22.01.2007

Am Anfang war das Reich

Wie aus Franken, Bayern und anderen Stämmen ein Volk wurde / Von Klaus Wiegrefe
Völker entstehen nicht in einem Jahr oder gar an einem bestimmten Tag. Und so lässt sich auch nicht ein Zeitpunkt benennen, an dem die Menschen an Elbe, Rhein und Donau zu Deutschen wurden. Wenn man allerdings ein Ereignis angeben möchte, ohne das vermutlich alles anders gekommen wäre, dann ist es die Schlacht von Fontenoy, geschlagen von Tausenden Rittern am 25. Juni 841 südlich von Auxerre.
Drei Enkel Karls des Großen traten dort mit ihren Truppen an, weil sie über das Erbe stritten: auf der einen Seite Kaiser Lothar, auf der anderen seine Brüder Ludwig, König von Bayern, und Karl, König von Westfranken.
Das Ergebnis war grauenhaft:
"Felder starren, Wälder starren, Sümpfe auch von Blute rot", berichtet ein Chronist, der in der ersten Reihe focht und "allein von vielen übrig" blieb. Niemals seien die Gebote des Christentums derart verletzt worden: "Verflucht sei der Tag, gestrichen aus dem Kreis des Jahres, ausgeschabt aus dem Gedächtnis! Mit ihm auch die Nacht, die bittere Nacht, die allzu harte Nacht, in der die Helden fielen."
Mehrere tausend Opfer soll das Hauen und Stechen gehabt haben, und mit Blick auf das 20. Jahrhundert mag es wie ein Menetekel erscheinen, dass auf diese Weise alles anfing. Denn das fränkische Imperium Karls des Großen, bis heute Symbol für die Einheit Europas, zerbrach infolge der Schlacht. Die Brüder teilten den Vielvölkerstaat auf, der den Großteil der gesamten Christenheit umfasst hatte. König Ludwig erhielt den östlichen Part, und sein ostfränkisches Reich wurde zum "Ausgangspunkt" (Historiker Rolf Große) für etwas ganz Neues: Deutschland und die Deutschen.
In der sanften Hügellandschaft des heute französischen Burgund begann damit jene Kausalkette, ohne die es das zahlenmäßig größte Volk West- und Mitteleuropas nicht gegeben hätte, nicht seine Leistungen, den Buchdruck, den "Faust", den Otto-Motor, aber auch nicht die Verbrechen, die Weltkriege und den Holocaust.
Früher haben Wissenschaftler geglaubt - und so lernten es auch Generationen in den Schulen -, einst habe zwischen Alpen und Nordsee das Volk der Deutschen gesiedelt, das sein Schicksal in die Hand nahm, sich einen König wählte und ein Reich gründete. Eine romantische Vorstellung.
Heute weiß man: Die Ethnogenese, wie Experten das Entstehen von Völkern bezeichnen, ist bei den Deutschen in umgekehrter Reihenfolge verlaufen. Am Anfang war das Reich, erst darin entstand ein Volk.
Die Menschen empfanden sich zu Zeiten von Lothar, Ludwig und Karl nämlich keineswegs als Deutsche, sondern als Franken ("Freie"), Alemannen ("die Gesamtheit der Männer") oder Baiuwaren ("Männer aus Böhmen"). Das Wort "deutsch" war nur in einer Vorform bekannt, dem lateinischen "theodiscus". Es leitete sich vom fränkischen "theoda" gleich Volk ab, und gemeint waren damit die Sprachen der einfachen Leute, die das Lateinische nicht beherrschten: Fränkisch, aber auch Englisch, Gotisch oder Normannisch.
Erst das ostfränkische Imperium bot einen verlässlichen Rahmen, innerhalb dessen die deutschen Stämme - alles eigenständige Völker - in einem Jahrhunderte wäh
renden Prozess zu einem neuen Volk zusammenwuchsen:
Es war der ostfränkische Königshof, der die Mächtigen aus allen Teilen des Reiches anzog und unter ihnen ein gemeinsames Bewusstsein schuf. Im ostfränkischen Reich agierte die Kirche über Stammesgrenzen hinweg und gewöhnte die Gläubigen des späteren Deutschland daran, sich als Einheit zu sehen. Intellektuelle aus der ostfränkischen Führungsschicht erfanden Varianten einer gemeinsamen Geschichte, die Orientierung boten und ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelten, zunächst auf der Ebene der Stämme, dann auch übergreifend.
Märchenhafte Erzählungen kamen auf diese Weise zustande, etwa dass Deutsch aus biblischen Zeiten stamme und die Deutschen Nachfahren der legendären Trojaner seien. Mittelalterliche Geschichtsschreiber verbreiteten solche Mär, und wer so etwas hörte, konnte leicht annehmen, die verschiedenen Stämme seien gleicher Herkunft gewesen.
Am Ende verschmolzen die Geschlechter aus Bayern, Sachsen, Thüringen oder Schwaben, so dass sie schließlich mehr miteinander gemein hatten als jedes von ihnen mit den Slawen im Osten und den Romanen im Westen: die Sprache, die Kultur, die Geschichte und dann auch die Gewissheit, sich von anderen Völkern zu unterscheiden und eine Einheit zu bilden.
Niemand hatte das im Detail geplant, kein Kaiser, kein König, kein Edelmann. Und doch war es mehr als nur ein Zufall, denn das Werden der Deutschen erfolgte in Schüben, und für jeden dieser Schübe gab es auch politische Gründe: Die ostfränkischen Herrscher wollten die Integration ihres Reiches vorantreiben; selbstbewusste Stände und Städte wiesen später die Ansprüche Roms zurück.
Die verschiedenen Stämme verschmolzen so zu einem Volk, und aus ihm wuchs - indem es sich politisch artikulierte - eine Nation.
Die meisten der später sogenannten Deutschen werden diese Entwicklung allerdings nicht bewusst registriert haben. Es waren fast alle des Lesens unkundige Bauern, ihnen fehlten zunächst sogar für abstrakte Dinge - etwa Freiheit - buchstäblich die Worte. Kaum vorstellbar, dass man bei einem solchen Horizont über das Deutschsein nachdachte. Sie "schlitterten in ihr nationales Dasein, ohne es zu merken und ohne es zu erstreben", urteilt der Historiker Johannes Fried in seinem meisterhaften Werk "Der Weg in die Geschichte".
Im Blickfeld des Forschers lebten etwas mehr als 3,5 Millionen Menschen - so viele bewohnten das neugegründete ostfränkische Reich. Beinahe menschenleere Wälder und Sümpfe erstreckten sich zwischen Harz und Rhein, an Elbe und Saale. Nur eine einzige Heerstraße führte vom Rhein zu den Sachsen, die im heutigen Norddeutschland siedelten.
Das Leben war kurz, hart und gefährlich, erfüllt von apokalyptischen Ängsten vor Blitz und Donner, Hungersnöten oder Sonnenfinsternissen. Die Chroniken zeugen von einer archaischen Gesellschaft mit Blutrache und Faustrecht, von prügelnden Mönchen und sadistischen Monarchen, die persönlich Augen ausstachen. Viele Menschen hausten mit Schweinen in Holzhütten, deren Fenster von Fellen abgedichtet wurden.
Einzig dort, wo einst die Römer geherrscht hatten, an Rhein, Mosel und Donau, fanden Reisende Reste von Zivilisation vor. Um die römischen Gründungen Mainz, Trier oder Regensburg zogen sich Wegenetze, man baute Wein an, und Kinder besuchten Schulen.
An der Spitze des neuen Imperiums stand Ludwig (806 bis 876), einer der Sieger von Fontenoy, später genannt "der Deutsche". Er war ein Mann von "stattlichem Wuchs", mit "Augen, die wie Sterne strahlten". Die Zeitgenossen rühmten seine Tapferkeit, weil er nach einem Unfall 50 Kilometer ohne "Seufzer oder Klagelaut" ritt, "obwohl das Krachen der zerbrochenen und aneinanderreibenden Rippen von einigen gehört wurde".
Der König herrschte über einen Kunststaat ohne gesicherte Grenzen und mit Untertanen, die wenig verband. Ihre Vorfah-
ren hatten sich irgendwann in den dunklen Jahrhunderten nach Christi Geburt zu Stämmen zusammengeschlossen und waren sesshaft geworden: am Anfang die Franken, dann auch Alemannen, Bayern, Thüringer und Sachsen.
Historiker haben es später als Ludwigs größte Leistung bezeichnet, das neue Imperium bewahrt zu haben. Nach außen hin war das freilich nicht allzu schwer. Niemand erhob Ansprüche auf das karge Wald- und Wiesenreich; die Wikinger überfielen bezeichnenderweise lieber die benachbarten Westfranken. Und nach innen hielt Ludwig manchen mächtigen Stammesfürsten bei Laune, indem er ihn gewähren ließ.
Der Monarch wäre wohl verwundert gewesen, hätte man ihn damals als "Deutschen" gerühmt, denn er fühlte sich dem Erbe Karls des Großen verpflichtet. Trotz der Schlacht von Fontenoy kamen er und die Regenten der anderen beiden Nachfolgereiche allein 58-mal zwischen 844 und 877 zusammen; 885 wurden das Ost- und das Westfrankenreich - aus dem Frankreich entstand - sogar wiedervereinigt, allerdings nur für wenige Jahre.
Es blieb dann bei der Trennung. Im Frühmittelalter konnten nicht einmal Könige lesen und schreiben, sondern fast nur Kirchenleute. Erinnerungen verblassen in einer schriftlosen Gesellschaft schnell, und so nahm mit jeder Generation die Zahl derjenigen ab, die sich in die Zeit Karls des Großen zurücksehnten.
Die Menschen registrierten, dass sie sich in Sprachen aus unterschiedlichen Sprachfamilien verständigten: aus der romanischen im westfränkischen Reich, aus der germanischen im ostfränkischen Reich.
Und während die Teilreiche langsam auseinanderdrifteten, entwickelte der ostfränkische Königshof eine eigene Dynamik, die ihn zum "wichtigsten Wirkfaktor" (Historiker Fried) bei der Entstehung der Deutschen werden ließ.
Er stellte sicher, dass die Reichsfürsten und damit auch die Untertanen über einen langen Zeitraum hinweg zusammenblieben und zu einem politischen Verband verschmolzen. Der König war das Symbol des Reiches und "Schützer der Schätze, Rächer der Verbrechen, Spender der Ehren", wie ein Chronist notierte.
Wer nach Macht und Einfluss strebte, wer Titel und Besitzungen erwerben wollte, musste die Nähe zum König suchen. Denn Ludwig und seine Nachfolger verfügten über den Kronschatz. Der König bekam zudem den Löwenanteil bei neuen Eroberungen (etwa im Osten); und ihm stand schließlich das herrenlose Land zu.
Dabei herrschten unter den hochadligen Familien am Hofe Zustände wie bei den Nibelungen: Bruder kämpfte gegen Bruder, Onkel gegen Neffe, Vater gegen Sohn, und auch Ehefrauen, Mütter und Töchter mischten mit. Der Sinn stehe nur nach "betrügen und übertreffen", bedauerte ein Zeitgenosse die Zustände. Der mittelalterliche Staat wurde durch wechselseitige Treueide zusammengehalten, die eine Lebenszeit hielten: unten zwischen Bauern und Grundherren, oben zwischen Rittern und Landesherren, Reichsfürsten und Kaisern. Starb ein Hochadliger, kam der Intrigantenstadel in Bewegung.
Für viele Menschen erwies sich dieses System als Plage. Die Kriege zwischen den hohen Herren verwüsteten das Land. Soweit es in den Fehden um den Thron ging, belegten sie allerdings auch, dass sich die Kontrahenten dem Königreich zugehörig fühlten, denn sonst hätten sie nicht nach der Krone gestrebt. Sie versuchten nicht, eigene Reiche zu gründen oder bei anderen Königen anzudocken, auch dann nicht, wenn sie im Machtkampf verloren hatten.
Das ostfränkische Reich blieb infolgedessen bestehen. Die Stabilität des politischen Zusammenschlusses erzeugte, wie Fried urteilt, einen "kontinuierlichen Integrationsdruck".
