Von Höbel, Wolfgang
Ein bisschen Mut braucht man schon, um sich mit einem der erfolgreichsten Schriftsteller der Welt anzulegen. Manchmal muss man für diesen Mut auch bezahlen. Der Journalist Michael Crowley hat den Romanautor Michael Crichton höhnisch attackiert, weil der verbohrte Ansichten zum Umweltschutz vertrete und mitunter üblen Unsinn von sich gebe. Im Grunde, behauptete Crowley, Redakteur von "The New Republic", erzählten Crichtons Bücher stets dieselbe schlichte Story: "dass Experten - ob Wissenschaftler, Intellektuelle, Reporter oder Bürokraten - spektakulär korrupt sind und spektakulär falschliegen".
Der Autor rächt sich jetzt auf seine Weise. Crichton, 64, hat einen neuen Roman verfasst, in dem spektakulär korrupte und spektakulär falschliegende Experten vorkommen; und außerdem ein Mann namens Mick Crowley. Er ist ein politischer Journalist, "ein reicher, verwöhnter Yale-Absolvent", dessen perverse "sexuelle Vorlieben in Washington durchaus bekannt" sind. Der fiktive Crowley ist angeklagt, seinen zweijährigen Neffen vergewaltigt zu haben. "Aber der raffinierte Hund hat politische Kontakte", liest man im Buch.
"Next" heißt dieser neue Roman von Michael Crichton, der vor ein paar Wochen in den USA herauskam und nun in deutscher Übersetzung erscheint. Nicht Kindesmissbrauch ist das Thema, dem sich Crichton - nach bösen Dinosauriern ("Jurassic Park"), bösen Japanern ("Nippon Connection"), böser Nanotechnologie ("Beute") und globalen Klimakatastrophen ("Welt in Angst") - widmet, sondern die jüngsten Revolutionen der Genforschung und deren industrielle Verwertung*.
Von dem bizarren Seitenhieb auf den Kritiker Crowley abgesehen, ist Crichtons "Next" ein packendes, konzentriertes, penibel recherchiertes Buch. Größere Proteste von Genforschungsfachleuten blieben bislang aus, und das liegt nicht nur daran, dass die Handlung (wie meist in Crichtons mehr als 150 Millionen Mal verkauften Büchern) angeblich in einer nahen Zukunftswelt spielt. Wohl noch nie hat sich der für seinen Rechercheeifer berüchtigte Autor derart engagiert in einen Stoff hineingewühlt. Zehneinhalb Seiten lang ist in der deutschen Ausgabe die kommentierte Sekundärliteraturliste; außerdem gibt's am Ende des Romans einen Appell mit konkreten politischen Forderungen zur realen Zähmung der Biotech-Industrie.
Der Plot ist bestes Actionkino: Gleich in der Eröffnungsszene des Buchs hetzt ein Privatdetektiv in Las Vegas einem Dieb hinterher, der zwölf Embryonen in einem thermoskannenähnlichen Gefäß aus einem Labor gestohlen hat. Der will die in einem Luxushotel der Spielstadt an andere
Schurken verkaufen. Die Sache geht schief - nach einer rasanten Verfolgungsjagd endet der Dieb tot auf dem Boden eines Hotelfahrstuhls: erstickt, weil der zur Kühlung der wertvollen Fracht nötige Flüssigstickstoff aus dem Thermoskübel austrat und alle Atemluft verdrängt wurde.
"Next" ist ein Puzzle aus solchen Jagdszenen und intellektuellen Gaunereien aus der rätselhaften Welt der Gentechnologie, einer Branche im Goldrausch. Zu den zentralen Figuren des Romans zählen: ein Genforschungsunternehmer, der vor Gericht durchgefochten hat, dass seiner Firma ganz allein die Rechte an den Zellen eines geheilten Krebspatienten gehören. Ein Laborhelfer, der seinen Bruder und ein paar andere Leute mit einem ohne jede Genehmigung verabreichten Alterungsgen ins Jenseits befördert. Ein Wissenschaftler, der einen Schimpansen mit seinen eigenen Genen züchtet und das sprechende Affensöhnchen in seiner Bilderbuchkleinfamilie unterbringt. Und ein eitler Chef der US-Gesundheitsbehörde, der 600 bei Genforschungsexperimenten zu Tode gekommene Opfer dreist unterschlägt und in einer Kirche als Prediger verkündet: "Ich glaube fest daran, dass Gott uns letzten Endes zu der Welt führen wird, die Er für uns wünscht."
