12.02.2007

DEBATTEDas Grollen der Mimosen

Warum stilisieren sich deutsche Filmemacher zu Opfern ihrer Kritiker? Eine Replik / Von Lars-Olav Beier
Günter Rohrbach, der 1981 mit dem Epos "Das Boot" den wohl bedeutendsten deutschen Nachkriegsfilm produzierte, ist ein hochdekorierter Veteran. Er hat mehrere deutsche Filmpreise erhalten. Nun gebührt ihm die höchste Auszeichnung der Branche: der Verwundetenorden der deutschen Filmkritik. Denn sie hat ihm "Wunden geschlagen", in einer Schlacht, bei der es "nicht einen Hauch von Waffengleichheit" gab.
Das schrieb Rohrbach vor drei Wochen im SPIEGEL. In seiner Polemik "Das Schmollen der Autisten" warf er der deutschen Filmkritik vor, sie "stampfe" die jahrelange Arbeit von Filmemachern oft in wenigen Stunden "in den Boden". Eines ihrer jüngsten Opfer sei die Patrick-Süskind-Adaption "Das Parfum". Die Feuilletons hätten den Film rüde abqualifiziert, mit Schlägen "unter die Gürtellinie".
In zahlreichen Artikeln reagierten Kritiker seither auf Rohrbachs Attacke. Von einem "Frontalangriff" schrieb "Die Welt", Kritiker müssten auf einem "Feld" bestehen, auf dem ein "gnadenloser Kampf" stattfinde, hieß es im "Tagesspiegel".
Auch am Eröffnungsabend der Berlinale, der von Charlotte Roche und Festivalchef Dieter Kosslick moderiert wurde, ging die Debatte weiter, nachdem der Regisseur Hans Weingartner ("Die fetten Jahre sind vorbei") Rohrbach und dessen Produzenten-Kollegen angegriffen hatte: "Sie haben die ganze Kohle, und jetzt wollen sie auch noch die guten Kritiken." Kosslick selbst geht in Deckung: "Alle haben recht."
Dabei hatte der Regisseur Dani Levy mit einem offenen Brief noch zusätzlich für Zündstoff gesorgt. Von den mäkeligen Rezensenten seines Films "Mein Führer", so Levy, sollten sich die Kinogänger nicht ihre "Lust" auf den Film "vernichten" lassen.
Wie bedeutend dürfen wir Kritiker uns fühlen, wenn so erfolgreiche Produzenten und Regisseure beklagen, sie seien unsere Opfer? Die Zahlen freilich bringen uns wieder auf den Boden der Tatsachen. "Mein Führer" fand trotz zumeist schlechter Besprechungen am ersten Wochenende 300 000 Zuschauer. Dann baute er um 50 Prozent ab: Derartige Einbrüche gelten als Indiz für negative Mundpropaganda. Offenbar haben die Zuschauer dem Film mehr geschadet als die Kritiker.
Das von den Rezensenten verrissene "Parfum" war mit 5,5 Millionen Zuschauern gar der erfolgreichste deutsche Film des Jahres 2006. Rohrbach schlussfolgert hieraus, die Kritiker hätten ihren Kontakt zu den Zuschauern verloren. Doch was besagt der Erfolg des Films wirklich? "Das Parfum" beruht auf einem Bestseller und hatte schon ein Millionenpublikum, bevor er gedreht wurde. Zudem wurde er mit einem Werbeaufwand ins Kino gebracht, der alle Kritik überrollte. Vermisst Rohrbach hier etwa die Waffengleichheit?
Gewiss wurde der Film von Teilen der deutschen Kritik herbe verrissen. Dagegen haben wir ihn verteidigt (SPIEGEL 39/2006). Doch die Wahrheit ist für die Filmemacher so betrüblich wie für die Kritiker: Wie der Erfolg der übel missglückten Dan-Brown-Verfilmung "The Da Vinci Code" zeigt, hätte "Das Parfum" auch ein mieser Film sein können und womöglich kaum weniger Zuschauer gehabt.
Im Gegensatz zu Rohrbach und Levy wendet sich der Filmkritiker per se nicht an ein Massenpublikum, sondern an eine Minderheit: an jene Menschen, die Lust haben, über das Kino zu reflektieren. Das sind, so zeigen Statistiken, kaum 20 Prozent aller Kinogänger. Ihnen gilt es, Augen und Ohren zu öffnen und unser Knowhow zur Verfügung zu stellen. Rohrbach, Präsident der Deutschen Filmakademie, mag vielleicht nicht verstehen, dass es Menschen gibt, die damit leben können, keine übermäßige Macht zu haben.
Doch ich bin sogar froh, dass ich weit weniger Einfluss auf den Erfolg der Werke habe, die ich bespreche, als meine Kollegen von der Theater- oder Literaturkritik. Das gibt mir Freiheit und Unabhängigkeit.
Gar nicht froh bin ich darüber, dass in immer mehr Zeitungen und Zeitschriften statt Kritiken Inhaltsangaben erscheinen, dass statt Porträts oder Essays saftlose Interviews mit Regisseuren und Schauspielern gedruckt werden, dass Pünktchen vergeben und Urteile nicht mehr begründet werden und dass Kollegen in eine ungute Abhängigkeit von Produzenten und Verleihern zu geraten drohen.
Nur sehr wenige Kritiker können von ihren schlechtbezahlten Texten leben. So schreiben viele von ihnen für Verleiher Pressemappen. Auch Flüge zu Interviews oder Dreharbeiten übernimmt meist der Verleih, bringt die Journalisten im Hotel unter und steckt ihnen oft noch ein Taschengeld zu. Wünscht sich die Filmindustrie, wie Rohrbach behauptet, wirklich "unabhängige und scharfe" Kritiker?
Rohrbach wirft den Filmkritikern "Larmoyanz" vor. Sind nicht eher Produzenten und Regisseure, die mit ihren Filmen Millionen verdienen und sich beklagen, dass sie nicht auch noch mit guten Kritiken überhäuft werden, wehleidig? Ein deutscher Regisseur rief mich einmal an und fragte mich, warum ich seinen neuen Film in einem Kritikerspiegel nicht bewertet hätte - genau an dem Tag, an dem er die Eine-Million-Zuschauer-Marke genommen hatte. Bei meinen Kritikerkollegen rangierte der Film auf dem letzten Platz. Dort gehörte er nicht hin. Aber der Regisseur gehörte zu diesem Zeitpunkt auch nicht ans Telefon, sondern in eine Badewanne voller Champagner.
Deutsche Filmemacher nehmen uns Kritiker oft viel wichtiger, als wir uns selbst nehmen. Sie sind überempfindlich, halten Kritik an ihrem Werk für einen Angriff auf ihre Persönlichkeit. Als vor drei Jahren der Film "Lautlos", zu dem ich das Drehbuch geschrieben hatte, ins Kino kam, wurde er von Kollegen, die ich sehr schätze, hart kritisiert. Das gehört zum Geschäft. Wer Polemiken und unfaire Attacken nicht ertragen kann, ist kein Profi.
In dieser Branche brauchen alle sehr viel Leidenschaft und sehr viel Leidensfähigkeit - Filmemacher wie Filmkritiker.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 7/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DEBATTE:
Das Grollen der Mimosen