Es waren entscheidende Jahre für die Entstehung Deutschlands. Wie entscheidend, zeigte sich, als 918 einer der Nachfolger Ludwigs auf dem Thron ohne Erben starb.
Zu den mächtigen Geschlechtern der Zeit zählten die Liudolfinger aus Sachsen, später Ottonen genannt. Sklavenhandel hatte sie reich werden lassen; sächsische Edle raubten häufig Kinder aus slawischen Gebieten jenseits der Elbe und verkauften sie über Mittelsmänner in den Orient.
Heute würde niemand daran zweifeln, dass der Machtbereich der Ottonen an Elbe und Weser zu den deutschen Kernlanden zählt. Doch damals erinnerten sich sächsische Anführer daran, dass Karl der Große die Sachsen erst gut hundert Jahre zuvor unterworfen hatte, in einem 30 Jahre währenden Krieg mit Massendeportationen, Folter und einer blutigen Missionierung.
Dennoch nutzten die Sachsen das Machtvakuum nicht, um sich vom Reich zu lösen. Oberhaupt Heinrich ließ sich vielmehr selbst in Fritzlar von den führenden Adligen zum König Heinrich I. wählen - ein für die deutsche Geschichte einschneidendes Ereignis, denn erstmals bestieg ein Mann den Thron, der nicht zu den Franken zählte, die bis dahin das Reich dominiert hatten. In Vielvölkerstaaten werden solche Ereignisse aufmerksam registriert; nun konnten auch andere Nichtfranken hoffen, Herrscher zu werden. Das stärkte den Zusammenhalt.
Allerdings haben sich die Liudolfinger darum bemüht, den fränkischen Charakter des Reiches zu wahren. Von Heinrichs Sohn Otto I. weiß man, dass er ganz bewusst die Unterschiede zwischen Sachsen und Franken zu überwinden suchte. Otto wählte 936 Aachen für sich als Krönungsort, weil dort Karl der Große - Urvater der Franken - residiert hatte. An seinem Krönungstag trug er den enganliegenden Rock der Franken und nicht die Tracht der Sachsen. Die Inthronisation verlief nach fränkischer Sitte. Ein Chronist beschrieb später die Zeremonie in der Aachener Pfalz:
"Und als man dorthin gekommen war, versammelten sich die Herzöge und die Ersten der Grafen mit der Schar der vornehmsten Ritter in dem Säulenhof, der mit der Basilika verbunden ist, und sie setzten den neuen Herrscher auf einen hier aufgestellten Thronsessel; hier huldigten sie ihm, gelobten ihm Treue und versprachen ihm Hilfe gegen alle seine Feinde und machten ihn so nach ihrem Brauch zum König."
Währenddessen wartete der Mainzer Erzbischof mit Priestern und "dem ganzen Volk" in der Basilika, in die Otto dann eintrat. Der Kirchenfürst berührte mit seiner Linken die Rechte des Monarchen, schritt zur Mitte des Raums und forderte die Menschen in den umlaufenden Säulengängen auf, die rechte Hand zu heben, sollte ihnen die Wahl gefallen: "Darauf hob alles Volk die Rechte in die Höhe und wünschte mit lautem Zuruf dem neuen Herrscher Heil."
Solche Gesten und Symbole wirkten wie Kitt zwischen den Stämmen. Unverkennbar war die Ethnogenese der Deutschen auch Ergebnis mittelalterlicher Machtpolitik.
Im Alltag muss das Zusammenwachsen ein ziemlich beschwerlicher Prozess gewesen sein, denn das Verhältnis der Untertanen zueinander war offenbar durch wüste Vorurteile geprägt, vielleicht auch bedingt durch die vielen Fehden, die man austrug. Schwaben galten als dämlich, Hessen als tollkühn, Sachsen als wild. Besonders schlecht war mittelalterlichen Chroniken zufolge der Ruf der Bayern: räuberisch und geizig, trunksüchtig und gefräßig.
Kein Wunder, dass unter den Rittern oft blutiger Streit ausbrach, wenn der König zum Krieg gegen auswärtige Mächte rief. Die Truppen lagerten und kämpften in Stammesverbänden, da gab schnell ein Wort das andere. Heinrich I. und seine Nachfolger
verlangten den Streitern auch deshalb vor Schlachten heilige Eide ab, dass sie einander nicht im Stich ließen, was freilich nicht immer wirkte.
Unter den bis zu 10 000 Rittern und Mannen des Fußvolks scheint sich dann aber doch eine Art "Wir-Gefühl" herausgebildet zu haben. Das erwies sich insbesondere im Kampf gegen die Ungarn, damals ein heidnisches Reitervolk, dessen Überfälle Angst und Schrecken verbreiteten. Sie würden Blut trinken und die Herzen ihrer Gefangenen herausreißen und verschlingen, berichtete ein Zeitgenosse über die wilden Steppenkrieger, "kein Jammern konnte sie erweichen, keine Regung des Mitleids sie rühren".
Jahraus, jahrein plagten sie das Königreich.
Vermutlich 926 beschloss Heinrich I., den Angriffen ein Ende zu setzen. Er befahl, landesweit Burgen zu befestigen, in die sich die Bevölkerung im Falle einer Attacke retten konnte. Mönche beteten für das Heil der Kämpfer, und zwar unabhängig von der Stammeszugehörigkeit. 933 wurden die Ungarn an der Unstrut geschlagen, gut 20 Jahre später vernichtete Heinrichs Sohn Otto I. das ungarische Heer auf dem Lechfeld endgültig und erwarb sich damit den Beinamen "der Große". Es waren solche Ereignisse und die von den Ottonen verbreitete Erinnerung daran, die zu einer gemeinsamen Identität beitrugen.
Die Möglichkeiten der Monarchen, auf ihre Untertanen einzuwirken, waren dabei allerdings begrenzt, denn es gab weder eine zentrale Verwaltung noch Schulen oder Medien, um das Bewusstsein der Bevölkerung zu prägen. Die Ottonen etwa pflegten einen "ambulanten Regierungsstil", so der Historiker Große vom Deutschen Historischen Institut Paris. Auf Pferd und Wagen zogen die Könige in langen Trecks mit ihrem tausend Mann und wenige Frauen umfassenden Hofstaat von Pfalz zu Pfalz, loyale Truppen stets in der Nähe. Dort hielten die Herrscher dann Gerichts- und Hoftage ab. Waren die Vorräte aufgebraucht, ging es weiter. Den König solle man zum Freund, nicht zum Gast haben, sagte damals ein Sprichwort.
