15.01.2007

PERFORMANCEDichten als Kampfsport

Der Poetry-Slam nimmt an Fahrt auf. Das Dichten um die Wette, auf Kellerbühnen und in Staatstheatern, zieht Publikum an wie nie zuvor. Jetzt steigt das Fernsehen ein.
Es ist eine einfache Rechnung. "Ich hab noch 15 Sommer", sagt Marlene Stamerjohanns, "da will ich etwas für meine Seele tun." Im Februar wird sie 70. Und sie passt überhaupt nicht hierher. Um sie herum ungewaschene Dichter, ranzige T-Shirts, komische Locken. Stamerjohanns könnte in einer Volkshochschule sitzen, beim Literaturkreis. Oder reisen oder irgendetwas Altersgemäßes machen. Sie macht Poetry-Slam. Sie stellt sich in der Münchner Schrannenhalle auf die Bühne, nimmt das Mikro und sagt: "Wir sind die verarschte Generation." Sie dichtet im Rap-Stakkato vom Krieg, vom Faschismus, vom Kommunismus "und dass sicher ist, dass jeder Ismus vom Tisch muss".
Das Publikum jubelt. Sie geht von der Bühne, setzt sich an den Biertisch und raucht erst mal eine Gauloise. Warum Poetry-Slam? Es sind die Bilder, die sie loswerden muss. "Ich habe als Kind im Krieg so viele Leichen gesehen, und als Siebenjährige habe ich Soldaten gepflegt, Männer, die keine Arme mehr hatten, musste ich verbinden." Oder die Helme auf den Soldatengräbern. Dieser ganze Wahnsinn. Andere Kriegskinder pressen die Bilder weg, die Autorin aus dem norddeutschen Edewecht macht daraus Fünf-Minuten-Gedichte. In der Slam-Szene gilt sie als "große alte Dame".
Poetry-Slam ist, wenn Dichter auf Bühnen steigen und ihr Selbstverfasstes dem Publikum entgegenschleudern. Im besten Fall sind es amüsante Reimmassaker, tollkühne Texte, witzige Wendungen. Im schlimmsten Fall ist es eine peinliche Selbstentblößung. Aber immer ist es eine Wettkampflesung. Die Poeten ringen um die Gunst des Publikums. Entweder die Leute gehen mit, johlen, klatschen, oder es endet grausam, das Publikum schweigt, im Hintergrund klirren Biergläser, und jeder weiß: Dieser Text hätte nie geschrieben werden dürfen.
Das schreckt kaum einen. Die Szene ist schwer in Bewegung. Poetry-Slam erlebt in jüngster Zeit eine rasante Entwicklung.
Mehr als hundert Städte im Land verzeichnen regelmäßige Slam-Schlachten. In Hamburg, Köln, Berlin, München sowieso, aber auch in Erlangen, Jena, Cottbus, Hildesheim oder Gemeinden wie Altenkirchen und Gröbenzell. Die Abende tragen Namen wie "Dichterkrieg", "Grend Slam" oder "Schuppenslam", und auftreten darf, wen die Muse treibt. Das sind nicht wenige. Das Mitteilungsbedürfnis ist groß, die Schubladen voll mit Unveröffentlichtem und Unerhörtem. Trotz allgemeinen Bloggens und Youtubens scheint das authentische "Ich-lese-euch-mein-Zeugund-ihr-müsst-zuhören" konkurrenzlos. Nachwuchssorgen kennt die Szene nicht. Zu Ereignissen wie der großen "Dichterschlacht" in Darmstadt reisen Hunderte Poeten an, darunter Alte, Verkannte, Talente und Pubertätsgequälte.
Vor kurzem feierte sich die Szene mit einer opulenten viertägigen deutschsprachigen Meisterschaft in München. Und der Slam-Euphorie kann sich selbst der WDR nicht entziehen und wird im Februar erstmals einen TV-Slam ins Nachtprogramm setzen. Das war so nicht abzusehen.
