05.02.2007

MARINEJagd auf „Caesar“

Norwegen kämpft mit einer hochgiftigen Hinterlassenschaft aus den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Ein Spezial-U-Boot sollte den Japanern Hitlers Wunderwaffen bringen. Doch ein junger Brite stellte U-864 zum ersten Unterwasserduell der Geschichte.
Die langen Nächte und düsteren Tage des Nordwinters können Seelen töten, und der 9. Februar 1945 wirkte besonders drückend und bedrohlich. Der Himmel hing stahlgrau über der eisigen See, der Wind war fast eingeschlafen - so berichten es jene, die überlebten.
Hätte an diesem Morgen jemand von den Klippen der norwegischen Insel Fedje aus übers Meer geschaut, er hätte aber nichts bemerkt vom Weltkrieg. Draußen zogen sogar ein paar Fischkutter gelassen ihre Bahnen; wie im Frieden wummerten ihre Schiffsdiesel, als würden in der Tiefe unter ihnen nur die Dorsche Beute jagen.
Fünf Tage schon hatte der Mann am Lauschgerät des abgetauchten britischen Jagd-U-Boots "Venturer" dieses Wummern im Ohr. Dann aber mischte sich auf einmal ein neues Geräusch hinein: ein seltsames Dröhnen und, leiser, das rhythmische Rauschen mächtiger Propeller. Die "Venturer" fuhr für wenige Sekunden ihr Periskop aus. Zu sehen war nichts. Aber da musste etwas Großes sein.
Es war etwas sehr Großes: Ein Monster aus rund 1600 Tonnen Stahl schlich sich durch die Tiefe, fast 90 Meter lang, bewaffnet mit zwei Dutzend Torpedos, mit Flugabwehrkanonen und sogar einem Mini-Hubschrauber, mit dem ein Mann aufsteigen und den Horizont nach Beute absuchen konnte.
Es war ein deutsches U-Boot vom Typ IX-D2, das längste Kampf-U-Boot, das die Marine hatte. Diese Boote waren dreimal so schwer wie die "Venturer", hatten fast dreimal so viel Feuerkraft und konnten nonstop einmal um die Erde fahren - und unterwegs eine ganze Flotte versenken.
Der Kommandant der kleinen "Venturer" flüsterte seinen Befehl, von Abteilung zu Abteilung gaben die Matrosen ihn weiter: "Action station, Action station."
Damit begann ein Drama, das in der Kriegsgeschichte einzigartig ist. Und jetzt, 62 Jahre später, könnte dem Drama noch eine Katastrophe folgen. Denn in den letzten Kriegswochen befahlen Hitlers Admiräle eine abenteuerliche Geheimoperation: Sie ließen Wissenschaftler, eine hochgiftige Fracht sowie Konstruktionszeichnungen und Teile der geheimsten Waffen des Reiches auf das Boot U-864 schaffen. Pläne des ersten Düsenjägers der Welt waren etwa dabei und auch die einer für Feind und Freund höllischen Maschine: einer Art bemannten Rakete.
U-864 sollte sich durchschlagen bis auf die andere Seite der Erde: Die Ladung sollte den Japanern helfen, amerikanische Bombergeschwader abzufangen. Doch ein paar begnadete Mathematiker kamen U-864 auf die Spur - und ein junger U-Boot-Kommandant stellte es dann zum ersten Unterwasserduell der Militärhistorie.
Die Jagd in der Tiefe zwingt heute die norwegische Regierung, auf dem Grund des Atlantiks einen großen Sarg aus Beton oder Stein und Sand zu bauen - um die Giftladung von U-864 für immer einzukapseln.