Wissenschaftler haben inzwischen die Routen rekonstruiert. In einem Großteil des Imperiums ließen sich die Monarchen nicht blicken. In dichter besiedelten Gebieten waren sie hingegen oft, teilweise jährlich präsent: Mainz, Speyer, Worms, Regensburg, Goslar - und stärkten so das Gemeinschaftsbewusstsein.
Bei aller Suche nach Anzeichen des Zusammenwachsens darf man freilich nicht aus dem Blick verlieren, dass es sich um einen graduellen Prozess handelte. Die Bau-
ern und Handwerker orientierten sich an ihren Dörfern und Städten, nicht an einem Deutschland, von dem damals niemand hätte sagen können, wo es einmal liegen würde. Wenn es nicht die Einheit des Reiches gegeben hätte, die alles zusammenhielt, wären möglicherweise die deutschen Stämme in anderen Ethnien aufgegangen - so wie die im Mittelalter auf Rügen oder Zingst siedelnden Slawen allmählich von den Deutschen assimiliert wurden.
Es war also noch alles ungefestigt, als Otto I., ein stattlicher Mann mit rotschimmernden Augen, nach 15 Jahren Reichsherrschaft 951 zusätzlich König der Lombardei wurde und eine lombardische Königin-Witwe freite. Besitzungen im heutigen Norditalien kamen infolgedessen zum Reich, und das war es, was den Sachsen interessierte. Denn er - der sich keineswegs als Deutscher verstand - wollte Karl dem Großen nacheifern und strebte daher nach der Kaiserwürde, die seit einigen Jahrzehnten verwaist war und nur vom Papst in Rom vergeben werden konnte. Einfluss in Italien brachte ihn dem Ziel näher.
Als Papst Johannes XII., ein Lebemann auf dem Petersthron, in Bedrängnis geriet, bat er Otto um Hilfe. Mit einem gewaltigen Heer zog der 49-jährige Monarch über den Brenner, ließ sich am 2. Februar 962 in der St.-Peters-Basilika "in wunderbarem Ornat" (Chronist Liudprand von Cremona) krönen und schlug dann die Widersacher des Papstes in die Flucht.
Otto nannte sich fortan Herrscher des Römischen Reiches, obwohl dieses einige Jahrhunderte zuvor untergegangen war. Schon Karl der Große hatte einen solchen Titel getragen. Einem unter Christen verbreiteten Glauben zufolge zögerte der Fortbestand des Römischen Reiches den Weltuntergang hinaus. Der Prophet Daniel aus dem Alten Testament hatte nämlich vier Weltreiche vorausgesagt; dann würde der
Antichrist kommen. Nach damaliger Zählung galt das Römische Reich als das vierte Imperium; Otto rettete also nach dieser Lesart die Menschheit - und erhob damit den Anspruch, über allen anderen Herrschern Europas zu stehen.
Ob der Griff nach der Kaiserkrone das Zusammenwachsen der Deutschen beschleunigte oder verzögerte, lässt sich nicht eindeutig beurteilen:
Die neuen - kaiserlichen - Verpflichtungen der deutschen Könige ließen diese häufig südlich der Alpen weilen. Die Reichsfürsten nutzten die Gelegenheit und bauten ihre Macht aus. Hunderte Klein- und Kleinststaaten bildeten sich allmählich heraus. Die politische Zerrissenheit Deutschlands zeichnete sich ab.
Andererseits beförderten die Italienfahrten der deutschen Monarchen mit ihren Tausenden Begleitern das Gemeinschaftsbewusstsein. Denn in Italien - in der Fremde - wurden Alemannen, Bayern, Sachsen oder Franken als Einheit wahrgenommen und begannen, sich auch selbst so zu sehen. Das Kaisertum, urteilt der Berliner Historiker Joachim Ehlers, verhalf einem Denken zum Durchbruch, das die Stammesverbände "als Gemeinschaft der Deutschen begriff".
Bezeichnenderweise fielen die ersten nachweisbaren Sätze, in denen ein deutsches Selbstbewusstsein zum Ausdruck kam, 1001 in Rom. Ein Enkel Ottos des Großen wandte sich an rebellierende Römer mit den Worten: "Seid ihr nicht meine Römer? Euretwegen habe ich doch mein Vaterland, meine Verwandten, verlassen! Aus Liebe zu euch habe ich meine Sachsen und alle Deutschen, mein Blut, preisgegeben!"
Die Südländer mochten die Herrscher aus dem Norden nicht sonderlich. "Schrecklich war ihr Anblick, krumm ihr Gang, wenn sie daherkamen", notierte Benedikt von S. Andrea. Seine Landsleute nannten die ungeliebten Fremden "Theodisci" oder "Teutonici" - eine Anspielung auf die Teutonen, die einst über die Römer hergefallen waren. Damit gab es einen (lateinischen) Namen für die Vorfahren der heutigen Deutschen, der auch nördlich der Alpen Verbreitung fand.
Römer oder Mailänder sahen in den "Teutonici" eine Gruppe, weil diese sich scheinbar einer gemeinsamen Sprache bedienten. In Wirklichkeit finden sich zahlreiche Belege, dass die "Teutonici" einander nicht verstanden, weil die Unterschiede zwischen den Dialekten zu groß waren. Da es keine gemeinsame deutsche Schriftsprache gab, mussten Urkunden sogar übersetzt werden. Experten wie Peter Wiesinger aus Wien weisen denn auch den sprachlichen Verhältnissen "wenig nationale Einigungskraft" zu.
Vielmehr erwies sich die Kirche im Frühmittelalter als die - neben dem Königtum - wohl bedeutendste Klammer des Reiches. Man kann darin eine Ironie der Geschichte sehen: Ausgerechnet jene Institution trieb die Ethnogenese voran, die sich für das Heil der gesamten Menschheit zuständig erklärte.
