08.01.2007

Ein Schlaffi sieht rot

Band 22 der SPIEGEL-Edition: Martin Walser erzählt mitreißend von den Qualen der Eifersucht und der Wonne der Rache.
Sein unterhaltsamstes, spannendstes und vielleicht sogar bestes Buch hat Martin Walser als kleines, genialisch hingezaubertes Nebenprodukt in allerkürzester Zeit aus dem Ärmel geschüttelt - und vermutlich ist gerade diese fixe, flüchtige Arbeitsweise der Grund für die außergewöhnlichen Qualitäten des Buchs. Martin Walser nämlich spielt in "Ein fliehendes Pferd" einmal nicht sein Talent als eifriger Wortfuchser aus, sondern erzählt schlank und fast geradeaus.
Das macht die Novelle zu einem mitreißenden Buch mit krimihaften Zügen. Anders als in seinen sogenannten Hauptwerken schickt Walser seine Sätze hier nicht auf den Laufsteg einer ebenso eitlen wie oft beeindruckenden Poesie-Modenschau, sondern stellt sie in den Dienst einer ziemlich alltäglichen Geschichte von den Schmerzen des Älterwerdens, den Qualen der Eifersucht und den Wonnen der Rache.
Eine "rasch wegzischende Sommerarbeit" nannte Martin Walser das Buch "Ein fliehendes Pferd". Es entstand in den Sommermonaten des Jahres 1977, während der damals 50-jährige Walser einen viel umfangreicheren und doch viel weniger bedeutenden Roman namens "Seelenarbeit" fertigstellte, in der Zeit "einer geradezu überschäumenden Produktivität", wie der kluge, vornehm zurückhaltende Walser-Biograf Jörg Magenau es formuliert.
"Ein fliehendes Pferd" konzentriert sich ganz auf jene "unerhörte Begebenheit" und klare Struktur, die das Genre der Novelle verlangt. Erzählt wird vom schicksalhaften Aufeinanderprallen zweier Ehepaare, die jeweils im Urlaub sind. Die Männer waren einst Schul- und Studiengefährten und haben sich 23 Jahre lang nicht gesehen. Helmut Halm ist Lehrer in Stuttgart und verbringt mit seiner Frau Sabine bereits den elften Sommer am Bodensee, Klaus Buch ist Journalist und mit seiner jungen Frau Helene unterwegs; das erste Zufallstreffen ergibt eine Verabredung zum Essen.
Der schwerfällige, schon auf der ersten Seite über seinen "hoffnungslosen Hunger" auf ein aufregenderes Leben sinnierende Oberstudienrat Halm empfindet das Eindringen des anderen Paars in seine Welt als Angriff. Man speist dennoch gemeinsam zu Abend, macht einen Landausflug, segelt zusammen - und in Halm wächst ein großer Zorn, der ihm die Kraft gibt zu einem monströsen, beinahe mörderischen Befreiungsakt.
"Ein fliehendes Pferd" wurde Walsers erster echter Bestseller. Manche Kritiker glaubten Walser dafür loben zu müssen, dass er sich im Gegensatz zu früheren Büchern aller politischen Stellungnahmen enthalte. Der Schriftsteller selbst setzte sich in der Schweizer "Weltwoche" empört gegen derlei vergiftetes Lob zur Wehr: Sollte das Buch "nun unpolitisch sein, einfach, weil es hier keinen Chef, keinen bösen Unternehmer gibt? Das ist grotesk. Wenn ich die Novelle anschaue, dann scheint mir das kein privater Befund zu sein, wie diese beiden Männer, Halm und Buch, auf verschiedene Weise Schein produzieren, Konkurrenzhaltungen leben, die gewissermaßen die Person auffressen".
Tatsächlich hat Walser wohl selten so beißend Gesellschaftskritik betrieben wie in dieser Novelle. Sein Erzählprinzip war es seit je, stets von der eigenen Befindlichkeit und Lebensnot aufs große Ganze zu schließen; es hat ihn oft genug in die Irre geführt, zu grotesken politischen Bocksprüngen und erotomanen Entblößungen - im Unbehagen des Helden Halm aber schildert Walser präzise die Verzweiflung eines Mannes, der an seiner Unfähigkeit zum Mittun in einer sinnentleert körperbegeisterten Welt verzagt: "Wer den Sexualitätsgeboten dieser Zeit und Gesellschaft nicht genügte", heißt es einmal in Vorwegnahme des Kopulier- und Fitnesswahns späterer Jahrzehnte, "war praktisch ununterbrochen am Pranger."
Der Anblick der jungen Frau seines Konkurrenten, dessen ja eher hirnloses Geprotze mit Gesundheit und Manneskraft reizen Halm aufs Äußerste und führen ihm seine eigene "blutige Trägheit" und Schlappschwänzigkeit vor Augen. Bei allem erschütternden Seelenelend dieses wirklich komischen Buchs bleibt Halm sich immer bewusst, wie lächerlich und instinktgesteuert sein Aufbegehren ist. "Also, wenn ich mich in etwas hineindenken kann, dann ist es ein fliehendes Pferd", behauptet sein Gegenspieler in einer Passage. "Der Bauer hier hat den Fehler gemacht, von vorne auf das Pferd zuzugehen und auf es einzureden. Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen."
Die bittersüße Pointe dieses Buchs ist, dass der in sich gekehrte, gebildete, Kierkegaard lesende Oberstudienrat Halm sich im Innersten gleichfalls hineinträumt in die Wildheit und Ausbruchslust des panischen Tiers. Am Ende aber wird er freiwillig auf seine angestammte Koppel zurückkehren - und sich vielleicht sogar seinen Kummer aus dem struppigen Fell striegeln lassen. WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 2/2007
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