05.02.2007

Geile Gleise

Ortstermin: Auf der Spielzeugwarenmesse in Nürnberg zeigen sich die Hersteller offen für moderne Zeiten.
Auf den ersten Blick ist alles in Ordnung in der Modelleisenbahnwelt, Deutschlands letztem Idyll. Die Züge rollen vorbei an Fachwerkseligkeit, Balkonkastenglühen und Bauernglück. Es röhrt der Hirsch im Tann, es leuchten die Äpfel so rot, und auf den Bahnsteigen stehen freudige Menschen, die nichts anderes kennen als pünktliche Züge und geglücktes Leben. So ist es auf der Spielwarenmesse in Nürnberg zu besichtigen.
In Halle 4 A haben die Modellbahnfirmen ihre Landschaften aufgebaut, in denen man Trost findet, weil alles schöner ist als im wahren Leben. Aber diese Firmen sind nicht blind für die Zeitläufe, es gibt vorsichtige Anpassungen an die Gegenwart. Bei Faller ist das, was mal das Wirtshaus an der Ecke war, jetzt eine Dönerbude, und die Heuballen sind, leider, in weißes Plastik gepackt wie auf den echten Feldern auch.
Märklin nimmt politische Entwicklungen auf und hat eine Reihe mit Militärfahrzeugen der Bundeswehr entwickelt, genannt "4MFOR". So kann der Modelleisenbahner künftig zu Hause "Leopard", "Dingo" und "Fennek" für Auslandseinsätze verladen. Auf der Messe wird dafür mit jungen Frauen geworben. Sie tragen olivgrüne T-Shirts, kurze Röcke, hohe Stiefel und Netzstrümpfe.
Vielleicht ist das ein augenzwinkerndes Spiel mit dem Klischee vom Modellbahnfreund, von dem gern angenommen wird, dass seine Gedanken am Trafo auch mal Richtung Abgrund schweifen. Aber Netzstrümpfe sind ja dann doch nur nett und harmlos und ändern nichts daran, dass ein Rundgang durch Halle 4 A reinigend wirkt auf die Seele. Zunächst jedenfalls.
Bei Preiser, einem Hersteller der Püppchen, von denen die Modellbahnwelten adrett bevölkert werden, gibt es neuerdings eine Gruppe "Open Air Konzert". Zu der zählt auch ein Mädchen, das seine Brüste entblößt. Bei der Firma Merten hat man sechs nackte Frauen zu einer Gruppe mit dem harmlosen Namen "Am FKK-Strand" versammelt. Allerdings posieren sie so, als sei gerade ein Fotograf vom "Playboy" zugegen.
Merten stellt in Nürnberg auch die Gruppe "Nightlife" vor, bei der eine Kellnerin eine Schürze und halterlose Strümpfe trägt, viel mehr aber nicht. Zwei andere Frauen, die ähnlich leicht bekleidet sind, tanzen um Stangen herum. Die Firma Busch bietet eine Szenerie an, die man "Razzia im Puff" nennen könnte. Rund ein Dutzend nackter Frauen steht vor einem dieser wunderschönen Modellbahnwelthäuser und wird von Polizisten überprüft. Aus dem Hintereingang flieht der Pfarrer.
Viessmann zeigt eine Neuheit, die "Sexy Liebespaar, bewegt" heißt. Ein Mann und eine Frau haben Geschlechtsverkehr auf einer roten Decke, Missionarsstellung. Der Mann bewegt seinen Hintern und braucht dafür 14 bis 16 Volt, Gleich- oder Wechselspannung.
Irgendwie hat man allmählich in Halle 4 A doch das Gefühl, dass sich etwas ändert in der deutschen Modellbahnszene.
So steht man, misstrauisch geworden, vor der großen Landschaft von Fleischmann. Wieder so eine geputzte Welt, schöne Häuser, schöne Wälder, schöne Menschen. Ein Witzbold hat einen Hirsch so plaziert, dass er ein Reh besteigt.
Der übliche Scherz. Hat man als Kind auch gern gemacht. Aber dort im Gebüsch, hockt da nicht ein Soldat, der seine Bazooka auf die blaue Zahnradbahn richtet? So ist es wohl.
Von einem Hügel stürzt ein Wanderer, gejagt von einem Yeti, in den Abgrund. Schwerbewaffnete Polizisten verhaften auf dem Bahnhof eine Gruppe von Ausländern, darunter eine Frau mit Kopftuch und eine Schwarze. Vor der Metzgerei "Boggensags" wird gleich ein Pferd mit einem Hammer erschlagen. Im metallverarbeitenden Betrieb daneben hat sich ein Arbeiter einen Arm abgerissen. Viel Blut. Derweil pisst ein Mann gegen eine Mauer, eine Frau schaut ihm nicht ungern dabei zu. Auf dem Bahnsteig steht ein Koffer, mutterseelenallein. Wird er gleich explodieren?
Ist dies noch Halle 4 A? Ist dies die Spielwarenmesse in Nürnberg? Ist dies der Stand von Fleischmann?
Die Züge sausen freundlich dahin, Baureihe 003, Baureihe 078, ein ICE. Sie können inzwischen sehr schön Eisenbahngeräusche imitieren. Die Bremsen quietschen, ächzend reibt sich Metall an Metall.
Am Fluss tummeln sich Badegäste. Ein nackter Mann, stark gebaut und schwer erregt, lässt sich im Stehen einen blasen. Seine Arme sind gereckt, er ist erstarrt im ewigen Orgasmus. Die Frau, die ihm dieses öffentliche Glück verschafft, sitzt auf einer Luftmatratze und trägt einen Strohhut.
Oben auf der Burg hat eine Gruppe von Seesoldaten eben einen Mann gehenkt. Eine Kolonne schwarzer Limousinen, wie sie für Politiker typisch ist, fährt gerade den Burghügel hinab.
Was ist los? Was ist passiert? Was will uns Fleischmann mit alldem sagen?
Es gibt nur eine Erklärung: Es war kein Trost mehr, in den idyllischen Welten zu spielen, weil danach die echte Welt noch miserabler wirkte.
Fleischmann dreht die Sache jetzt um. Wer ein paar Stunden in der Schreckenswelt der Nürnberger Messe gespielt hat, kehrt dann freudig in den Alltag zurück.
Das ist die gute Nachricht von der Spielwarenmesse: Wir leben doch in der besten aller Welten. DIRK KURBJUWEIT
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 6/2007
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