Die Kirchenprovinzen überschritten Stammesgrenzen; der Mainzer Erzbischof etwa residierte über ein Gebiet, das von den Alpen bis vor Hamburg reichte. Der Dienst für den Herrn vereinte Menschen aus allen Regionen in Bischofsresidenzen oder in Klöstern wie der berühmten Benediktinerabtei in Sankt Gallen, deren Besitz zum Teil über das ganze Land verstreut war. Ein Bayer wurde Erzbischof in Trier, ein Franke Erzbischof in Köln.
Auf die Loyalität der Kirchenfürsten konnten die Ottonen zählen. Sie - und nicht der Papst - beriefen Bischöfe oder Reichsäbte und kleideten sie mit dem Amtsornat ein. Investitur - Einkleidung - wurde diese Personalpolitik genannt.
Doch 1046 übernahmen Reformer die Macht in Rom; die Kirchenzentrale war damals in katastrophalem Zustand. Immer selbstbewusster traten die Erneuerer auf, auch den deutschen Monarchen gegenüber.
Reform-Papst Gregor VII. schrieb 1075 an den damals regierenden König Heinrich IV. aus dem Haus der Salier, er entbiete "Gruß und apostolischen Segen", vorausgesetzt, der Monarch "gehorcht dem Apostolischen Stuhl, wie es einem christlichen König ziemt".
Als Heinrich IV. weiterhin Bischöfe nach Gusto einsetzen wollte, kam es zum Eklat: Der Oberhirte exkommunizierte den König. Er entband damit alle Untertanen Heinrichs vom Treueeid und verbot sogar, dem Herrscher zu dienen.
In Briefen an die Höfe Europas sprach das Kirchenoberhaupt vom "deutschen König", und das war abfällig gemeint. Heinrich sollte sich auf die Regionen beschränken, in denen "Teutonici" lebten, also auf das Reichsgebiet nördlich der Alpen. Kaiser hätte Heinrich dann nicht mehr werden können.
Wohl nichts trug damals so zur Verbreitung des Wortes "Teutonici" bei wie die päpstlichen Schriften. Auch deshalb datieren Historiker den ersten Schub der deutschen Nationsbildung auf die Jahrtausendwende. Denn schon bald benutzten viele, die den Machtanspruch der Kaiser bestritten, den "politischen Kampfbegriff" (Historiker Heinz Thomas): innenpolitische Oppositionelle ebenso wie konkurrierende Mächte. Das Bewusstsein unter den Deutschen, innerhalb des Reiches mit seinen vielen Völkern eine
Einheit zu bilden, nahm zu und wurde politisiert.
Als deutsche Fürsten ebenfalls gegen Heinrich mobilmachten, lenkte der Monarch ein. Er pilgerte nach Italien zum Papst, um Reue zu zeigen. Da seine innenpolitischen Gegner die gut zugänglichen Pässe sperrten, musste der König mitten im Winter den gefährlichen Weg über die Westalpen wählen: "Sie krochen bald auf Händen und Füßen vorwärts, bald stützten sie sich auf die Schultern ihrer Führer, manchmal auch, wenn ihr Fuß auf dem glatten Boden ausglitt, fielen sie hin und rutschten ein ganzes Stück hinunter." So steht es in den Annalen des Lampert von Hersfeld.
In Canossa erwartete der Papst seinen Gegenspieler. Drei Tage soll der Kaiser "unbeschuht und in wollener Kleidung" im Burghof Buße getan haben; das berichtete zumindest die päpstliche Seite. Gregor hob den Bann schließlich auf. Der Streit über die Investitur wurde später mit einem Kompromiss beigelegt.
Für die Zeitgenossen war das Nachgeben Heinrichs ein folgenreiches Ereignis. Denn die Könige, von denen einige zuvor behauptet hatten, als "Vertreter Gottes" zu handeln, wurden mit dem Investiturstreit zu gewöhnlichen Laien. Die deutschen Kirchenfürsten nutzten diese Schwäche, um auf ihren Gütern auch politisch zu herrschen. Schon bald entstanden im Reich Dutzende Kirchenstaaten. Die Kleinstaaterei wurde auf unabsehbare Zeit zum Kennzeichen der deutschen Politik.
Die Zeit des Investiturstreits gilt denn auch als eine verpasste Chance, um den gleichen Weg bei der Nationsbildung einzuschlagen wie etwa in Frankreich, wo die Kapetinger einen Nationalstaat mit einem machtvollen Regenten an der Spitze etablierten.
Die Vorfahren der Deutschen lebten stattdessen in einem locker gegliederten Reich mit vielen Völkern gemeinsam; sie siedelten schon bald über die Reichsgrenzen hinaus bis ins heutige Ostpreußen. Schon die Ausdehnung - des Reiches wie des Sprachraums - erschwerte das Zusammenwachsen. Und während die Ile-de-France um Paris rasch zum kulturellen Zentrum aufstieg, fehlte es den Deutschen an einer vergleichbaren "Zentrallandschaft", auf die sich alle hinorientierten. Das Werden der Deutschen zog sich hin.
Sicher ist: Die meisten Menschen lebten und starben in unmittelbarer Nähe ihres Geburtsorts. Allerdings überschritten auch Zigtausende die Grenzen und lernten fremde Kulturen kennen: wandernde Gesellen, reisende Kaufleute, Wallfahrer und Kreuzzügler. Und die Menschen verhielten sich schon damals in der Ferne so, wie man es heute kennt: Sie scharten sich um die eigenen Landsleute. Die "Erfahrungen in der Fremde und gegen Fremde" waren "identitätsstiftend", schreibt der Heidelberger Mediävist Bernd Schneidmüller.
Als die Kreuzfahrer nach der Eroberung Antiochias 1098 über die Beute stritten, sortierten sich die Parteien nach Volkszugehörigkeit. Chronist Radulf von Caen berichtet: "Wer hinzukam und dieselbe Sprache wie eine der Parteien redete, teilte mit ihr zusammen Schläge aus oder wurde unschuldig gemeinsam mit ihr verprügelt."
Vor allem Franzosen und Deutsche gerieten oft aneinander. Die Deutschen seien ihm und seinen Landsleuten "unerträglich", stöhnte der französische Geschichtsschreiber Odo von Deuil (um 1100 bis 1162). Der Abt Ekkehard von Aura (gestorben nach 1125) notierte sogar, es gebe einen "naturgemäßen Hass" zwischen den Brudervölkern.
