05.02.2007

Zur letzten Runde

Sylvester Stallone bringt mit der sechsten Folge seiner Rocky-Saga eine fast vergessene Film-Ikone zurück in den Ring. Konnte das gutgehen? / Von Jan Philipp Reemtsma
Reemtsma, 54, ist Literaturwissenschaftler und Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Von ihm stammt eines der aufschlussreichsten Bücher über Muhammad Ali: "Mehr als ein Champion. Über den Stil des Boxers Muhammad Ali" (1995), in dem auch eine ausführliche Interpretation des Rocky-Stoffs zu finden ist.
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Dass Sylvester Stallone nun den sechsten Teil seiner Rocky-Filme präsentiert, ist in vielerlei Hinsicht beachtlich; besonders interessant wird es aber, wenn man diesen Film als technisch narratives Problem betrachtet: Die fünf vorausgegangenen Rocky-Filme bildeten eine geschlossene Einheit. Man könnte sagen, die Saga war zu Ende erzählt. Ein sechster Teil schien weder notwendig, um die Geschichte abzuschließen, noch eigentlich überhaupt möglich. Also warum?
Um diese Frage zu beantworten, muss man sich noch einmal erinnern, wie alles anfing: Ein unbekannter, erfolgloser amerikanischer Schauspieler mit italienischem Namen - Sylvester Stallone - hat die Idee seines Lebens. Er denkt sich die Figur eines unbekannten, erfolglosen Boxers mit italienischem Namen aus - Rocky Balboa -, der die Chance erhält, gegen den amtierenden Schwergewichtsweltmeister, einen Schwarzen mit dem merkwürdigen Namen Apollo Creed, zu boxen, und es wirklich schafft, 15 Runden durchzuhalten.
Aus dieser Idee macht Stallone ein Drehbuch und bietet es Filmgesellschaften an. Das Problem: Er selbst will die Hauptrolle spielen und macht dies zur Bedingung, die schließlich akzeptiert wird.
Der Film kommt in die Kinos und wird ein Riesenerfolg, auch wegen der sehr guten schauspielerischen Leistung Sylvester Stallones. Zudem erhält der Film drei Oscars bei zehn Nominierungen. Das war vor über dreißig Jahren, 1976.
Mit "Rocky" wurde Stallone über Nacht zu einem weltweit bekannten Schauspieler, und mit keiner Rolle dürfte er sich so identifiziert haben wie mit diesem Rocky Balboa, der den Kampfnamen "der italienische Hengst" trägt, was sich im englischen Original weitaus besser anhört - "The Italian Stallion" -, zumal darin "Stallone" anklingt. Kein Wunder, dass Stallone von der Figur nicht lassen mochte (sehen wir von den finanziellen Reizen einmal ab).
Nur leider war die Geschichte eben zu Ende erzählt. In den ersten vier Teilen ist Rocky durch diverse Krisen gegangen, aber auch von Triumph zu Triumph geeilt, und nachdem er sogar seinen Teil dazu beigetragen hatte, den Kalten Krieg zu beenden, landete er nach allerlei Missgeschicken zu Beginn des fünften Teils dort, wo er begonnen hatte: in einem miesen Viertel von Philadelphia. Dieser Teil war als Abgesang auf eine Figur zu lesen, in die ihr Erfinder nach und nach viel Narziss-mus investiert hatte; gleichzeitig war es das Signal, dass nun Schluss sein sollte.
Nun haben wir in den letzten Jahren ein paar Versuche gesehen, eine Figur dadurch filmisch zu beleben, dass man ihre Vorgeschichte erzählt - "Batman Begins" etwa oder jüngst "Casino Royale". Man braucht für solche Filme aber in der Regel einen neuen Schauspieler und vor allem eine plausible Geschichte-vor-der-Geschichte. "Rocky" aber ist nichts ohne Stallone, und Stallone ist mittlerweile 60. Und eine plausible Vorgeschichte gab es auch nicht, da der erste Teil der Rocky-Saga diese Vorgeschichte bereits ist. Was tun?
