17.02.2007

KARRIERENVertrauter Feind

Malte Ristau-Winkler ist der Mann hinter Ursula von der Leyens Familienpolitik. Der Spitzenbeamte war jahrelang einer der wichtigsten Strategen der Sozialdemokraten.
Die Frage, auf welcher Seite der Barrikade er steht, hat sich für Malte Ristau-Winkler noch nie gestellt. Als Student war er bereits Chef der Juso-Hochschulgruppen, nach seinem Abschluss begann er eine Parteikarriere, die ihn durch viele Stationen führte. In den achtziger Jahren betreute er die Programmkommission der Partei, er arbeitete SPD-Chef Hans-Jochen Vogel zu und stieg zum Planungschef im Willy-Brandt-Haus auf. Der Feind hatte für Ristau-Winkler immer einen Namen: CDU.
Im Wahljahr 2002 stand er beim Kampf gegen die Union sogar in der vordersten Linie. In der Kampa, der SPD-Wahlkampfzentrale, war Ristau-Winkler zuständig für die Konkurrenzbeobachtung; so trug er seinen Teil dazu bei, dass jeder Patzer des Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber sofort mit ätzenden Kommentaren garniert wurde. In Stoiber erblickte Ristau-Winkler einen Politiker, der sich durch "eklatante Ideenruhe" auszeichne; der Bayer sei ein Vertreter der "gehemmten Gesellschaft", befand er. Kurzum: "der falsche Mann für Deutschland".
Seit 2002 ist Ristau-Winkler Abteilungsleiter im Familienministerium, die damalige SPD-Ressortchefin Renate Schmidt hat ihn dorthin geholt. Als die CDU-Frau Ur-
sula von der Leyen im Herbst 2005 das Haus übernahm, schien die letzte Stunde des Spitzenbeamten geschlagen zu haben - doch Ristau-Winkler durfte bleiben. Man kann sagen, dass der 54-Jährige nie so einflussreich war wie heute. Der Mann, der sich fast sein ganzes Berufsleben darüber Gedanken gemacht hat, wie man die Union wirksam attackieren kann, ist mittlerweile einer der wichtigsten Berater der christdemokratischen Familienministerin.
Man könnte Ristau-Winkler für einen besonders geschmeidigen Polit-Funktionär halten, der seinem jeweiligen Vorgesetzten nach dem Mund redet. Das hieße aber, ihm Unrecht zu tun. Denn nicht Ristau-Winkler hat seine Ansichten dem Gegner von gestern angepasst, sondern umgekehrt: Die Union hat mit Ursula von der Leyen einen solchen Schwenk vollzogen, dass der SPD-Mann plötzlich als Verfechter der neuen christdemokratischen Familienpolitik gelten darf.
Kein Thema ist in der CDU/CSU derzeit so umstritten wie die Familienpolitik, viele Konservative sehen in den Zielen der Ministerin einen Verrat an den Grundwerten der Union. Dass ein Genosse wie Ristau-Winkler auf Posten bleiben darf, erscheint ihnen als Symbol der Sozialdemokratisierung ihrer Partei.
Fast alle wichtigen Projekte des Ministeriums gehen über den Schreibtisch des ehrgeizigen Abteilungsleiters. Ristau-Winkler arbeitete das Elterngeld aus, das wegen der vorgezogenen Bundestagswahl nicht mehr von Renate Schmidt umgesetzt werden konnte - ihre Nachfolgerin hat es sich zu eigen gemacht. Er forcierte zusammen mit Schmidt den Ausbau der Ganztagsbetreuung von Kleinkindern - jetzt verlangt von der Leyen drei Milliarden Euro zusätzlich für Kita-Plätze.
Ristau-Winkler und von der Leyen eint die Überzeugung, dass moderne Familienpolitik vor allem berufstätige Frauen fördern müsse, damit Arbeit und Kinder besser vereinbar werden. Die Hausfrauenehe ist für sie eine Lebensform, die sich die Gesellschaft auf Dauer nicht mehr leisten kann. Vom "ökonomischen Charme der Familie" ist in einem Grundsatzartikel des Ministerialen die Rede.
Von der Leyen musste einige Mühe darauf verwenden, Ristau-Winkler in seinem Amt zu halten. Vor allem die Familienpolitiker der Unionsfraktion haben nach dem Regierungswechsel darauf gedrängt, dass der SPD-Mann ausgemustert wird. "Man kann nicht sagen, dass die Ministerin besonders radikal gegen Sozialdemokraten im eigenen Haus vorgegangen ist", klagt der CSU-Familienexperte Johannes Singhammer. Anfang vergangenen Jahres musste sich von der Leyen bei der Führung der Unionsfraktion für den Genossen in ihrem Haus rechtfertigen.
Die Ministerin ist entschlossen, dem Druck der eigenen Leute standzuhalten. Eine Entlassung des Beamten wäre das Eingeständnis, dass sie den Traditionalisten nicht zu trotzen vermag.
Von der Leyen sieht auch keinen sachlichen Grund, warum sie ihren Abteilungsleiter in den vorzeitigen Ruhestand schicken sollte. In Fachkreisen ist der Ruf des SPD-Manns untadelig, nach der Bundestagswahl hat sich sogar der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Ludwig Georg Braun, für ihn eingesetzt - ein Mann, der nicht im Verdacht steht, übertriebene Sympathien für die SPD zu hegen.
Vor allem aber spricht für Ristau-Winkler, dass er mit seiner Arbeit dazu beiträgt, das familienpolitische Image der Union zu verbessern. Seit Ursula von der Leyen im Amt ist, sind die Kompetenzwerte der CDU auf diesem Gebiet kontinuierlich angestiegen.
So gesehen würde es derzeit vor allem der SPD nützen, wenn von der Leyen ihren Abteilungsleiter dem Drängen der Konservativen opfern müsste.
HORAND KNAUP, RENÉ PFISTER
* Bei der Eröffnung des Mehrgenerationenhauses in Salzgitter am 20. November 2006.
Von Horand Knaup und René Pfister

DER SPIEGEL 8/2007
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