05.02.2007

USA

Irak, zum Zweiten

Von Mascolo, Georg

Unbeirrt hält Präsident Bush am Kollisionskurs gegenüber dem Teheraner Mullah-Regime fest. Während selbst Parteifreunde ihn zum Dialog auffordern, beharrt er auf einem Regimewechsel in Iran und nimmt in Kauf, dass die Geschichte sich zu wiederholen scheint.

Senator John Rockefeller ist ein besonnener Mann, kein Scharfmacher, sondern einer, der die leisen Töne liebt. Der Urenkel des legendären Ölkrösus ist Vorsitzender des Geheimdienstausschusses im Washingtoner Senat und damit zuständig für die Genehmigung verdeckter Kommandoeinsätze, Umsturzpläne und Sabotageaktionen der CIA. Das macht den Demokraten zu einem der bestinformierten Männer in der US-Hauptstadt, und genau deshalb löste jetzt ein einziger Satz des Insiders ein kleines politisches Erdbeben aus: "Ich habe die Sorge, dass sich hier gerade der Irak wiederholt." Rockefeller sprach über den amerikanischen Konfrontationskurs mit Iran.

Rüstet George W. Bush wirklich für den dritten Krieg seiner Amtszeit, wie es Rockefellers Warnung nahelegt? Jeder Tag bringt neue, beunruhigende Nachrichten - der Präsident hat Schießbefehl erteilt, US-Soldaten dürfen iranische und syrische Hintermänner im Irak künftig töten. Das Pentagon streut den Verdacht, dass es Agenten Irans waren, die in der vorvergangenen Woche fünf Soldaten auf einer US-Basis in Kerbela erschossen. Der Flugzeugträger USS "Stennis" ist auf dem Weg in den Golf. Ein Schwesterschiff, die USS "Eisenhower", kreuzt bereits vor Ort. Von "Kriegsschiff-Diplomatie" spricht der republikanische Senator John Warner. Sogar Abgeordnete der Präsidenten-Partei wollen jetzt eine Resolution unterstützen, die Bush zwingt, vor jeder Ausweitung des Konflikts die Zustimmung des Kongresses einzuholen.

Das Weiße Haus wiegelt ab, es gehe darum, die Mullahs einzuschüchtern. "Wir planen keinen Krieg gegen Iran", versicherten Bush und sein Verteidigungsminister Robert Gates vergangene Woche. Die schrillen Töne sollen Teheran nur dazu zwingen, das Nuklearprogramm einzustellen und die von den USA behauptete massive Waffenhilfe für schiitische Milizen und Todesschwadronen im Irak zu beenden. "Iran muss lernen, uns zu respektieren", droht Nicholas Burns, Staatssekretär im Außenministerium.

Da Teheran jedoch versucht, seinen Einfluss im Nachbarland zu vergrößern, zeichnet sich eine Kraftprobe zwischen der angeschlagenen Supermacht und dem wiedererstarkten Golfstaat ab. Dass iranische Agenten tatsächlich im irakischen Bürgerkrieg mitmischen, wird allenfalls von Teheran bestritten. Auch deswegen warnte ein US-Militär in der vergangenen Woche: "Ein einziger Fehler, und wir sind in der gleichen Lage wie 1914."

Noch droht kein Weltkrieg wie vor 93 Jahren, aber längst gibt es viele Parallelen zu der Zeit, als die US-Regierung zum Krieg gegen den Irak drängte: Wie damals dämonisieren die Amerikaner ihre Gegner, ohne eindeutige Beweise für deren Untaten auf den Tisch zu legen. Vorigen Donnerstag verschob Washington die Vorlage eines seit Wochen angekündigten Dossiers über die Aktivitäten der Iraner im Irak.

Das beängstigendste Déjà-vu sind derzeit die Aktivitäten einer Gruppe von Exil-Iranern, die seit Wochen im Außenministerium, auf den Fluren des Weißen Hauses und in dem geheimnisvollen Iran-Büro des Pentagon auftauchen. Sie erklären sich selbstbewusst zu Vertretern der iranischen Opposition und in ihren Aktenkoffern stecken dicke Dossiers mit immer neuen Details über Teherans subversive Aktivitäten im Irak.

So hätten Irans Revolutionswächter schon ein irakisches Hauptquartier in Nadschaf errichtet. Der Bush-Regierung haben sie geheime Dokumente einer Gruppe von Physikern der Universität Teheran versprochen - angeblich der unwiderlegbare Beweis dafür, dass Präsident Mahmud Ahmadinedschad die Bombe bauen lässt. Darüber hinaus besitzen sie angeblich eine Liste mit 30 000 Namen von irakischen Polizisten, hochrangigen Militärs und Politikern, die auf Teherans Lohnliste stehen sollen.