Für Wissenschaftler wie Ludwig Schmugge aus Zürich sind solche Fundstellen nicht erstaunlich. Feindbilder gehören dazu, wenn sich sogenannte Ingroups bilden oder ausweiten. Und das taten die Deutschen.
Kleriker, Juristen, Publizisten, Geschichtsschreiber begannen im Mittelalter über den Werdegang der Deutschen nachzudenken. Darin steckt bereits die Annahme, dass es so etwas wie eine deutsche Geschichte gab. Wissenschaftler glauben denn auch, dass sich bald nach der ersten Jahrtausendwende erstmals eine Art Nationalgefühl herausgebildet hat.
Wilde Geschichten über die Herkunft der Deutschen machten die Runde, oft verwoben mit antiken Mythen, und es scheint, dass mit politischer Absicht gezielt Legenden in die Welt gesetzt wurden, etwa das Annolied von 1080.
In der Lobeshymne auf Bischof Anno II. von Köln wird nämlich behauptet, dass römische Senatoren einst den edlen Cäsar loswerden wollten. Sie schickten ihn daher "wider Diutschiu lant". Der Imperator besiegte jedoch der Legende zufolge nacheinander die Schwaben, Bayern, Sachsen und Franken und kehrte nach Rom zurück.
Dort warfen intrigante Gegenspieler ihm vor, Legionen unnötig geopfert zu haben. Da machte sich Cäsar erneut nach Norden auf. Dieses Mal jedoch bat er die deutschen Fürsten ("die dar in riche warin") um Hilfe gegen die ungetreuen Römer. Gemeinsam vertrieb man den Senat, und Cäsar herrschte fortan als Kaiser.
Die 878 Verse enthielten eine politische Botschaft: Cäsar habe die Kaiserwürde den
Deutschen zu verdanken, und diese hätten schon deshalb einen Anspruch auf den Imperatorenthron.
Es lässt sich nicht sagen, wie viele Menschen so etwas geglaubt haben. Aber Wissenschaftler, die Nationenbildungen analysieren, halten ein Geschichtsbewusstsein für eine unabdingbare Voraussetzung. Der Stolz auf Erreichtes in der Vergangenheit oder der Glaube an eine gemeinsame Herkunft verbindet.
Die deutschen Dynastien haben jedenfalls die "translatio imperii" - so hieß die Doktrin, der zufolge die Führung des Reiches von den Römern an die Deutschen übergegangen sei und nur ein Deutscher Kaiser werden dürfe - gegen Konkurrenten aus Paris und anderswo mit Geschick ins Feld geführt.
Vor allem die Staufer aus Schwaben, seit 1155 auf dem Kaiserthron, sahen sich als "Herren der Welt". Heinrich VI. (1165 bis 1197) erhob Ansprüche auf Tunis und Tripolis, wollte Frankreich beherrschen und das oströmische Reich erobern. Sein früher Tod - er starb mit 31 Jahren an Malaria - ersparte Europa vermutlich manchen Feldzug.
Heinrichs Vater, Friedrich I., genannt Barbarossa, hatte sogar darauf gedrängt, den Papst bestimmen zu dürfen, was schließlich am Widerstand seiner Gegenspieler im In- und Ausland scheiterte. "Wer hat denn die Deutschen zu Richtern über die Nationen eingesetzt? Wer hat diesen rohen und gewalttätigen Menschen das Recht gegeben, dass sie nach Willkür einen Herrn über die Häupter der Menschenkinder setzen?", empörte sich der englische Bischof Johann von Salisbury.
Solche Sätze können den Eindruck erwecken, die Staufer hätten nationale
Anliegen verfolgt. Dem war nicht so.
Friedrich Barbarossa und sein innenpolitischer Gegenspieler aus der Familie der Welfen zögerten nicht, Engländer und Franzosen in ihren Machtkampf zu ziehen. Über die Besetzung des deutschen Throns wurde später sogar im Ausland entschieden. Erst der Sieg der Franzosen über die Engländer 1214 bei Bouvines in Flandern machte den Weg frei für den Staufer Friedrich II.
Der Enkel Barbarossas wuchs in Sizilien auf, damals ein Schmelztopf der Kulturen. Auf der Insel errichtete er den wohl modernsten Staat Europas mit einer straffen Verwaltung und arabischen Wissenschaftlern am Hofe. Über die Alpen ist er nur zweimal gezogen, und er versetzte dabei seine Untertanen in Erstaunen, weil er mit Elefanten, Kamelen und einer Giraffe reiste. "Stupor mundi", das "Staunen der Welt", wurde er genannt.
Mit Deutschland und den Deutschen hatte er wenig im Sinn.
Zerrieben zwischen Weltmachtanspruch und aufmüpfigen heimischen Fürsten, gaben die Staufer die Privilegien der Krone aus der Hand. Friedrich II. verzichtete auf Gesetzgebung und Justiz in großen Teilen des Reiches und trat dem König zustehende wirtschaftliche Sonderrechte ab, um die Nachfolge seines Sohnes durchzusetzen.
Doch alle Versuche, ein Erbkaisertum einzurichten, scheiterten. Die Staufer und ihre Nachfolger mussten sich weiterhin wählen lassen, und die zeitweise gut hundert wahlberechtigten Reichsfürsten achteten darauf, dass keine Familie zu lange regierte und zu viel Macht erlangte.
Die große Dynastie wie die Plantagenets in England oder die Kapetinger in Frankreich, an die sich nationales Bewusstsein anlagern konnte, fehlt daher in der mittelalterlichen deutschen Geschichte.
An ihre Stelle ist die Sprache getreten, und die Gelehrten sehen darin einen wesentlichen Unterschied zu Frankreich: Das deutsche Wir-Bewusstsein, urteilt der Baseler Literaturhistoriker Rüdiger Schnell, war ethnisch, das der Franzosen territorial geprägt.
Der Unterschied zeigte sich schon bei der Namensbildung. Zuerst gab es das Wort "la France", und wer dort lebte, war ein "François". Weiter östlich hingegen sprach man von "Diutisce"; der Begriff "Teutschland" für die Gebiete, in denen Deutschsprachige wohnten, bürgerte sich später ein.
Als deutsche Publizisten am Ende des Mittelalters über den Verlauf der Grenzen nachdachten, argumentierten sie daher, das "gantz Teütschland" reiche, "so weit die Teütsch spraach gehet" - eine folgenreiche Festlegung. Denn der deutsche Sprachraum umfasste schon damals einen beträchtlichen Teil Europas. Die im 19. und 20. Jahrhundert von großdeutschen Ideologen (wie Adolf Hitler) erhobene Forderung,
alle Deutschen in einem Staat zu einen, lief infolgedessen darauf hinaus, den mächtigsten Staat des Alten Kontinents zu schaffen.
Doch im Mittelalter passte die Aufwertung der Sprache in die Zeit. In lateinischen Wörterbüchern und Texten für den Grammatikunterricht mehrten sich deutsche Wörter. 1235 wurde erstmals ein Reichsgesetz auch in deutscher Fassung erlassen. Und der Sachsenspiegel, die bedeutendste Sammlung des Gewohnheitsrechts, enthält Sätze wie:
"Iewelk man, den man sculdeget, mach wol weigeren to antwardene, men ne sculdege ene an der sprake de ene angeboren is."
Zu Neuhochdeutsch:
"Jeder Mann, der beschuldigt wird, kann wohl die Antwort verweigern, wenn man ihn nicht in der Sprache beschuldigt, die ihm angestammt ist."
Der Aufschwung des Deutschen hatte strukturelle Gründe. Immer mehr Städte blühten auf und brachten ein selbstbewusstes Bürgertum hervor, das im Appell an die übergeordnete Idee der Nation eine Möglichkeit sah, sich vor den Begehrlichkeiten der Fürsten und Grafen zu schützen, wie der Hamburger Historiker Sven Tode berichtet.
Universitäten wurden gegründet, 1348 auch die erste deutsche Hochschule in Prag. Die Zahl der Analphabeten nahm ab, und daher wurden zahlreiche Texte jetzt auf Deutsch verfasst. Dann revolutionierte Gutenberg die Druckkunst, Bücher und Flugblätter wurden ein Massengut.
Die mittelalterliche Welt zerbrach, und mit dem Bildungsstand änderte sich im 15. Jahrhundert auch das Verhältnis der Deutschen zur eigenen Nation. Der Wandel lässt sich daran ablesen, dass die öffentliche Meinung es nicht mehr als abwertend empfand, wenn der Kaiser vom Ausland als "deutsch" bezeichnet wurde. Während des Investiturstreits im 11. Jahrhundert hatte man es als Demütigung wahrgenommen, um 1480 sahen Fürsten, Bürgermeister, Gelehrte darin eine Auszeichnung. Voller Stolz fügten die Schreiber der Kanzleien dem Titel "Heiliges Römisches Reich" den Zusatz "Deutscher Nation" an. Monarchen des Reiches, die sich in der neuen Zeit zu oft in Italien aufhielten, riskierten sogar ihren Sturz, weil sie das "Vaterland" vernachlässigten.
Ausdrücklich musste Karl V. bei seiner Wahl zum Kaiser 1519 versprechen, alle Reichsämter mit Deutschen zu besetzen. Um Karls Kandidatur abzusichern, hatte seine Tante Margarethe von Savoyen bezeichnenderweise getrickst. Sie ließ deutsche Briefe von Karl herumzeigen, die belegen sollten, dass der in Gent geborene spanische König der deutschen Sprache mächtig sei; dabei hatte Karl die Worte nur nachgemalt.
Die Fähigkeit nahm zu, die eigene Identität zu reflektieren. Der Nationsbegriff wurde zur politischen Welteinteilung gebraucht - und er wurde gezielt zur politischen Propaganda eingesetzt. Nachdem die Türken 1453 Konstantinopel erobert hatten, stritten die Kurfürsten und der kaiserliche Sekretär auf dem Reichstag in Regensburg über die richtigen Schritte zur Gegenwehr - und beide Seiten warfen sich vor, die deutsche Nation im Stich zu lassen.
Bald darauf trommelten die Kaiserlichen im Krieg gegen die Burgunder, man müsse deren Fremdherrschaft abwehren, es gehe um Wohl und Wehe der Nation. Erstmals nach Jahrzehnten schickten Fürsten, Adel, Städte aus allen Himmelsrichtungen ihre Truppen.
Auch deutsche Kirchenleute taten sich zusammen, weil sie sich von der Zentrale in Rom übervorteilt fühlten. Rasch wurde daraus ein ständeübergreifender Protest gegen das fremde - italienische - Papsttum.
An der Spitze der Bewegung stand eine kleine Gruppe Gelehrter aus dem Kreis der sogenannten Humanisten, zumeist aus den süddeutschen Reichsstädten. Statt am Weltbild der Kirche orientierten sich diese Intellektuellen an antiken Idealen und warben für die Veredelung des Menschen durch Bildung. Was bei ihnen als antirömischer Protest begann, lud sich rasch national auf.
Die Männer (es war keine Frau darunter) feierten das Deutschtum in einer Weise, die gelegentlich ans 20. Jahrhundert erinnert. Der Elsässer Jakob Wimpfeling etwa prahlte, dass die Deutschen auf der ganzen Welt keine Rivalen zu fürchten brauchten. Und ein anderer Humanist forderte, alle deutschen Siedlungsgebiete bis hin nach Siebenbürgen im heutigen Rumänien von Fremdherrschaft zu befreien - de facto die deutsche Vorherrschaft in Europa.
Aber es gab auch sympathische Züge von Nationalstolz. Die Humanisten plädierten für einen Wettbewerb der Nationen und freuten sich, dass ein Deutscher - Gutenberg - die beweglichen Lettern erfunden hatte. Und sie begeisterten sich in einer Weise für die deutsche Sprache, dass sich Kaiser Friedrich III. (1415 bis 1493) von der Euphorie anstecken ließ und nach antikem Vorbild einen Wettbewerb für deutsche Dichtung ausrief. Der Sieger bekam einen Lorbeerkranz.
Man wird nie wissen, wie die deutsche Geschichte verlaufen wäre, wenn solche Humanisten mit ihrer Mischung aus Nationalstolz und Chauvinismus die weiteren Ereignisse bestimmt hätten.