Wolfgang Lauenstein ist ein bedächtiger Mann, ein Ingenieur und U-Boot-Experte. Er lebt sehr weit weg vom Meer, in Ludwigshafen am Rhein, aber seine erste Spur zu U-864 fand er in der Nachbarschaft, in einem Schuhkarton, in dem ein befreundetes altes Ehepaar Fotos aufbewahrte. An einem Maiabend vor zehn Jahren stöberten die drei durch Bilder, und aus einem Stapel von Karnevalsfotos rutschte ein altes Schwarzweißporträt. Ach ja, der Willi, sagte die Frau, als sie das sehr junge, noch naive Gesicht ihres Großneffen sah. Lauenstein sah die Uniform: U-Boot-Waffe.
Die alte Dame interessierte sich nicht wirklich für U-Boote, aber der Name von Willis Kommandant lautete Wolfram oder so. Und irgendetwas war mit dessen U-Boot. Aber vor allem: Willi hatte sich damals noch schnell verlobt, bevor er starb. Und seine Edith, die lebte noch, zwei Kilometer weiter.
Edith Wetzler war eigentlich schon immer verliebt in Willi Transier, den Nachbarsjungen von gegenüber. "Er war ein so schöner junger Mann", sagt Wetzler.
Doch dann rückte der Krieg näher. Willi Transier meldete sich freiwillig zur Marine, und er wollte unbedingt zu den U-Booten.
Die U-Boot-Einheiten waren eine Elite, dazu kam bei vielen die Faszination der Waffe: Das U-Boot war der perfekte Jäger. Nur wurden die Jäger bald zu Gejagten, und als solche waren sie leichte Beute. Zerstörer beharkten sie mit Wasserbomben, bis die Nieten aus dem Stahl flogen. Überlebende gab es selten.
Willi Transier bekam noch ein paar Mal Heimaturlaub. Er erzählte Edith nicht viel von seiner Arbeit im Maschinenraum, wohl aber, dass "hohe Persönlichkeiten" an Bord kämen. Und, dass es um eine Geheimmission gehe - "um Japan".
Lauenstein wollte wissen, was damals passiert war. Die ersten Schritte fielen leicht. Es gab einen U-Boot-Kommandanten namens Wolfram: Rolf-Reimar, Korvettenkapitän. Sein Boot hieß U-864, torpediert von der HMS "Venturer" vor Bergen. Aber wo genau? Und was war die geheime Mission?
Der Deutsche trieb Veteranen auf, er stöberte in Registern, Fachliteratur, und er fuhr nach Fedje.
Bald stand der Deutsche im Bootshaus eines Fischers, der kurz zuvor weit draußen Pech mit einem tief ausgelegten Netz hatte. Es hatte sich in irgendetwas derart verheddert, dass er es schon aufgeben wollte, als es beim letzten Ruck doch noch freikam. Der Fischer holte die 150 Meter Leine ein, dann sah er in den zerfetzten Fäden des Netzes einen Klumpen aus Messing.
Lauenstein erkannte zwischen dem Gerümpel im Bootshaus den Druckfilter der Firma Dräger. Er sah das Hakenkreuz, die Prüfnummern. Und der Fischer hatte den Fundort in seinem GPS-Gerät markiert.
Ein amerikanischer Spezialist hatte derweil für Lauenstein im US-Nationalarchiv britische Geheimpapiere gefunden. Daraus ging hervor, dass U-864 unter anderem Quecksilber etwa für die Bombenproduktion geladen hatte. Hochgiftiges Quecksilber in 1857 Röhren - aus rostanfälligem Stahl.
Ab Mitte der fünfziger Jahre starben im japanischen Minamata nach offiziellen Angaben knapp 2000 Menschen qualvoll, jedes zehnte Kind kam verkrüppelt zur Welt: Die Menschen hatten Fisch aus dem Meer gegessen, in das eine Fabrik Quecksilber geleitet hatte. Das waren 27 Tonnen. Im Kiel von U-864 hatten die deutschen Militärs 61 Tonnen Quecksilber verstauen lassen. Lauenstein wusste nun, dass dringend etwas passieren müsste, um eine Katastrophe zu verhindern.