Mitte der neunziger Jahre hatte das Wettdichten in Deutschland Fuß gefasst -
da zierten New Yorker Slam-Poeten bereits die Cover von Lifestyle-Magazinen und traten bei MTV auf, und die besten von ihnen erinnerten dabei ein wenig an Allen Ginsberg. 1955 hatte der sein legendäres Gedicht "Howl" in San Franciscos Six Gallery vorgetragen, ein Ereignis, das die Szene prägen sollte.
Der amerikanische Dichter Marc Kelly Smith installierte dann 1986 im "Green Mill"-Jazzclub in Chicago einen Abend, bei dem Dichter um die Wette rezitierten, und nannte das "poetry slam". Heute gibt es in den USA einen Dachverband der Slammer, Schüler-Ligen, eine Fernsehshow, Kinofilme. In Deutschland blieb Poetry-Slam lange Zeit ein belächeltes Ereignis, ein Clubabend für notorische Selbstdarsteller.
Inzwischen ziehen die Slammer ordentlich Publikum. Denn jeder Abend ist eine Wundertüte. Hat man Glück, erlebt man Kleinode wie das Horrorfilmdrehbuch von Sebastian Krämer, 31, oder das Justus-Jonas-Liebesgedicht von Pauline Füg oder das mitreißende Brot-Gedicht des 21-jährigen Lars Ruppel aus Marburg. Hat man Pech, prasselt Verquastes hernieder wie "Wir drehen Pirouetten auf dem Schweißfilm des Lebens".
Bei Slams ist nichts vorhersehbar. Es kann passieren, dass einer auf die Bühne rennt, seinen Zettel zusammenknüllt und schreit: "Ich habe nur einen selbstreflexiven Scheiß vorbereitet, das lese ich jetzt nicht!" Stattdessen reimt er runter, was ihm gerade durch die Rübe rattert, im Fachjargon Freestyle genannt. Oder einer steht am Mikro und rezitiert ein Gedicht mit zusammengepressten Zähnen. Die einzigen Regeln: Jeder hat eine knapp bemessene Zeit, singen darf keiner, und
Requisiten sind verboten. Sonst ist alles frei. Gedichte, Gemeinheiten, Kurzprosa, gereimt, ungereimt, lustig, ernst, egal. In München hat ein Slammer die Vorrunde mit einer Geschichte über die Beerdigung seines Vaters gewonnen.
Zur Grundausstattung eines jeden Slams gehören außerdem a) verstockte junge Männer, die ihren weggelaufenen Freundinnen hinterherwimmern, b) junge Frauen, die freimütig bekennen: "Ich trinke zu viel", und c) Figuren, die plötzlich auftauchen, steif auf der Bühne stehen und von sich selbst ergriffen die Kriegserlebnisse ihres Großvaters thematisieren, oder d) Knaben, die wie Rapper mit den Armen zucken, rumturnen, auf und ab tigern. Zu den bizarren Erscheinungen unter den Dichtern und Verrenkern zählt auch ein promovierter Physiker, Ende 30, der Tier-
gedichte vorträgt, zum Beispiel von schwulen Hirschen oder depressiven Fischen. Die meisten Dichter sind allerdings zwischen 20 und 35, und das macht die Slams immer auch zum Befindlichkeitspotpourri der Generation Praktikum.
Für den Literaturbetrieb kein Grund, das wirklich ernst zu nehmen. An den Slams haftet das unguteste aller Labels: Spaßkultur. Da sitzen keine Literaturagenten, keine Verlagslektoren im Publikum wie beim Open Mike in Berlin. Mit Slammern lassen sich keine Zwiebeln häuten.
Was dem Literaturbetrieb allerdings zu schaffen macht, sind die steigenden Zuschauerzahlen. "Die Verlage haben aber den Dreh noch nicht raus, wie sie das wachsende Publikumsinteresse für sich nutzen können", sagt Ko Bylanzky. Ein Slam-Text wirke eben in der Darbietung, nicht auf Papier.
