Von Bredow, Rafaela von
Draußen blühten die Rosen, die Meisen zwitscherten, als Allergiker mit Erstaunen die früheste Pollenwarnung aller Zeiten hörten: Erle und Hasel begännen zu blühen, hieß es.
Es war kurz vor Weihnachten, und in Mitteleuropa ging der Frühling los, ohne dass es einen Winter gegeben hätte.
Selbst der Herbst war kaum der Rede wert. So warm zeigte er sich in den letzten hundert Jahren nicht; besonders das Novemberende - eigentlich bekannt für fiese, feuchte Kälte - brach alle Wärmerekorde seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.
Bis heute ist der Winter ausgeblieben. Am Mittwoch voriger Woche sonnten sich die Münchner in Parks und auf Plätzen; bis auf 16 Grad kletterten in Deutschland die Temperaturen. In Köln fielen sie selbst nachts nicht unter 13 Grad; es war wärmer als auf Mallorca.
Und so leuchten noch immer die Geranien aus den Blumenkästen - die Natur nimmt das Fehlen von Frost, Eis und Schnee nicht ohne weiteres hin. Sie spielt verrückt.
Krokusse blühen, zwei Monate zu früh, Osterglocken spitzen schon aus der Erde, der rosa Hauch der Zierkirschblüte schmückt regengraue Städte, mancherorts sprießen sogar die hellgelben Forsythien, die normalerweise das Ende des Vorfrühlings einläuten.
Kuschelige Zeiten auch fürs Gekreuch: Mücken und Motten, Zecken und Käfer überleben den Scheinwinter mit Leichtigkeit. Die Braunbären in Norwegen und Schweden spazieren durch die Wälder, statt sich der Winterruhe hinzugeben, ebenso in Deutschland die Dachse; Igel vertagen, scheinbar biologisch unkorrekt, ihren Winterschlaf. Froschmännchen balzen knurrend um die Fröschin. Saatkrähen und Elstern bessern die Nester aus. Singvögel trällern Lenzlieder; Kiebitze, Rotmilane und Mönchsgrasmücken bleiben daheim, statt in den Süden zu ziehen. Auch Tausende Kraniche sind hocken geblieben auf den abgeernteten Feldern; einzelne Paare sondern sich gar ab, besetzen die Brutreviere, die Balz beginnt.
Was, wenn zu früh Jungvögel schlüpfen? Was, wenn der Frost doch noch kommt und die Brut von zu früh aus dem Winterschlaf erwachten Feldhamstern tötet? Was, wenn all die voreiligen Triebe, all die Blütenpracht erfriert?
All dies kann geschehen - und ist doch ökologisch kein Drama; die Natur kann das ab. Milde Winter sind vorgesehen im Programm. In diesen geografischen Breiten haben sich die Tiere und Pflanzen mit ungeheurer Flexibilität eingestellt auf wechselhafte Jahreszeiten.
So können Blumenzwiebeln durchaus ein zweites Mal austreiben. Auch die meisten Gehölze lassen einfach neue Triebe sprießen, wenn die ersten erfrieren. Und sollten wirklich alle Haselblüten sterben, gilt für den Strauch eben im Jahr darauf: neues Spiel, neues Glück.
Den Tieren macht es eher wenig aus, auf einen Teil der Winterruhe oder einen tiefen Schlaf zu verzichten, zumal sie derzeit im schnee- und eisfreien Boden noch viele Würmer und Körner finden. Und sollte der trügerische Frühling den Feldhamster tatsächlich zu früh zur Paarung drängen, kann der erste Wurf ruhig eingehen. "Sie können ohne Probleme einen zweiten und dritten Wurf produzieren", erklärt die Winterschlafexpertin Franziska Wollnik von der Uni Stuttgart.
Auch die Kraniche verhalten sich schlau, wenn sie bleiben: Es ist das satte Futter auf den Feldern, das ihnen die Reiselust vertreibt. "Das ist so bei Zugvögeln, die im Verband fliegen und Zwischenstopps machen", erklärt John Dittami von der Universität Wien. "Sobald der Winter dann wirklich zuschlägt, sind sie weg."
Und was ist mit den balzenden Kranichpaaren und den jetzt schon am Nest werkelnden Krähen? "Dieses Verhalten bedeutet ja nicht, dass die Vögel auch Eier legen", sagt Dittami. "Das tun Enten zum Beispiel höchstens zwei Wochen früher als sonst."
Ein faszinierendes System hat sich im Laufe der Evolution entwickelt, das Flora wie Fauna durch die saisonalen Widrigkeiten steuert.
Ihr Geheimnis: die innere Uhr. Sie ist universell, alle Organismen taktet sie für den Rhythmus ihres Lebens. Ein ganz eigener Forschungszweig, die Chronobiologie, beschäftigt sich mit diesem Phänomen. Molekular- und Verhaltensbiologen, Zoologen und Botaniker, Psychologen und Neurologen versuchen, die komplexe Funktion dieses Taktgebers in den Zellen besser zu verstehen. So verbuchten es die Chronobiologen als großen Erfolg, als es gelang, jenen Tanz von Erbgutschnipseln, Eiweißmolekülen und Licht genau zu beschreiben, der am Ende aus Pflanzen zur richtigen Saison die Blüten treibt.