Mit Edith Wetzler war er da schon so gut befreundet, dass sie ihm auch von den Tagen in Bremen erzählt hatte: Im August 1944 holt Transier sie dort am Bahnhof ab. Die beiden haben noch ein paar Tage. Es ist der verzweifelte Versuch, das Leben festzuhalten. "Seine Mutter wollte doch so gerne, dass ich noch etwas Kleines bekomme von ihrem Bub."
Im September läuft U-864 aus, nach Danzig und Stettin, dann nach Kiel. Die Verbündeten Deutschland und Japan können sich in diesem Herbst 1944 kaum noch bewegen. Immer erdrückender wird die Übermacht der Alliierten zur See. Und seit 1943 kommt kaum ein deutsches Schiff mehr nach Japan durch. Dabei hofft die Armee des Tenno verzweifelter denn je auf modernste Waffen, um die Amerikaner aufzuhalten. Wunderwaffen, wie Hitler sie angeblich hat - auch den Japanern können nur noch Wunder helfen.
Ende des Jahres funkt der japanische Marineattaché in Berlin an den Stab in Tokio, was die Deutschen in den nächsten Wochen genau vorhaben: Große U-Boote sollen sich von Kiel aus auf den Weg machen.
Das erste davon ist U-864, Codename: "Caesar".
Ein weiterer verschlüsselter Funkspruch des Attachés sagt den Japanern, was "Caesar" bringen soll: In Kiel wuchten die Militärs unter größter Geheimhaltung lange Holzkisten durch die Luken des Boots. 160 Tonnen vom Besten, was das Reich zu bieten hat. Ganz oben auf der Wunschliste der Japaner standen Konstruktionszeichnungen und komplexere Teile für die Messerschmitt Me-163, Projektname "Komet". Die "Komet" ist kein normales Flugzeug - sondern eine Rakete mit Stummelflügeln. Darauf hockt der Pilot in einer kleinen Kanzel. Mit infernalischem Geheul und bis zu 1000 Kilometern pro Stunde kann das Gerät feindliche Bomberschwärme angreifen - aber nur zehn Minuten lang, dann ist die Rakete leergebrannt.
Wesentlich ausgereifter wirkt die Messerschmitt Me-262 - der erste Düsenjäger der Welt. Die Me-262 ist derart schnell, sie könnte fast Loopings um US-amerikanische Bomber fliegen. Auch Me-262-Blau-
pausen werden in Kiel also kistenweise an Bord geschafft.
Und noch viel mehr wollen die Japaner: Quecksilber so viel wie möglich, aber auch Zeichnungen des Maschinengewehrs MG-131 und des Siemens-Radars, dazu Teile für den "Zaunkönig"-Torpedo, der Schiffe hören und dann versenken kann.
Am 5. Dezember 1944 schleicht sich U-864 aus der Kieler Förde. 57 Mann Besatzung fahren normalerweise auf IX-D2-Booten. Aber auf U-864 drängeln sich 73 Männer. Zwei deutsche Messerschmitt-Ingenieure sind etwa dabei, sie sollen die Massenproduktion der Jagdmaschinen in Japan ankurbeln - ebenso wie zwei Japaner: ein Radarexperte und ein Spezialist für Raketenantriebe.
Kapitän Wolfram lässt Kurs Nord steuern. Rund 13 000 Seemeilen liegen vor ihm bis nach Penang vor der malaysischen Halbinsel, wo die Japaner die Fracht übernehmen wollen. Wolfram ist 32 Jahre alt, aber kein sehr erfahrener Kommandant, die erfahrenen U-Boot-Kapitäne sind fast alle tot.
Vor der norwegischen Küste setzt Wolfram U-864 prompt auf Grund. Er bekommt das Boot zwar wieder flott, aber er wird nun Bergen anlaufen müssen. Jemand soll den Kiel auf Schäden untersuchen. Die U-Boot-Festung Bergen liegt tief im Gewirr der Fjorde, am Wasser steht dort ein grauer Klotz, der U-Boot-Bunker "Bruno". Wolfram wähnt sich bald wenigstens vorläufig in Sicherheit. Er ahnt nichts von einem Herrenhaus namens Bletchley Park, unweit von London, er weiß nicht, dass die Festung Bergen nun eine Falle ist.