In Washington sind die iranischen Tschalabis unterwegs. Es sind Männer, die - wie einst vor dem Irak-Krieg der verurteilte Bankrotteur Ahmed Tschalabi und sein berüchtigter Irakischer Nationalkongress - versuchen, den ohnehin schon gefährlichen Konflikt weiter zu schüren. Sie füttern die Bush-Administration mit nicht überprüfbaren und oft zweifelhaften Informationen. Sie werben für eine noch härtere Gangart gegenüber Teheran, und sie versprechen, auch das klingt sattsam bekannt, Jubelchöre und Rosenblüten für die amerikanischen Befreier.

Es sind Männer wie Amir Fakhravar, der seine Gäste humpelnd am Fahrstuhl abholt. "Mein Knie schmerzt noch immer von den Folterungen", sagt der ehemalige Medizinstudent zur Begrüßung und stützt sich schwer auf einen schwarzen Gehstock. Er nennt sich Sekretär der Unabhängigen Iranischen Studentenbewegung, und er ist der neue Star der iranischen Opposition in Washington. Erst seit Mai ist er in der Stadt, einen Auftritt vor dem Senat, ein Treffen mit Ex-CIA-Chef James Woolsey und Spitzenbeamten des Pentagon hat er schon hinter sich. "Ich liebe Amerika", jubelt Fakhravar, "hier hört man mir zu."

Dass er der neue Tschalabi sein könnte, hört er nicht gern. "Ich verbitte mir den Vergleich", sagt Fakhravar, 31, und schaut ziemlich beleidigt. "Der hat keinen einzigen Tag im Gefängnis gesessen."

Zumindest einen gemeinsamen Freund haben die beiden. Richard Perle, der Vordenker des Irak-Kriegs und eifrigster Förderer Tschalabis, hat auch Fakhravar unter seine Fittiche genommen. Gleich nach dessen Haftentlassung und Ausreise im April 2006 trafen sich die beiden in einem Hotel in Dubai, der Neocon lotste Fakhravar nach Washington. Ist der "Fürst der Finsternis", wie ihn US-Medien nennen, sein Türöffner in Washington gewesen? Fakhravar lächelt sanft: "Für mich ist er der Fürst des Lichts."

Fakhravars Zentrale für den Umsturz in Teheran besteht aus zwei engen Zimmern in einem Wohnblock hinter dem Kapitol. Er behauptet, einer der Hintermänner des Studentenaufstands von 1999 gewesen zu sein, der bislang mächtigsten Revolte gegen das Mullah-Regime. Jetzt beteuert er, einen neuen Aufstand an den Universitäten organisieren zu können, und fordert Unterstützung: "Wir brauchen Telefone, Kameras und Computer."

Geld ist genügend da. 85 Millionen Dollar hat die Bush-Administration allein

im vergangenen Jahr offiziell für das Projekt Regimewechsel bereitgestellt, das meiste ging bisher an Voice of America und Radio Farda, die Programme auf Persisch senden. Wie im Fall von Tschalabis Irakischem Nationalkongress soll aber inzwischen auch die CIA großzügig Dollar verteilen. In Dubai, London und Frankfurt am Main sind bereits Iran-Experten der USA stationiert - immer auf der Suche nach Revolutionstalenten wie Fakhravar. Fast sieht es so aus, als gäbe es einen Plan B der Bush-Regierung: Wenn sich der Bau einer iranischen Bombe nicht mehr verhindern lässt, soll sie zumindest nicht in den Händen der Mullahs bleiben.

Prominente Strategen wie James Baker, Außenminister bei Bush senior, und selbst Bushs Parteifreund Henry Kissinger haben das Weiße Haus ermahnt, sich endlich von solchen Umsturzversuchen zu verabschieden. Solange die anhielten, sei kein Regime zu ernsthaften Verhandlungen bereit. Fakhravar findet dagegen die Anstrengungen der Amerikaner viel zu halbherzig. "Verhandlungen mit den Mullahs würden die iranische Jugend tief enttäuschen", behauptet er, "wir müssen endlich offen auf den Regierungswechsel setzen." "Regime change" ist einer der ersten englischen Begriffe, den der Iraner gelernt hat.

Bleibt allerdings die Frage, wer der talentierte Mr Fakhravar wirklich ist. In Washington wollen Gerüchte nicht verstummen, er sei ein gewöhnlicher Krimineller, der erst im Teheraner Evin-Gefängnis Kontakt zu Studentenführern geknüpft habe. Der Politikprofessor Vali Nasr, einer der besten Iran-Kenner in den USA, nennt seine Geschichte "kompletten Betrug, niemand kennt ihn".

