22.01.2007

DEBATTEDAS SCHMOLLEN DER AUTISTEN

Hat die deutsche Filmkritik ausgedient? / Von Günter Rohrbach
Jahrzehntelang haben sich die Kritiker um die Qualität des deutschen Films gesorgt; es wird Zeit, sich Gedanken über den Zustand der deutschen Kritik zu machen. Brauchen wir sie noch, diese eitlen Selbstdarsteller, die über unseren Filmen ihre Pirouetten drehen? Ist das spärliche Lob, das sie uns gelegentlich spenden, es wert, all die Schmerzen zu ertragen, die sie uns zufügen, die Wunden, die sie uns schlagen, das Gift, mit dem sie uns töten?
Es gibt auf diesem Feld nicht einen Hauch von Waffengleichheit: auf der einen Seite die Produzierenden, die jahrelang an einem Projekt arbeiten, durch alle Höllen der öffentlichen Skepsis und auch der Selbstzweifel gehen, und auf der anderen die Kritiker, die das Ergebnis, so ihnen danach ist, in ein paar Stunden in den Boden stampfen. Da scheint es keine Koexistenz geben zu können, es bleiben nur Zorn, Hass, Verzweiflung und ein unüberwindbares Gefühl von Ohnmacht.
Und dennoch haben wir in masochistischer Demut bisher geglaubt, unsere Kritiker nötig zu haben. Sie sind unsere ersten Zuschauer, sie sind, so stellen wir uns das wenigstens vor, die Mittler zwischen uns und dem Publikum. In gewisser Weise sind sie auch unsere Kombattanten bei dem Versuch, den Abgrund zu überwinden, der sich zwischen uns und dem Publikum auftut. Denn, da sind wir illusionslos, die Zuschauer sind Fremde, die man mit allen Mitteln cineastischer Verführungskunst in Freunde verwandeln möchte.
Die Kritiker dagegen sind immer schon Freunde, denn sie lieben das Kino wie wir - im Zweifel auch gegen uns. Darum haben sie diesen Beruf gewählt. Aber erfüllen sie ihre Aufgabe noch? Oder, anders gefragt, wem eigentlich dienen sie?
Als vor einigen Monaten der deutsche Film "Das Parfum" startete, war man sich in fast allen großen Feuilletons einig, der Film sei künstlerisch und erzählerisch misslungen. Die Schläge gingen tief, nicht selten unter die Gürtellinie. Ungefähr zur gleichen Zeit kam ein anderer deutscher Film heraus, "Sehnsucht" von Valeska Grisebach. Im Gegensatz zu dem Megaprojekt "Parfum" war das ein kleiner Film, mit Laien und geringem Budget gedreht. Auch er wurde in den Feuilletons groß besprochen, und auch hier war das Urteil einhellig: ein wunderbarer Film, ein Meisterwerk. Am vorläufigen Ende hatte "Das Parfum" 5,5 Millionen Zuschauer, "Sehnsucht" 24 000.
Nun besagen die Zuschauerzahlen allein noch nichts über die künstlerische Qualität der beiden Filme, wohl aber über die Wirkung von Kritik. Die Verrisse haben dem "Parfum" nicht geschadet, die Hymnen "Sehnsucht" aber auch nichts genützt. Was, so darf gefragt werden, ist eine Kritik wert, die solchermaßen verpufft?
Es ist nichts Außergewöhnliches, dass von der Kritik missachtete Filme dennoch große Publikumserfolge werden. In der Regel trifft das aber auf Filme zu, die gegen Kritiken resistent sind, weil das potentielle Publikum diese gar nicht liest. Im Falle von "Das Parfum" war das anders. Der Film hat eine literarische Vorlage der gehobenen Kategorie. Für ihn interessierten sich gerade auch die Leser der Intelligenzblätter. Sie haben sich von den Misstönen in den Feuilletons offensichtlich nicht beeindrucken lassen.
"Das Parfum" ist ein besonders gutes Beispiel, jedoch so wenig ein Einzelfall wie umgekehrt "Sehnsucht", das für viele kleinere Filme steht, die, ausgestattet mit besten Prädikaten, im Kino verkümmern. Was läuft da falsch? Kann es die Kritiker unbeeindruckt lassen, wenn ihr Urteil so folgenlos bleibt?
Nun werden sich viele Kritiker vehement dagegen wehren, derart in die Pflicht genommen zu werden. Nichts steht dem selbstbewussten Kritiker ferner, als etwa nützlich sein zu wollen. Er fällt sein Urteil nach seinen in einem langen Bildungsprozess gewonnenen Maßstäben. Sein Ethos ist die Unabhängigkeit, im Zweifel auch von dem Gebrauchswert seiner Kritik. Aber ist diese Haltung noch zeitgemäß? War sie das je?