1939 hatten die Briten in Bletchley Park einige der intelligentesten Menschen des Königreichs versammelt. Alan Turing war der wichtigste, ein begnadeter Mathematiker. Ihm zur Seite standen Wissenschaftler, aber auch erstklassige Schachspieler. Sie sollten den Code der Enigma knacken, jener Maschine, mit der die Deutschen ihre Funksprüche verschlüsselten.
Die Aufgabe galt als unlösbar, Turings Leute lösten sie. Aus einem gekaperten deutschen U-Boot konnten die Engländer eine Enigma retten. Um deren Kryptogramme zu entschlüsseln, konstruierten sie einen der ersten Computer der Welt.
Seit 1941 können die Codeknacker nun fast alle Funksprüche der Deutschen an ihre Boote mitlesen. Sie wissen, dass Wolfram kommt. Sie wissen sogar, was er alles an Bord hat. Und, dass U-864 besser nicht durchkommen sollte. Wolfram verkriecht sich im Bunker "Bruno".
Am 12. Januar, kurz nach Mittag, kommen die Bomber. Rund 30 britische Lancaster-Maschinen greifen den Bunker an. "Brunos" Betondecke ist bis zu sechs Meter dick, aber in den Flugzeugen liegen 5,4 Tonnen schwere Bunkerknacker.
Drei Bomben treffen, reißen Löcher in die Decke. Innen schwanken die Wände, Betonbrocken fliegen durch die Luft - ein paar treffen U-864, beschädigen es aber nur leicht.
Kurz zuvor hatte Wolfram sich noch im Gästebuch des Offiziersheims eingetragen. Vor seiner Unterschrift steht nicht "Heil Hitler" oder "Sieg Heil". Da steht "Rüm Hart - klar Kimming", das Motto der Friesen von der Küste: "Großes Herz - klarer Horizont". Ein großes Herz braucht Wolfram jetzt. Will er auf den Atlantik, muss er fast zwangsläufig den Weg aus dem Fjord heraus Richtung Fedje nehmen - durch die Meerenge südlich der Insel.
Und am 2. Februar verlässt das britische U-Boot "Venturer" seine Basis auf den
Shetland-Inseln. Ein Sturm wütet, als Kapitänleutnant Jimmy Launders seinen Kurs absetzt - auf die Meerenge bei Fedje.
Launders ist erst 24 Jahre alt, aber er ist einer der besten U-Boot-Kommandanten der Engländer, einer der ganz wenigen, die schon ein deutsches U-Boot abgeschossen haben. Und der einzige, der am Ende des Kriegs zwei abgeschossen haben wird.
Es gibt Menschen, die so etwas wie eine mathematische Intuition haben. Launders braucht nicht immer all die Daten zu berechnen, Durchschnittstempo, Abdrift und Tauchtiefe des Gegners, die eigene Geschwindigkeit, die Vorhaltewinkel - er fühlt die Zahlen.
"Schon nach kurzer Zeit an Bord merkte man, dass er ein außergewöhnlicher Kommandant war", sagt sein Navigator John Watson. "Er hatte ein Mathematiker-Gehirn, und er konnte all diese Informationen sehr, sehr schnell verarbeiten."
Am 5. Februar empfängt Launders einen Funkspruch. Der Stab daheim empfiehlt, sich vor Fedje zu postieren. An diesem Tag liegt U-864 seit genau einem Monat im Bunker. Wolfram weiß, dass er jetzt bald auslaufen muss, morgen schon. Er glaubt, er kann durchkommen, gegen alle Wahrscheinlichkeit. Er hofft, wie Menschen immer hoffen, bis zur letzten Sekunde. Wäre das anders, es gäbe keinen Krieg. Und U-864 ist ein gutes Boot.
Es hat nur eine schwache Stelle: Das riesige Deck erzeugt einen derart starken Sog, dass die Boote des Typs IX-D2 nicht schnell abtauchen können. Sie können überhaupt nicht schnell manövrieren, egal in welche Richtung. Jimmy Launders kleine "Venturer" wirkt daneben wie ein Spielzeug. Aber sie ist "extrem wendig, wie ein Rennwagen", sagt Navigator Watson.
Am 6. Februar gleitet "Caesar" ins tiefe Wasser der Fjorde und schleicht leise auf den offenen Atlantik hinaus. Vorbei an der "Venturer"; die Engländer hören nichts.
Doch dann geht da draußen irgendetwas kaputt, vielleicht ist es eine der Kupplungen, vielleicht ein Kompressor. Wolfram muss umkehren, er braucht Hilfe. Bergen funkt: Eine Kriegsschiff-Eskorte werde ihn bei Fedje in Empfang nehmen - wenn er bis dahin kommt. Denn die defekte Maschine macht Krach.
Bald nachdem die Mikrofone der "Venturer" das Geräusch aufnehmen, riskieren die Engländer einen weiteren blitzschnellen Blick. Und da ist es: ein anderes Periskop. Wolfram sucht wohl seine Eskorte. Offenbar fürchtete er sich, denn das Periskop fährt man nur aus, wenn man unbedingt muss.
Angespannt folgt Launders Mann an den Kopfhörern U-864. Er könnte seinen Asdic-Sender einschalten, das akustische Ortungsgerät. Es würde ihm die ungefähre Lage und Tauchtiefe sagen, Launders könnte seine Torpedos sofort abfeuern. Aber das Asdic sendet einen hellen Ton ins Wasser, ein metallisches Pling-Pling. Wolfram würde das hören, dann könnte er angreifen.
Launders schwenkt die "Venturer" auf Parallelkurs. Noch nie hat ein U-Boot ein anderes getauchtes U-Boot versenkt. Es geht eigentlich nicht, weil die Kommandanten kaum zielen können. Launders glaubt aber, dass er rechnen - und so blind treffen kann. U-864 wird in Abständen lauter und leiser: Wolfram fährt also einen Zickzack-Kurs, um kein Ziel zu bieten.
Doch Launders berechnet Wolframs Muster, es ist zu regelmäßig, ein Fehler. Der Brite muss aber aufpassen, nicht hinter U-864 zu geraten. Denn seine Leute haben die Umdrehungen der Propeller gezählt, es sind nur 170 pro Minute. Typisch für ein IX-D2-Boot. Der Feind hat also auch im Heck Torpedorohre und kann nach hinten schießen, ohne sich erst in Position manövrieren zu müssen.
Launders Lauschmann kurbelt an dem kleinen Rad, das die Mikrofone unter dem Rumpf richtet, gibt Peilungen durch. Launders rechnet, Watson zeichnet Wolframs Zickzack-Linie.
Doch für einen sauberen Schuss braucht Launders eine Entfernungsangabe. Er packt die beiden Griffe des Periskops und fährt es ganz kurz aus. Das Rohr bricht durch die Wasseroberfläche, und da sieht er an Backbord jetzt sogar zwei kleine Masten durchs Wasser pflügen: Wolfram hat auch noch das Luftziel-Periskop ausgefahren, er fürchtet Flugzeuge mit Wasserbomben. "Launders hätte mich über Bord geworfen, hätte ich das Periskop so lange oben gehabt wie der Deutsche", sagt Watson.
Wolfram aber muss sehr viel Angst haben. Und nirgendwo ist seine verdammte Eskorte zu sehen.
Es wird Zeit. Launders lässt alle vier Torpedorohre fluten, dann dreht die "Venturer" auf U-864 zu, Entfernung rund 2000 Meter. Launders gibt in genau berechneten Abständen die Kommandos ("Fire one", "Fire two").
