DER SPIEGEL



Hot Dogs

Von Smoltczyk, Alexander

Global Village: Heimkehrer aus Deutschland sind dabei, die Garküchen in Hanoi zu revolutionieren - von der Hundewurst bis zum "Goethe"-Kebab.

Herr Dr. Tien wählt seine Worte mit der gleichen Sorgfalt, mit der er seine Krawatten bindet. Besonders wenn er deutsch spricht.

Er sitzt im Restaurant "Anh Tu Beo - Großer Mann" an der Ausfallstraße nach Norden. Es ist ein offener, palmblattgedeckter Bau für einige hundert Gäste. Jetzt, am frühen Nachmittag, sitzen nur wenige Menschen an den Tischen. "Hundefreunde essen nicht mehr um diese Zeit", sagt Tien. Er angelt mit seinen Stäbchen eine Scheibe kalten Braten und taucht sie in eine Schale gegorener, wie Ammoniak in die Nase stechender Fischsauce.

Tien hat in Dresden Wirtschaft studiert und promoviert. "Das ist ein bürgerliches Essen", sagt er. Wer einmal davon gekostet habe, komme immer wieder. Gerade bei freilaufend gefangenen Tieren vom Lande. Wobei es natürlich, wie überall, sagt er, auch "Fälschungsprodukte" gebe: "Kranke oder gestorbene Mischlingshunde. Das ist unmoralisch. Die Gäste werden die bestimmt boykottieren." Dr. Tien glaubt an die Marktwirtschaft.

Auf dem Tisch stehen inzwischen weitere Schalen für Hundefreunde. Da ist trockene, mit Erdnuss gemischte Hundewurst, mit sauer eingelegten Siamwurzeln garniert, Rauchfleisch und gegrillte, in bernsteinfarbenem Siam-Pulver gerollte Hundebällchen. Mit ein wenig Phantasie (die sich rasch einstellt) liegt ein Hauch Regennasser-Köterschüttelt-sich über dem Teller.

In Hanoi ist heißer Hund so gängig wie Sauerbraten in Gütersloh. Man isst ihn sonntags oder an Feiertagen. "Hund ist gut für den Magen", sagt Dr. Tien. "Hundefleisch ist sehr appetitreich, energiereich. Die Piloten im Kampf gegen Amerika haben täglich Hundefleisch gegessen. Um Körperlichkeit immer wach zu halten."

Wie die Hunde auf dem Land gefangen, geprügelt (um Adrenalin ins Fleisch zu jagen), gehäutet und über Strohfeuer aufgebläht werden - das will Herr Tien jetzt gar nicht erzählen: "In Vietnam achtet man nicht auf Ethik, sondern auf Qualität."

Stattdessen tupft Dr. Tien sich den Mund ab und berichtet von den neuen "Bia"-Hallen, kolossalen Trinkstuben im Hofbräuformat, wo "Hurra Bier"-Plakate an den Wänden hängen, dem Stil der Dreißiger nachempfunden mit arischen Blondchen. "Brauchen nicht erfinden. Brauchen nur lernen und kopieren", sagt er.

Seine Stadt ist hungrig nach allem, was die Welt bietet. Etwa 60 000 Vietnamesen haben in den achtziger Jahren als Vertragsarbeiter in den DDR-Kombinaten geschuftet, viele bereits vorher an den Universitäten studiert. Als die Mauer fiel, gingen die meisten von ihnen über kurz oder lang in ihr Heimatland. Zurück in Vietnam, sorgten sie für einen Globalisierungsschock, der den Hundeküchen inzwischen Konkurrenz macht.

Tien erzählt von Dr. Mai Huy Tan, der vom Mathematikstudium in Halle den Geschmack von Thüringer Bratwurst auf der Zunge behielt. Heute leitet er bei Hanoi ein Schlachthaus, ein Zerlegewerk und eine Wurstfabrik, in der jährlich 120 000 Schweine in chinesische Schweinedärme gepresst werden. All dies nach TÜV-Rheinland-Norm und in einer so hohen Qualität, dass die Würste demnächst auch nach Thüringen exportiert werden sollen. Für ein Viertel des ortsüblichen Preises.

"Ducviet heißen die Bratwürstchen", sagt Tien. "Ducviet" bedeutet: Deutschland und Vietnam. Das Sieben-Gänge-Menü im "Großen Mann" hat 1,50 Dollar gekostet. Tien lässt sich die Reste für zu Hause einpacken, besteigt seine Honda und wird vom knatternden, stinkenden Strom der Mopeds in die Innenstadt zurückgetragen.

Auf den Bürgersteigen haben die Garküchen inzwischen ihr Hochgeschäft, es blubbern Bun-Cha-Brühen, Wasserkresse wird geschnippelt und Koriander, in Körben winden sich glitschige Haufen Kleinstaale, und überall kauern Menschen essend auf Kinderhockern aus Plastik. Frisierföne halten die Kohlefeuer am Glühen, Hackfleischbällchen werden geknetet im Schein von 25-Watt-Funzeln, und irgendwo gibt es auch eine Vorschrift, wonach die Trottoir-Gastronomie aus gesundheitlichen wie feuerpolizeilichen Gründen verboten ist.

Dr. Tien parkt in der Nähe seines Büros, vor dem Goethe-Institut in der Nguyen-Thai-Hoc-Straße, ein informeller Valet-Service schiebt die Honda unverzüglich in eine Parkecke. "Nach dem Arbeitstag kann man ein Bier genießen", sagt Tien sorgfältig.

Zuvor weist er noch auf einen untersetzten Herrn mit Mittelscheitel hin, der mit einer Art Schwert leidenschaftlich an einer Spindel Fleisch herumsäbelt. Mitten auf dem Bürgersteig.

Es ist Tran Minh Ngoc, ehemaliger Asylbewerber im Fränkischen, aufgestiegen zum Vorarbeiter einer Glühwein-Kellerei, dann ausgewiesen und in Hanoi zu Glück und Wohlstand gekommen.

Mit Kebab.

200 Kilo täglich. "Vietnamesen essen gern Fleisch. Wir essen gern auf der Straße. Also habe ich Kebab-Spieße in Deutschland bestellt und auf Wagen gebaut. Ich habe immer Ideen. Man muss mobil sein." Sagt Ngoc, mittlerweile Betreiber von 15 rollenden Kebab-Ständen, die er, Deutschland zum Danke, "Goethe"-Kebab genannt hat. Außerdem bedürfe es eines starken Markenlogos, sagt er.

Schon um sich von den Nachmachern abzusetzen. ALEXANDER SMOLTCZYK


DER SPIEGEL 5/2007
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