Video 00:59

Duisburg Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt

  • Video "Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens" Video 03:57
    Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?
  • Video "Webvideos der Woche: ...und dann bricht der Hang weg" Video 02:54
    Webvideos der Woche: ...und dann bricht der Hang weg
  • Video "London: Zehntausende demonstrieren gegen Brexit" Video 01:57
    London: Zehntausende demonstrieren gegen Brexit
  • Video "Unterwasserrestaurant: Mahlzeit mit Fisch-Blick" Video 01:31
    Unterwasserrestaurant: Mahlzeit mit Fisch-Blick
  • Video "Vor Norwegens Küste: Kreuzfahrtschiff mit 1300 Passagieren wird evakuiert" Video 00:30
    Vor Norwegens Küste: Kreuzfahrtschiff mit 1300 Passagieren wird evakuiert
  • Video "Filmstarts: Scheiß auf die Avengers, wir sind die Goldfische!" Video 08:24
    Filmstarts: "Scheiß auf die Avengers, wir sind die Goldfische!"
  • Video "US-Demokrat zum Mueller-Report: Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit" Video 01:25
    US-Demokrat zum Mueller-Report: "Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit"
  • Video "Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: Verräter müssen geköpft werden" Video 02:52
    Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: "Verräter müssen geköpft werden"
  • Video "Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: In der Hölle gibt es viel Platz" Video 01:22
    Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: "In der Hölle gibt es viel Platz"
  • Video "Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: Mit viel Mut dagegen vorgehen" Video 01:00
    Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: "Mit viel Mut dagegen vorgehen"
  • Video "Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord" Video 02:13
    Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Video "Mays Auftritt beim EU-Gipfel: Es kam zu tragikomischen Szenen" Video 02:41
    Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"
  • Video "Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont" Video 00:34
    Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont
  • Video "Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell" Video 02:20
    Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell
  • Video "Duisburg: Wohnblock Weißer Riese gesprengt" Video 00:59
    Duisburg: Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt