15.01.2007

KONVERTITENSportcoupé mit Gebetsteppich

Trotz des islamistischen Terrors: Die Zahl der zum Islam übergetretenen Deutschen hat sich binnen eines Jahres vervierfacht.
Es sind nur Äußerlichkeiten, aber dennoch: Kai Lühr wirkt fehl am Platz. Er kniet zwischen bärtigen Männern in weißen Gewändern und neigt sich gen Mekka. Lühr trägt Jeans, ein graues Jackett, und er ist frisch rasiert. Er könnte ein Besucher aus der benachbarten christlichen Gemeinde sein, unterwegs im Auftrag des interkulturellen Dialogs. Doch dafür beherrscht er den islamischen Gebetsritus zu gut. Er beugt sich vor, er betet arabisch: "Gepriesen sei mein Gott. Gott erhört jeden, der ihn lobt." Lühr wirft sich nieder, richtet sich auf, neigt sich, auf, ab, 33-mal.
Vor zweieinhalb Jahren ist der promovierte Arzt Kai Lühr gemeinsam mit seiner Ehefrau zum Islam übergetreten. Seitdem sind sie Kai Ali Rashid und Katrin Aisha Lühr. Seitdem kommt der 43-Jährige regelmäßig zum Freitagsgebet in die Hinterhof-Moschee in Frechen bei Köln. Hier beten Marokkaner, Palästinenser und zwei weitere Konvertiten: ein ehemaliger Boxer und ein Ingenieur. "In jeder Moschee trifft man inzwischen ein paar deutschstämmige Muslime", berichtet Lühr.
Den Eindruck des Kölners bestätigt eine Studie zum islamischen Leben in Deutschland, die in Kürze veröffentlicht wird - und die ein Phänomen zutage fördert, das in Zeiten von Terrorangst, Zwangsehen-Debatten und Ehrenmord-Prozessen erstaunen mag: Rund 4000 Menschen sind demnach in der Bundesrepublik zwischen Juli 2004 und Juni 2005 zum Islam übergetreten. Die Untersuchung, vom Innenministerium finanziert und vom Islam-Archiv in Soest durchgeführt, überrascht umso mehr, weil sich die Zahl der Konvertiten damit im Vergleich zum Vorjahr vervierfacht hat.
4000 Übertritte, das bedeutet, dass die naheliegenden Erklärungsmuster nicht mehr ausreichen. Bis vor drei Jahren, als die Zahl der Konversionen konstant bei rund 300 per annum lag, handelte es sich dabei vor allem um Frauen, wie Salim Abdullah vom Islam-Archiv weiß, "die einen muslimischen Partner heirateten". Heute träten die Menschen vermehrt "aus freien Stücken" dem Islam bei, sagt Abdullah, immer noch viele Frauen und reichlich Akademiker: Bürger wie Kai Lühr.
Christlich getauft und erzogen, eröffnete Lühr nach dem Studium eine Praxis für Allgemeinmedizin und Naturheilkunde. Er verdiente gut, heiratete die Theatertänzerin Katrin, bezog mit ihr eine Loftwohnung. Irgendwann merkte das Paar, dass etwas fehlte. "Wenn Schwerkranke in meine Praxis kommen, die schon von Pontius zu Pilatus geschickt wurden", sagt Lühr, "da verzweifelt man manchmal." Er beschäftigte sich mit dem Christentum, dem Buddhismus, dem Dalai Lama. Aber er fand keine Antworten.
Der Verlauf scheint typisch. Viele der Konvertiten, meint Mohammed Herzog, seien vorher gläubige Christen gewesen und hätten irgendwann Zweifel an ihrer Religion bekommen. Der Berliner Imam, einst evangelischer Gemeindepfarrer, trat 1979 dem Islam bei. Auch in seiner Islamischen Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime ist die Zahl der Konversionen stark gestiegen. Vor gut zehn Jahren seien es um die 50 pro Jahr gewesen, heute etwa doppelt so viele. "Selten ist einer dabei, der vorher gar nichts glaubte", sagt Herzog.
Die Religionssoziologin Monika Wohlrab-Sahr hat unter Konvertiten in Deutschland und in den USA geforscht. Als Motiv machte sie oft die "Bewältigung einer persönlichen Krise" aus, nicht selten in Kombination mit der Suche nach dem Andersartigen: "Man will sich unterscheiden."
Ein strenges Christentum biete diese Möglichkeit zwar auch. Doch mit dem Islam könne man sich stärker abheben, urteilt Monika Wohlrab-Sahr. Zumal die aktuellen Debatten über Muslime - egal ob von Kofferbombenbauern oder einer abgesetzten Oper entfacht - den Islam zu einem Dauerthema in den Medien gemacht haben: "Der Islam ist somit mehr als wirkliche Alternative präsent."
Worin die Attraktivität des islamischen Glaubens für ehemalige Christen besteht, ist kaum auf einen Nenner zu bringen. Salim Abdullah sieht angesichts der anhaltenden Kritik "Trotzreaktionen", kennt aber auch Konvertiten, die die "klaren Handlungsanweisungen" des Koran schätzen. Der Arzt Lühr, der im Kofferraum seines Alfa Romeo GT einen Gebets-teppich stets mit sich führt, moniert den "Werteverfall" der westlichen Gesellschaft: "Im Islam zählen Werte dagegen noch was."
Die neuerlernten muslimischen Werte kollidieren mit den Grundsätzen des Abendlandes mitunter beträchtlich. Die Frage ist, wie wortgetreu die Heilige Schrift ausgelegt wird. "Konvertiten neigen dazu, ihre Religion puristischer auszuüben", urteilt die Soziologin Wohlrab-Sahr, "gebürtige Muslime sind oftmals liberaler."
In einem Hamburger Anwaltsbüro ist das auf irritierende Art zu beobachten. Nils von Bergner, 36, betet fünfmal am Tag zu Allah. Der Konvertit teilt sich die Kanzlei mit einem türkischen Freund, dem Muslim Ali Özkan. Die beiden gehen zwar zusammen zur Moschee, doch nur im Büro des Deutschen wird der Teppich regelmäßig zum Gebet ausgerollt. "Das schaffe ich einfach nicht", sagt Özkan, "das erste Gebet ist um sechs Uhr - viel zu früh."
Neulich waren sie eingeladen, zum Nachtisch gab es Tiramisu. Bergner zögerte, wegen des verwendeten Alkohols. "Ich habe gesagt, das kann doch jetzt nicht wahr sein", erzählt Özkan, "iss schon, das ist doch nur ein Gewürz." Doch Bergner aß nicht. LUTZ ACKERMANN
Von Lutz Ackermann

DER SPIEGEL 3/2007
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