12.02.2007

BÜROKRATIEKeine Hilfe für deutsche „Wolfskinder“

Das Schicksal von rund hundert in Litauen lebenden Deutschen beschäftigt den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags. Die auch als "Wolfskinder" bekannte Gruppe erbat soziale Unterstützung - übereinstimmend lehnten drei Ministerien jedoch aus formalen Gründen jedwede Hilfe ab. Schätzungsweise 5000 elternlose deutsche Kinder hatten sich zwischen 1944 und 1947 in litauischen und ostpreußischen Wäldern in Rudeln (deshalb "Wolfskinder") durchgeschlagen. Sie lebten noch Jahrzehnte bei litauischen Familien mit einer falschen Identität. Heute beziehen sie Renten zwischen 28 und 200 Euro im Monat. Bis 2005 ließ das Bundesinnenministerium jedes Jahr Weihnachtspakete an die Hilfsbedürftigen schicken. Mit dem EU-Beitritt Litauens stoppte die Behörde die Lieferungen. Sozialhilfe könne seit 2005 nicht einmal ausnahmsweise an die früheren Flüchtlinge im Baltikum gezahlt werden, argumentiert das Ministerium für Arbeit und Soziales. Schließlich ginge es den Deutschen nicht schlechter als den Litauern, und Sozialhilfe dürfe nicht "zu einer materiellen Besserstellung im Vergleich zu den Mitmenschen der Wolfskinder führen". Auch das Auswärtige Amt bekräftigte, "bei einem Verbleib in Litauen ist eine Gewährung von Sozialhilfe nicht möglich". Aber die betagten Leute wollen oder können nicht nach Deutschland: "Alte Bäume verpflanzt man nicht, sie gehen ein", schrieb die Vorsitzende des Vereins Edelweiß-Wolfskinder in Vilnius, Luise Quitsch-Kazukauskiene, nach Berlin, "nur wenige von uns sprechen noch Deutsch. Viele sind alt und gebrechlich." Immerhin könnte die Gruppe ihr "Vereinsleben pflegen", schrieb das Bundesinnenministerium, und "kostenlos Veranstaltungen und Versammlungen" in der mit deutschen Geldern unterstützten Begegnungsstätte in Klaipeda durchführen. Jedoch werde die Förderung der deutschen Minderheit im Baltikum "voraussichtlich 2008 auslaufen".

DER SPIEGEL 7/2007
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