Das Prinzip der inneren Uhr: Bestimmte Gene und ihre Produkte, die Proteine, oszillieren in einem vorgegebenen Rhythmus. Zu einer bestimmten Zeit sammelt sich so eine maximale Menge des Proteins in den
Zellen an, zu einem anderen, immer gleichen Zeitpunkt dann eine minimale Menge.
Innere Uhren bewirken, dass Blätter sich im Tagesgang heben und senken oder dass Unruhe die Zugvögel zu den stets identischen Zeiten im Jahr befällt. Solche Rhythmen werden vererbt. Auch Pflanzen, die im Dunkeln gezogen werden, bewegen ihre Blätter im vorgegebenen Takt.
Die Tages- oder Jahresuhren gehen allerdings etwas ungenau. Den Menschen zum Beispiel hat die Natur ungefähr auf einen 25-Stunden-Rhythmus eingestellt. Es braucht Zeitgeber, also Umweltreize wie Licht, Temperatur oder Nahrung, die auf die innere Uhr einwirken und sie genau auf die tatsächliche Umgebung justieren. Dieser ständige Abgleich mit der Realität lässt die Kreaturen wissen, ob gerade Herbst oder Frühling ist.
Wichtigstes Maß für Tiere wie Pflanzen ist dabei die Tages- und Nachtlänge, wahrgenommen durch die Dauer der Lichteinstrahlung, die wiederum in molekulare Signale übersetzt wird. Diese gleicht der Organismus mit den Uhrengenen ab und errechnet so, was draußen geschieht, ob die Tage kürzer werden oder länger.
So nehme etwa der Feldhamster schon wahr, erklärt Biologin Wollnik, wenn die Tageslänge von 16 Stunden Ende Juni auf 15,5 Stunden Ende Juli sinkt. Es bedeutet für ihn: "Bereite dich vor auf den Winter!" In seinem Gehirn, im Hypothalamus, erzeugen Uhrengene plus Lichtreize einen Rhythmus. Die Zirbeldrüse produziert Melatonin, und zwar umso mehr, je länger die Nächte sind. Dieser Stoff kommuniziert dann mit der inneren Uhr - der genaue molekulare Vorgang des Abgleichs allerdings ist noch unbekannt.
Komplexe Stoffwechselvorgänge veranlassen nun, dass der Hamster sich auf den Winterschlaf einstellt: Unter anderem unterbinden sie kategorisch seine Fortpflanzung: Bei den Weibchen verschließen sie die Vagina, die Männchen ziehen die Hoden in den Körper zurück. Das Tier sammelt Vorräte, kauert sich in den Bau; der Winterschlaf beginnt.
Und wenn auch milde Temperaturen seinen Schlaf verkürzen, Frost ihn vielleicht verlängern mag, so weckt den Hamster am Ende doch wieder seine innere Uhr; sie macht ihn bereit für die Frühlingsgefühle. "Sie ist eine Art Sicherheitsmechanismus", sagt Wollnik. Der eingebaute Zeitmesser verhindert, dass ein Tier den Frühling verschläft, und zugleich kann er auch den Fruchtbarkeitszyklus steuern. So bewahrt er zum Beispiel Krähen und Kraniche davor, sich zu früh zu paaren und die Eier so womöglich der Kälte auszusetzen.
Besonders stark sind jene Zugvögel auf eine innere Jahresuhr angewiesen, die in Äquatornähe überwintern. Denn dort ändert sich die Tageslänge kaum; deshalb erweist sich hier der eingebaute Kalender als sehr nützlich, der die Tiere rechtzeitig auf den Rückweg schickt.
Auch die Pflanzen sind streng getaktet: In mittleren Breiten blühen viele sogenannte Langtagpflanzen. Erst wenn der Tag eine bestimmte Länge überschreitet, lassen sie die Blüte sprießen. Andererseits gibt es Kurztagpflanzen, die erst blühen, wenn es nachts lange genug dunkel ist.
"Die Messung der Tageslänge ist das Beste, was die Pflanzen und Tiere haben", meint John Dittami. "Die Temperatur, die zur Verfügung stehende Nahrung, das alles gibt ihnen einen gewissen Handlungsspielraum, aber die Eckpunkte setzt der innere Kalender."
Und so haben die kuscheligen Temperaturen dieses Winters im Grunde nur bei solchen Pflanzen Macht übers Blühen, die sich den Spielraum leisten können: Hasel und Erle sind windbestäubt - sie müssen nicht darauf warten, dass der echte Frühling Bienen aus ihren Stöcken lockt, um die Pollen zu verbreiten. Und die Zierkirsche, tatsächlich gefährlich früh dran, ist ein Fremdling aus Fernost - die Evolution hat sie nicht auf mitteleuropäische Wetterdramen vorbereitet.
Dittami vertraut darauf, dass die Natur mit dem lauen Lenz mitten im Winter zurechtkommen wird. "Für die Tiere und Pflanzen gibt es Dinge, die viel schwieriger zu bewältigen sind", meint er. "Die Straßenbeleuchtung zum Beispiel und all das andere Licht, das wir in die Welt schicken. Das bringt deren gesamte Messung durcheinander." RAFAELA VON BREDOW
DER SPIEGEL 3/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.