Es ist das berufsspezifische Dilemma der Kritiker, dass sie nichts sind als das. Die Felder, in denen sie arbeiten, sind eifersüchtig abgesteckt: Kunstkritiker, Musikkritiker, Literaturkritiker, Theaterkritiker und eben Filmkritiker. Grenzüberschreitungen sind selten, die Spezialisierung bestimmt den Rang der Feuilletons wie der Kritiker selbst. Die Spezialisierung ist ihr Glanz und ihr Elend.
Woche für Woche starten in unseren Kinos bis zu einem Dutzend Filme. Nicht jeder Kritiker wird sie alle sehen, doch wenn er seinen Beruf ernst nimmt, einen großen Teil. Das schärft das Unterscheidungsvermögen, mindert aber die Erlebnisfähigkeit. Pressevorführungen finden in der Regel vormittags statt, bei den großen Festivals wie der am 8. Februar beginnenden Berlinale ab 8.30 Uhr. Da sitzt dann der geballte Missmut in der Dunkelkammer. Wie viel Leidenschaft braucht es, um in solcher Lage die Liebe zum Kino nicht zu verlieren? Irgendwann wird jeden Kritiker das Gefühl überkommen, alles gesehen zu haben und das meiste auch schon besser. Wer mag es ihm da verargen, wenn er sich immer einsamer fühlt im Gehege seiner kostbaren Empfindungen?
Doch erspürt so jemand, der alles weiß über Filme, der alle Bilder kennt oder zu kennen glaubt, noch die Interessen seines Publikums, das auch unser Publikum ist? Zu Kommunikatoren bestellt, entwickeln sich nicht wenige Kritiker irgendwann zu Autisten, die allenfalls noch mit ihresgleichen kommunizieren. Marcel Reich-Ranicki hat das einmal zu der Bemerkung veranlasst,
ein großer Teil seiner Berufsgenossen schreibe nur noch für die eigenen Kollegen.
Nun sind inzestuöse Tendenzen auch den Filmemachern nicht fremd. Wie soll man die Wünsche der vielen Zuschauer erahnen, wenn man nur ganz wenige von ihnen persönlich kennt, genau genommen nur den einen, der man selbst ist. Also konzentriert man sich auf ihn und hofft, dass er nicht allein bleibt. Aber oft genug bleibt er allein, gestützt von einem Häuflein Aufrechter und geadelt von der Aura kommunikativer Verweigerung. Viele Kritiker lieben solche Egotrips. Man fühlt sich verstanden, man ist unter sich. Filmemacher, die ihr Publikum ignorieren, werden rezensiert von Kritikern, denen ihre Leser gleichgültig sind. Man beruft sich dabei gern auf Walter Benjamins Diktum, das Publikum müsse stets unrecht erhalten, und vernachlässigt den Zusatz, es müsse sich aber immer durch den Kritiker vertreten fühlen.
Es wäre ein Irrtum zu glauben, die Kritiker seien sich ihrer wachsenden Ohnmacht nicht bewusst. Leider reagieren nicht wenige von ihnen darauf mit Larmoyanz. So beklagen sie die zunehmende Gängelung durch Redakteure, die sie mit Hinweisen auf die Interessen der Leser nerven. Es empört sie die PR-Strategie von Produzenten, sich unter Umgehung der Kritiker direkt an die Chefredakteure zu wenden. Da wird dann leise geschmollt und die nächste Gelegenheit ergriffen, sich an dem Produzenten zu rächen.
Wem so unverhohlen aus dem eigenen Milieu das Misstrauen erklärt wird, der hat nicht nur ein Legitimations-, der hat ein Existenzproblem.
Uns, die wir die Filme produzieren, die wir für sie und in ihnen arbeiten, kann das nicht gleichgültig lassen. Wir wollen unsere Kritiker, denen wir uns in Hassliebe verbunden fühlen, nicht verlieren. Wir brauchen sie. Wir brauchen sie freilich in ihrer klassischen Rolle als Mittler zwischen uns und dem Publikum. Wir brauchen sie in ihrer vollen Unabhängigkeit und kritischen Schärfe. Ja, auch das. Es wäre ein Missverständnis, uns zu unterstellen, wir wünschten uns die Kritiker freundlich und altersmild. Ihre Loyalität soll nicht uns gelten, sondern ihren Lesern. Ihnen sollen sie sich verpflichtet fühlen und nur ihnen. Wir wünschen uns nichts sehnlicher als Kritiker, denen ihre Leser vertrauen können.