Stallone löst das Problem, indem er einen Film dreht - er heißt übrigens nicht etwa "Rocky VI", sondern nach des Helden vollem Namen "Rocky Balboa" -, in dem er nostalgisch auf alle fünf Teile zurückblickt. Das Apropos ist der Tod von Rockys Frau Adrian, an deren Grab wir ihn zu Beginn des Films auf einem Klappstuhl sitzen sehen: ein alter Mann auf dem Friedhof.
Dann sehen wir ihn ziellos durch sein - inzwischen noch weiter heruntergekommenes - Viertel ziehen, vorbei an der Trainingshalle, wo alles angefangen hat, vorbei an der Zoohandlung, in der er Adrian kennenlernte. Die Scheiben sind zerbrochen, Staub überall. Hatte Rocky im ersten Teil zwei Schildkröten, die er Ali und Frazier nannte, so hat er jetzt wieder zwei - oder sind es dieselben, brav mit ihm gealtert?
Wenn damals frühmorgens sein Wecker klingelte, er leise aufstand, um seine Frau nicht zu wecken, er seinem Kind noch rasch ein Fläschchen machte, um dann zu einem Trainingslauf aufzubrechen, dem sich die Kinder des Viertels jubelnd anschlossen, so liegt er heute allein im Bett,
und auch sonst ist niemand mehr da. Er betreibt ein kleines Restaurant, die Wände bedeckt mit den Fotos seiner Kämpfe, und unterhält seine Gäste mit Geschichten, die ihren Höhepunkt in Sätzen finden wie: "Und dann kam ich aus der Ecke und bin auf meinen Gegner losmarschiert ...". Doch das Interesse der Gäste an solcher Unterhaltung scheint begrenzt. Und weil Rocky nicht weiß, was er mit sich und seinem Leben, das eigentlich vorbei ist, anfangen soll, tut er, was so mancher alternde Boxer in Wirklichkeit auch tut: Er fängt das Boxen wieder an. Kann das - auch als Film - eigentlich gutgehen?
Wie im ersten Teil erhält Rocky das Angebot, gegen den Weltmeister zu kämpfen. Nicht um die Meisterschaft, nur ein Schaukampf. Man sieht: Alles wie gehabt, nur ist diesmal alles in depressive Farben getaucht. Stallone wollte einen endgültigen Abgesang drehen - und das gelingt ihm. Er zeigt, wie im ersten Teil, dass er ein guter Schauspieler sein kann, wenn es das Drehbuch hergibt. Das hat jetzt aus dem Rocky-Stoff fast alle Egomanie und allen Narzissmus herausgenommen; die Erkenntnis, dass der Film nur so gelingen konnte, ist Stallone hoch anzurechnen.
Dennoch gibt es ein Schema der Rocky-Filme, das eingehalten werden muss, und hier, denkt man, muss das Konzept dieses Films scheitern. Zu diesem Schema gehört, dass im Zentrum der zweiten Hälfte eines Rocky-Films stets ein mit aufpeitschender Musik unterlegtes, dramatisches Trainingsprogramm steht, bevor es dann in den Kampf geht: Wie soll sich die düstere See-
le Rocky inmitten dieser düsteren Landschaft dazu aufraffen? Außerdem muss Rocky zuvor in einer Krise stecken, und Adrian muss ihn herausholen.
Doch Adrian ist tot. Ihr Ersatz taucht in Form einer jungen Frau auf, die Rocky als Mädchen aus einer Clique rauchender Teenager herausgeholt und nach Hause gebracht hat. Diese Frau ist jetzt Barkeeperin, sie erkennt Rocky wieder und freundet sich zögerlich mit ihm an. Sie macht ihm Mut, das Training beginnt wie eh und je mit Gewichtheben, Liegestützen, der Arbeit am Sandsack und ferner einem Einfall aus dem ersten Teil, in welchem Rocky in einer Kühlhalle gegen aufgehängte Rinderhälften schlägt. Am Ende steht der obligate Dauerlauf - bloß sind diesmal keine jubelnden Kinder dabei, sondern bloß ein Hund, der hinter ihm hertrabt.
Schon im ersten Teil hatte Rocky einen Hund, der aus Adrians Tierhandlung stammte; der neue ist aus dem Tierheim. Das ist ein ziemlich guter Einfall, denn der Hund zieht die depressive Stimmung aus der ersten Hälfte des Films in die zweite hinüber, in der es eigentlich schemagemäß dem Triumph entgegengehen müsste.