Schon sehr bald merkt der Leser: "Next" ist nicht bloß ein Roman, es ist eine Kampfschrift. Sonst betreibt Crichton Literatur als Ingenieurskunst, die bei der Lektüre Herzrasen verursacht, hier vergießt er selber Herzblut. Er hat seinem Buch den Satz vorangestellt: "Dieser Roman ist reine Fiktion, bis auf die Passagen, für die das nicht gilt." Er hat sich die (juristisch nötige) Mühe gemacht, reale Rechtsstreitfälle zu verfremden und seine Figuren mitunter in derart ruchlose Geldschneider zu verwandeln, dass sie mit tatsächlich existierenden Genforschern wie Craig Venter nicht mehr allzu viel Ähnlichkeit besitzen.
Dennoch sind Übereinstimmungen kaum zu vermeiden. Vom Unternehmer Venter ist der Satz überliefert: "Fast jeder große Durchbruch in der Geschichte der Wissenschaften war Außenseitern zu verdanken, die in ähnlicher Weise verunglimpft wurden wie ich." Für viele Aktivisten ist Venter der Teufel in Person. Er selbst sieht sich als Avantgarde. Er sei, sagt er, nur "unbelastet" von all den "Gründen, aus denen bestimmte Dinge angeblich unmöglich sein sollen".
In Crichtons Roman wettert Jack B. Watson, Genom-Tycoon und oberfieser Geldhai im Menschenpark, gegen Bedenkenträger: "Manche Leute - für wie moralisch überlegen sie sich auch halten mögen - stellen sich gerne dem Fortschritt der Menschheit in den Weg. Wie auch immer ihre Gründe aussehen, sie stehen auf der Seite des Todes. Und sie werden nicht gewinnen!"
Crichton nimmt die Glücksritter des Genzeitalters wie Venter (den die "Frankfurter Allgemeine" einst als "Lichtgestalt" bezeichnete) entschlossen ins Visier. Die Actionszenen, Zeitungsschnipsel und waghalsig verknüpften Handlungsstränge des Romans steuern auf einen politischen Showdown zu: "Das Patentieren von Genen muss aufhören", fordert der Autor im Nachwort, Gleiches gelte für die systematische Verquickung von öffentlicher Forschung und Kapitalismus, zumal in den USA.
"Unnötig, unklug und schädlich" sei es, findet Crichton, "Informationen, die bereits in der Natur existieren", für einzelne Nutzer zu schützen und anderen zu verweigern. Es hemme den Fortschritt und offenbare eine absurde Denkweise: Genpatente zu erteilen sei, "als würde man zulassen, dass jemand
sich die Nase als solche patentieren lässt", behauptet der Schriftsteller - und damit dem Rechteinhaber erlauben, von Brillenherstellern und Restaurantköchen "Nasenpatentnutzungsgebühren" zu verlangen.
Crichton gibt hier also den rabiaten Überzeugungstäter. Man kann nicht sagen, dass er in dieser Rolle zuletzt eine besonders gute Figur gemacht hat. Der 1942 in Chicago geborene Schriftsteller, Filmregisseur und ausgebildete Mediziner galt lange als Tausendsassa, der in Hollywood ebenso geliebt wurde wie von den Lesern seiner oft stilistisch etwas holprigen, stets aber smart und mitreißend konstruierten Romane. Auf emsig angelesenem Faktenfundament erzählte Crichton von Dschungelabenteuern in Afrika ("Congo"), sexueller Belästigung am Arbeitsplatz ("Enthüllung") und Wirbelstürmen ("Twister"); er hatte mit der von ihm erdachten TV-Serie "ER" ("Emergency Room") ebenso eine goldene Hand wie als Software-Pionier für Filmtricks, was ihm 1995 sogar einen Oscar einbrachte.