Die Ohnmacht der heutigen Kritiker besteht darin, dass sie dieses Vertrauen verloren haben. Zu häufig haben sie ihre Leser in die falschen Filme geschickt, zu narzisstisch haben sie das Bild ihrer cineastischen Kompetenz gezeichnet und dabei ihre zentrale Aufgabe vergessen, nämlich Entscheidungshilfen für potentielle Zuschauer zu bieten. Statt sich in den Dienst der Filme zu stellen, haben sie umgekehrt diese für ihre Selbstdarstellung in Dienst genommen. Der heutige Kritiker schreibt am liebsten über sich selbst, der Film ist da nur beiläufiger Anlass.
Die Kritiker haben noch vor sich, was die Filmemacher in den letzten Jahren geleistet haben. Der deutsche Film hat nämlich einen großen Teil der Zuschauer zurückgewonnen, die man an Hollywood verloren zu haben schien. Die Zeiten, in denen der Marktanteil der eigenen Produktion von anderthalb Filmen abhing, sind vorbei.
Es war ironischerweise einer der führenden deutschen Kritiker, der mit Blick auf seine eigenen Kollegen daran erinnerte, dass eine Filmindustrie eine verlässliche Basis im Publikum braucht, wenn sie ihr Fortbestehen sichern soll. Es genügt eben nicht, ein paar Kritikern zu gefallen, auch wenn diese durchaus den Eindruck erwecken, dass es damit getan sei. Es hilft vor allem dann nicht, wenn diese Kritiker längst ihre Leser verloren haben.
Wir, die Produzierenden, sind es gewohnt, öffentliche Ratschläge zu erhalten. Die Kritiker sind darin ungeübt und entsprechend empfindlich. Dennoch sei es erlaubt, ihnen einige Anmerkungen ins Stammbuch zu schreiben. Es ist unprofessionell, wenn der Blick auf Filme durch ein Ressentiment gesteuert wird. Dass ein Film teuer war, muss nicht per se gegen ihn sprechen; die amerikanischen Filme sind es allesamt, und niemand nimmt es ihnen übel, es sei denn der Finanzier.
Es kann auch kein Fehler sein, wenn ein Film durch Könnerschaft besticht, da muss man den Regisseur nicht gleich als "Handwerker" diffamieren. Es muss einem Film nicht grundsätzlich verübelt werden, dass er von vornherein auf ein großes Publikum zielt. Das ist nicht der einfachste Weg, sondern in aller Regel der schwerste. Es sollte nicht verboten sein, dass ein beim Publikum erfolgreicher Film auch noch Preise gewinnt. Man muss dafür keine Schimpfworte erfinden wie "Konsensfilm" oder, wie es dem Film "Das Leben der Anderen" als Ausdruck gesteigerter Verachtung widerfuhr, "multikompatibler Konsensfilm".
Man kann doch, um noch einmal dieses Beispiel anzuführen, "Das Parfum" nicht einfach niedermachen, ohne auf die außerordentliche Arbeit der Regie, der Kamera, der Ausstattung, des Kostüms auch nur hinzuweisen. Es kann doch selbst dem missvergnügtesten Kritiker nicht entgangen sein, dass dieser Film einen professionellen Standard hat, wie er in Europa, von Deutschland gar nicht zu reden, äußerst selten ist.
Es ehrt die Kritiker, wenn sie sich für kleine, häufig durch Selbstausbeutung entstandene Filme einsetzen. Es gibt davon erstaunlich viele in diesem Land, und nicht selten sind sie ganz besonders schön. Aber muss man dabei gleich alle Maßstäbe außer Acht lassen? Wenn, wie zu lesen war, "Milchwald" von Christoph Hochhäusler ein Meisterwerk ist, was ist dann "Citizen Kane"?
Es ist auch die Tendenz mancher Kritiker nicht ohne Gefahr, sich zu Agenten einer bestimmten Gruppierung zu machen. Es entsteht da leicht eine gegenseitige Abhängigkeit, für die man auch unschönere Begriffe finden könnte. Die Leser durchschauen das und reagieren mit Verweigerung. Man kann die Leser nicht nötigen, auch nicht für den "guten" Film. Die Menschen gehen nicht in "gute" Filme, sie gehen in Filme, die sie interessieren, und sind dann dankbar, wenn sie auch noch gut sind.
Welche Konsequenzen es haben kann, wenn sich Kritiker und Macher gegen das Publikum verbünden, dafür liefern unsere Theater anschauliche Beispiele. Deren Krise ist das konsequente Ergebnis einer jahrelangen Verschwörung, aus der sich jetzt einige Kritiker entsetzt verabschieden, die noch vor kurzem vehement in sie verstrickt waren. Den Filmkritikern sollte das eigentlich als Warnung dienen. Keine andere Kunstform spielt in unserem Leben eine so dominante Rolle wie der Film. Keine andere hat vergleichbare gesellschaftliche Wirkungen. Kann man dieses Feld allein den Filmkritikern überlassen?
Von Günter Rohrbach

DER SPIEGEL 4/2007
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