Ko Bylanzky ist einer der Paten des Slam-Betriebs. Ko heißt zwar in Wirklichkeit irgendwie anders, das tut aber nichts zur Sache. Ko lebt für und vom Slam, er organisiert mit seinem Kollegen Rayl Patzak monatlich einen Poetry-Slam in München (O-Ton Ko: "der größte Europas"), und beide haben jüngst die deutschsprachigen Meisterschaften, den Slam 2006, in der bayerischen Hauptstadt veranstaltet. Ein Spektakel mit rund 230 Poeten aus mehr als 70 Städten, die größte Meisterschaft bisher. Und das nicht irgendwo, sondern in so feinen Adressen wie dem Münchner Literaturhaus und dem Volkstheater. Das Finale fand schließlich in den renommierten Kammerspielen statt.
Tausende Zuschauer waren nach München gekommen, die Presse hatte nur ein bisschen altväterlich berichtet. Doch das Finale war eine spannende Wortschlacht auf hohem Niveau. München hat gezeigt, welches Potential im Poetry-Slam steckt, wie unterhaltsam es sein kann, wenn sich intelligente Köpfe mit ihrer Sprachfindigkeit, ihrem Wortwitz, ihrer Ausdrucksstärke bekämpfen - und zwar live und in echt. Gewonnen hat Marc-Uwe Kling, 24, aus Berlin mit einem donnerndkomischen Text über die Generation Praktikum und darüber, wie jeder jeden zum Praktikanten macht.
"Slam ist auch deshalb erfolgreich", sagt Ko Bylanzky, "weil er nie den Bezug zur Basis verloren hat." Die Veranstaltungen finden auf Augenhöhe statt. Hier spricht keiner von oben nach unten, hier sprechen Gleiche zu Gleichen über Gleiches. Die einen haben Worte gefunden für das, was die anderen auch spüren, aber nicht ausdrücken können. Außerdem ist das Publikum immer Teil der Vorstellung. Es wird zwar einiges auf die Zuschauer eingehämmert, aber sie sind nicht wehrlos. So rekrutiert sich die fünfköpfige Jury aus dem Publikum, und jedes Schweigen, jedes Lachen, jede Betroffenheit der Zuschauer wirkt auf den Vortragenden - und auf die Jury. Das bedeutet
auch: Jede Selbstüberschätzung wird bitter bestraft.
In München nahmen sie erstmals die Kategorie "Polit-Slam" ins Programm, ein Versuch, weil, so Ko, "viele Slammer auch politisch engagiert sind". Ein Versuch, um zu zeigen, dass es relevant ist, was Slammer machen, dass es nicht immer nur eine Nabelschau ist. Es ging daneben. Der Polit-Slam war größtenteils ein Phrasendreschen, ein Polizeibeschimpfen, ein Revolutionsgefasel. Einer, der sich Commandante nannte, raunte ins Mikrofon: "Wir sind alle für die Räterepublik geboren." Ein anderer rief: "Wir zünden das Volkstheater an." Ein Dritter sprach: "Warum kommt der Umsturz nicht?" Und ein Vierter dachte: Wenn jetzt ein Verleger daherkäme, ihnen Buchvertrag plus Marketing plus Lesereise anböte, würde dieses Trio doch ad hoc die Umsturzknödeleien Umsturzknödeleien sein lassen.
"Je jünger sie sind, desto mehr müssen sie loswerden", sagt Wolfgang Lüchtrath, 43. Ein drahtiger Mann, der unvermittelt erklärt: "Der Slam hat mich künstlerisch gerettet." Er sei Kabarettist gewesen, aber irgendwann habe er es nicht mehr ausgehalten, wie sich die Kollegen nur noch über ihre Aktiendepots unterhielten. "Dann ist mir der Slam über den Weg gelaufen." Es wurde seine Ausdrucksform. Und mehr als das.