Die Torpedos rauschen in Intervallen aus den Rohren. Mit 40 Knoten schießen sie auf U-864 zu, ihre hochdrehenden Schrauben jaulen wie Sirenen. Die Deutschen müssen sie kommen hören, einen nach dem anderen; und jeder hat über 320 Kilogramm TNT im Sprengkopf.
Launders ahnt, was Wolfram machen wird: Der Deutsche muss um 90 Grad
schwenken, um eine möglichst kleine Zielscheibe abzugeben - und um selbst feuern zu können. Und zugleich muss er vor dem kreischenden Tod nach unten ausweichen. Doch U-864 dreht und taucht quälend langsam.
Auf der "Venturer" ist es still. Die Männer zählen die Sekunden, bis die Torpedos treffen müssen. Der erste rauscht vorbei, der zweite detoniert an den Felsen von Fedje, der dritte verschwindet irgendwo in der Dunkelheit. Nur den vierten hat Launders so gezielt, dass er U-864 im langsamen Ausweichmanöver treffen muss. Erst ist da diese gewaltige Explosion des Sprengkopfs, dann "ein knisterndes Geräusch, als würde man eine Streichholzschachtel in der Faust zerquetschen", sagt ein Torpedomann der "Venturer": U-864 zerbirst.
Vorsichtig fährt Launders hinüber, wo sich nun ein gelber Ölfleck über die kleinen Wellen legt. Im Öl treibt irgendein Transportbehälter.
Nachdem Lauenstein Jahrzehnte später genau diese Stelle wiedergefunden hat, alarmiert er das norwegische Umweltministerium, die Küstenwache. Er sagt den Norwegern, dass sie 61 Tonnen Quecksilber vor der Küste haben. Es dauert, bis die Behörden ihn ernst nehmen. Ein Peilschiff bestätigt die Position des Wracks, auf dessen Sonar ist das Wrack klar zu erkennen.
Launders Torpedo traf mittschiffs, in die Zentrale, wo Kapitän Wolfram verzweifelt auf die Eskorte wartete. Und deshalb liegen da unten nun zwei fast gleichgroße Teile. Das Heck ragt steil auf, weil es sich in den Schlamm gebohrt hat. Die Bugsektion liegt 40 Meter weiter.
Dann taucht ein Roboter zu U-864 hinunter. Er holt Bodenproben hoch. Sie sind schon derart verseucht, dass die Fischer in der Region nun nichts mehr fangen dürfen.
Das Wrack zu bergen scheint vielen norwegischen Experten zu gefährlich, alles könnte zerbröseln. Deshalb will die Regierung U-864 in einem Sarkophag begraben - aus 300 000 Tonnen Sand, Stein oder Beton. Zwölf Millionen Euro könnte der Bau in 150 Meter Tiefe kosten.
Das wäre dann auch Willi Transiers Grab. Seinen Grabstein hat Edith Wetzler kürzlich zum ersten Mal in Heikendorf bei Kiel gesehen, sie wusste ja lange nicht, dass es diesen Ort gibt. Dort wurde eine lange Mauer aus Tafeln in die Erde eingelassen. Und auf den Tafeln stehen die 30 003 Namen der im Zweiten Weltkrieg gefallenen U-Boot-Männer, auch der Name Transier.
Wetzler hat jetzt einen Platz, wo sie Blumen ablegen kann. Es ist ein guter Ort für so etwas. Das Ehrenmal liegt an der engsten Stelle der Kieler Förde. U-864 passierte damals Heikendorf auf dem Weg nach Fedje. "Es war doch völlig sinnlos", sagt Lauenstein.
MARC BRASSE, CLEMENS HÖGES, KARL VANDENHOLE
* Aus der ZDF-Dokumentation "Operation Caesar - Jagd auf U-864", Sonntag, 11. Februar, 19.30 Uhr.
* Mit einem Bild ihres Verlobten Transier, mit einem Quecksilber-Behälter.
Von Marc Brasse, Clemens Höges und Karl Vandenhole

DER SPIEGEL 6/2007
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