15.01.2007

Es macht piep, piep

Von Uslar, Moritz von

Nahaufnahme: In seiner Berliner Wohnung entpuppt sich der Dramatiker Rolf Hochhuth als glänzender Unterhalter.

In Minute zwei hat das Hochhuth-Drama, das sich an diesem Vormittag in seiner Wohnung im fünften Stock eines Plattenbaus mit Blick auf das Berliner Holocaust-Mahnmal abspielt, bereits eine Intensität erreicht, die weh tut.

Der Dramatiker, 75, mit Teetasse in der Hand, zeigt auf ein Gemälde, das seinen Vetter Horst im Frühjahr 1945 als 21-Jährigen vor einem Nazi-Jagdbomber darstellt. Merkwürdig irreale Ölfarben: leuchtblaue Uniform. Noch in den letzten Kriegswochen hat sich Horst in den Tod geflogen. Der Dichter: "Diese Generation ist umgekommen, bevor sie gelebt hat. Verstehen Sie, der hat, glaube ich, nie mit einem Mädchen geschlafen."

Hier wirkt sie noch einmal, die gefürchtete Methode des großen alten Herrn des politischen Dramas, des Aufklärers, Anklägers, Erziehers und Agitators, der im Geiste Schillers den Menschen als freien Handelnden einer Idee sieht und auf die verändernde Kraft des Dramas setzt. Das Material spricht, der Autor kommentiert, der Besucher spürt: Aua. So ungerecht darf die Welt nicht sein. Dabei gilt unter Kritik und Publikum doch längst als ausgemacht, dass der Alte nicht mehr beeindruckt.

Sein Welthit "Der Stellvertreter" kam 1963 auf die Bühne (deutsche Gesamtauflage des Buchs über eine Million). 1978 brachte Hochhuth das bis heute einmalige Kunststück fertig, einen deutschen Ministerpräsidenten mit einer Erzählung zum Rücktritt zu zwingen. Die Größe der Hochhuthschen Kunst lag in der Kühnheit, Rohheit und Totalität seiner Angriffe, die größten Gegner und Themen (Vatikan, Holocaust, Pharmaindustrie, Ossis, Arbeitslosigkeit) waren ihm gerade groß genug.

Seither müht sich der Autor an einer zusehends komplexer werdenden Welt ab, schreibt gegen genervte Regisseure und ein gelangweiltes Publikum an - und gelangt dabei im Alter zu einer merkwürdigen Form künstlerischer Freiheit: Selbst die bösesten Kritiker sind ihm nicht mehr böse. Einen Hochhuth kritisiert man nicht mehr. Der alte Mann des Bekennertheaters hat - das weiß er selbst bloß noch nicht - längst wieder die Freiheit des blutigen Anfängers. Tragisch. Ungerecht. Wie schön. Und so reicht es beim jüngsten Hochhuth-Stück "Heil Hitler!", das vergangenen Samstag in der Berliner Akademie der Künste zur Uraufführung kam, auch nur im Vorfeld zu dem kleinen Skandal - mit Happy End: Der Plakatentwurf Klaus Staecks durfte wegen "zu dominierendem" Hakenkreuz zunächst nicht in Berliner U-Bahnhöfen hängen. "Hochhuth darf Hitler in der U-Bahn aufhängen", revidierte die "Berliner Zeitung" später. Ein "Sieg der Kunstfreiheit", dozierte Hochhuth.

Weil Wirkung gut ist und weil Hochhuth wie jeder routinierte Theatermann natürlich auch ein Schauspieler ist, fängt er jetzt an, um den Esstisch zu laufen, auf dem seine Triumph-Schreibmaschine steht. Hochhuth ist ein erfrischender Erzähler - was auch daran liegt, dass seine Freunde bei ihm alle "bedeutende Denker" und seine Gegner alle "Verbrecher" sind.

Hochhuts Gesprächsthema heißt bekanntlich Hitler, und das klingt dann so: 1934 sei Hochhuths Großvater von der Ortsgruppe Eschwege schriftlich ermahnt worden, in Zukunft den deutschen Gruß "Heil Hitler" zu entbieten, sonst Gefängnis. Grauenhaft! Zum Höhepunkt der Judenvernichtung sei Hitler mitgeteilt worden, dass Johann Strauß einen jüdischen Großvater hatte, und der Führer habe vor Entsetzen geweint. Grotesk! Bis in die letzten Tage seines Reichs habe sich Hitler auf Nietzsches Spazierstock gestützt, den habe ihm Nietzsches Schwester, eine glühende Hitler-Verehrerin, geschenkt - grauenhaft grotesk!

Ein Witz über Hitler? Gern: "Der Führer hat sich ja fast nie fotografieren lassen, ohne die Hände vor seine Potenz zu halten. Frauen, die ihn meist abgöttisch liebten, sagten: Er versteckt den einzigen Arbeitslosen." Womit die Schwurbelfrage, ob über Hitler gelacht werden darf, geklärt wäre: laut Hochhuth spätestens seit 1933.

Das neue Hochhuth-Stück "Heil Hitler!" ist leider wieder gar nicht gut. Zur Handlung: Ein junger Mann entbietet bei jeder Gelegenheit den Hitler-Gruß, um seiner Einberufung zu entgehen und seinen Vater zu rächen, der im KZ ermordet wurde, und kommt dafür ins Irrenhaus. Ein Plot wie aus dem Grips Theater. Man soll lachen, aber es geht so schwer. Wäre das Dritte Reich so harmlos gewesen, es hätte wohl wirklich tausend Jahre gedauert. Schreibt Hochhuth einen frechen Zwischenruf, dann heißt der "Bei dir piept's wohl!". Gottchen, ja. Piep, piep macht das neue Hochhuth-Stück.

Weiß Hochhuth, dass sein neues Stück leider wieder nichts ist? Der Dichter denkt nach, die Tasse Tee in der Hand: "Ich finde die Inszenierung ein wenig karg." Natürlich schimpft Hochhuth aufs Regietheater - und schwärmt: "Die großen Regisseure, Piscator, Kortner, die fingen gar nicht an zu inszenieren, ohne dass der Autor neben ihnen saß." Und fügt, verblüffend bescheiden, hinzu: "Entschuldigen Sie, dass ich so viel über meine alten Stücke rede."

In seinen Plattenbau ist Hochhuth gleich nach der Wende gezogen. Melancholisch fährt der Blick des Dichters nun die Straße zwischen Holocaust-Mahnmal und dem Luxushotel Adlon entlang: "Da war früher ein Feldweg - vorbei, vorbei!"

Kleines neues Stück, großer alter Dramatiker. In Zukunft sollte er seine Fans nicht ins Theater, sondern in seine Wohnung einladen: Sein großes neues Stück heißt "Horst ist tot". MORITZ VON USLAR


DER SPIEGEL 3/2007
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