Schließlich boxt Rocky, und wir sehen tatsächlich einen zwar gut trainierten, aber alten Mann, der im Grunde älter aussieht als manch anderer Durchschnittssechzigjähriger. Rocky boxt schlecht, aber - der Kreis zum ersten Film muss sich nun mal schließen - er besteht den Kampf. Er wird niedergeschlagen, steht aber unter Aufbietung aller Willenskraft wieder auf und verlässt unter dem Jubel der Menge die Halle. Das Urteil - der andere gewinnt knapp nach Punkten - interessiert ihn nicht mehr.
Aber Stallone hatte noch ein Problem zu lösen. Die Rocky-Saga war immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Mythos Muhammad Ali. Die Idee zum ersten Film war der Realität entnommen: Ali hatte gegen einen mediokren weißen Boxer gekämpft, der sich besser als erwartet geschlagen hatte, und Rockys Gegner im ersten Film, Apollo Creed, ist eine Muhammad-Ali-Parodie: ein schwarzer Boxer mit großer Klappe, der auf sein Aussehen stolz ist und (anders als Ali) so tut, als repräsentiere er Amerika. Doch das wahre Amerika wird repräsentiert vom aufstrebenden Italo-Amerikaner, der ganz auf sich allein gestellt ist.
Im dritten Teil jedoch änderte Stallone plötzlich das Image von Apollo Creed, als wolle er Abbitte leisten. Jetzt repräsentiert ein neuer böser schwarzer Boxer, der Rocky zunächst besiegt, das falsche Amerika; das gute Amerika aber sind Rocky und Apollo zusammen, und Rocky lernt von Creed, leichtfüßig und schnell zu boxen wie Ali in seinen jungen Jahren.
Im vierten Teil wird das gute Amerika in seiner Verkörperung aus Apollo/Ali dann von einem Russen zu Tode geprügelt, doch Rocky übt Vergeltung. Allerdings entwickelt er in "Rocky V" das Alische Händezittern, und dieser neurologische Befund, von dem die Rede ist, findet sich so auch in der wichtigsten Ali-Biografie. Der sinistre Boxpromoter in dem Film, kenntlich durch seine merkwürdige Frisur, soll Don King sein, den man dafür verantwortlich machte, dass Ali weiterboxte, obwohl der Ringarzt abriet. Rocky schlägt den Promoter auf der Straße nieder, und so wird Don King wenigstens im Film symbolisch bestraft.
Wie sollte nun dieses Ali-Hintergrundmotiv weitergeführt werden? Auch dafür ließ sich Stallone etwas einfallen. Rocky beschließt, wieder zu boxen, als er im Fernsehen eine Computersimulation eines Kampfes des amtierenden Weltmeisters gegen den - allerdings jungen - Rocky Balboa ansieht, bei dem der junge Rocky siegt. Einen solchen "Computer-Kampf" hat es tatsächlich gegeben: Muhammad Ali gegen den früheren Weltmeister italienischer Herkunft, Rocky Marciano, von dem Rocky Balboa seinen Vornamen hat. Marciano gewann diesen Kampf. Und nun, im sechsten Teil der Saga, verliert der alte Kämpe Balboa gegen den jungen schwarzen Weltmeister, der übrigens boxt wie der junge Muhammad Ali.
Es ist der Abgesang nach dem Abgesang, der Abspann nach dem Film sozusagen, und eigentlich hätte das nicht gelingen können. Es ist aber, letztlich, doch gelungen. Man ist den ganzen Film hindurch skeptisch, man lauert auf Fehler und Peinlichkeiten, doch man verlässt ihn mit dem Gefühl: gekonnt! Der Film ist in den USA bereits ein Kassenerfolg, und das ist Stallone zu gönnen. Er hat einen eigentlich unmöglichen Film gedreht, aber bei allem Respekt, nun ist bitte wirklich Schluss.
* Noch als Cassius Clay beim K.-o.-Sieg gegen Sonny Liston 1965.
Von Jan Philipp Reemtsma

DER SPIEGEL 6/2007
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