Es sei etwas Köstliches um das Glück, Deutscher zu sein und im gesegneten deutschen Land zu wohnen, jubelte Wimpfeling.
Diese Zeilen erschienen 1502, und Wimpfeling ahnte nicht, dass die tiefste Spaltung Deutschlands in seiner Geschichte unmittelbar bevorstand: durch die Reformation.

Kyffhäusersage
Einer Legende nach ist Kaiser Friedrich I. ("Barbarossa") nicht im Jahr 1190 gestorben, sondern in einer Höhle des thüringischen Bergmassivs Kyffhäuser in einen ewigen Schlaf gefallen; sein roter Bart sei bereits durch einen steinernen Tisch hindurchgewachsen. Als 1871 der weißbärtige Wilhelm I. Kaiser des neuen Deutschen Reiches wurde, kürten ihn seine Anhänger bald als "Barbablanca" zum Wiedergänger des Staufers. Der Reichstag beschloss nach Wilhelms Tod 1888 den Bau einer monumentalen Erinnerungsstätte auf dem Kyffhäuser.

Der Germanenmythos
Nie überquerte der römische Schriftsteller Tacitus die Alpen, dennoch glaubte er zu wissen, wo das Land der Germanen lag: nämlich zwischen "Rhein und Donau". Und er beschrieb, wie sie dort lebten: wild zwar, aber tapfer und tüchtig, geeint als Volk. Seit Jahrhunderten ist deswegen die Überzeugung verbreitet, Germanen seien die Vorfahren der Deutschen. Das ist ein Mythos, mancher Historiker spricht gar von einer "Erfindung". Jenen Teil Europas, in dem später Deutsche lebten, bevölkerten damals etliche Stämme, Semnonen etwa, Cherusker, Sugambrer oder Ubier, und sie hatten wenig miteinander gemein. Es ist nicht einmal klar, welcher Sprache das Wort "germanisch" entstammt.

Die Nibelungensage
Sie gilt als deutsche Urerzählung und wurde häufig für Propaganda missbraucht. Den im Zweiten Weltkrieg bei Stalingrad eingeschlossenen deutschen Soldaten riefen die Nazis zu, sie sollten sich wehren wie die belagerten Nibelungen in Etzels Burg, die ihren Durst angeblich mit Blut löschten. Um 1200 hatte ein unbekannter Dichter die Sage niedergeschrieben. Sie greift verschiedene nordeuropäische Erzählungen auf. Einige Figuren sind historisch bezeugt. Nachweislich gab es auch ein Reich der Burgunden (= Nibelungen) am Mittelrhein, das 436 unterging.

Der Weg in die Geschichte
843 Mit dem Vertrag von Verdun teilen Kaiser Lothar I. und seine Brüder Ludwig ("der Deutsche") und Karl ("der Kahle") das fränkische Reich auf. Das bei Lothar verbleibende Gebiet fällt später an das ostfränkische Reich, aus dem Deutschland entsteht.
928/929 Heinrich I. unterwirft die slawischen Heveller in Brandenburg. Schrittweise ordnet sich das Reich die slawischen Stämme im Osten der heutigen Bundesrepublik unter. Immer mehr Deutsche siedeln ab dem 12. Jahrhundert jenseits von Saale und Elbe.
962 Der deutsche König Otto I. lässt sich vom Papst zum Kaiser des "Römischen Reiches" krönen. Ab 1157 wird das Imperium als "Heilig" bezeichnet. Im 15. Jahrhundert kommt der Zusatz "deutscher Nation" auf.
Um 1000 Die bis heute bestehende Sprachgrenze zwischen romanischen und germanischen Sprachen bildet sich heraus.
1075 Der Investiturstreit beginnt. Papst Gregor VII. will die Macht von König Heinrich IV. auf die Herrschaft über die Deutschen reduzieren, verbreitet daher die Formel vom "König der Deutschen" ? und fördert damit ein Gemeinschaftsbewusstsein nördlich der Alpen.
1095 Papst Urban II. ruft zum ersten Kreuzzug auf, sechs weitere Kreuzzüge folgen bis 1291. Die Erfahrungen beim Zusammentreffen mit anderen Europäern wirken identitätsstiftend.
Vermutlich 1170 bis 1230 Der Dichter Walther von der Vogelweide bemüht sich gemeinsam mit anderen Literaten um eine von Dialekten weitgehend freie Hochsprache.
1220 und 1231/32 Kaiser Friedrich II. tritt wesentliche Privilegien des Kaisers an die Reichsfürsten ab. Diese treiben in ihren Territorien die Staatsgründung voran.
Um 1290/1300 Lübeck übernimmt die Vorherrschaft in der Hanse. Die deutschen Kaufleute treten im Ausland geschlossen auf und errichten zahlreiche Handelskontore. Sie leben dort nach eigenem Recht, haben ihre eigene Obrigkeit und entwickeln ein national geprägtes Gemeinschaftsgefühl.
1356 Die Goldene Bulle regelt die Wahl der deutschen Könige durch die sieben Kurfürsten. Die Krönung erfolgt zunächst in Aachen, ab 1562 meist in Frank-furt. Die Kurfürsten werden aufgefordert, ihren Erben (und damit Nachfolgern) Latein, Italienisch und Tschechisch beizubringen ? das Reich ist schließlich ein Vielvölkerstaat.
Um 1450 Johannes Gutenberg erfindet den Buchdruck mit beweglichen Lettern. Ein halbes Jahrhundert später erreicht die Auflage von Druck-Erzeugnissen bereits über zehn Millionen Exemplare. Das erste Massenmedium ermöglicht später die Verbreitung einer einheitlichen Sprache.
1471 Nach dem Einfall der Türken in die Steiermark und später den Angriffen des burgundischen Königs Karl im Westen wird in der Öffentlichkeit erstmals ein Nationalbewusstsein deutlich, das sich am Reich orientiert.
* Büste, um 1350.
* Französische Miniatur aus dem 14. Jahrhundert.
* Buchillustration aus dem 15. Jahrhundert.
* Gemälde von Eduard Ihlée, 1845.
* Miniatur, um 1490.
* Kolorierter Holzschnitt von 1493.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 4/2007
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