führte sie formvollendet hinaus.
Der Film wollte auf eine solche Skandalfigur nicht verzichten und verpflichtete die Berber unter anderem für "Die Prostitution", ein "sozialhygienisches Filmwerk", so der Untertitel, oder für "Anders als die Anderen", den ersten Film, der sich explizit mit Homosexualität beschäftigte.
Doch bald beginnt der Niedergang der Künstlerin, sie tingelt durch Europa, zettelt Schlägereien an, hat Schulden, wird in Österreich des Landes verwiesen und verfällt immer mehr den Drogen.
Pfarrer Johannes Kessler, der Anita 1914 in Dresden konfirmiert hatte, liest 1926 ihren Namen auf einem Kabarettplakat in Berlin. Er besucht die Vorstellung, verlässt aber nach ihrem Nackttanz das Theater. Er schreibt Anita einen Zettel: "Du tanzest in den Abgrund! Fang ein neues Leben an!"
Die Warnung kommt zu spät. Die Tänzerin klappt 1928 während einer Tournee in Beirut auf offener Bühne zusammen. Freunde und Kollegen sammeln in Berliner Kneipen, um die Kosten für den Krankentransport nach Deutschland aufbringen zu können. Anita Berber, diagnostizieren die Ärzte, leidet an "galoppierender Lungenschwindsucht". Als sie den Tod nahen fühlt, greift sie noch einmal zum Schminkkoffer: "Der Kerl soll mich schön haben", sagt sie.
"Im Grunde", hieß es damals in einem Nachruf, "war sie ein einfaches Mädchen, das von dunklen Lebensgestalten und Mächten gehetzt und getrieben wurde, die sie nie beherrschte." Denn "sie war nie die große Lebenskünstlerin, die sie sein wollte". JOACHIM KRONSBEIN
* Lothar Fischer: "Anita Berber. Göttin der Nacht". Edition Ebersbach, Berlin; 208 Seiten; 25 Euro.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 2/2007
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