Er baute in Koblenz einen Slam auf, und als Schüler aus ganz Rheinland-Pfalz busweise beim Dichterwettstreit auftauchten, ging er aufs Land, veranstaltete Workshops und installierte mitten im Westerwald einen Poetry-Slam. "Da geht es ruhiger zu, mehr so im Erzähltempo." Der Slam sei für Jugendliche eine gute Möglichkeit, "ihren Frust aus dem Hals zu schreien". In der Provinz und anderswo.
Aus dem Hals schreien muss er nicht mehr so viel, der Meister. Volker Strübing sitzt im Manolo, einem Café im Herzen von Prenzlauer Berg. Rings um ihn herum türmen sich die Laptops auf den Tischen, Kreativität, wohin man blickt. Am Nebentisch wird ein Casting geplant, zwei Tische weiter arbeiten sie an einem Drehbuch, und rechts brainstormt es ganz gewaltig.
Strübing sitzt dazwischen, schreibt seine unaufgeregten Miniaturen in eine Kladde, trägt sie später nach Hause und hackt sie in den Computer. Strübing, 35, ist einer der ganz großen Slam-Stars. Er war 2005 überragender Sieger und 2006 Finalteilnehmer. Er ist ein genauer und witziger Beobachter, einer, dem die anderen Slammer mit Ehrfurcht begegnen. Er lebt vom Vorlesen. Jeden zweiten Tag steht er auf der Bühne, bei einem Poetry-Slam oder bei Lesungen. Er fährt dafür quer durch die Republik. Er könnte auch TV-Comedys schreiben. Dann müsste er nicht reisen und würde mehr Geld verdienen. Hat er auch einmal gemacht. Macht er nicht mehr. "Da musste ich meinen Text aus der Hand geben." Und dann haben sie den auch noch umgeschrieben, völlig geändert. Das soll nicht wieder passieren. Lieber steht er mit seinem Text hinterm Mikro und liest vor.
Wenn der WDR jetzt zum Slammen lädt, ist Strübing dabei. Geplant sind zunächst acht Folgen, in denen jeweils ein Sieger ermittelt wird - und das so authentisch wie möglich. "Wir wollen das nicht inszenieren", sagt WDR-Redakteur Klaus Michael Heinz, "die Kameras richten sich nach den Poeten, nicht umgekehrt." Man verspricht sich beim WDR einiges vom Dichterstreit. Heinz: "Das Interessante am Poetry-Slam ist die Vielfalt, dass es nicht nur Comedy ist, sondern auch ernste Texte darunter sind." Die Texte lässt sich die Redaktion vorab schicken. Doch Slammer sind unberechenbar. In Köln geht man daher auf Nummer sicher. Die Slams wurden aufgezeichnet. CHRISTOPH SCHLEGEL
* Bei den deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry-Slam in München im November 2006.
Von Christoph Schlegel

DER SPIEGEL 3/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 3/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PERFORMANCE:
Dichten als Kampfsport

Video 02:24

Trumps Idee gegen Waldbrand Holt die Harken raus!

  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Großküche für Waldbrandopfer: Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich" Video 01:25
    Großküche für Waldbrandopfer: "Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich"
  • Video "Gedenkmarsch für Franco: Teilnehmer verprügeln Femen-Aktivistinnen" Video 00:54
    Gedenkmarsch für Franco: Teilnehmer verprügeln Femen-Aktivistinnen
  • Video "Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht" Video 01:22
    Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht
  • Video "Überwachungsvideo: Fahrbahn wird zur Rutschbahn" Video 00:45
    Überwachungsvideo: Fahrbahn wird zur Rutschbahn
  • Video "Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus" Video 03:52
    Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus
  • Video "Merkel-Besuch in Chemnitz: Eine Provokation, dass sie hier ist" Video 04:36
    Merkel-Besuch in Chemnitz: "Eine Provokation, dass sie hier ist"
  • Video "Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool" Video 00:46
    Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool
  • Video "Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb" Video 01:27
    Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb
  • Video "Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise" Video 01:57
    Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise
  • Video "Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung" Video 00:53
    Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!