08.01.2007

FILMDer Jud tut gut

Dani Levys Hitler-Komödie besteht aus zwei Teilen, einem absurden und einem moralischen. Diesen Spagat hält nicht einmal der Führer aus. Von Henryk M. Broder
Einen ernsten Film zu machen scheint keine große Kunst. Schwere Dialoge, lange Pausen, bedeutende Blicke, zwischendurch ein Nervenzusammenbruch oder ein versuchter Selbstmord der Hauptdarstellerin. Komödien dagegen brauchen Tempo, Witz und eine irre Idee, die auch im wirklichen Leben funktionieren könnte.
Dann gibt es da noch die Königsklasse der Unterhaltung: eine Komödie über Hitler, das Dritte Reich und die Juden. Nicht einfach, aber in jedem Fall machbar. Charlie Chaplin hat es vorgemacht ("Der große Diktator"), Mel Brooks hat es geschafft ("Frühling für Hitler"), Radu Mihaileanu alle überholt ("Zug des Lebens").
In Deutschland freilich, wo man ein Gesetz beschließen musste, das die Leugnung des Holocaust unter Strafe stellt, wo also die Grundlagen für einen humoresken Umgang mit dem NS-Thema vorhanden sind, wird aus gegebenem Anlass immer wieder dieselbe Frage gestellt: Darf man denn das? Wird damit Hitler nicht banalisiert?
Zuletzt wurde die Frage, in der ein Vorwurf eingebaut ist, an Bernd Eichinger und seinen Regisseur Oliver Hirschbiegel gerichtet; sie hätten, hieß es, Hitler im "Untergang" verharmlost, indem sie ihn "vermenschlicht" hätten. Worauf Marcel Reich-Ranicki erklärte, Hitler sei nun einmal ein Mensch gewesen. Solle man ihn etwa als Elefanten zeigen? So einfach ist es, aber wer es sich so einfach macht, der wird umgehend von denTugendwächtern abgemahnt: Schon der "Respekt vor den Opfern" verbiete es, eine Komödie über eine menschliche Tragödie zu machen.
Wenn es nur so wäre. Tatsächlich werden nicht die Opfer geschont, sondern es sind die Erben der Firma Hitler & Partner, die sich auch über 60 Jahre nach dem Big Bang um eine grausame Einsicht drücken: dass die Deutschen nicht von einem Dämon, sondern von einem impotenten Würstchen mit Blähungen verführt worden sind. Von einem Dämon verführt zu werden ist schlimm, von einem Würstchen verführt zu werden ist peinlich - als würde ein Mann damit angeben, er habe eine Affäre mit Pamela Anderson, um schließlich mit einem hässlichen Entlein in flagranti erwischt zu werden. Das ist es, worunter die Deutschen bis heute leiden, was sie sich nicht vergeben können: Das Dritte Reich ist ihnen peinlich. Und über diese Peinlichkeit hilft keine Therapie hinweg. Nicht einmal der Beinah-Endsieg bei der Fußball-WM oder die Beliebtheit von Porsche in den USA.
Deswegen hatte Levy die richtige Eingebung, als er die Hauptrolle mit Helge Schneider besetzte, Mr Peinlich himself. Wenn Hitler den Kanzler spielen konnte, dann kann Schneider den Hitler spielen. Eine schöne Idee war es auch, Ulrich Mühe den jüdischen Schauspieler Adolf (!) Grünbaum verkörpern zu lassen, der den depressiven Führer auf einen Auftritt vorbereiten soll. "Albert", sagt der Führer zu seinem Freund Speer, "ich fühle mich so gut wie lange nicht mehr. Die ewige Jugend ist in mich zurückgekehrt. Der Jud tut gut."
Es ist eine der wenigen Pointen, die fröhlich übers Ziel hinausschießen, die meisten enden wie Rohrkrepierer, dem Beispiel des Führers folgend, der eine Besteigung von Eva Braun (Katja Riemann) am Silvesterabend ("Ich spüre immer noch nichts!") erfolglos abbrechen muss.
Dass der größte Feldherr aller Zeiten in der Badewanne Schiffchen versenken mit sich selbst spielt und dabei absäuft, ist auch nur bedingt komisch und trägt wenig zur Entdämonisierung der Person bei.
Levy bemüht sich, Hitler als ein Würstchen zu zeigen, was ihm freilich nicht gelingen will, weil ein Würstchen, das über sich selbst sagt, es sei arm dran, keines mehr sein kann. Und damit niemand auf die Idee kommt, ihm vorzuwerfen, er verharmlose das Dritte Reich oder mache sich über die Leiden der Opfer lustig, setzt Levy die Familie des jüdischen Schauspielers Grünbaum als ein moralisches Gegengewicht zu den Nazis ein.
Grünbaums Frau (Adriana Altaras) und seine Kinder sehen nicht nur extrem jüdisch aus, sie haben auch ein Gewissen und sprechen Sätze, die von Vernunft und dem Glauben an das Gute geprägt sind. So fällt der Film auseinander: in einen absurden Teil, der nicht absurd genug, und einen moralischen, der zu moralisch ist. Aber aus einer Schweinshaxe wird keine koschere Delikatesse, sosehr sich der Koch darum bemüht.
"Alles auf Zucker!", Dani Levys letzter Film, war als Komödie deswegen gut, weil er ohne angezogene Handbremse daherkam, auch auf das Risiko hin, missverstanden zu werden.
Beim "Führer" hat Levy eine Rückversicherung gegen Missverständnisse abgeschlossen. Das fängt mit dem neckischen Untertitel an ("Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler") und hört bei einem PR-Statement von Helge Schneider auf, in dem das "Multitalent in seiner ersten Charakterrolle" ein anthropologisches Geheimnis preisgibt: "Gut und Böse haben dasselbe Zuhause, und dieses Zuhause ist der Mensch."
Film ab. Es darf weiter gemenschelt werden.
Von Broder, Henryk M.

DER SPIEGEL 2/2007
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