12.02.2007

RUSSLANDDas Schweigen der Scanner

Die Aufklärung des Giftmordes am Ex-Geheimdienstler Alexander Litwinenko stagniert. Selbst um die Spur des radioaktiven Poloniums kümmert sich Moskau nicht.
Die Wissenschaftler des Kernforschungszentrums Dubna waren einmal so gut, dass ihnen zu Ehren das Element 105, das sie für die Welt entdeckten, den Namen Dubnium erhielt.
Dubna ist eine Kleinstadt 110 Kilometer nördlich von Moskau. Der Forschungsreaktor am Rand des Orts gäbe heute die prächtige Kulisse ab für einen Dokumentarfilm über den Zerfall der sowjetischen Nuklearindustrie: Der Beton bröckelt, die Stahlträger sind rostig, die Mauern löchrig.
Auf dem Gelände prosperiert einzig eine Firma ehemaliger Atomforscher. Die von ihnen produzierten Geräte sollen verhindern, dass radioaktive Materialien wie Polonium 210 gestohlen und geschmuggelt werden. Mit dem hochradioaktiven Stoff war im vorigen November der Überläufer und Ex-Geheimdienstmann Alexander Litwinenko in England vergiftet worden.
"Hätten die Flughäfen in London und Hamburg unsere Nuklearscanner gehabt, wäre das Polonium nicht unentdeckt geblieben", meint Jurij Nedatschin, 61, Direktor der Firma Aspekte. Der winzige Rest Gammastrahlung im Polonium hätte seiner Auffassung nach genügt, Alarm auszulösen.
Stolz zeigt der Manager eine Karte der Russischen Föderation, auf der 200 rote Punkte jene Zollstellen markieren, die mit seinen Scannern ausgerüstet sind: Auto- und Eisenbahnübergänge, der Hafen in St. Petersburg, die Moskauer Flugplätze. "Ein so umfassendes System gibt es in keinem anderen Land", brüstet sich Nedatschin, "sogar in der Präsidenten-Lounge, aus der Putin abfliegt, stehen unsere Geräte." Sollte das Polonium, das Litwinenko qualvoll sterben ließ, direkt aus Russland stammen, müsste es an diesem Nadelöhr vorbei außer Landes gebracht worden sein. Dann war das wohl kaum eine Aktion von Einzeltätern, sondern eher die einer staatlichen Organisation oder eines kriminellen Netzwerks.
Die Theorie, dass russische Dienste oder ein Todeskommando aus ehemaligen KGB-Leuten, Polizisten und Elitesoldaten hinter dem Nuklearmord stecken, erhielt vergangene Woche neuen Auftrieb durch ein Interview im britischen Sender BBC Two. Dort bekannte der frühere Chef der Abteilung Organisierte Kriminalität im Inlandsgeheimdienst FSB, Alexander Gussak, dass sein damaliger Untergebener Litwinenko zu Sowjetzeiten natürlich als "Verräter" zum Tode verurteilt worden wäre. Ein von Litwinenko an die Briten verratener Spion habe Gussak sogar angeboten, ihm dessen Kopf zu bringen. Er aber habe die Offerte abgelehnt.
Während in London wie in Hamburg Spezialisten intensiv nach Poloniumspuren fahndeten, tut der Kreml bis heute so, als habe er mit dem Thema nichts zu tun. Dabei halten sich die beiden Hauptverdächtigen, Andrej Lugowoi und Dmitrij Kowtun, nach wie vor in Moskau auf. Das Begehren der Briten, man möge Lugowoi überstellen, blieb bislang ebenso unerhört wie die Bitte der Russen, den in London lebenden Exil-Oligarchen Boris Beresowski in der Sache zu befragen.
Deutsche und britische Ermittler würden vor allem gern wissen, ob in den Wohnungen, Büros und Datschen Lugowois und Kowtuns Hinweise auf das strahlende Gift gefunden wurden. In Deutschland ist inzwischen sogar bekannt, mit welchem Auto Kowtun durch Hamburg fuhr, auch in London wurde die radioaktive Fährte der Russen genau rekonstruiert.
In Moskau aber herrscht Schweigen. Anfragen des SPIEGEL bei der Generalstaatsanwaltschaft, beim Geheimdienst FSB, der Atomaufsichtsbehörde und der Atomenergieagentur, ob in Moskau ernsthaft nach Poloniumspuren gesucht werde, brachten überall nur dieselbe lakonische Antwort: "Kein Kommentar."
Moskau unternimmt wenig, um den im Westen wachsenden Verdacht auszuräumen, an einer rückhaltlosen Aufklärung des Litwinenko-Mordes gar nicht interessiert zu sein. Dabei stammen 97 Prozent des weltweit offiziell produzierten Poloniums 210 aus der Nuklearfabrik Avantgarde, die 400 Kilometer östlich von Moskau liegt; in der Nähe der Stadt Sarow. Von dort aus wird Polonium 210 exportiert.
Atombehördenchef und Ex-Premier Sergej Kirijenko aber hatte sich unmittelbar nach Litwinenkos Tod bemüht, die Spur ins Ausland zu verlegen. Acht Gramm Polonium stelle Russland monatlich her - und diese Menge verkaufe es ausnahmslos an amerikanische Firmen, erklärte er. Im privaten Kreis allerdings soll Kirijenko nicht ausgeschlossen haben, dass das Litwinenko-Polonium aus Russland herausgeschmuggelt worden sei.
Der Direktor des Atomkomplexes Avantgarde, Radi Ilkajew, 69, widersprach in der Regierungszeitung "Rossiiskaja gaseta" den Zahlen. Es würden monatlich gerade 0,8 Gramm Polonium hergestellt - zehnmal weniger. Inzwischen präsentierte die Atomenergieagentur dem SPIEGEL überraschend noch eine Version: Demnach würden sogar nur 0,0864 Gramm produziert. Ist es so, dass in Russland selbst in dieser brisanten Frage die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut?
Als strahlendes Erbe der Sowjetunion lagern zwischen Brjansk und Wladiwostok Hunderte Tonnen waffenfähiges Uran und Plutonium; viele Anlagen aber sind noch immer unzureichend gesichert. "Zu Sowjetzeiten wurde die Nuklearindustrie komplett von Polizei und KGB kontrolliert", so der Nuklearphysiker Wladimir Kusnezow, "danach fingen die Leute an, zu stehlen, was nicht niet- und nagelfest war."
Kusnezow hat für die Zeit zwischen 1992 und 2004 mehr als 40 Fälle von Nuklearschmuggel registriert. Allerdings nur jene, die bekannt geworden sind.
MATTHIAS SCHEPP
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 7/2007
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