In einem Bürogebäude an der Pennsylvania Avenue, halbwegs zwischen Kongress und Weißem Haus, residiert ein weiterer iranischer Oppositioneller, an dessen Widerstandskarriere allerdings keine Zweifel bestehen. "Herr Dschaafarsade verspätet sich leider", sagt eine Sekretärin, die die Tür zu der Bürosuite in teuerster Lage öffnet. Das kommt oft vor in diesen Tagen, er ist viel beschäftigt. Sein Buch über die "Bedrohung Iran" wird gerade ausgeliefert, dem rechten Fernsehsender Fox gibt er Interview um Interview und beschwört die unvermeidliche Konfrontation.

Aliresa Dschaafarsade, 50, ist berühmt, seit er im August 2002 auf einer Pressekonferenz in Washington die Existenz der geheimen Urananreicherungsanlage in Natans enthüllte und damit den Streit um das iranische Nuklearprogramm auslöste. Eigentlich müsste er der Bush-Administration als Held gelten. Aber zumindest offiziell ist er noch immer Persona non grata.

Denn Dschaafarsade gilt als Botschafter der iranischen Volksmudschahidin in Washington, jener ursprünglich von einem kruden Ideologie-Mix aus Marx und Mohammed angetriebenen Kämpfertruppe, die in Amerika und Europa auf der Liste der terroristischen Organisationen steht. Ernsthafte Oppositionelle mischen sich dort mit ideologischen Wirrköpfen. Ihre 5000 Soldaten haben früher blutige Anschläge gegen iranische Vertretungen in aller Welt verübt, im iranisch-irakischen Krieg zwischen 1980 und 1988 kämpften die Erzfeinde der Mullahs sogar auf Seiten Saddam Husseins. Seit dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak sitzen Tausende entwaffneter Kämpfer im Militärlager Aschraf fest, 120 Kilometer nordöstlich von Bagdad. Dschaafarsade will sie den Amerikanern als Hilfstruppe zur Verfügung stellen.

Terroristen als Verbündete in Bushs Krieg gegen den Terrorismus? Dschaafarsade lächelt: "Die Zeiten sind gut für uns, es ist unglaublich, wie viel Unterstützung wir bekommen." Ihre Anführer hoffen, bald von den Terrorlisten gestrichen zu werden.

Viele Details über die angebliche Verwicklung iranischer Agenten in Anschläge auf US-Einheiten im Irak kommen aus dieser Quelle. So hat Dschaafarsade auf einer Pressekonferenz behauptet, dass im Grenzort Schalamtsche jeden Monat Millionen Dollar an iranische Revolutionswächter übergeben würden, die diese dann an schiitische Milizen und Todesschwadronen verteilten. Auch die Behauptung, dass die iranische Organisation für die Renovierung heiliger Stätten im Irak in versiegelten Containern Waffen in den Irak schmuggle, stammt von ihm. Allerdings: Unabhängige Bestätigungen dieser Vorwürfe gibt es bis heute nicht.

Eigentlich sollten die bitteren Erfahrungen der Amerikaner mit dem Krieg gegen Saddam Hussein verhindern, dass sich die Nation noch einmal von Überzeugungstätern in einen Krieg ziehen lässt. Doch Bush lässt sich nicht beirren. Er setzt auf den Einfluss der iranischen Opposition und erinnerte vorige Woche seine Landsleute daran, "dass es eine sehr große Exilanten-Gemeinde gibt, die in Verbindung mit ihrer Heimat steht".

Und so liegt ein Hauch von Geisterbahn über Washington: Vor dem Irak-Krieg hatte das Pentagon von einer Armee von Exilanten geträumt, die in Bagdad einmarschieren sollte. Ihr Anführer Tschalabi ist wohl noch heute der Meinung, einer der entscheidenden Fehler der Amerikaner sei es gewesen, zu wenig Exil-Patrioten als Kämpfer angeworben zu haben.

Das will sich das Pentagon offenbar nicht zweimal sagen lassen: Die angesehene Politik-Zeitschrift "Congressional Quarterly" berichtete, das Verteidigungsministerium rekrutiere in Aschraf bereits Mudschahidin, die in Iran Ziele für Luftschläge elektronisch markieren sollen. Die Angeworbenen würden von Israel mit einer neuen iranischen Identität ausgestattet - damit die Regierung von Präsident Bush weiterhin behaupten kann, sie würde niemals Terroristen anheuern.

Eines ist heute allerdings anders als vor dem Marsch auf Bagdad: Wie zahlreiche andere amerikanische Medien auch zeigte die "New York Times" damals viel Verständnis für den Irak-Krieg. Das ist aufgebraucht. Vorigen Donnerstag warnte sie: "Wenn Herr Bush nicht aufpasst, könnte er in einen weiteren verheerenden Krieg schlittern. Und wenn der Kongress ihm diesmal nicht klar widerspricht, könnte er das ganze Land mit hineinziehen." GEORG MASCOLO


DER SPIEGEL 6/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 6/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

USA:
Irak, zum Zweiten