Mit dem Roman "Welt in Angst" aber wurde der Erfolgsautor 2004 plötzlich zur Hassfigur für Amerikas Öko-Aktivisten. Der Roman erzählt von einer Verschwörung von Umweltterroristen, die in der Antarktis Schelfeis absprengen und Kalifornien unter einer künstlich erzeugten Flutwelle versinken lassen wollen. Vor allem aber leugnet er, dass die globale Erwärmung menschengemacht ist.
Spott und Geifer ergossen sich über Crichton; Wissenschaftler und Öko-Aktivisten bezichtigten ihn der Lüge und der Demagogie. Im US-Präsidenten George W. Bush aber, der von jeher die Klimapolitik der Vereinten Nationen boykottiert und Umweltschützer zu Spinnern erklärt, fand Crichton einen neuen Freund. Bush lud ihn zum Dinner ins Weiße Haus.
Crichton, der Zwei-Meter-sechs-Lulatsch mit Hauptwohnsitz in Santa Monica, geriet in den Ruf eines reaktionären Spinners. Durch Auftritte bei diversen Umweltdiskussionen sei er zum "Posterboy der Klimawandelleugner" geworden und habe sich "jedes Recht auf Sympathie verscherzt", schrieb die britische Tageszeitung "The Observer".
Insofern besitzt "Next" nun den Charme einer blitzsauberen, vorbildlich engagierten Rückmeldung in der Welt der fortschrittlichen Intellektuellen. Treibt ihn der Größenwahn, die Geschicke der Welt mitlenken zu können? Nein, der Autor gibt sich ehrlich besorgt, ja fast verstört durch die Recherchen für sein Buch - und beschwört seine Leser, nicht vor der Industrie einzuknicken, die etwa drohen könnte, im Fall eines Patentierungsverbots die Forschung einzustellen. Es stehe zu erwarten, "dass ein Ende der Genpatentvergabe für alle ungeheuer befreiend sein wird und uns viele neue Produkte beschert".
Ob Crichton richtigliegt, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Schon immer war es sein wichtigster Trumpf, dass er kein reiner Phantast ist, sondern nah an der Realität blieb. Diesmal ist er vermutlich näher an der Gegenwart dran als je zuvor.
Den Auswüchsen der sogenannten dritten industriellen Revolution widmet sich Crichton in "Next" ganz ähnlich, wie es Friedrich Engels in seiner berühmten Abhandlung "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" (1845) mit denen der ersten industriellen Revolution tat.
Vor 160 Jahren notierte Engels über die britische Bourgeoisie: "Sie lebt für nichts, als um Geld zu verdienen, sie kennt keine Seligkeit als die des schnellen Erwerbs, keinen Schmerz außer dem Geldverlieren."
Es ist eine verkommene Welt, die Crichtons Sittengemälde entwirft. Für eine Handvoll Dollar sind auch in "Next" fast alle Menschen zu grässlichen Dingen bereit. Ein Kopfgeldjäger hechelt hinter einem kleinen Jungen und dessen Mutter her, um deren innere Organe anstechen zu lassen. Wissenschaftler lügen die Börsenkurse sie bezahlender Firmen hoch, indem sie neuentdeckte Gene anpreisen, die alleinverantwortlich sein sollen für sexuelle Gier oder Alkoholismus. Hübsche junge Mädchen verscherbeln ihre in einer gruseligen Prozedur entnommenen Eizellen.
Die Girls "nehmen Hormone, bringen ihre Eierstöcke auf Hochtouren, verkaufen die Eizellen und sacken gutes Geld damit ein", erfährt eine besorgte Mutter im Buch. "Und was machen sie mit dem Geld?", fragt sie entgeistert. Die Antwort: "Kaufen sich Brustimplantate." So, zeigt Michael Crichton, funktioniert der Warenkreislauf im Zeitalter des entfesselten Körperkapitalismus. Eine stockfinstere Diagnose - aber lässt sich ihr widersprechen?
DER SPIEGEL 3/2007
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